Kapitel 19

                                                                          19

Irgendwo in meiner Traumwelt höre ich dumpf ein nerviges Klingeln, dass mich immer weiter von dieser friedlichen Welt, zurück in die Realität befördert. Dass Gefühl der warmen Hände um meinen Körper lässt mich aber noch innehalten. Ich versuche dieses Gefühl in mich einzusaugen und es zu genießen. Jedoch kann ich dieses nervtötende Klingeln nicht verdrängen, dass nun immer lauter wird.

Als ich dann endlich zu verstehen beginne, dass es sich dabei um meinen Weckton handelt und ich daran auch gleich schlussfolgern kann, dass ich in die Arbeit muss, bewegen sich meine Füße doch. Ich stehe, so schnell ich kann auf und schleiche zu meinem Telefon, das zum Glück etwas Licht abgibt. Ansonsten würde ich nicht einmal meine eigene Hand vor Augen sehen, da es stockdunkel ist.

Etwas in Panik versuche ich, das Telefon mit meinen Fingern verstummen zu lassen, um Nathan nicht zu wecken. Mit dem Licht meines Telefons versuche ich, meine Klamotten ausfindig zu machen, was sich jedoch als schwieriger gestaltet als ich gehofft hatte. Nach langer Suche habe ich nun auch meine Hose gefunden, die unter den Stuhl gerutscht ist.

Bevor ich jedoch zur Tür raus gehen will, drehe ich mich nochmals um zu Nathan. Ich schwanke zwischen der Entscheidung, ob ich mich von ihm verabschieden soll, oder ihn einfach weiterschlafen lassen sollte. Für einen Moment verharre ich und halte meinen Atem an, damit ich hören kann, ob er ebenfalls wach ist. Doch alles was ich höre, ist dass gleichmäßige Geräusch seines Atems. Was Wiederrum die Frage aufwirft, wieso er so gut schläft, wenn doch auch ich den Weckton gehört habe und er seine Sinne um so Vieles verstärkt hat. Vielleicht ist dieser Zustand, in dem er sich befindet, stärker als ein guter Schlaf.

Meine Füße bewegen sich trotz allem auf ihn zu und meine Lippen Flüstern ein leises „Danke“, bevor ich mich zur Tür drehe und den Knauf vorsichtig nach unten drücke. Ein kurzes Knarren, dann hab ich es geschafft. Ich schleiche die Treppen nach oben, wo mich etwas Licht willkommen begrüßt, dass von der runden Deckenleuchte strahlt. Dass, wie ich bemerke, ist aber auch die einzige Lichtquelle. Denn nirgends kann ich etwas entdecken, dass auf Tageslicht hinweisen würde. Ich gehe durch die Küche, vorbei an dem großen Holztisch. Bevor ich durch die alte Eingangstür gehe, ziehe ich mir noch schnell meine Schuhe an. Gerade als ich nach der Türklinke greifen will, höre ich ein Knarren hinter mir. Ich erschrecke und drehe mich, so schnell ich kann um. Meine Augen sind auf die Türen hinter mir gerichtet. Doch ich sehe Nichts und Niemanden. Erleichterung macht sich plötzlich in mir breit. Ich drehe mittlerweile schon komplett durch. Die letzten Wochen, besser gesagt Monate, haben mir zu schaffen gemacht. Nach diesem Zwischenfall wende ich mich wieder der Tür zu und muss mein ganzes Körpergewicht anwenden, um sie zu öffnen, da diese verdammte Tür es mir nicht leicht machen will.

Keine Sekunde später wärmen die Sonnenstrahlen meine Haut und mit ihnen, legt sich auch ein Lächeln auf meine Züge. Diese Begrüßung lässt mich strahlen und die Traurigkeit des gestrigen Erlebnisses etwas von mir abfallen. Langsam lasse ich meine Füße über den Weg wandern und lausche noch einen kurzen Augenblick, den Geräuschen des Waldes, bevor ich mich in meinen Wagen setze und mich auf in die Arbeit mache.

In der Firma angekommen, parke ich meinen Wagen wie gewohnt und mache mich auf den Weg in das Lager. Peter begrüßt mich mit einem breiten Lächeln und ich freue mich, ihn zu sehen.

„Hey Anna, hast wohl das Wochenende gut überstanden.“

Wenn Peter nur wüsste, was ich dieses Wochenende alles „überstanden“ habe.

„So wie’s aussieht du aber auch.“

Wir lächeln uns beide an und ich bin so froh, ihn zu sehen. Endlich wieder Jemand „Normales“. Keine Zaubertricks. Keinen Blutdurst. Einfach nur wieder ein normaler Mensch sein und normal zur Arbeit gehen. Ich denke, ich habe mich schon lange nicht mehr so auf einen Arbeitstag gefreut. Es tut wieder einmal gut, ein normales Leben zu führen. Ich weiß nicht, was mit mir los ist, aber als Steve um die Ecke biegt, und wir aneinander vorbeigehen, begrüße ich ihn freundlicher denn je. Ich habe schon Monate nichts mehr mit ihm gesprochen, umso überraschter ist sein Blick. Und auch ich bin ein klein wenig überrascht von mir. Doch irgendwie bin ich ihm schon lange nicht mehr böse, es ist einfach zur Gewohnheit geworden nichts mit ihm zu sprechen. Ich muss über mich selbst lachen und gehe mit einem breiten Grinsen zu meinen Schreibtisch. Gerade als ich mich auf meinem schwarzen Drehstuhl setzen möchte, kommt Peter zur Tür rein. Jegliche Freundlichkeit scheint von seinem Gesicht verschwunden zu sein, als er mich durch zusammengekniffene Augen betrachtet.

„Du hast doch nichts mit Steve am Laufen? Du weißt doch, was für ein Arsch er zu dir war?“

Zuerst blicke ich ihn, vor Schock, mit offenem Mund an, bevor ich in lautes Gelächter ausbreche und mir schon fast die Tränen kommen. Vielleicht sollte ich ja verletzt darüber sein, dass Peter mich wirklich für so dumm hält, aber sein Gesichtsausdruck ist einfach zu göttlich, um nicht lachen zu müssen.

Sein Blick haftet jedoch weiter, böse und verwirrt auf mir.

„Weißt du eigentlich, wie beleidigt ich sein müsste, dass du mich für so blöd hältst?“

Seine Gesichtsmuskeln scheinen sich zu entspannen und dennoch kann er mir noch kein Lächeln schenken.

„Jeden anderen. Ehrlich. Ich wünsche dir, dass du wieder Jemanden findest. Aber nicht dieses Arschloch.“

Er will sich schon wieder umdrehen, aber er scheint nicht ganz zufrieden zu sein mit meiner Reaktion auf seine Worte. Zwischen seinen Augenbrauen bilden sich Falten als er mich weiter mit einem fragenden Blick durchbohrt.

„Irgendetwas ist heute anders an dir. Was hast du dieses Wochenende gemacht? Rauchst du heimlich? Denn dann will ich dieses Zeug auch.“

Ich muss lachen und möchte ihm am liebsten Alles erzählen. Aber ich weiß ich kann niemanden davon erzählen. Kein normaler Mensch würde mir diese kranke Geschiche glauben. Auch wenn ich nicht erzählen müsste, was Nathan ist, kann ich dennoch nicht die Sache überspringen, wie ich ihn kennengelernt habe. Und so versuche ich nicht die ganze Wahrheit zu erzählen.

„Kann man eine neue Bekanntschaft rauchen?“

Ich versuche witzig zu sein und aufgrund Peter's lautem Lachen, hat es funktioniert. Er scheint sich für mich zu freuen und ich bin wirklich froh darüber, dass er nicht weiter darüber reden möchte.

„Hätte ich doch gleich wissen müssen. Dass ist der -MICH HAT JEMAND FLACHGELEGT- Grinser. Na endlich, ich dachte schon du stirbst als Alte Jungfrau.“

Peter lacht sich schlapp und auch ich kriege mich kaum wieder ein, als er aufgibt und sich mit einem Nicken von mir verabschiedet um wieder zurück an seine Arbeit zu gehen.
Was ich ebenso tun sollte. Jedoch jetzt mit einem breiten Grinsen auf meinem Gesicht.
Tja, mit dem flachgelegt hat er nicht wirklich recht. Nicht mal annähernd. Und wenn ich weiter die Leute von mir wegschleudere, werde ich nie wieder flachgelegt werden. Bei diesem Gedanken muss ich über mich selbst lachen.
Wenige Minuten später habe ich mich von meinem Lachflash erholt und gehe die heutigen Bestellungen durch um sie zu sortieren. Dann greife ich nach dem obersten Schein um die Artikelnummern abzulesen und die Ware rauszusuchen. Dass erste was ich auf dem Schein lese, sind Bremsbeläge. Da ich weiß, dass die Teile in dem Regal hinter mir sind, drehe ich meinen Stuhl zu den Regalen. Doch gerade als ich aufstehen will, sehe ich, wie etwas am Boden vor meine Füße rutscht. Vor Schreck rutscht mir ebenfalls fast mein Herz in die Hose. Nur langsam erhole ich mich von diesem Vorfall. Doch als ich auf die Verpackung vor meinen Füßen blicke, spüre ich, wie sich auf meinem ganzen Körper eine Gänsehaut bildet und sich die Härchen in meinem Nacken aufrichten. Dass kann doch nur Zufall sein. Es ist die selbe Artikelnummer, wie die, die auf dem Schein angeführt ist. Es sind die Bremsbeläge, die ich eigentlich gerade holen wollte.
Immer wieder versucht mich meine innere Stimme zu beruhigen. Anna, bloß nicht aufregen. Dass war ein Zufall. Vielleicht sind sie einfach nur vom Regal gefallen. Oder ich habe vergessen, sie aufzuräumen. Ich versuche die Situation zu verharmlosen und nehme mir die nächste Bestellung vor. Ich muss mich jetzt einfach ablenken. Also versuche ich die Situation so harmlos wie möglich einzustufen und nehme mir, nachdem ich erfürchtig die Beläge auf meinem Tisch lege, die nächste Bestellung vor. Darauf ist jetzt ein Keilriemen angeführt und gerade als ich auf dass Regal zugehen will, bewegt sich einer dieser verdammten Keilriemen auf dieser verdammten Wand. Dass kann einfach nicht wahr sein. Schon wieder reagiert mein Körper auf dieses unheimliche Geschehen mit einer Gänsehaut. Mein Herz hämmert wie wild gegen meinen Brustkorb als ich auf die Wand zugehen, an der die Riemen aufgehängt sind. Meine Finger greifen etwas zittrig nach dieser Schachtel und es ist wieder die richtige Artikelnummer.
Auch wenn ich vollkommen angespannt bin und es nicht wahrhaben möchte, kommt der Gedanken in meinen Kopf, dass es vielleicht meine Kräfte sein könnten. Auch wenn ich nicht mal weiß, wie ich diese Kräfte einsetzen soll. Oder ob ich es spüre, wenn ich sie einsetze.
Doch jetzt scheint meine Angst vor dem Unbekannten, Neugier zu weichen. Also nehme ich diesen Riemen, lege ihn ebenfalls am Tisch ab und setze mich dann auf meinen Stuhl. Meine Finger umklammern die Bestellungen und mein Blick richtet sich auf die Regale vor meinen Augen. Immer wieder versuche ich in meinen Gedanken Bestellung zu wiederholen und richte meinen Blick auf dieses eine Regal, in dem ich weiß, dass dort die Teile sind.
Ich versuche meine ganze Konzentration auf dieses Regal zu richten. Wiederhole immer wieder die Artikelnummer in meinem Kopf. Doch nichts. Auch nicht nach einigen wenigen Minuten. Es bewegt sich nichts. Es klappt nicht. Es muss mit etwas anderem zusammenhängen.
Also gebe ich auf und versuche es auf die altmodische Art. Wäre doch zu schön gewesen, jetzt meine Arbeit wie von Zauberhand verrichten zu können. Doch nur wenige Schritte von dem Regal entfernt, erschrecke ich erneut, als sich eine Verpackung vor meinen Augen bewegt. Ich bleibe auf der Stelle stehen und hefte meinen Blick auf die Verpackung. Ich versuche mich wieder zu konzentrieren. Genauso wie Nathan es mir gesagt hat. Nichts. Ich kann es einfach nicht. Ich weiß nicht mal was ich kann oder auch nicht. Also gebe ich auf und versuche mich nicht mehr auf dieses Zeug zu konzentrieren. Ich gebe auf und versuche nicht mehr es zu
Und plötzlich, wie von Geisterhand, bewegt es sich wieder. Ich weiche einen Schritt zurück und bleibe wie erstarrt stehen. Ich habe keine Ahnung was ich hier gerade mache oder eben nicht. Die erste Frage die sich mir stellt? „War ich das etwa?“
Als ich wieder etwas klarer denken kann. Gehe ich wieder einen Schritt nach vorne. Jetzt will ich es einfach wissen. Ich muss es wissen.
Also versuche ich mich auf diese Verpackung zu konzentrieren und alle anderen Gedanken auszublenden. Was mir zuerst nicht besonders leicht fällt. Doch irgendwann schiebe ich all meine Sorgen. All meine umschweifenden Gedanken nach hinten. In meinem Kopf ist nur noch dass Bild dieser Verpackung. Mit all meiner Kraft versuche ich sie zum bewegen zu bringen. Doch dieses Mal scheint es einfach nicht funktionieren zu wollen. Es müssen Minuten vergehen in denen ich diese verdammte Verpackung wie eine Verrückte anstarre. Bis meine Geduld am Ende ist. Würde mich jemand nach meiner Schwäche fragen, dann wäre wohl meine Antwort, meine Geduld. Denn davon habe ich nicht all zu viel abbekommen.
Um nicht noch in einem Wutanfall zu enden, entschließe ich, diese Sache zu vertagen. Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal? Auch wenn ich dass nicht einmal selbst zu glauben scheine.
Um wieder als normaler Mensch mit meiner Arbeit weitermachen zu können, will ich mich wieder meinen Lieferscheinen zuwenden, die noch immer auf dem Tisch abgelegt sind. Nur habe ich dabei nicht damit gerechnet, dass mir beim Anblick von ihm, mein Herz fast in die Hose rutscht. Instinktiv lege ich meine Handfläche auf die Stelle, wo sich darunter mein wild pochendes Herz befindet. Wie konnte er sich so anschleichen?

„Fuck Alex. Bist du verrückt? Fast wäre ich an einem Herzinfarkt gestorben.“

Sein Blick unter seinen braunen Haaren wirkt ebenso verwirrt wie meiner wirken muss. Als sein Blick zwischen mir und der, noch immer am Boden liegenden Verpackung hin und her schweift, stelle ich mir die Frage, wie lange er wohl schon hier ist. Vor allem, was er von meiner Vorstellungen mitbekommen hat.

„Ich wollte dich nicht erschrecken. Eigentlich wollte ich sehen, ob es dir gut geht. Aber ich stelle mir jetzt die Frage, was du hier gerade gemacht hast?“

Mein Blick ist ebenso auf die Verpackung gerichtet und in meinem Kopf versuche ich mir eine Erklärung für Alex zurecht zu legen. Doch noch bevor ich richtig nachdenke, sprudelt die Billigste aller Antworten aus meinem Mund.

„Ähm. Ich habe nur die Verpackung angestarrt. Hab einfach gerade den Kopf voll.“

Sein Blick sagt mir, dass er mir meine Geschichte auf keinen Fall abkauft. Aber ich schaffe es auch nicht, ihm die Wahrheit zu erzählen. Irgendwo in mir habe ich eine irrsinnige Hoffnung, dass er es nicht gesehen hat. Dass er es nicht vermutet. Also versuche ich meine Fassade wieder aufzubauen, damit er mir vielleicht doch Glauben schenkt.
Meine Fassade schwindet jedoch in dem Moment, in dem er beschließt, sich, wie ein Panther auf der Jagd, auf mich zuzubewegen. Ohne es kontrollieren zu können, schweift mein Blick über seinen Körper. Von den grauen Sneaker über die schwarze Jeans und den ebenfalls grauen Kapuzenpullover. Letztendlich verharrt mein Blick bei den strahlend blauen Augen, die mich anstarren, als würde er alles von mir wissen und würde der Schmerz über seinen Verrat nicht so tief sitzen, dann würde ich mir eingestehen, dass er noch immer eine Wirkung auf mich hat. Vor allem aber auf meinen Körper.

„Seit wann hast du deine Kräfte?“

Innerlich verfluche ich mich, weil ich so eine schlechte Lügnerin bin. Bevor ich, in meinen Augen, eine geniale Gegenfrage stelle.

„Woher weißt du es?“

Er zögert kurz und sieht mich dann mit einem sehr ernsten Blick an.

„Ich sagte doch schon, ich weiß mehr über deine Geschichte als du selbst. Es ist meine Aufgabe, alles über dich zu wissen.“

„Das hätte ich ja fast vergessen. Mein persönlicher Stalker. Der Unterschied ist jedoch, dass du mich einfach benutzt und dann wie ein Stück Dreck weggeworfen hast.“

Meine Worte triefen vor Sarkasmus. Aber ich kann es mir nicht verkneifen. Jedes mal wenn er wieder von dieser Geschichte anfängt, kommt alles in mir hoch. Wie konnte ich ihm nur diese Lügen abkaufen? Doch auch wenn mein Stolz und mein Herz davon eine tiefe Wunde getragen haben, siegt meine Neugier und lässt mich ihm weiter zuhören.

„Anna, du weißt es war nicht so geplant. Es tut mir leid. Und ich weiß auch, dass keine Entschuldigung, dass alles wieder ungeschehen machen kann. Trotz allem bin ich hier um dich um Etwas zu bitten.“

Ich glaub es nicht. Er belügt mich und benutzt mich um an Marius heranzukommen und jetzt braucht er auch noch meine Hilfe.

„Das ist nicht dein Ernst? Du kommst nach allem hier an und bittest mich um Hilfe?“

Ungläubig schüttle ich meinen Kopf und versuche unser Gespräch durch pure Ingnoranz von seiner Persönlichkeit zu beenden. Ich hoffe wirklich, dass er aufgibt und einfach verschwindet. Doch gerade als ich nach dem Lieferschein greifen will um mit meiner Arbeit weiter zu machen, legen sich seine langen Finger auf meinen Handrücken. Zuerst durchfährt mich die Berührung wie ein Blitz. Doch dann reagiert mein Körper mit Abwehr und mit einem Ruck will meine Hand von dieser Berührung entziehen. Doch er hält mich weiterhin fest. Es ist nicht so, dass es schmerzt, aber es ist dennoch fest genug, damit ich mich ihm nicht entziehen kann.
Sein Blick wirkt ernst und verzweifelt. In seinen Augen ist wieder dieses Dunkle und dennoch überkommt mich dieses Gefühl, dass ich schon einmal bei ihm gespürt habe. Auch wenn ich so sehr versuche, dagegen anzukämpfen, fühlt sich ein Teil von mir noch immer zu ihm hingezogen. Ich kann es selbst nicht verstehen. Dieser Moment fühlt sich an als würde die Zeit still stehen.

„Anna, ich flehe dich an. Bitte gib mir einen Augenblick um es zu erklären. Es geht hier nicht um uns. Es geht um Marius und was er alles anrichten kann, wenn er es schafft. Es geht hier um so viel mehr. Um so viel mehr Leben, als du dir vorstellen kannst. Also bitte höre mir nur kurz zu was ich zu sagen habe und dann kannst du mich immer noch ignorieren.“

Ich nicke und flüstere ein leises „In Ordnung“, bevor ich meine Hand nun entgültig aus seinem Griff befreie und damit auch das Kribbeln in meinem Körper loswerde. Abwehrend verschränke ich meine Hände vor der Brust und versuche meine Wut auf ihn zu ignorieren und ihm die Chance zu gewähren, seine wichtige Information über die Lippen zu bringen.

„Ich hatte dir doch erzählt, dass wir Marius schon eine Weile beobachten.“

Ich nicke um ihm zu verstehen zu geben, dass ich mich sehr wohl an die Sache erinnern kann.

„Nachdem wir herausgefunden haben, was er vorhat, habe ich zwei Leute von meinem Rudel nach Rumänien geschickt um herauszufinden wie wir ihn aufhalten können und auch um herauszufinden, was er noch alles benötigt um das Ritual vollständig durchführen zu können.“

Er tut fast so, als würden ihm die folgenden Worte zu schwer fallen und ein Seufzer kommt anstatt diesen Worten über seine Lippen. Doch meine Geduld ist am Ende und so hake ich, etwas lauter als gewollt, nach.

„Was, Alex? Was haben Sie herausgefunden?“

Wieder blickt er mir einfach nur in die Augen und scheint noch immer nach den richtigen Worten zu suchen, bevor sich seine Lippen schwerfällig bewegen.

„Er weiß das du jetzt deine Kräfte hast und dadurch ist das Blut, dass jetzt durch deine Adern fließt, viel kraftvoller als das ohne deine Magischen Kräfte. Er braucht noch mehr von deinem Blut. Und falls er keine zweite Hexe findet, von der er sich das Blut der Hexenlinie abzapfen kann, wird er dieses Mal keinen Tropfen von deinem Blut übrig lassen. Er wird alles nehmen und damit dein Leben auslöschen.“

Die kleinen Härchen auf meinen Armen richten sich auf und eine Gänsehaut legt sich über meinen Körper.

„Woher weiß Marius, dass ich meine Kräfte habe?“

„Marius ist nicht unvorbereitet. Er arbeitet mit einer Hexe zusammen. Wir glauben, dass sie einen Zauberspruch gesprochen hat und damit herausgefunden hat, dass du deine Kräfte hast.“

„Alex, was soll ich jetzt tun? Wieso haltet ihr ihn nicht jetzt schon davon ab? Wieso musst du unbedingt warten bis er dass Ritual durchführt? Verdammt nochmal. Gib mir ausnahmsweise einmal eine ehrliche Antwort.“

Panik kriecht in mir hoch. Lässt mich vor dem schaudern was Alex mir soeben berichtet hat. Sie ist es auch, was mich Alex mit meinen Blicken durchbohren lässt. Ich will endlich die ganze Wahrheit.
Doch er steht nur vor mir und streicht sich mit seiner Hand, die verlorenen braunen Haarsträhnen aus seinem Gesicht. Seine blauen Augen scheinen etwas in meinen zu suchen. Denn er bedenkt mich mit einem Blick der für mich nicht klar ist. Als würde er in seinem Kopf etwas abwägen.

„Anna, ich würde dir gerne die Wahrheit sagen, aber ich kann nicht. Ich habe geschworen mein Rudel, meine Spezies zu beschützen. Wenn ich dir sage was wir vorhaben, dann bist du und mein Rudel nicht mehr in Sicherheit.“
„Alex, ich werde niemanden etwas erzählen und es wird auch keiner erfahren. Aber ich kann oder werde dir nur helfen wenn du mir die Wahrheit sagst. Wenn du es nicht kannst, dann möchte ich, dass du gehst und ich dich nie wieder sehen muss.“

Für einen kurzen Augenblick scheint in seinen Augen Schmerz aufzublitzen, bevor sich wieder dieser undurchschaubare Schimmer über seinen Blick legt. Ich kann ihm nicht vertrauen. Nicht bis ich weiß was er benötigt und weßhalb. Für einen Augenblick scheint er nochmals zu zögern bevor er sich von mir abwendet und auf die Tür zusteuert.
Enttäuschung macht sich in mir breit. Irgendetwas in mir hatte gehofft, er würde mir ein Einziges Mal die Wahrheit sagen und mir damit beweisen, dass nicht alles nur aus Lügen besteht, was mit mir zu tun hat. Bei der Erinnerung an unseren Kuss, kann ich nicht anders als zu hoffen, dass darin ein Funken Wahrheit war. Dass er an einem kleinen Fleck in seinem Herzen doch etwas für mich übrig hatte. Doch es scheint, als würde er einfach nur ein Experte darin sein, Jemandem etwas vorzuspielen. Die Gewissheit darüber, lässt mich diesen verdammten Kuss bereuen.
Ein Teil von mir hatte gehofft. Doch dieser Teil verwandelt sich jetzt in Enttäuschung und so lasse ich mich wieder auf meinen Stuhl nieder und versuche mich mit den Bestellungen abzulenken.
Die warme Handfläche auf meiner Schulter überrascht mich. Langsam dreht er mich zu sich, damit ich direkt vor ihm sitze und zu ihm aufschauen muss. Ich blicke in glänzende Augen, die etwas zeigen, dass sich warm und herzlich anfühlt. Für einen langen Augenblick bin ich gefesselt von diesem Ausdruck, bevor er sich vor mich kniet und sich somit auf Augenhöhe begiebt.

„Anna, ich kann es dir nicht sagen. Marius's Hexe ist sehr machtvoll und wenn ich dir jetzt sage was wir brauchen und was wir vorhaben, dann kann sie durch einen Zauber herausfinden was wir vorhaben. Sie könnte einen Zauber angewendet haben, der die Worte die du sprichst, ihr wiedergibt. Oder sie könnte durch deine Augen sehen und alles was du hörst, ebenfalls hören. Es ist einfach zu gefährlich. Für dich und für mein Rudel. Ich kann es nicht riskieren.“

„Was meinst du damit?“

Würde ich nicht ständig etwas Neues über diese Welt erfahren, dann würde ich ihm keine Sekunde lang Glauben schenken. Es ist einfach zu verrückt. Aber genau das ist diese Welt. Verrückt. Außergewöhnlich. Faszinierend und Angsteinflössend.

„Es gibt Hexen mit sehr viel Macht und diese Hexen können einen Zauberspruch sprechen um Jemandem mit Hexenblut in seinen Adern, auch wenn diese noch nicht aktiviert sind, zu beobachten, in manchen Fällen auch manipulieren. Du kannst nicht wissen, dass es solche Zauber gibt. Und genau Das nützen sie. Sie wissen, dass du keinen Schutzzauber sprechen kannst, der ihnen einen Strich durch die Rechnung machen könnte.“

„Alex. Ich habe absolut keine Ahnung wovon du sprichst. Und um ehrlich zu sein, es macht mir Angst. Wie kann ich diesen Schutzzauber sprechen und warum weißt du so Vieles über diese Sachen?“

Für eine Sekunde weicht sein Blick von mir, bevor er mich mit voller Trauer wieder erfasst. Trauer die ich in seinen Augen erst einmal gesehen habe. Und zwar an dem Tag an dem ich die Wahrheit erfahren habe. Dass er mich einfach nur ausgenützt hat.
Es scheint ihm sichtlich schwer zu fallen, folgende Worte über seine Lippen zu bringen.

„Meine Mutter. Sie war eine Hexe. Mein Vater ein Werwolf. Mein Blut ist aus der Blutlinie meines Vaters. Doch ich habe auch von meiner Mutter gelernt. Auch wenn ich nicht ihre Kräfte habe, bin ich denoch mit ihrem Wissen aufgewachsen. auch wenn mir die Sprüche nicht von Nutzen sind, bin ich trotzdem froh, darüber Bescheid zu wissen.“

„Kann deine Mutter mir zeigen wie ich diesen Spruch aussprechen kann?“

Hoffnungsvoll sehe ich ihn an. Und trotzdem wundere ich mich darüber, dass er mir dies nie erzählt hat.

„Zu meinen Bedauern ist das nicht möglich, Anna. Meine Mutter ist vor einigen Jahren gestorben. Aber du kannst, wenn du willst, einen Blick in ihr Grimoire werfen. Sie war eine sehr machtvolle Hexe und dort sind mit Sicherheit einige Sprüche die dir, uns, helfen können.“

Irgendwie bin ich überrascht. Ich wusste dass alles nicht von ihm. Und irgendwie überkommt mich eine Traurigkeit. Der Blick in seinen Augen ergreift mich und ich sehe sein Leid. Ich weiß nicht was ich zu diesem Angebot sagen soll. Aber mein Gefühl sagt mir, dass ich diese Chance ergreifen muss. Ich weiß so gut wie nichts von meinen Kräften und es kann mir nur eine Hilfe sein. Was mir jedoch in den Sinn kommt, ist, warum mich Salivana nicht gewarnt hat.

„Es tut mir leid, Alex. Wenn es wirklich in Ordnung für dich ist, dann würde ich sehr gerne einen Blick in das Grimoire werfen. Vielleicht erfahre ich so mehr über meine Kräfte.“

Ein leichtes Lächeln zeichnet sich auf seinen Zügen ab, bevor er mit seinem Kopf nickt und sich auf den Weg zur Tür macht. Über die Schulter hinweg, verabschiedet er sich von mir.

„Ich warte nach der Arbeit draußen auf dich. Dann bringe ich dich zum Grimoire.“

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beta
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