Kapitel 2: »Und hier kommt der Markerpunkt ins Spiel.« (Teil V)

Nur wenig später hatten sie sich geschlossen vor der Hütte um ein großes Lagerfeuer versammelt, und während sich die Luft langsam mit dem Geruch gerösteten Fleisches füllte, eröffnete Alaru den Männern, dass sie gedachte, am nächsten Morgen ihre Reise zur brennenden Nemesis anzutreten. Sogleich boten ihr alle drei ihre Begleitung an, wogegen sie vehement protestierte und darauf bestand, dass sie sämtlich bei der Hütte blieben, hielt sie es doch hier für weitaus sicherer. Natürlich waren Technomagier, Bogenschütze und Hassenichgesehn anderer Meinung, sodass schließlich eine heiße Diskussion über das Für und Wieder des Bleibens oder nicht Bleibens entstand. Letzten Endes wurde jenes Wortgefecht durch eine sie alle für einen Augenblick verstummen lassende Bemerkung Vestens entschieden, als er einwarf, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin bald in ganz Orcumorra keinen wirklich sicheren Ort mehr geben würde und dass es im Grunde genommen schlimmstenfalls vollkommen egal war, wo man gerade sein Leben ließ, solange man zuvor nur das Richtige getan hatte. Dagegen fand selbst die Feuerstochter kein abschmetterndes Argument mehr, und so war es pünktlich zum Ende der Garzeit ihres Abendessens beschlossene Sache: Der kommende Morgen bedeutete Aufbruchzeit für sie alle.

Was folgte, war eine ausgedehnte Mahlzeit, während der die Männer sich die Bäuche vollschlugen und Alaru auf die Frage Rheyvas, warum sie denn keinen Bissen zu sich nehme, bereitwillig erklärte, dass sie nichts weiter denn Feuer brauche, um sich zu ernähren.

»Wenn ich mich recht erinnere«, bemerkte Haeverflox daraufhin trotz vollem Mund, »hat dich das seinerzeit aber nicht daran gehindert, mit mir diverse gut gefüllte Becher Met zu vernichten.«

Mit diesen Worten, und noch immer kauend, zwinkerte er ihr verschwörerisch zu, sprang unvermittelt auf und eilte hinunter in seinen Bau, nur um Augenblicke später mit gleich mehreren Flaschen des süffigen Getränkes und vier uralten, verbeulten Blechgefäßen wieder zurückzukehren, welche er ohne lange zu fackeln befüllte und verteilte.

»Sag mal, du alter Geheimniskrämer«, bemerkte der Technomagier, nachdem ihm sein Freund den für ihn bestimmten Becher in die Hand gedrückt hatte, »wie kommt es, dass du und Alaru euch kennt, hm? Ich finde, da ist eine Erklärung fällig, meinst du nicht auch?«

»Ganz schlechter Zeitpunkt«, brummte das Hassenichgesehn, ließ sich wieder auf seinen Platz sinken, nahm genüsslich einen Schluck aus seinem Becher, schob sich ein besonders großes Stück Fleisch in den Mund und setzte einen die dahinter steckende Ironie förmlich laut hinausschreienden Tut-mir-leid-Blick auf, wobei er schulterzuckend mit beiden Zeigefingern auf seine prall gefüllten Backen deutete.

Augenblicklich wandten sich die vor lauter Neugier nur so sprühenden Blicke des Technomagiers und des nicht minder interessiert wirkenden Bogenschützen der Feuerstochter zu, welche im Gegensatz zu Haeverflox um einiges mitteilsamer war und dafür sorgte, dass beider Männer Wissbegier umgehend befriedigt wurde. So berichtete sie, dass vor einhundert Jahren niemand anderes als das Hassenichgesehn es gewesen war, dem man in seiner Eigenschaft als Angehörigem des Wächterordens die Aufgabe zugeteilt hatte, ihr ihre Habe und das Elixier der brennenden Nemesis zu überbringen, damit sie für den Fortbestand des Siegels Sorge tragen konnte. Doch ihrer beider Geschichte, die sie anschließend mit glänzenden Augen und unübersehbarer Begeisterung vortrug, ging noch weiter. Denn ganz entgegen der alten Traditionen, welche vorsahen, dass die Hüterin der Dimensionen nach getaner Arbeit für sieben Tage als geehrter Gast im Wächtertempel weilte, bevor ihr Geist zurück zu den Ältesten aufstieg, hatten sie und Haeverflox sich nach der Siegelerneuerung still und leise abgesetzt und waren gemeinsam durch die Tavernen der näheren Umgebung gezogen. Auch wurde Alaru nicht müde kundzutun, dass er von allen Wächtern, die sie jemals getroffen hatte, der Erste war, welcher ihren seit jeher innigen Wunsch möglich machte, sich wenigstens ein einziges Mal über das ihr und dem Orden von den Ältesten vorgegebene Regelwerk hinwegzusetzen und dass sie nie zuvor eine schönere Zeit in Orcumorra verbrachte als diese.

»So erklärt sich jedenfalls das Warum«, murmelte Rheyva, nachdem Alaru geendet hatte, wobei seine irritierte Gefühlslage gnadenlos durch seinen Gesichtsausdruck verraten wurde. »Aber das Wie ist mir immer noch schleierhaft. Immerhin ist das Ewigkeiten her. Also ... Wie

»Ich bin hundertachtundfünfzig Jahre alt«, platzte es wie selbstverständlich aus dem Hassenichgesehn heraus, wonach es ob der nun noch perplexeren Miene des Technomagiers mit dem erhobenen Zeigefinder mahnend hinzufügte: »Und bevor du mir auf dumme Gedanken kommst, will ich anmerken, dass ich gerade im besten Alter bin, verstanden?«

»Hundertachtund ...«, begann Rheyva, griff sich an die Stirn, deutete verständnislos auf seinen alten Freund und fasste sich wiederum an den Kopf. »Das ... Flox, ich ... Wir kennen uns jetzt schon ewig und haben schon so viel Zeug zusammen erlebt, ich meine ... Warum hast du von alldem nie was erzählt? Dass du Wächter warst und mit der Feuerstochter zu tun hattest und ... dass du so alt bist?«

»Du hast nie gefragt«, erwiderte er in aller Seelenruhe und füllte seinen soeben geleerten Becher aufs Neue mit einer frischen Portion Met.

»Ich hab nie gefragt«, wiederholte der Technomagier abfällig und lachte kopfschüttelnd auf. »Du wohnst seit Jahren unter meiner Hütte und kamst nie auf die Idee, so was einfach mal von selbst zu sagen? Ist ja nicht so, dass solcherlei Dinge vollkommen unwichtig wären.«

»Du hast deine Hütte auf meinen Bau gesetzt, nur damit das klar ist«, brummte er zurück. »Abgesehen davon, mein lieber Rhey, bist auch du nicht gerade ein offenes Buch, wenn es um deine Vergangenheit geht.«

»Erstens bin ich mir ziemlich sicher, dass ich dieses Fleckchen Erde vor dir entdeckt habe!«, begehrte dieser ohne Umschweife auf. »Und zweitens hab ich dir schon mal gesagt, dass ich von früher ... Dass da nichts ... Du weißt genau, was ich dir gesagt habe, also sieh mich nicht so von unten herauf an!«

»Oh, und wie ich das weiß, es war nämlich verdammt wenig, falls du dich erinnerst! Und mein Bau war definitiv vor ...«

»Freunde!«, ging Vesten schließlich dazwischen. »Jetzt mal ehrlich, wer zuerst hier war und wer nicht, ist doch vollkommen egal.«

»Ach, ist es das?«, grummelte das Hassenichgesehn beleidigt, trank einen Schluck und warf einen übellaunigen Blick in die Runde, ehe es sich die Sache anders überlegte und mit einem flüchtigen Grinsen auf den Lippen beschwichtigend abwinkte. »Hast ja Recht, Sten.«

»Danke«, gab dieser zurück, musterte sein Gegenüber einen Moment lang nachdenklich und fasste schließlich in Worte, was ihm gerade durch den Kopf gegangen war: »Du solltest es ihm wirklich mal sagen, meinst du nicht?«

»Mir was sagen?«, horchte der Technomagier sogleich auf, schien es doch nur zu offensichtlich, dass damit niemand anderer als er selbst gemeint sein konnte. »Soll das etwa heißen, du hast Vesten mehr von dir erzählt als mir, deinem ältesten Freund?«

Abermals wanderte ein vielsagender Blick zwischen dem Bogenschützen und dem Hassenichgesehn hin und her, woraufhin Letzteres ein bedrücktes Schnaufen ausstieß, sich dann jedoch endlich ein Herz fasste.

»Erzählt habe ich ihm gar nichts, Rhey, nur kannte Sten mich trotzdem«, erklärte er. »Wir waren uns natürlich nie begegnet, bevor er hier auftauchte, aber da er nunmal zum Orden gehört, waren ihm einige der Geschichten bekannt, die wohl noch immer über mich erzählt werden. Daher wusste er auch, wer ich bin, und berichtete mir - neben einigen anderen Dingen, die ich lieber nicht gehört hätte - dass manche der Wächter mich hinter vorgehaltener Hand sogar eine Legende nennen. Allein bei dem Gedanken daran wird mir speiübel. Jedenfalls ... wollte ich nicht, dass du erfährst, wie im Orden von mir gesprochen wird, und schon gar nicht, warum das so ist. Also sagte ich ihm, dass du von alledem nichts weißt und dass das gefälligst auch so bleiben soll, weshalb ich ihm deutlich machte, bloß den Mund zu halten.«

»Aber eine Legende genannt zu werden ist doch was Gutes?«, fragte der Technomagier verwundert.

»Nicht in diesem Fall«, erwiderte Haeverflox niedergeschlagen. »Und vor allem nicht, wenn man bedenkt, wie es überhaupt dazu kam.«

So erzählte er schließlich seinem alten Freund, warum er schon lange kein Wächter mehr war, wieso er es hasste, mit dem Tempel in Verbindung gebracht zu werden und wie sehr es ihm zuwider war, dass ihm seine ehemaligen Ordensgeschwister diesen seiner Meinung nach hanebüchenen Titel verliehen hatten; wenn auch weitestgehend im Geheimen und mit der Missgunst des Rates. Jedenfalls begab es sich kurz nachdem Alarus Geist wieder zu den Ältesten aufgestiegen war, dass der Ordensrat plötzlich auf die Idee kam, entgegen der Bedenken von Haeverflox und einer Handvoll anderer Wächter, einen absolut irrwitzigen Plan in die Tat umzusetzen, der darin bestand, die immer wieder aus der Dimension der Verdammnis in das Land eindringenden Dämonen und Monstren, die der Orden eigentlich jagte und vernichtete, zukünftig zu fangen, einzusperren und zu zähmen. Der Rat versprach sich davon eine fähige Streitmacht für den Fall eines Krieges und kräftige Sklaven für alles andere, was anliegen mochte. Allerdings versagte jenes Vorhaben nur wenige Monate später, als ein Wächtertrupp einen äußerst starken und gefährlichen Blut-Ghul in den Tempel brachte. Durch dessen Ankunft stellte sich nämlich heraus, dass die Peitschen, welche von Magiern eigens für den Zweck der Bezwingung aller gefangenen Wesen mit Gefügigkeitszaubern belegt worden waren und von denen Haeverflox noch immer eine besaß, nurmehr Raubtiere und niedere Dämonen zu kontrollieren vermochten, nicht aber die wirklich mächtigen Exemplare. Und so geschah die Katastrophe: Der Blut-Ghul befreite erst sich und anschließend seine Mitkreaturen, woraufhin sie allesamt in einer gewaltigen Raserei fast den gesamten Orden niedermetzelten. Derweil gehörte das Hassenichgesehn zur Gruppe der Wenigen, welche einer ersten und die meisten Opfer fordernden Angriffswelle der Untiere widerstanden. Am Ende gelang es den übrigen Wächtern unter Haeverflox’ Führung, die folgende Attacke niederzuschlagen und den Ghul mitsamt seinem dem Blutrausch verfallenen Gefolge zur Strecke zu bringen. Doch kaum dass dies vollbracht war, tauchten wie aus dem Nichts die längst tot geglaubten Ratsmitglieder wieder auf, welche sich schon während des Ausbruchs der Gefangenen heimlich in den sicheren Katakomben unter dem Tempel verschanzt hatten und nun, ohne auch nur eine einzige Sekunde mit dem Betrauern der erlittenen Verluste zu verschwenden, neuerlich das Kommando an sich rissen, ganz so, als sei nie etwas gewesen. Daraufhin verließ Haeverflox noch am selben Tag den Wächterorden. Denn er konnte derlei interne Machenschaften weder mit seinem Gewissen vereinbaren noch wollte er auch nur einen Augenblick länger als nötig in den Diensten solch vermaledeiter Feiglinge verweilen, die sich zu allem Übel keinen Deut um Warnungen und erst recht nicht um hunderte von Toten aus den eigenen Reihen scherten.

»Nachdem ich einige Jahre als freier Dämonenjäger durchs Land gezogen war, ließ ich mich schließlich hier nieder. Und dann kam unser Genie daher und zimmerte seine Hütte auf meinen Bau«, beendete das Hassenichgesehn die Reise in seine Vergangenheit. »Seitdem hab ich ihn am Hals.«

Das darauffolgende Gelächter der Freunde, welches sich dank des Hassenichgesehns abschließendem Kommentar trotz seiner eher bedrückenden Erzählung nicht vermeiden ließ, sollte den Rest des Abends begleiten. So gaben die Männer alsbald mit Freuden - und eindeutig einer Menge Übertreibung - ihre Geschichten und Abenteuer zum Besten. Zwischendrin entfachten Rheyva und Haeverflox, angestachelt durch den Genuss des süßen Honigweins, eine neuerliche, kurze und nicht ganz ernst gemeinte Streiterei darüber, wer denn nun tatsächlich als Erster dieses Fleckchen am östlichen Weltende entdeckt hatte. Und zu guter Letzt wusste selbst Alaru die eine oder andere Anekdote aus alten Tagen zu berichten. Auf diese Weise verging die Zeit wie im Fluge, bis schließlich der mitternächtliche Himmel von einem wahren Sternenmeer überflutet worden und Stille rund um das nur noch sachte brennende Lagerfeuer eingekehrt war.

»Sag, Flox, spielst du noch?«, fragte Alaru nach einer Weile des Schweigens, wobei sie verträumt auf das Flämmchen blickte, das sie aus dem Kreise der seinigen gefischt hatte, und welches nun geschmeidig zwischen ihren Fingern umher glitt.

»Oje«, stöhnte er gequält auf. »Zwing mich nicht dazu, Liebes. Das letzte Mal ist sicher ein gutes Jahrzehnt her.«

»Spiel sie für mich, alter Freund«, bat sie und warf ihm einen langen Blick zu. »Bitte.«

»Mmmmmmmh«, brummte Haeverflox voller Widerwillen, griff aber schließlich unter sein Hemd, holte eine kleine, uralte Sandmuschelflöte hervor und begann zu spielen. Die sanfte Melodie - eine alte, tragisch angehauchte Volksweise, die er irgendwo aufgeschnappt hatte und die noch viel älter war als sein Instrument - mischte sich unter das Knistern des Feuers, und während das Flötenspiel sich seinen Platz in den Seelen der vier Freunde suchte, wurde ihnen allen bewusst, dass die unbeschwerten Zeiten vorüber waren.

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