Kapitel 2

„Na, Elisabeth, sind Sie hier, um Ihre Bewerbung abzugeben?“

Freudig strahlte Lilly die Bibliothekarin an. Dass sie direkt mit diesen Worten begrüßt wurde, gab ihr ein gutes Gefühl: „Ja, natürlich!“

Lächelnd nahm Frau Walkowiak ihr den ausgefüllten Bewerbungsbogen aus den Hand: „Ich hatte fest mit Ihnen gerechnet. Natürlich haben alle anderen Schüler auch noch bis Ende der Woche Zeit, ihre Bewerbungen abzugeben, aber ich bin mir sicher, niemand ist so qualifiziert wie Sie.“

Lilly konnte sich nicht helfen, sie grinste von einem Ohr zum anderen: „Es wäre ein Traum für mich, das wissen Sie, Frau Walkowiak!“

Die grauhaarige Dame legte ihr eine Hand auf die Schulter: „Natürlich weiß ich das. Aber ich glaube, Sie sollten sich jetzt beeilen, sonst verpassen Sie die erste Stunde.“

Elisabeth nickte. Sie war so ungeduldig gewesen, dass sie tatsächlich an ihrem ersten Schultag früher als nötig aufgestanden war, um ihre Bewerbung bei der Bibliothekarin noch vor Unterrichtsbeginn abgeben zu können. Anja und Monika, mit denen sie ein Zimmer teilte, hatten sie verflucht dafür, dass ihr Wecker eine halb Stunde früher als gewöhnlich geklingelt hatte.

Fröhlich machte sie sich auf den Weg zur ersten Stunde des neuen Jahres. Sie hatte Englisch, da Frau Schneider auch dieses Jahr als Klassenlehrerin für ihren Jahrgang zuständig war.

Gerade noch pünktlich kam sie im Klassenzimmer an und setzte sich auf ihren üblichen Platz zwischen Monika und Benjamin. Der hob nur fragend eine Augenbraue, weil sie praktisch mit dem Klingeln erst aufgetaucht war.

Mit einem schiefen Grinsen erklärte sie: „Bewerbung für die Schülerassistenz in der Bibliothek.“

Während ihre Lehrerin reinkam, schüttelte er den Kopf und flüsterte ihr zu: „Du hast das echt gemacht. Man, Lilly, du gibst dir echt alle Mühe, die perfekte Streberin zu sein.“

Frustriert wisperte sie zurück: „Ich bin halt einfach gerne von Büchern umgeben. Wenn das uncool ist, ist das halt so.“

Wieder schüttelte er nur den Kopf, doch da Frau Schneider jetzt nach ihrer Aufmerksamkeit verlangte, sagte er nichts weiter. Nur mäßig interessiert lauschte Elisabeth den Ausführungen über die Oberstufenverordnung, über die Anforderungen, die sie alle für die Zulassung zum Abitur erfüllen mussten, und über die groben Inhalte des kommenden Halbjahres. Sie konnte gar nicht mehr zählen, wie oft sie die Oberstufenverordnung schon durchgelesen hatte. Die meisten ihrer Mitschüler hatten kein Interesse daran gehabt, die Anweisungen zu lesen oder zu verstehen, weswegen sie am Ende für die meisten ausgerechnet und erklärt hatte, wie viele Kurse sie belegen mussten, um den Regeln zu entsprechen. Dass sie sich das jetzt wieder anhören musste, obwohl Frau Schneider im Vorjahr exakt denselben Vortrag gehalten hatte, langweilte sie unendlich.

Ein Finger bohrte sich unsanft in ihre rechte Seite. Mit finsterem Blick drehte sie den Kopf zu Benjamin, doch der deutete mit einem Nicken auf den Collegeblock, der vor ihm lag. Elisabeth seufzte schwer, doch sie kam der Aufforderung nach.

„Wie waren deine Ferien?“, stand da geschrieben.

Innerlich rollte sie mit den Augen. Es war ja nicht so, als hätten sie nicht den ganzen Sommer über jeden Tag miteinander geschrieben. Er wusste ganz genau, was sie die Ferien über getan hatte und ob es ihr Spaß gemacht hatte. Doch natürlich musste er ihre alte Routine wieder aufnehmen, jede Unterrichtsstunde über mit ihr über den Collegeblock zu kommunizieren.

„Du solltest besser zu hören, was Frau S. sagt“, kritzelte Elisabeth hastig zurück.

Sie sah sein übertriebenes Augenrollen, während er schrieb: „Bin in Englisch eh eine Niete. Kein Bock.“

„Warum warst du noch gleich auf einer Privatschule mit Sprachschwerpunkt?“

„Basketball.“

Elisabeth sah, wie der strenge Blick ihrer Klassenlehrerin auf sie fiel, und so packte sie schnell den Stift weg und antwortete nicht mehr. Natürlich wusste sie genau, dass Benjamin nicht wegen des breiten Fremdsprachenangebots hier war, sondern weil der Basketball-Verein der Schule schon einige bedeutende Sportler hervorgebracht hatte und deswegen im Blick der Nachwuchs-Scouts war. Ihre eigenen Eltern hätten allerdings niemals zugelassen, dass sie sich ihre Schule nach ihrem Hobby aussuchte.

Als Frau Schneider sich zur Tafel zurückdrehte, schrieb Elisabeth schnell: „Was ist mit der Bundeswehr?“

Benjamin zuckte nur mit den Schultern, aber er zog den Block zu sich, um eine längere Antwort zu schreiben: „Bundeswehr ist die Vernunftlösung. Die bezahlen mir das Studium, wenn ich mich für Jahre verpflichte. Wär schon okay. Aber wenn ich von irgendeinem Scout entdeckte werde…“

Ein Finger tippte gegen ihren linken Arm. Überrascht drehte Elisabeth sich zu Monika um, die ihr einen bedeutungsvollen Blick zuwarf und dann kurz zu Benjamin rüber schaute. Hilflos zuckte sie mit den Schultern, was ihr einen sehr strengen, anklagenden Blick einbrachte. Natürlich hatte ihre beste Freundin recht. Sie hatten so oft darüber gesprochen, wie ungesund ihre Liebe zu Benjamin war, dass sie sich von ihm lösen sollte, nicht so viel Zeit mit ihm verbringen sollte. Doch wenn er mit dem Finger schnipste und ihr Aufmerksamkeit spendete, war sie wie ein dressiertes Hündchen sofort da. Entschuldigend legte sie den Kopf schräg und lächelte.

Als sie sich wieder umwandte, sah sie, dass Benjamin noch etwas auf den Block geschrieben hatte: „Ignorier mich ruhig.“

Gegen ihren Willen fing ihr Herz an, schneller zu schlagen. Wenn er besitzergreifend wurde oder sich verletzt darüber zeigte, dass sie ihn vernachlässigte, flammte die Hoffnung hoch in ihr auf. Es war so offensichtlich, dass er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit wollte, dass er am liebsten rund um die Uhr mit ihr zusammen sein wollte. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass er in ihr wirklich nur seine beste Freundin sah. Da musste mehr sein, alles andere machte sein Verhalten unerklärlich. Und an genau diese Hoffnung klammerte sich ihr Herz, so häufig er in den vergangenen drei Jahren auch darauf rumgetrampelt hatte.

Ehe sie die Chance hatte, etwas auf seine Worte zu erwidern, verkündete die Klingel das Ende der Stunde. Rasch schrieb sich Elisabeth die Hausaufgaben von der Tafel ab, dann sprang sie von ihrem Platz auf, um mit Benni zu sprechen, ehe er den Raum verlassen konnte. Zu ihrer Enttäuschung stand er aber schon bei Sebastian und Christian, was für sie ein deutliches Zeichen war, ihn jetzt nicht anzusprechen. Wenn er mit den beiden Jungs zusammen war, durfte sie nicht mit ihm reden, das hatte er ihr mehrfach deutlich gesagt. Grimmig verzog sie den Mund und setzte sich wieder. Im Gegensatz zu ihm hatte sie jetzt Philosophie, ein kleiner, nicht verpflichtender Kurs, den nur noch zehn andere Schüler in ihrer Stufe belegten.

Sie winkte Anja zu, die den Kurs ebenfalls nicht belegte und deswegen ging, dann widmete sie ihre Aufmerksamkeit Monika: „Sorry.“

Die verschränkte ihre Arme vor der Brust: „Du sollst dich nicht entschuldigen, du sollst das endlich sein lassen.“

„Ich weiß ja“, sagte Elisabeth niedergeschlagen, „aber ich kann ihn ja schlecht ignorieren, oder?“

Ihre beste Freundin warf ihr einen sarkastischen Blick zu: „Ja, um Himmels Willen, was würde nur geschehen, wenn du den hohen Herrn Benjamin Sommer auch nur eine Sekunde lang ignorieren würdest?“

„Das Universum würde vermutlich explodieren.“

Schockiert drehte Elisabeth sich zur Reihe hinter ihr um: „Michael! Du hast gelauscht!“

Der schwarzhaarige Junge zuckte nur mit den Schultern: „Ihr wart jetzt auch nicht gerade leise. Und ehrlich, ich glaube wirklich, dass ich eher Schweine fliegen sehe, als dass du mal nicht springst, wenn Benni hüpf sagt.“

„Siehst du!“, betonte Monika und legte ihr eine Hand auf den Arm: „Sogar Mike stimmt mir zu und das alleine ist schon ein Weltwunder.“

„Ihr seid doof“, war alles, was Lilly dazu sagen konnte.

Schnaubend lehnte sich Michael wieder zurück, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, offensichtlich durch mit dem Thema. Auch Monika ließ kopfschüttelnd von ihr ab.

Die gute Laune, die Elisabeth am Morgen noch gehabt hatte, war dahin. Sie verstand durchaus, dass alle sie immer damit aufzogen, wie besessen sie von Benjamin war. Aber es war ja nicht so, dass sie das absichtlich tat. Sie konnte einfach nicht anders. Jemand wie Michael hatte da leicht reden, immerhin war er einer der begehrtesten Jungs in der Klasse. Den anderen Mädchen war es offensichtlich egal, dass Michael eher mäßig in allen Fächern war, um nicht zu sagen wirklich schlecht. Was zählte, war sein gutes Aussehen und die lässige Art sich zu kleiden. Er wusste vermutlich nicht, wie sehr einem das Herz wehtun konnte, wenn man unglücklich verliebt war. Und Monika war zu sehr mit sich und ihren Gedanken beschäftigt, als dass sie Zeit für romantische Gefühle hatte. Nur Anja verstand sie.

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Das Licht der Abenddämmerung hüllte die Bibliothek in einen fahlen Schimmer. Sie hätte die großen Lampen anmachen können, doch das Zwielicht, das jetzt herrschte, gefiel Elisabeth viel besser. Schon seit sie vor fünf Jahren an dieses Internat gewechselt hatte, hatte sie sich zu der Bibliothek und ihren unendlichen Reihen von Büchern hingezogen gefühlt. Dieser Ort war für sie zu einem Ort der Ruhe geworden, wo sie Kraft tanken und alles Negative des Tages vergessen konnte. Genau aus diesem Grund war Elisabeth jetzt auch hier, froh darüber, dass die Bibliothekarin vorne in ihrem Büro saß und sie so vollkommen alleine war.

Sie wanderte zur Mitte des riesigen Raumen, wo sich das Schachbrettmuster des Bodens mit einem riesigen Stern verband. Sie stellte sich genau auf den Stern, breitete die Arme aus und starrte zur gewölbten Decke hoch. Absolute Stille umfing sie, wie erwartet.

Doch dahinter lag mehr. Konzentriert lauschte Elisabeth in die Stille, die sie wie ein warmes Tuch umhüllte. Ihre Ohren nahmen keinen Laut wahr, und doch meinte sie, ein fernes Wispern zu hören. Vorsichtig, die Augen noch immer geschlossen, drehte sie sich um ihre eigene Achse. Das Wispern wurde lauter, wenn man das über einen unhörbaren Laut sagen konnte, und dann wieder leiser. Sie drehte sich ein Stück zurück, bis sie genau die Position gefunden hatte, an der das Wispern am lautesten war.

Sie öffnete die Augen und starrte geradewegs zwischen zwei Buchreihen hindurch auf eine Tür. Frustriert ließ sie die Arme sinken. Sie hatte Frau Walkowiak schon mal gefragt, was hinter der stets verschlossenen Tür lag, doch die Antwort war mehr als unbefriedigend gewesen. Angeblich befanden sich in dem Raum nur Technik und Stromkästen. Elisabeth konnte das nicht recht glauben, immerhin wusste sie vom Hausmeister, dass es im Keller einen riesigen Technikraum gab. Wieso sollte es für die Bibliothek noch einmal separat einen solchen Raum geben? Aber die Bibliothekarin hatte keine andere Antwort gegeben und sich auch geweigert, ihr den Raum aufzuschließen, das wäre viel zu gefährlich mit all der Elektrizität darin.

Sie schloss erneut die Augen, doch das Wispern war verstummt. Genervt von sich selbst, schüttelte Elisabeth den Kopf. Vermutlich hatte sie in der absoluten Stille nur ihr Blut rauschen hören. Was sollte hier auch wispern? Sie wünschte sich zwar manchmal, dass die Bücher um sie herum zum Leben erwachten, doch leider war sie inzwischen zu alt, um wirklich daran zu glauben.

Mit langsamen Schritten ging sie durch das ihr inzwischen nur zu bekannte Labyrinth aus Regalreihen, ließ dabei immer die Finger der einen oder anderen Hand über die Buchrücken fahren, und verdrängte jeden negativen Gedanken aus ihrem Kopf. Mit jedem Schritt, den sie tat, mit jedem Buchrücken, den sie streifte, spürte sie, wie ihre gute Laune wieder zurückkehrte und mit ihr auch ihre Energie. Als sie ihren Rundgang durch die unteren Regelreihen beendet hatte und an eine der Wendeltreppen herantrat, die zur Galerie hinaufführten, fühlte sie sich so erfrischt wie am Morgen nach dem Aufstehen.

Kichernd sprang sie die Stufen hoch. Während unten überall Lehr- und Sachbücher für alle Schulfächer und noch viel mehr standen, beherbergte die Galerie, die den gesamten riesigen Raum umlief, Romane und Erzählungen. Dort, wo sie gerade hinaufgekommen war, befanden sich die Regale mit Fantasy-Literatur, ihrem von Kindheit an bevorzugten Genre. In den Jahren, die sie nun schon auf dieses Internat ging, hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, jedes Buch hier zu lesen, doch die Bibliothekarin hatte ihr das Leben schwer gemacht. Nach jedem Sommer fand sie mindestens zwanzig neue Bücher vor, die in dem Jahr erschienen waren.

So auch jetzt. Fasziniert griff Elisabeth nach einem dicken gebundenen Buch, dessen Cover in wundervollen Blau- und Rottönen gehalten war. Der Klappentext versprach eine magische Reise durch ferne Welten, wo Feen und Meerjungfrauen lebten. Da sie sowieso alle neuen Bücher lesen würde, entschied Elisabeth kurzerhand, dieses sofort auszuleihen und mit ihm zu beginnen. Es hatte ganz offensichtlich nach ihrer Aufmerksamkeit verlangt und wer war sie, dem Ruf eines Buches zu widerstehen?

Comments

  • Author Portrait

    Oje, arme verliebte Seele. Das Buch scheint interessante Entwicklungen mit dem kleinen Streber vor zuhaben.

  • Author Portrait

    Das Buch hört sich vielversprechend an:) Hoffe sie bekommt den Job, sie scheint die Bücher sehr zu lieben

beta
Fairy Dust

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