Kapitel 2: »Und hier kommt der Markerpunkt ins Spiel.« (Teil II)

Die hunderte von Metern unter dem ehemaligen Gefängnis des Urbösen befindlichen Höhlensysteme der Draque, in deren zahllosen Tunneln und Nestern es noch vor kurzem von ihresgleichen nur so gewimmelt hatte, lagen in vollkommener, von einer gespenstischen Stille begleiteter Finsternis. Jedoch schienen sie nur auf den ersten Blick verlassen, denn mitsamt jener Stille waren sie hergekommen: Eisdämonen. Echsenähnliche Kreaturen, die eine Größe von gut zwei Metern fünfzig erreichten, deren Haut von dicken, bläulich-grün schimmernden Schuppen geschützt wurde und deren Hände und Füße mit dolchartigen, messerscharfen Krallen bewehrt waren. Neben ihren silbrig blitzenden Klauen und ihren kräftigen Schwänzen, die in etwa die Hälfte ihrer Körperlänge nachzeichneten, besaßen sie in ihren Kampfstäben nur eine einzige weitere Waffe, deren schlichte, zerbrechliche und fast durchsichtige Erscheinung einen törichten Recken durchaus dazu veranlassen mochte, sie für leichte Gegner zu halten; was die Tatsache, dass sie noch nicht einmal Rüstungen trugen, nur zu bestätigen schien. Eben jene Annahme würde sich allerdings für den armen Tropf, der ihrer erlag, im Kampf mit einem solchen Monstrum zweifelsfrei als tödlicher Irrtum erweisen. Zwar blieben auch die Eisdämonen nicht unbesiegbar, aber sie waren dennoch mit die gefährlichsten Krieger ganz Orcumorras und zudem von sämtlichen Wesen in allen Welten die Einzigen, welche sich aus freien Stücken mit dem Nodrogg verbündet hatten. Nicht umsonst hatten sie all die Jahrtausende mit ihm zusammen in dem eisernen, unentrinnbaren Griff des vom Feuer versiegelten Spiegelgebirges ausgeharrt. Heuer aber war ihrer aller Gefangenschaft endlich ein Ende gesetzt worden, hatte die Zeit sie ebenso wie ihren Herrn befreit, und so waren sie geschlossen in die Draque-Höhlen ausgeschwärmt, um dort auf seine Befehle zu lauern und seine Pläne auszuführen. Doch was vorerst noch viel wichtiger war als das: Sie hatten seinen jüngsten und gleichzeitig wertvollsten Schatz zu bewachen, welcher niemand Geringerer war denn die Feuerstochter höchstselbst.

Sie befand sich in einem der geräumigen, ehemals als Nest dienenden Felslöcher, umgeben von zentimeterdickem, alles überdeckendem Eis, in dessen Facetten sich das einzige, von zwei rechts und links des Höhleneingangs befestigten Fackeln herrührende, türkisfarbene Licht tausendfach glitzernd widerspiegelte. Stählerne, durch eine schwere Kette untereinander verbundene Schellen umklammerten ihre zierlichen Handgelenke, mit deren Hilfe sie an einem von der Höhlendecke herabhängenden, ebenfalls aus purem Eis bestehenden und schier unzerstörbaren Haken wie ein zum Ausbluten zurückgelassenes Stück Fleisch aufgehängt worden war. Alaru fror fürchterlich in ihrem bitterkalten Kerker, hatte allerdings kaum mehr genug Kraft übrig, um zu atmen, geschweige denn zu zittern. Ihre Hände waren mittlerweile taub geworden, ihre Arme schienen hin und her gerissen zwischen brennendem Schmerz und ebenfalls endgültiger Gefühllosigkeit, und die stündlich über sie hereinbrechenden Peitschenhiebe hatten in Form von zig Striemen getrockneten Blutes, welches an sämtlichen nicht durch Kleidung geschützten Stellen ihres langsam aber sicher erfrierenden Körpers klebte, deutliche Spuren hinterlassen. Das alles zusammengenommen war jedoch nichts im Vergleich zu dem, was die der Peitsche vorangehenden Besuche des Nodroggs anrichteten, war es doch wahrhaftig unerbittlich und fest entschlossen, mit jedweden ihm zur Verfügung stehenden Mitteln ihren Willen zu brechen. Immer und immer wieder lief es auf dieselbe Weise ab: Das Urböse hüllte sie ein, drang tief in sämtliche Winkel ihres Verstandes hinab, fügte ihr Schmerzen zu, die sie nie zuvor verspürt hatte, ließ sie gleichzeitig sämtliche Qualen der Tausenden und Abertausenden durchleben, die es schon auf dem Gewissen hatte, nur mit dem einen Ziel, dass sie sich ihm endlich und vollends ergab. Denn was einmal gebrochen und unterworfen war, würde niemals wieder zurückkehren, und stand die Feuerstochter erst unter des Nodroggs Bann, hatte es endgültig gewonnen. Nichts und niemand würde sich seiner Zerstörungswut anschließend noch widersetzen können, diente sie als seine Waffe, und genau das war es, was sie auf keinen Fall zulassen durfte. Nur, wie lange konnte sie den Attacken dieses gnadenlosen Klumpens grausamster Düsternis noch widerstehen, wenn sie noch nicht einmal mehr in der Lage war, sich zu befreien?

Hoffnungslosigkeit keimte in ihr auf, und obwohl sie sogleich versuchte dagegen anzukämpfen, überkam sie jenes Gefühl mit solch einer Härte, dass es sämtliche ihrer Anstrengungen leichter Hand hinweg fegte und sie nichts anders zu tun wusste, als ihm nachzugeben. Dieser Höhle würde sie niemals entkommen, solange sie noch auf der Seite des Guten stand und die Hüterin der Dimensionen blieb. Der einzige Weg, das alles zu beenden, bestand darin aufzugeben, denn erst dann gäbe es keine Qualen mehr und auch keinen Schmerz. Es würde sie nie wieder verletzen. Und selbst wenn, spürte sie es nicht länger.

Oh, du bist auf dem richtigen Weg, mein Feuer, schnitt sich plötzlich eine schnarrende, düster flüsternde Stimme in ihr Denken hinein. Du weißt doch längst, wie leicht es ist. Worauf also wartest du noch? Du wirst für immer befreit sein. Befreit von allem. Nie mehr Sorgen. Nie mehr Schmerzen. Nie mehr diese QUAL!

Alaru schrie laut auf ob der unvermittelt über sie hereinbrechenden Pein und wünschte sich mit ihrem letzten nicht auf Widerstand gerichteten Gedanken sehnlichst, doch bloß fliehen zu können, was ihr aber selbst dann nicht möglich gewesen wäre, wenn sie es irgendwie geschafft hätte, auch nur genug Kraft für den Hauch einer Bewegung aufzubringen, dermaßen unnachgiebig hielt ihr Widersacher sie in seinen teerigen Klauen gefangen. Viel länger vermochte sie sich indes mit hätte, wäre und wenn nicht mehr zu beschäftigen, denn so wenig sie das Urböse hatte kommen hören, so sehr spürte sie seine Anwesenheit in diesem Moment. Fühlte, wie es ihren Verstand in Fetzen riss, sich erbarmungslos in ihre Seele, ihr Herz und ihre Eingeweide grub und danach trachte, ihr gesamtes Innerstes genüsslich in winzige Stücke zu schlagen. Doch noch bevor die Feuerstochter dem Wunsch erlag, genau hier und jetzt zu sterben, hörte jeglicher Schmerz auf und machte einer trügerischen Ruhe Platz, während sie mit bebendem Leib wimmernd nach Luft rang und eine einsame Träne langsam ihre Wange hinunter glitt. Ihre Gedanken rasten, ohne einen klaren Sinn zu finden, und es gab nurmehr zwei Dinge auf dieser Welt, bei denen sie sich noch absolut sicher war: Das Nodrogg wurde von Augenblick zu Augenblick mächtiger, und eine weitere Attacke seinerseits würde sie nicht mehr überstehen.

Es bleibt mir nicht verborgen, mein Feuer, hallten die Worte finster grinsend durch ihren Kopf. Du bist fast reif, fast mein. Wir sehen uns bald wieder, mein Feuer, da sei dir gewiss.

Damit verschwand es leise kichernd im Dunkel der weiten Gänge und ließ Alaru allein zurück, welche inzwischen nur zu genau wusste, was als Nächstes kam. Oder besser gesagt, wer. Sie konnte die sich zügig in ihre Richtung bewegenden Schritte des Eisdämons Arr bereits hören, den es jedes Mal aufs Neue herschickte, sobald es mit ihr fertig war, würden doch ein paar zusätzliche Peitschenhiebe keinesfalls schaden, richtig?

In Erwartung dessen, was nun folgen würde, krampfte sich alles in ihr zusammen, und sie begann nun doch zu zittern. Sie ertrug es einfach nicht mehr, wollte nur noch, dass es ein für alle Mal aufhörte, und als die Schritte des Dämons schließlich beim Eingang angelangt waren, hob die Feuerstochter mühsam den Kopf, zwang sich, die bleischweren Lider zu öffnen und blickte dem Dämon fest ins Gesicht. Sogleich begannen die Augen ihres Gegenübers bedrohlich zu funkeln, während seine dunkelblaue, gespaltene Zunge voller Vorfreude zwischen den spitzen Zähnen hervorschnellte und er die Mundwinkel zu einem unheilvollen Grinsen verzog.

»Ich ... gebe ... auf«, brachte sie angestrengt und mit heiserer Stimme hervor, wobei eine zweite, heiße Träne über ihr Gesicht kullerte. Sie wollte die Worte nicht aussprechen, doch es war ihr unmöglich geworden, sie aufzuhalten. »Es kann ... mich haben. Ich ... bin sein.«

»Dassss weissss der Meisssster längsssst«, erwiderte Arr gleichsam knurrend wie lachend, packte seine Peitsche fester und setzte sich ruckartig in Bewegung. »Aber essss wird dich nicht überraschen, dassss er ganz ssssicher ssssein will.«

Es ist das letzte Mal, dachte sie, kaum dass das eisige Monstrum auf sie zuzueilen begann, und kniff die Augen zusammen. Das letzte Mal, dann hatte sie es hinter sich. Nie mehr Schmerz. Nur noch die leblose Kälte der Finsternis würde in ihr sein. Eine zweifelhafte Erlösung, aber immerhin wäre es eine solche.

Doch die unausweichlichen Schläge kamen nicht mehr. Stattdessen erfüllte plötzlich ein elektrisches Knistern den Raum, erst leise, dann rasch lauter werdend. Der Eisdämon hielt mitten im Lauf inne, ließ sichtlich ratlos seine Blicke durch das Felsloch hasten und wurde nur Sekunden später wie durch Geisterhand von den Füßen gerissen, woraufhin er mit einem heftigen Krachen zu Boden ging und in jene Richtung zurück schlitterte, aus der er gekommen war. Erst die Höhlenwand hielt seine abrupte Rutschpartie unsanft und mit einem weiteren Krachen kommentiert auf, in dessen Anschluss wie aus dem Nichts zwei weiß blitzende, von einem dunklen Dröhnen sowie feinen Surren begleitete Kugeln mitten im Raum auftauchten, die rasend schnell größer wurden. Zu guter Letzt brachte ein ohrenbetäubender Donnerhieb die frostigen Wände zum Beben, und einen halben Herzschlag später standen unvermittelt Vesten und Haeverflox mitten in dem ehemaligen Draque-Nest.

»Flox, das Schwert!«, rief Ersterer und deutete in eine Ecke hinter der Feuerstochter, in welcher jemand ihre Waffe bis zum Griff in das Eis hineingerammt hatte. Ohne zu zögern spurtete das Hassenichgesehn los, während der Bogenschütze selbst schon bei der Feuerstochter war.

»Alaru!« Er nahm ihren Kopf in beide Hände, hob ihn behutsam an, damit sie ihn sehen konnte. Aber obgleich sie keine Regung zeigte und ihre Augen fest geschlossen blieben, konnte er ihren kaum merklichen Atem spüren. Sie lebte. »Herzchen! Kommt zu Euch! ALARU!«

Sie gab ein leises Stöhnen von sich, öffnete zaghaft die Augen und nahm ihn endlich wahr. Sofort wich der gequälte Ausdruck, der sich ihres Gesichtes bemächtigt hatte, unübersehbarem Erstaunen. Dann erstarrte ihr Blick, fixierte sich auf etwas hinter ihm, und im selben Moment erschien das Spiegelbild Arrs in ihren schreckgeweiteten Pupillen.

Jetzt wird es hässlich, schoss es Vesten durch den Kopf. Für Pfeil und Bogen war der Dämon zu nah, und ein Schwert besaß er nicht, war ihm eine solche Waffe doch schlichtweg zuwider. Aber mit bloßen Händen gegen dieses Vieh? Schier unmöglich!

»Runter!«, hörte er das Hassenichgesehn brüllen, duckte sich reflexartig zur Seite weg und sah es noch aus dem Augenwinkel vorbeihechten, Alarus Schwert hoch über den kleinen Kopf erhoben. Anschließend ertönte hinter ihm ein gewaltiges Scheppern. Der Eisdämon jaulte auf, Vesten fuhr herum und sah selbigen zurück taumeln, dabei eine Hand vor das ungläubig dreinblickende Gesicht gepresst, zwischen deren Fingern dunkelgrünes Blut hervorquoll, während Haeverflox sich seinerseits längst wieder neben dem Bogenschützen eingefunden hatte.

»Rhey! Jetzt!«, rief dieser nach einem hastigen Druck auf die gute, alte Taste an seinem metallenen Armband und umklammerte die Taille der Feuerstochter. An beider Männer stahlfarben geschmückten Handgelenken setzte augenblicklich das erlösende Blinken und Piepsen ein, in dessen Folge sich nur Sekunden später alle drei mit einem neuerlichen Donnern in Luft auflösten.

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