Kapitel 18

Erst am späten Abend kamen wir nach Hause. Anscheinend hatte Annabeth uns Meilen weit von der dunklen Festung wieder auftauchen lassen, sodass wir viele Stunden brauchten um wieder zu Hilleys Grundstück zurück zu kehren. Zu Hause angekommen, wollten Hilley und Ruby sofort ins Bett, weshalb das neue Mädchen und ich nicht großartig wieder sprachen, doch wirklich müde waren wir beide nicht. Ich jedenfalls nicht. Für sie will ich hier nicht sprechen.

Ich folgte den Anderen einfach nach oben und begab mich in mein Bett. Dann habe ich mich irgendwie zugedeckt und liege nun immer noch schlaflos da. Sonst habe ich es doch nie so schwer ein zu schlafen. Wahrscheinlich liegt das an den heuten Erlebnissen. Ich habe sicherlich nur Angst vor dem Träumen. In meinen Träumen verarbeite ich die Dinge, die ich am Tag überlegt habe. Das ist etwas total Lästiges, was ich von den Menschen geerbt. Die meisten Seraphinen haben dieses Problem nicht mehr, aber einige, zu denen auch ich gehöre, leiden noch darunter und das Schlimmste ist, dass ich rein gar nichts gegen meine Gene tun kann.

Hell wach steige ich in meinem kurzen Schlafanzug aus dem Bett und schleiche zur Tür. Wieso ich schleiche weiß ich gar nicht, schließlich ist es ja nicht verboten sich ein wenig die Füße zu vertreten, bis die Müdigkeit irgendwann eintritt. Momentan spüre ich nämlich nicht mal einen Anflug davon.

Ich öffne leise meine knarrende Tür und spähe auf den Flur hinaus. Leer! Ich schlüpfe hinaus und schließe die Tür wieder hinter mir. Erneut macht sie ein lautes Geräusch. Die sollte man echt mal wieder ölen!

Ohne weiter nach zu denken, laufe ich die Treppe herunter. Unter meinen Füßen ist das Holz kalt und ich bereue es, dass sie ich keine Socken angezogen habe.

Am Fuß der Treppe angekommen, schaue ich mich um. Erst in die Küche oder erst ins Wohnzimmer? Ich entscheide mich ins Wohnzimmer zu gehen und mich dort vor den Kamin zu setzen.

Im Türrahmen bleibe ich jedoch stehen, denn im Wohnzimmer sitzt bereits Jemand. Vollkommen still betrachte ich sie.

Sie sitzt im Schneidersitz auf dem Sofa und ihre volle Konzentration ist auf die Kerze unter ihrer Hand gerichtet. Ich frage mich, was sie da tut. Sie hält ihre Hand über die Flamme. Diese scheint unter ihrer Handfläche bedrohlich zu zittern. Macht sie das? Irgendwie sind ihre Kräfte voll cooler als die der Anderen. Ich würde Leuten auch gerne mit einer Handbewegung das Genick brechen können. Okay, das klingt komischer, als erwartet. Wahrscheinlich kann ich das auch, weiß bisher aber einfach noch nicht wie das richtig geht. Sie scheint so viel mehr Erfahrung zu haben als ich.

Ich räuspere mich kurz. Das Mädchen erschrickt schrecklich und dreht sich zu mir um:"Äh, hallo." "Hallo", erwidere ich:" Darf ich mich zu dir setzen?" Sie nickt zögerlich. Anscheinend habe ich sie auf dem falschen Fuß erwischt, denn ihre Stärke scheint ganz plötzlich verschwunden zu sein.

Langsam komme ich auf sie zu und setze mich neben sie auf das Sofa. Sie macht mir sofort ein bisschen Platz. Ihren Blick hält sie dabei ständig auf den Boden gerichtet.

Nach langer Stille erhebe ich meine Stimme:" Wie heißt du eigentlich?" "Aria Martin", gibt sie kurz angebunden zurück:" Du heißt Stella oder?" "Ja, woher weißt du das?", frage ich verwundert. Ich habe ihr nie meinen Namen verraten und weiß auch nicht woher sie ihn wissen sollte. Vielleicht hat sie ihn ja irgendwo mal aufgeschnappt. "Ich habe Hilley gefragt", gibt sie zu. Ich lächele:" Das hätte ich auch gemacht." Sie grinst ebenfalls.

"Wie bist du in die Fänge der Nexus geraten?", frage ich weiter, erwarte aber keine Antwort. Entgegen meiner Erwartungen, antwortet sie doch:" Ich rede nicht gerne über meine Vergangenheit." Ich kann verstehen, dass sie nicht darüber reden will. Das ist sicher eine persönliche Erfahrung, die ihr viel Schmerz zu gefügt haben muss. Sie wird es mir sicher irgendwann erzählen, wenn der richtige Moment gekommen ist und unsere Freundschaft, oder was auch immer das zwischen uns ist, gefestigt ist.

"Wie verlief dein Leben denn bisher?", fragt sie mich hingegen. "Auch nicht besonders gut. Meine Eltern wurden als noch sehr jung war, vor meinen Augen ermordet. Daraufhin kam ich in ein Waisenhaus, wo ich dann auch den Rest meines bisherigen Lebens verbrachte, bis ich vor wenigen Tagen abgehauen bin", sage ich schulterzuckend.

"Waisenhaus? Hast du denn keine lebenden Verwandten?", fragt sie mich total verwundert. "Doch, aber sie wollten die Verantwortung für mich nicht übernehmen", sage ich. Der Schmerz ist in meiner Stimme zu hören. "Oh, das muss hart sein", sie wirkt sehr betroffen. Ich nicke, wende dann aber meinen Blick ab:"Können wir vielleicht über was anderes reden?"

Ihr entfährt ein leises Lachen. Das ist ein Geräusch, das ich noch gar nicht von ihr kenne. Ich würde sie so gerne besser kennen lernen. "Na gut, kannst du mir vielleicht mal deine Kräfte demonstrieren? Meine kennst du ja schon!", bittet sie freundlich. Ich nicke begeistert. "Ich kann sie aber noch nicht so gut kontrollieren", warne ich dann aber. "Nicht schlimm", grinst sie:" Mir ging es anfangs auch nicht anders. Mir der Zeit wird das aber." "Dann bin ich ja beruhigt", sage ich zufrieden und stehe dann vom Sofa auf, um in die Küche zu gehen:" Ich muss dafür aber eben was holen gehen!"

In der Küche angekommen, durchsuche ich die Schränke, bis ich einen Schüssel finde, in die eine meiner Hände locker rein passt. Dann mache ich den Wasserhahn an und fülle die Schüssel mit klarem Wasser. Ich bin will einfach lieber auf Nummer sicher gehen! Schließlich weiß ich nicht, o ich meine Kräfte auch ohne Wasser in meiner unmittelbaren Umgebung funktionieren.

Als ich wieder komme, sitzt Aria immer noch dort und scheint auf mich gewartet zu haben. Ich setze mich vor dem Sofa auf den Teppich und stelle die, bis zum Rand gefüllte, Schüssel auf den gläsernen Tisch vor mir. Aria rutscht vom Sofa hinunter und landet neben mir. "Okay ich bin soweit", erkläre ich. Aria strahlt mich interessiert an.

Ich schließe meine Augen und versenke meine Hand komplett im Wasser. Wieder wird meine Hand gar nicht richtig nass. Das erste Mal war also keine Ausnahme. Das Wasser umspült mein Handgelenk angenehm und ich entspanne mich ungemein. Vollkommen auf das konzentriert, was ich tun will, entspannen sich all meine Gelenke, die den ganzen Tag über so angespannt waren und meine Sinne schärfen sich.

Als ich höre wie Aria überrascht die Luft aus ihren Lungen entweichen lässt, ist das für mich das Zeichen, dass ich meine Augen wieder öffnen kann. Meine Lider heben sich und meine Vermutung wird tatsächlich bestätigt. Über der Wasserschale schwebt eine kleine Kugel aus Wasser. Es hat tatsächlich funktioniert! Stolz und Glück überkommen mich. "Wow, das ist ja voll cool. Kannst du auch noch größere Kugeln machen?", fragt sie begeistert. Ich nicke stolz:"Ja, ich denke schon, aber dafür muss ich erst noch besser werden. Glücklicherweise habe ich wenigstens das hier geschafft. Meine Kräfte funktionieren normalerweise nämlich erst immer wenn ich das nicht erwartet habe." Sie lacht:" Das kenne ich. Mir ging es erst auch nicht anders." "Da bin ich ja froh", sage ich und gähne leise. "Bist du müde?", fragt sie und gähnt ebenfalls theatralisch. Ich nicke:"Du auch?" Sie erwidert mein Nicken. "Wollen wir ins Bett gehen?", frage ich deshalb. "Das halte ich auch für angebracht", gibt sie zu und nimmt meine Hand.

Ich lasse die Schüssel einfach stehen und folge Aria, die mich die Treppe hinauf zieht, nach oben. Dort angekommen, schließt sie mich in eine schnelle Umarmung und verschwindet dann hinter einer Tür, die sich gegenüber von meiner Eigenen befindet. Das muss wohl ihr Zimmer sein.

Immer noch darüber verwundert wie schnell sie plötzlich verschwunden ist, betrete ich mein eigenes Zimmer und falle sofort in mein Bett. Nun bin ich doch schon irgendwie müder als gedacht und irgendwie habe ich gar nicht mehr so viel Angst vorm Träumen! Vielleicht träume ich ja sogar von Aria. Sie wird mir echt immer sympathischer, doch irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie noch tausend weitere Facetten hat, von denen ich noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung habe.

Langsam beginne ich zu realisieren, dass eine sehr lange Reise gerade erst angefangen hat und wohl auch nicht so bald zu Ende sein wird. Auch die Tatsache, dass wir erst drei von sechs Erbinnen sind, zeigt mir, dass es noch ein langer Weg bis zum Frieden sein wird!

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media