Kapitel 2

Einige Wochen vergingen, und Alex hatte sich schon gut eingelebt. Wir unternahmen regelmäßig etwas miteinander, und heute war irgendetwas anders als sonst. Er wartete ungeduldig vor meiner Haustür, und wippe von einem Bein auf das andere. Ohne ihn länger in der Kälte stehen zu lassen, bat ich ihn zu mir rein, um sich ein wenig aufzuwärmen – schließlich möchte ich keinen Hund am Spieß haben.
Alex setzte sich auf die Treppe, und rief “Beeil dich ein bisschen, ich muss dir unbedingt was zeigen!” Schnell zog ich mir meine Jacke an, und packte mein Handy, und meine Geldbörse ein. Während ich so durch unser Haus lief, sah ich die Bilder an, die ungeordnet an den Wänden hingen. Trostlose Landschaften erstreckten sich auf dem Papier, welches von hölzernen Rahmen umrandet wurde. Ich schritt den Flur weiter entlang, und gelangte zum Ende. Vor einem Fenster blieb ich wie angewurzelt stehen. Ein großer mit Schnee bedeckter Berg faszinierte mich. Warum, weiß ich auch nicht so genau. Er hatte etwas Magisches an sich, und ich wollte unbedingt dort hin.
So dreist wie Alex war, provozierte er mich, in dem er mich immer weiter rief. Er gab mir Spitznamen wie “Lahmarsch; Schnecke”, das machte mich echt sauer, und ich sprintete zu ihm nach unten. Da ich kleiner als er war, stellte ich mich auf eine Treppenstufe, um auf gleicher Höhe mit ihm zu sein. “Sag' mal kannst du aufhören mich so zu nennen?” fauchte ich “Wenigstens bist du jetzt unten. Komm mit, und staune.” Ganz aufgeregt, öffnete er die Haustür, und zeigte auf ein nagelneues Auto. Ich bemerkte, wie mir mein Mund offen stand, und ich meinen Augen nicht traute. “Gehört das dir?! Wie geil ist das denn!” staunte ich “Hab ich's dir nicht gesagt? Damit sind wir jetzt schneller unterwegs.” prahlte er.
Wir machten uns auf, um ins Auto einzusteigen, doch bevor ich zur Tür gegriffen hatte, hielt Alex mir sie schon auf. Was ein Schleimer, ich grinste ihn an, und stieg auf den Beifahrersitz ein. Vorsichtig schloß er die Tür, und stieg zu mir in den Wagen. “Wohin geht's heute?” fragte er aufgeregt. Mein Finger zeigte in Richtung des Berges Nolai. Der Motor brummte, und wir fuhren in einem schnellen Tempo. Meinen Kopf drehte ich zum Fenster, um die Gegend zu beobachten.
Wir fuhren nun schon eine seit knapp einer Stunde und mir wurde ein wenig langweilig. Ich blickte zu Alex, welcher konzentriert auf die Fahrbahn sah. Warum hatte er nur so eine komische Wirkung auf mich? “Du schaust mich jetzt schon eine ganze Weile bedrückt an, was geht dir durch den Kopf, Charlie?” erkundigte er sich gelassen. Ich zwinkerte ein paar Mal mit den Augen, und sah dann auf die Straße. Meine Wangen schienen zu glühen, und ich räusperte mich bevor ich ihm eine Antwort gab “Ich habe mich nur gefragt, warum genau du hier hergekommen bist, und weshalb du dich so um mich kümmerst. Pass auf!” warnte ich ihn. Ein Ast flog gegen die Frontscheibe, und Alex hielt den Wagen ruckartig an. Mein Kopf wäre fast gegen das Handschuhfach geknallt, hätte mich der Sicherheitsgurt nicht zurückgezogen. Erschrocken sah ich zu Alex, der sich auf den Sitz fallen ließ, mit den Händen auf dem Schoß, und den Blick ins Leere gerichtet.
Ich versuchte mit ihm zu reden, doch er schien mich nicht zu hören. Also schnallte ich mich ab, und nahm seine Hände zwischen meine. Als ich ihn berührte, sah er mich verwirrt an. Sein Atem hatte sich wieder einigermaßen entspannt, und er war aufnahmefähig. “Das war nur ein Ast, bei deinem Auto ist auch nichts kaputt gegangen, und mit mir ist auch alles okay. Aber was ist mit dir? Du warst auf einmal nicht mehr mit den Gedanken im Auto, sondern irgendwo anders. Lass uns den restlichen Weg laufen, immerhin sind wir fast da.” beruhigte ich ihn, und gerade als ich aussteigen wollte, sagte er leise “Danke.”, und stieg vor mir aus.
Mit beiden Armen in der Luft, streckte ich mich erst einmal ausgiebig. Autofahren ist nicht so mein Ding, fühle mich da immer so eingeengt. Mein Begleiter hingegen lief schon einmal vor, und ich rannte ihm hinter her. Die Bäume hatten schon all ihre Blätter verloren, die ganze Umgebung sah ein wenig trostlos aus. Man sah die letzten Eichhörnchen herumhuschen, bevor sie sich in ihrem Bau versteckten.
An der Höhle angekommen, machten wir eine ungemütliche Bekanntschaft mit einem Obdachlosen, welcher sich in der Höhle eingenistet hatte. Er bemerkte uns, und packte ein Messer zwischen seine beiden abgemagerten Hände. Der Obdachlose sah schon sehr alt, und mitgenommen aus. Ich trat einen Schritt nach vorn, und versuchte ihm klarzumachen, dass wir ihm nichts Böses tun wollen. Skeptisch sah er mich an, doch als er Alex sah, legte er das Messer bei Seite, und bat uns zu sich. Kann Alex irgendwie zaubern, oder ist da etwas Tiefgründigeres, wovon ich nichts weiß?
Die beiden kamen ins Gespräch, und ich hörte ihnen gespannt zu. Der alte Mann drückte Alex kurz und dann schwelgte er in Erinnerungen. “Wie lange ist es her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben? Bestimmt 5 Jahre. Was ist mit deiner Familie? Warum bist du wieder hierher zurückgekehrt?” Sie wirkten so vertraut miteinander, da fühlte ich mich ein wenig unerwünscht. Ich wandte mich ein wenig von ihnen ab und merkte, dass er ein Lagerfeuer angezündet hatte. Die Flammen ähnelten der Farbe meiner Haare und ich fokussierte meinen Blick auf sie. Sie wuchsen immer höher und ein wunderschönes Farbspiel aus Rot- und Gelbnuancen bildete sich. Der Ältere kam auf mich zu und legte seine Hand auf meine Schulter “Feuer ist zwar schön, aber es birgt auch diverse Gefahren. Was ist eigentlich euer Anliegen?”
Ich erhob mich und erklärte ihm, weshalb wir hier sind “Alex und ich sind wohl irgendwie hier gelandet, der Berg hat etwas Magisches an sich.. Wissen Sie etwas über ihn und warum er so auf mich wirkt?” Er fasste sich an den Kopf und sah erst zu Alex, welcher ihm zunickte und danach zu mir. Wir setzten uns auf eine Matraze und er begann zu erzählen “Der Nolai ist ein sehr alter Berg und wird auch als Berg der Wölfe bezeichnet. Seit vielen Jahrhunderten besuchen Wölfe ihn und benutzen ihn als Rückzugsort. Es ist eine Rückkehr zur Natur, wie sie zu sagen pflegen. Wölfe verbringen hier ihre letzten Jahre und kehren danach zur Natur zurück.” ich zog eine Augenbraue nach oben “Und was hat das mit mir zu tun? Wieso habe ich so ein Verlangen hier zu sein? Immerhin bin ich nicht kurz vorm Sterben – ich bin sechzehn!” Der Mann lachte und wischte sich die Tränen vom Gesicht “Das musst du schon selbst herausfinden.” Ich bedankte mich und stand auf “Ich danke Ihnen für die Geschichte. Alex? Mir ist kalt, ist es in Ordnung, wenn ich schon mal vor zum Auto gehe?” fragte ich “Na klar, ich komme dann gleich nach. Gib mir fünf Minuten.” antwortete er freundlich.
Während ich so den Berg hinunter ging, sah ich zur Stadt. Mir gingen einige Gedanken durch den Kopf beispielsweise der Wolf und wie ich Zuhause weitermachen soll.
Ich setzte mich auf den Beifahrersitz und merkte, wie mir unbewusst Tränen übers Gesicht liefen. Was soll das? Ich habe keinen Grund zum Weinen, alles ist gut. Redete ich mir in Gedanken ein.
Als ich mich beruhigt hatte, lehnte ich meine Stirn gegen das Handschuhfach. Ich wischte mir die verlaufene Wimperntusche aus dem Gesicht und atmete tief ein und aus. Warum passiert das Alles? Was sind das für Stimmungsschwankungen und wieso kennt Alex diesen alten Mann?
In mir breitete sich das Gefühl aus, beobachtet zu werden. Um den Wagen standen fünf Wölfe, die hasserfüllt das Auto umkreisten und mir angewiderte Blicke zu warfen. Einer von ihnen wagte es, auf die Frontscheibe zu springen und mit seinen Pfoten dagegen zu treten, während andere gegen die Türen sprangen. Glücklicherweise hatten Wölfe keine Hände und konnten somit auch keine Autotüren öffnen.
Ja, ich hatte angst und das aus gutem Grund. Diese Wölfe sind bestimmt die, aus dem Wald vor denen ich geflohen bin. Aber aus welchem Grund sind sie hier her gekommen? Wollen sie auch ihre letzte Ruhe verbringen oder mich einfach nur nerven?
Von der Spitze des Berges kamen zwei weitere Wölfe und der Kleinere von beiden sah aus wie der Wolf, den ich befreit hatte. Ich freute mich ihn wiederzusehen und im selben Moment sprang einer von den feindlichen Wölfen aufs Dach des Autos.
Die beiden Wölfe liefen auf die anderen zu und knurrten laut. Sie griffen sich nicht an, sondern entpuppten sich als Menschen? Nun standen sich sieben Männer gegenüber und alle waren auf einen Streit aus. Unter ihnen befand sich auch Alex und der alte Mann vom Berg.
Ein schwarzgekleideter Mann lief auf Alex zu und packte ihn an den Haaren. Tief in mir brodelte eine gewaltige Kraft und ich spürte, dass mir ganz warm wurde. Ohne zu überlegen, stieg ich aus dem Auto aus und ging zwischen die zwei Streithähne. Wieder dieser angewiderte Blick in seinem Gesicht. Auch wenn ich kleiner als der Typ war, hatte ich einen sehr starken Willen. “Ich habe absolut keinen Schimmer, was hier vor sich geht, aber könnt ihr das nicht einfach mit Worten klären? Wenn ihr wollt, dass wir gehen, dann gehen wir, aber bitte greift euch nicht an. Das tut beiden Seiten nicht gut. Ihr wollt eure letzte Ruhe genießen? Dann geht hoch und lasst uns zufrieden.” schlug ich selbstbewusst vor.
“Von einem Jungenhund lasse ich mir doch nichts sagen! Aber bitte, wir hatten sowieso nicht vor zu kämpfen.” sprach der Kerl schnippisch und steckte die Hände in die Hosentaschen. Er ging mit seinen Leuten herauf zur Bergspitze. Der Alte sprach zu Alex “Jetzt weiß ich, was du meintest. Pass gut auf sie auf, sie ist etwas Besonderes.” Nachdem er diesen Satz beendete, brach er zusammen. Angespannt sah ich zu Alex, welcher seine Hände auf die Brust des Grauhaarigen legte und seine Augen schloss. Ein helles Leuchten entkam aus dem Körper des Mannes und die Körperteile verwandelten sich zu kleinen Partikeln, welche im Wind wegflogen.
Verwundert über die Geschehenisse von gerade eben, half ich Alex hoch. Gemeinsam setzten wir uns ins Auto und fuhren die Straße herunter. Wir saßen still nebeneinander und ich merkte, dass sich Alex' Gesichtsausdruck verändert hatte, er lächelte.
Ich ging noch einmal Szene für Szene in meinen Gedanken durch und kam zur Erkenntnis, dass Alex sich irgendwie verwandelt hatte. Mein Körper zuckte, als er den Wagen zum Stoppen brachte. Ich drehte meinen Kopf nach links. Alex sah mich besorgt an und fuhr sich durch die Haare. Bevor er mit Sprechen begann, atmete er tief durch “Du hast es gesehen, nicht? Das nennt man Wolfsblut und es gibt einige davon in Westfield. Wie du gesehen hast, sind nicht alle so nett wie ich und deshalb möchte ich, dass du dich davor jetzt nicht erschreckst.” er nahm meine Hände und sah mir in die Augen “Du bist auch ein Wolfsblut, Charlie.” Ich musste lachen “Ich wusste ja schon immer, dass mit mir nicht stimmt, aber sowas? Das ist doch lächerlich, das kann nicht wahr sein. Hast du zu viel getrunken?” Verwundert sah Alex mir ins Gesicht “Du hast schon gesehen, was da gerade los war oder? Da waren immerhin sieben Wölfe und du hast dich ihnen in den Weg gestellt.” “Ich hab' das schon gesehen, aber ich bezweifle, dass jemand wie ich, ein Wolf sein soll. Ich bin ein ganz normaler Mensch, wie jeder andere auch.” zog ich seine Worte ins Lächerliche und zog meine Hände zurück. “Versprich mir bitte, dass du niemandem davon erzählst, nicht einmal Alice!” flehte er mich an woraufhin ich nur lachte “Wer würde mir denn glauben, so ganz ohne Beweise? Die würden mich nur einliefern lassen.” Erleichtert atmete der Braunhaarige aus und startete den Motor.
Als ich nun endlich zu Hause angekommen war, war es immernoch sehr ruhig kein Wunder, es war auch halb drei Nachts. Auf leisen Füßen schlich ich die Treppe herauf und ließ mich auf mein Bett fallen.

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