Kapitel 2: »Und hier kommt der Markerpunkt ins Spiel.« (Teil III)

Es war das wohlig warme, vom zarten Gesang einiger Vögel untermalte und durch das einzelne, in dem kleinen Zimmer befindliche Fenster auf ihr Gesicht fallende Sonnenlicht, welches Alaru nach einem traumlosen, und so wie es sich anfühlte zudem reichlich langen Schlaf dazu brachte, endlich aufzuwachen. Noch während ihre Sinne nach und nach ihren Dienst wieder aufnahmen, öffnete sie vorsichtig die Augen, blinzelte einige Male gegen die goldenen Strahlen an, welche offenbar nicht von ihr lassen wollten, reckte und streckte sich. Und ehe sie sich versah, hatte sie bereits die über ihr ausgebreitete Decke zur Seite geschlagen und hockte neugierig durch den Raum blickend auf der Bettkante.

Viel zu entdecken gab es nicht für sie, denn außer der weichen Schlafstatt beherbergte ihre Unterkunft lediglich einen klapprigen, neben dem Bett aufgestellten Nachttisch, der seinerseits eine Schale mitsamt einem darin brennenden, leise knisternden Feuer zu tragen hatte. Außerdem konnte sie in einer Zimmerecke gegenüber der einzigen Tür einen alten Schemel ausmachen, welcher unter dem darauf abgelegten, alles andere als üppigen Kleiderberg fast zusammenzubrechen drohte. Direkt daneben fand sie ihr in seiner Scheide ruhendes, an die Wand gelehnt dastehendes Schwert vor, dessen Anblick ihr gleich wohler um die aufgewühlte Magengrube werden ließ. Letztere Tatsache vertrieb zudem die inzwischen in ihr aufgekommene Befürchtung, einem Trugbild Nodroggs erlegen zu sein, denn wie die Dinge gerade zu liegen schienen, konnte dies keinesfalls stimmen. Zumindest würde es so beim besten Willen nicht sein, wäre es ernsthaft Herr ihrer Seele und Sinne geworden. Und auch wenn sie sich nicht ansatzweise daran erinnern konnte, wer oder was sie in dieses Zimmer gebracht hatte, so war sie doch nach wie vor in der Lage, Gefühle zu empfinden. Etwas, dass das Urböse niemals zugelassen hätte und sie prompt zur nächsten Frage führte: Wo also war sie?

Erst jetzt blickte sie an sich herunter und stellte verwundert fest, dass sie nicht mehr ihre eigenen Sachen, sondern bloß noch ein altes, viel zu großes Leinenhemd am Leibe trug. Daraufhin betrachtete sie den Haufen Kleider auf dem Schemel noch einmal genauer und erkannte sämtliche Stücke schließlich als die ihrigen. Ein dieser Feststellung folgender zweiter Blick auf sich selbst offenbarte ihr derweil, dass dieser Jemand, welcher ihr das Hemd verpasst haben musste, sich allem Anschein nach auch ihrer Wunden angenommen und diese geheilt hatte. Nurmehr feine schwarze Narben erinnerten noch an die Folter in der Draque-Höhle, von denen ihr jedoch erstaunlicherweise keine einzige in irgendeiner Form Schmerzen bereitete. Ihr unbekannter Helfer musste ihretwegen weit über sich hinausgewachsen sein. Anders jedenfalls vermochte sie sich das Ergebnis seiner Arbeit nicht zu erklären.

»Nun gut, lange genug gefaulenzt«, murmelte sie leise, erhob sich vorsichtig und tappte auf noch etwas wackeligen Beinen hinüber zu dem Schemel, wo sie nur zu gerne ihre eigenen Sachen gegen das fremde Hemd eintauschte und dafür sorgte, dass Occludo wieder auf seinen angestammten Platz an ihrer Seite gelangte. Anschließend strich sie sanft mit den Fingern über den Griff ihres getreuen Schwertes, wonach zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit ein flüchtiges Lächeln über ihr Gesicht huschte. Die sich dazu gesellende Erleichterung machte ihr wiederum deutlich, dass sie vollkommen ausgehungert war, weshalb sie mit nun schon etwas beschwingteren Schritten zurück zum Bett eilte, sich abermals auf dessen Kante niederließ und beide Hände in die Feuerschale tauchte. So saß sie eine Weile still da und sog die Flammen mitsamt ihrer Energie in sich auf, während sie für den Augenblick mal an rein gar nichts dachte und sich schlichtweg dem erhebenden Gefühl ihrer langsam erstarkenden Lebensgeister hingab.

Es brauchte kaum fünf Minuten, bis von dem Feuer nichts mehr übrig war, und obgleich Alaru durchaus noch eine Weile hier sitzend und mit angenehm leeren Gedanken hätte ausharren können, befand sie, dass es falsch sei, noch länger im Nichtstun zu verweilen. Sie musste das Nodrogg um jeden Preis aufhalten, und darum war es für sie nun an der Zeit, zur Quelle der brennenden Nemesis aufzubrechen; immerhin blieb ohne das Elixier ihr gesamtes Vorhaben unmöglich.

Dies sämtlich ungeachtet besaß sie allerdings nicht die geringste Ahnung, ob sie nach allem, was das Urböse ihr angetan hatte, überhaupt noch in der Lage sein würde, sich ihm entgegen zu stellen, ja, geschweige denn, im Kampf gegen es zu bestehen. Allein der bloße Gedanke an diese Ausgeburt reinster Finsternis ließ sie bis ins Mark erzittern, doch sie schob das aufkeimende Gefühl der Panik rasch beiseite. Schwäche wollte und durfte sie sich nicht erlauben. Und hatte sie erst einmal einen Schluck aus der Quelle genommen, musste sie das Urböse nicht mehr fürchten. Dann würde bestimmt alles irgendwie gut gehen. Alaru seufzte schwer und hoffte inständig, dass sie am Ende vielleicht sogar selbst daran glaubte, wenn sie es sich bloß lange genug einredete.

Wie dem auch sei, sie durfte über all dies nicht vergessen, dass sie freilich tief in jemandes Schuld stand, ohne dessen Hilfe sie ihrem eisigen Gefängnis niemals mehr bei Sinnen entkommen wäre. Bei diesem Gedanken flackerte die dunkle Erinnerung an das Gesicht jenes Wächters namens Vesten vor ihrem geistigen Auge auf, und als geschehe es gerade in diesem Moment, schien sie seine Hände auf ihren Wangen zu fühlen und seine besorgte Stimme zu hören. Da sie jedoch nicht sicher zu sagen wusste, ob auch nur ein Funke davon wirklich real war, beschloss sie, zuerst der Identität ihres Retters auf den Grund zu gehen, bevor sie endgültig den Weg zur Quelle antrat.

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