Kapitel 17

Entgeistert starrte Viktor auf Hirams dargebotene Hand, die so stark wirkte und nach deren Berührung sich des Grafen sündiges Fleisch sehnte. Er konnte dieses schamlose Angebot unmöglich ernst meinen, richtig? Sie kannten einander kaum. Sandringham stellte ihm nicht ernsthaft einen Geschlechtsakt in Aussicht, das war absurd. Und doch durchzuckten Viktors Geist Bilder von Leidenschaft, Hingabe und roher, lustvoller Fleischlichkeit.

»Nun?«, drang der elegante Akzent des Engländers ins Ohr des Grafen. Dieser schüttelte leicht den Kopf, wie um eine Trance zu vertreiben.

»Ihr nehmt mich auf den Arm, Sandringham ...«, murmelte Viktor und vergaß ganz die Höflichkeit zwischen ihnen.

Hiram trat einen Schritt an ihn heran und strich mit dem Zeigefinger sacht über Viktors gepflegten Bart. Wie elektrisiert stellten sich die Härchen auf des Grafen Armen auf, was er mehr fühlte als sehen konnte, da er noch immer den Mantel trug.

»Wie könnte ich? Ihr seid ... beeindruckend.«

Lord Sandringhams Duft nach Holz und dem wohlriechenden Kraut Rosmarin drang in Viktors Nase und sein Herz schlug ihm bis zum Hals.

Der Engländer, der noch immer kein Hemd über seinem unerwartet wohlgeformten und muskulösen Oberkörper trug, legte seine Hand an die Kehle des Grafen und lachte leise.

»Beruhigt Euer Herz. Trinkt den Brandy.«

Viktor tat wie geheißen und kippte den Drink in einem Zug. Das Gesicht verziehend atmete er anschließend tief durch.

»Das ... ich muss gehen«, presste der junge Mann hervor und machte einen Schritt rückwärts. Hiram griff nach des Grafen Hand.

»Fürchtet Ihr Euch so sehr vor der Hölle, dass Ihr bereits in einer leben wollt?«

Viktor presste die Lippen zu einem geraden Strich zusammen. »Ich bin der Fürst von Bistrien. Ich lebe wohl kaum in der Hölle ...«

Der Lord begann, langsam um ihn herum zu gehen. »Was meint Ihr, wird Eure Belohnung im Himmelreich sein, nachdem Ihr so brav Eure wahre Natur verborgen habt? Nachdem Ihr Nacht um Nacht Qualen der Sehnsucht und der unerfüllten Bedürfnisse erlitten habt? Tränen vergossen, Schmerzen erduldet? Selbsthass, Kasteiung, Gedanken an Selbstmord?«

Der Graf riss die Augen auf. »Woher wisst Ihr ...?«

Hiram schmunzelte. »Ich bin wie Ihr, Viktor. Ich kenne die vielen zwiespältigen Gefühle, die wilde Freude, wenn man dem Verlangen nachgibt und die Schuldgefühle, sobald das Glück verblasst ist. Auch ich zweifelte, nahm mir ein Weib, hoffte, das Leid würde verschwinden und spielte öfter als einmal damit, mir das Leben zu entreißen.«

»Was hat Euch bewogen, dies nicht zu tun?«

Der Engländer, dessen blaue Augen im matten Kerzenschein wie dunkles Wasser aussahen, blieb hinter Viktor stehen, den er langsam umkreist hatte. Der Graf konnte das rötliche Glimmen in ihnen nicht sehen und auch nicht, dass Hiram den Duft von Viktors Haaren tief inhalierte.

»Meine Dickköpfigkeit«, beantwortete der Lord die Frage und kam mit einem Lächeln wieder in das Blickfeld des anderen. »Ich bin viel zu stur, um mein Leben herzuschenken, weil ein paar verstaubte Männer mir sagen, wen ich lieben darf und wen nicht. Sagt mir, Graf Draganesti, was glaubt Ihr, erwartet Euch im Himmelreich? Erlösung? Die Liebe, nach der Ihr Euch zu Lebzeiten sehntet? Wenn Ihr daran festhaltet, um Frieden nach dem Tode zu finden, werdet Ihr bis in alle Ewigkeit unglücklich sein, da Ihr niemals der sein könnt, der Ihr wirklich seid.«

»Ein Sodomit!«

»Ein Mann mit Gefühlen und Bedürfnissen, die eine Frau Euch nicht erfüllen kann. Ihr seid kein Sünder. Ich glaube nicht daran, dass Gott uns Liebe fühlen lässt, wenn er dann von uns erwartet, dass wir diese unterdrücken. Das gilt für alle Menschen. Der Herr hätte uns Gefühle und Lust nicht gegeben, wenn wir diese nicht genießen sollen.«

»Die ... die Bibel nennt ganz genau, wie diese Gaben zu verwenden sind und ... der Priester sagt ...«

Hiram griff nach Viktors locker geflochtenem Zopf und zog sanft daran. »Die Bibel sagt auch, dass eine Jungfrau Mutter wird und erzählt von Menschen, die nahezu ewig leben und Männern, die über das Wasser gehen. Und von einer Person, der nach eigener Aussage niemals die körperliche Liebe erfahren hat, lasse ich mir dieses Glück nicht nehmen.«

»Seid Ihr ... ein Ketzer?«

»Seid Ihr einer?«

Viktor schüttelte den Kopf. Hiram legte seinen schief und schmunzelte.

»Sollte es schon Häresie sein, seinen gottgegebenen Verstand zu nutzen, dann bin ich vielleicht einer. Doch ich versichere Euch, ich zweifle nicht an Gott. Nur an denen, die behaupten, als einzige seine Lehren interpretieren und verkünden zu können. Die Dummheit der einfachen Menschen macht es ihnen leicht, diese zusätzlich klein zu halten.«

Der Lord zupfte erneut an Viktors Zopf, der davon Gänsehaut bekam. »Gilt es in der orthodoxen Glaubensgemeinschaft schon als Ketzerei, dem obersten Priester zu widersprechen?«

»Ge-gewissermaßen. Er ist der Bibelexperte.«

Hiram ging ein weiteres Mal um den jungen Adligen herum. Der Feuerschein der Kerze ließ die bloße Haut des Engländers schimmern und als er sprach, spürte der Graf dessen Atem auf der Haut seines Nackens. Der Duft nach Rosmarin berauschte Viktor zunehmend und sein Körper war trotz der Kühle im Zimmer mit einem feinen Schweißfilm bedeckt. Der junge Mann wagte kaum zu atmen.

»Ihr seid belesen, gebildet und sicher sehr intelligent, nicht wahr? Wollt Ihr mir weismachen, Ihr hattet beim Studieren der Bibel noch niemals Gedanken, die sich nicht mit denen des Priesters deckten? Mir fiele da besonders Leviticus ein, der besagt, dass ein Mann nicht bei einem Manne liegen solle wie bei einer Frau und dass all die, die es doch täten, in den Flammen der Hölle schmoren würden.«

Hiram kicherte leise und Viktors Rücken versteifte sich. Er würde die Nähe dieses wohlriechenden Mannes nicht mehr lange ertragen können.

»Dabei wissen wir beide, Ihr und ich, nur zu genau, dass ein himmelweiter Unterschied besteht, ob man einer Frau oder einem Manne beiwohnt. Also ... aus meiner Warte verstößt man nicht gegen Leviticus, schon aus rein anatomischen Gründen.«

»Das ist ... Ermessenssache«, presste Viktor angespannt hervor. Hiram seufzte gottergeben und trat wieder vor das Gesicht des Grafen.

»So, verstehe ich das Recht, wollt Ihr Euch Euer Leben und Eure Liebe von einer verbitterten männlichen Jungfrau und einem vierzehnhundert Jahre altem Buch vorschreiben lassen? Unglücklich sein statt Euch anzunehmen und etwas Glück zu finden?«

»Ihr redet von Liebe, doch Euch geht es um Lust ...«, murmelte Viktor und der Lord konnte sehen, dass dieser zitterte vor Anspannung.

»Ich rede von Annahme, Akzeptanz und Nähe. Ich glaube, Ihr braucht im Moment gerade dies am meisten.«

Der Graf presste die Lippen hart aufeinander. Was wusste dieser Engländer schon? Seine Heimat war weit weg. Dort konnte er sich vermutlich erlauben, lüsterne und allzu neugierige Knaben in sein Bett zu locken. Er war immerhin nur ein kleiner Lord. Wen würde der Skandal lange interessieren, wenn es publik werden würde? Er, Viktor, hingegen, war ein regierender Fürst, Befehlshaber einer Streitmacht im Kriegsfalle, Lehnsherr über unzählige freie und leibeigene Bauern. Wer würde ihn noch ernst nehmen, wenn bekannt würde, dass er sich nur allzu gern einem Manne hingab oder das Lager mit einem teilte? Er seufzte.

»Ihr überblickt die Situation nicht«, sprach er matt.

»Ihr seid in einer Position, in der Ihr praktisch alles tun könntet, Viktor. Euch gehört das Heer, Euch gehört das Land. Ihr könntet Kinder fressen und es würde Euch nicht schaden. Was hinter verschlossenen Türen geschieht, dringt maximal als Flüstern nach draußen. Sich vor der Welt verstecken ist wie niemals gelebt zu haben.«

»Ihr kennt mich nicht, Lord Sandringham«, schnarrte Viktor und versuchte, seine Verunsicherung, sein rasendes Herz und seine unterschwellige Erregung hinter seiner wohl geübten Maske der fürstlichen Arroganz zu verbergen.

Lord Sandringham durchschaute ihn natürlich, da ihm der schnelle Puls seines Gegenübers, die Anspannung seiner Muskeln, der feine Schweißfilm auf seiner Haut und der Duft seines Blutes, das nach Erregung roch, nicht entgangen waren.

»Das stimmt. Und doch glaube ich, dass ich Euch etwas Gutes tun kann. Wenn ich Euch auch nicht Eure vermeintliche Sünde abnehmen kann.«

Viktor ballte die Hände zu Fäusten. »Ihr seid der Teufel. Ein silberzüngiger Verführer!«

Hiram grinste dem aufgebrachten Mann heiter ins Gesicht. »Ich bin, was ich bin und ich weiß, was ich möchte. Ihr könntet Euch selbst von den anderen Qualitäten meiner Zunge überzeugen, die weniger mit Redekunst zu tun haben, wenn Euch der Sinn danach steht.«

Viktor errötete heftig, als sich Bilder in seinen Kopf schlichen und schüttelte den Kopf, um sie zu vertreiben. Dieser Engländer kannte keine Scham! Und verdammt noch mal, sein Körper reagierte auf die Neckereien mit Schauer über Schauer, die lustvoll über seinen Rücken krochen.

»Sagt mir, Viktor«, flüsterte Hiram vertraulich, »wenn Ihr nicht der Fürst von Bistrien wärt ... würdet Ihr mein Werben akzeptieren?«

Der junge Graf schluckte schwer und spürte peinlich berührt, wie ihm das Wasser in die Augen stieg. Warum stellte Sandringham eine rhetorische Frage? Er, Viktor, war der Fürst von Bistrien, daher war es vollkommen unerheblich, was er antworten würde.

»Nun?«

Mit schmerzvoller Stimme, die er in seinem ganzen Körper spüren konnte, antwortete der junge Adlige kaum hörbar: »Ja.«

Hiram lächelte sanft. Es berührte ihn, diesen mächtigen Mann so verletzlich vor sich stehen zu sehen, mit Tränen in den Augenwinkeln und dem Wunsch in ihnen, dem Bedürfnis nach Geborgenheit nachzugeben. Der Engländer nahm die zittrige Hand des Grafen, die heiß glühte und leicht verschwitzt war. Er zog sie an seine Brust, um Viktor sein Herz fühlen zu lassen.

»Ich gebe Euch Gelegenheit, Ihr selbst zu sein, wann immer es Euch danach verlangt. Ich bin bereit, Eure Sünden auf mich zu nehmen, um Euch Glück zu gewähren. Ihr müsst dieses Angebot nicht gleich annehmen, doch ich bitte Euch, lehnt es nicht sofort ab. Überdenkt es. Ihr wisst, wo Ihr mich finden könnt.«

Mit diesen Worten zog er Viktors Hand an seine Lippen und tippte erst einen respektvollen Kuss auf dessen fürstlichen Siegelring, den der Graf niemals ablegte, und dann einen zärtlichen und deutlich persönlicheren auf seinen Handrücken.

Viktor sog die Luft scharf ein und versteifte den Rücken, doch er unterdrückte den Impuls, Lord Sandringham seine Hand zu entziehen.

»Und nun, Mylord, solltet Ihr Euch in Euer Gemach zurückziehen, bevor Ihr Euch in den dünnen Gewändern noch den Tod holt. Oder ich Euch weiter schamlos Avancen mache.«

Mit einem frechen Lächeln schob der Engländer Graf Viktor aus dem Zimmer. »Ich wünsche Euch eine gute Nacht.«

Nachdem der blonde Mann ihm ein letztes Zwinkern zugeworfen hatte, schloss er die Tür.

Plötzlich allein konnte Viktor den Gute Nacht-Gruß nur noch murmelnd erwidern und wandte sich wie ein Schlafwandler wieder dem Weg in sein Bett zu. Er merkte nicht einmal, dass er seine Kerze nicht mehr in der Hand hatte. Und es hätte ihn auch wenig gekümmert, da der winterliche Mond seine kühlen, silbernen Strahlen durch die Fenster warf und diese lange, tiefe Schatten in den Gang zogen. Das Licht reichte jedenfalls für Viktors Augen aus.

Beinahe lautlos betrat er sein Gemach wieder. Er hatte die Türe nur angelehnt und Rasputin lag, deutlich sichtbar im Feuerschein des Kamins, wieder schlafend am Fußende des Bettes.

Noch immer benommen legte Viktor Mantel und Stiefel wieder ab, verschloss die Tür und schob sich unter die Decken und das Lammfell, das ihn vor der morgendlichen Kälte schützen sollte.

Sandringham war unverschämt! Ein Sünder, Ketzer! Viktor versuchte, Wut auf den schönen Fremden in sich zu entfachen, doch es gelang ihm nicht. Denn er, Hiram, fühlte wie er. Kannte das Leid, die Ängste, die Sehnsucht.

Und hatte ihn mit seinem unmoralischen Angebot in Flammen gesteckt.

Rigoros ignorierte der junge Graf das Brennen und Ziehen in seiner Lendengegend und das nachhaltige Pochen in seinem Körper. Er würde sich nicht die Blöße geben, angesichts von Sandringhams Verlockungen nun selbst Hand an sich zu legen, um das Kribbeln zu erleichtern. Vermutlich war es das, was der unverschämte Hund erzielen wollte.

Schwer seufzend drehte sich Viktor auf die Seite und schloss die Augen. Mit dem unkeuschen Gedanken an Hirams angeblich so talentierte Zunge glitt er in einen unruhigen Schlaf hinüber.

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