Kapitel 2

Kapitel 2

 

Das kleine Rehkitz hatte keine Ahnung, dass es beobachtet wurde. Gelassen scharrte es zwischen den Heidenkräutern und zupfte von den darunterliegenden Farnwedeln die  frischen Knospen ab. Die Ohren des Jungtieres lagen in einer wachsamen Stellung. Das erste was es hörte, klang wie ein knackendes Geräusch eines Kieferzweiges. Erschrocken hab das Rehkitz den Kopf und suchte die Umgebung nach Wölfen und Riesenschlangen ab aber keine Gestalt rührte sich hinter den Bäumen. Es schüttelte den Kopf und machte sich weiter über den Pflanzenleckerbissen her. Aber dann geschah es. Wie aus dem nichts tauchte eine Elfe hinter einer Tanne auf mit einem gespannten Pfeilbogen. Die Nasenflügel der Jägerin bebten und ihre feuerroten Haare wirkten im Licht wie Lavaströme. Sie wollte das Tier auf keinen Fall verfehlen. Das kleine Reh überlegte nicht lange, spannte die Hinterbeinmuskeln an und sprang über einen umgestürzten Baumstamm.

Meleficent schoss aber der Pfeil traf nur die verfaulte Borke des Baumstammes und verfehlte ganz knapp die Flanke des Beutetieres. Meleficent grunzte, nahm aber die Verfolgung auf und sprang ebenfalls über den Baumstamm. Sie sah das Reh bei einem Hügel hinaufjagen und im nächsten Augenblick stand sie selbst auf dem Hügel. Meleficent spannte einen weiteren Pfeil in den Bogen aber sie senkte ihn wieder, als sie bemerkte, dass das Reh in einer Schlangenlinie um die Bäume flüchtete. Du entkommst mir nicht! Wenn ich dich nicht treffen kann, fange ich dich eben!                                                                                                                         So übernatürlich wie Elfen waren, stiess sie mit den Füssen querwegs gegen die Borke der Bäume ab und hüpfte im Zickzack von einem Baum zum nächsten. Ein letztes Mal stiess sie mit ihren Füssen an einer Birkenrinde und stürzte sich auf den Rücken des Rehes. Schreiend rollten die beiden über den Waldboden und Meleficent versuchte dem Tier den Pfeil in den Hals zu bohren. Aber ihre Konzentration lenkte sich auf einmal dem Waldboden zu. Mitten in einem Matschfleck im Moosteppich erkannte sie Fussspuren von einem aufrechtgehenden Wesen. So verblüfft von den Spuren, bemerkte sie gar nicht, wie das Reh sich aus ihrer Umklammerung freigekämpfte und mit den Hufen nach ihren Gesicht schlug. Der Huf traf mit voller Wucht ihre Wange und das Reh macht die Biege. „Donnerlüttchen, hast du dir wehgetan!“ Meleficent hielt sich die brennende Wange, als ein kopfgrosser Schmetterling auf sie zu geflogen kam. Sie rappelte sich auf und wischte sich den Dreck von ihrer Wange, Händen und Kleider. „So schlecht habe ich noch nie gejagt Marsulem!“ „Ich vermute, dich hat etwas abgelenkt, wie seit hundert Jahren nicht mehr“, Marsulem, der blaue Schmetterling mit den weissen Punkten, landete auf ihrer Handfläche. „Sieh dir diese Spuren an!“, Meleficent deutete mit den Ohren auf den Matschfleck. Der Schmetterling flatterte um ihren Körper und begutachtete die Spuren. „Ich habe jemanden in der Früh vorbeikommen sehen“, gestand er. „Welcher Art von Wesen? Etwa ein Dämon, ein Zauber oder ein Elf?“, Meleficent‘ Augen weiteten sich. Der Schmetterling zuckte mit seinen schwarzen Fühlern. „Ich habe das Wesen nur von hinten gesehen, aber ein Dämon  wird es nicht gewesen sein. Ich hätte einen erkannt.“ Meleficent beschnupperte die Spuren. Der Geruch war für sie fremdartig. Es kann kein Waldelf gewesen sein. Aber was war es dann?                                                                                                                 „Er ist  zum Brennnesselfleck gegangen“, fügte der Schmetterling noch hinzu. „Danke Marsulem“, Meleficent nahm ihre Waffe in die Hand und schlug den Weg zum Brennesselfleck ein. Sie wusste, dieser Ort mit den meterhohen Brennnesselranken, war der perfekte Ort für einen Hinterhalt. „Soll ich dich begleiten?“, bot ihr der Schmetterling an. „Damit muss ich alleine zurechtkommen“, rief Meleficent über die Schulter und wurde hinter den nächsten Felsen verschluckt.

Die Brennnesseln wölbten sich vor Meleficent wie Kletterranken in die Höhe. Ein kleiner Pfad führte durch die Pflanzen und Meleficent konnte erkennen, dass jemand vor kurzem den Pfad benutzt hatte. Dies verrieten die geknickten Brennnesselranken. Meleficent holte tief Luft und wagte sich in das Gestrüpp. Wachsam, und mit gespannten Pfeilbogen huschte sie zwischen den Ranken hindurch. Die Brennnesseln wirkten nun unheimlicher als zuvor und es schien als ob, jedes Geräusch von diesen Pflanzen zur Aussenwelt abgeschirmt wurde. Sie folgte den abgeknickten Blätter und warf immer wieder einen Blick über die Schultern. Ein Brennnesselblatt streifte ihren Hals und sie wirbelte herum. Dabei stiess ihr Pfeilbogen an den Ranken an und ein Rascheln hallte durch die Brennnesselgegend. Ärgernd über sich selbst verkniff Meleficent die Augen und entspannte sich erst, als das Echo verstummte. Warum muss ich heute gerade so ein Trampel sein? Bestimmt hat der ungebetene Waldbesucher mich gehört!                                                                                                          Ehe sie das gedacht hatte, konnte sie ein Atemzug ganz in der Nähe hören. Die Ranken zitterten hinter ihrem Rücken und im nächsten Herzschlag packten sie zwei kräftige Arme von hinten und hielt ihr eine Klinge an den Hals. Meleficent schrie vor Schreck auf, versuchte sich vor dem Griff zu lösen aber dabei packte der Angreifer nur noch mehr zu und sein edelsteinverzierter Schwertgriff rückte näher an ihren Hals. „Damit hast du wohl nicht gerechnet Elfe!“, knurrte eine männliche Stimme. „Und damit hast du wohl auch nicht gerechnet!“, Meleficent trat ihm auf den Lederstiefel und gab ihm einen Rückwärtstritt in den Bauch. Der Angreifer keuchte und stolperte rücklinks in die Nesseln. „Jetzt hat’s sich ausgespielt!“ Wütend zielte Meleficent mit ihrem Bogen auf den Angreifer, der sich aus der Brennnessel kämpfte.

Das erste was der Angreifer sah, war eine dünne Gestalt im Sonnenlicht. Ihr Kopf neigte sich und die roten Locken fielen der Person über das grüne Kleid herab. Es war eine Waldelfe mit einem schmalen Gesicht, grünen Kulleraugen und roten Wangen. „Tut mir leid Fräulein“, der Angreifer wischte sich ein Blatt von der Schulter. „Ich…“, er wurde unterbrochen. „Nennt mich nicht so, für euch heisst es immer noch Meleficent!“, die Elfe spannte ihren Bogen direkt vor sein Gesicht und der Pfeil berührte fast seine Lippe, wo sie den Angreifer zum ersten Mal richtig betrachten konnte. Es war ein junger Schattenelf, Meleficent erkannte es gleich an seiner Halskette, die aus einem schwarzen Anhänger, der an einen Totenkopf aus der Finsternis erinnerte. „Ich wollte euch nicht erschrecken, ich wusste gar nicht, dass so eine junge Waldelfe einen Wald alleine hütet“, der Schattenelfe rappelte sich auf und schüttelte Grashalme aus seinem blauen Umhang. Meleficent verengte die Augen und zielte weiter hin auf den Schattenelf. Er wuschelte durch seinen blonden Haarschopf und steckte sein Schwert zurück in seine Gürtelhalter und blinzelte Meleficent belustig mit seinen nussbraunen Augen ins Gesicht. „Ich muss dann mal weiter“, erwiderte er gelassen, da er dachte, Meleficent wäre keine ernste Bedrohung für ihn. „Oh nein, du bleibst du elender Schattenelf, wie konntest du es wagen meine Grenze zu überschreiten! Und wenn ihr denkt, ich hätte nichts drauf, dann irrt ihr euch!“ Meleficent zog ihn an seiner Kapuze zurück und fasst ihm an den weissen Kragen, so dass sie ihn fast vom Boden abhob. Der Schattenelf zog seine Augenbrauen hoch und befreit sich von ihrem Würgegriff und zückte wieder sein Schwert. „Möchtest du etwa einen Kampf?“ Meleficent‘ Augen begannen zu glühen. Wenn du möchtest, kannst du einen haben! Ihr Schattenelfen denkt schon immer, ihr könnt euch einfach dort niederlassen wo es euch gefällt, als wärt ihr das beste Wesen in Pangea!                                                                                                                                                  Der Schattenelf fuchtelte mit seiner Klinge nach Meleficent, aber die war so gelenkig, das von seinem Schwerthieben immer wieder ein Salto machte oder einfach ein Rad über den Boden machte.                   

„Na, so gelenkig seid ihr Schattenelfen eben nicht!“, spottete Meleficent und konnte seine Schweissperlen auf seiner Stirn nach hundert gescheiterten Versuchen glänzen sehen. „Wir sind aber stark genug um jemanden wie dich niederzustrecken!“, fauchte er, schlug ihr den Pfeilbogen aus der Hand und warf sich auf Meleficent. Mit einer Rolle konnte sie sich vor seinen Händen gerade noch retten und begann an einer Brennnessel hochzuklettern. „Du entkommst mir nicht!“, der Schattenelf folgte ihr und angelte nach ihren Haaren, die Meleficent gefährlich lange über die Schulter runterbaumelten. Meleficent bekam Angst, als sie das Ende der Ranke bereits entdeckte und das Schnaufen des Schattenelfen bereits an ihren Füssen spüren konnte. Sie zog sich mit ihren Oberarmen so schnell es gehen konnte, die Ranke hoch und sie wurde immer kürzer, bis sie schliesslich auf dem obersten Blatt der Ranke ankam, welches sich zu einem Kelch formte. „Jetzt bist du wie eine Maus gefangen!“, rief ihr Verfolger und krabbelte auf das Blatt. Meleficent sass in der Falle. „Ein Schwert ist immer noch die klügste Waffe“, spottete der Schattenelf und bedrohte Meleficent mit der Klinge. Meleficent gab sich nicht geschlagen und griff nach ihrer Notwaffe, dem Dolch. „Dachtet ihr ich wäre dumm!“, er riss ihr den Dolch aus der Hand und schleuderte ihn über die Kante des Blattes. Das war gut, denn Meleficent hatte den Dolch nur zur Ablenkung gebraucht und hatte unterdessen ein selbstgeschnitztes Horn aus dem Gurtbeutel gefischt. „Legt das wieder hin!“, drohte der Schattenelf auf der anderen Seite des Blattes. Ehe er aber Meleficent aufhalten konnte, blies sie bereits in das Horn und ein dumpfer Klang hallte über die Baumkronen des Grünwaldes. Kronen vereinzelter Bäume wippten und einige Vögel flatterten mit einem schrillen Alarmruf davon. „Und was hat das bitte gebracht?“, amüsiert spielte der Schattenelf mit seinem Schwert. „Also gebt ihr euch geschlagen oder muss ich euch zuerst übers Knie legen?“ Ein verschmitztes Lächeln formte Meleficent‘ Lippen und sie setzte einen spöttischen Gesichtsausdruck auf, als ein Schatten über ihr Gesicht wanderte und schliesslich die beiden Elfen vollständig überdeckten. „Dreht euch mal um“, flötete Meleficent. Der Schattenelf wirbelte um die eigene Achse und senkte verängstigt sein Schwert. Vor ihm baute sich ein Roch auf. Das war ein riesiger Vogel mit einer roten Zunge, braunem Gefieder und gelben Knopfaugen. Der Vogel entblösste seine Zahnreihe und brachte den Schattenelf mit einem Flügelschlag fast aus dem Gleichgewicht. Der Roch stiess einen ohrenbetäubender Lärm aus und stürzte sich auf den Schattenelf. Er erwischte ihn zwischen seinen Klauen und hob mit ihm in die Luft ab. „Danke Roxy!“, Meleficent schwang sich auf seinen Rücken. „Das Biest hat einen Namen!“, rief der Schattenelf, der hin und her in der Luft geschleudert wurde, während er sich verängstig an den Klauen des Roch fest klammerte, wo er mit ekelerregtem Gesicht einen Beuteknochen mit Fleischfetzten berühren musste. „Ja, hat er, wie jedes Tier in diesem Wald“, Meleficent‘ Kopf ragte über den Körper von Roxy und beobachtete den leidenden Schattenelfen mit Vergnügen. „Setzt mich wieder ab!“, befahl er mit wutverzerrtem Gesicht. „Nur wenn ihr bitte sagt!“, erwiderte Meleficent. „Ich denke nicht daran, nur über meine Leiche!“, konterte er. „Hast du das gehört“, flüsterte die Elfe Roxy ins Ohr. Der Roch kreischte voller Zorn auf und stiess wieder in die Tiefe. Meleficent musste sich an dem braunen Federkleid festklammern, so sehr zerrte der Wind an ihren Haaren und an ihrem Kleid. „Lasst mich los!“, kreischte der Schattenelf und sein Umhang verdeckte ihm die Sicht. „Wie du willst. Loslassen!“, befahl sie Roxy. Der Roch öffnete seine Klauen und der Schattenelf stürzte schreiend in die Tiefe. „Ich nehme alles wieder zurück, verzeih mir, bitte, bitte, rettet mich!“, schrie er im Gleitflug. „Roxy, fass ihn wieder!“ Ehe sie das befohlen hatte, stiess der Roch hinab, überholte ihn im Sturzflug, bis der Schattenelf auf seinen Rücken plumpste, dann spannte er seine Flügel aus und ging zu einen sanften Segelflug über. „Alles in Ordnung?“, Meleficent klopfte ihm auf die Schulter. „Ihr wolltet mich nicht umbringen?“ Die Waldelfe schüttelte den Kopf. „Warum sollte ich, ich bin kein gefühlsloser Schattenelf!“, sagte sie und zog die Augenbraue hoch. „Ich wollte nur, dass ihr euch ordentlich entschuldigt, wie sich es anscheinend nicht unter Schattenelfen gehört! Ach übrigens ich bin Meleficent. Ich bin die Hüterin über den Wald und ihr könnte mich Duzen wenn ihr möchtet.“ Der Schattenelf hielt sich erstmals die Ohren zu von dem Gefasel und versuchte freundlich zu blieben. „Mein Name ist übrigens Aragon ich bin hundertzwölf und ich komme aus dem Wald der Finsternis.“ Meleficent schwieg. Sie kannte diesen Wald nur von Karten und Bücher aber trotzdem wusste sie, dass der Wald südlich von ihrem Wald lag. Es war das grösste Schattenelfenreich in Pangea, welches jedoch nicht den besten Ruf hatte. Man munkelte nämlich, dass diese Schattenelfen immer besonders unfreundlich waren, weil der Schatten, der knorrigen Bäume ihre Herze verfinstert hatte. „Und wie lebt es sich dort?“, wollte sie von ihm wissen. Aragon zuckte mit den Schultern. „Wir leben hauptsächlich in unserem Schloss, fern vom Sonnenlicht und gehen nur raus, wenn wir Hunger haben“, murmelte er. „Für das, das du das Sonnenlicht meidest, siehst du noch ziemlich gut aus“, rutschte es aus Meleficent heraus und sie wunderte sich, warum dieser Schattenelf trotzdem noch so blonde Haare hatte. „Was hast du gesagt?“, fragte Aragon. „Nichts, wo soll ich dich denn absetzten?“, geschickt wechselte sie das Thema. „Vielleicht könntest du mich für eine Nacht beherbergen“, schlug Aragon vor. „Beherbergen, dich??“, Meleficent lenkte Roxy in den Tiefflug, das seine Beine fast die Baumkronen berührten. „Ich bin auf einer streng geheimen Mission, durchgehungert und müde. Ausserdem geht bald die Sonne unter.“ Aragons jämmerliche Stimme erweichte ihr Herz, als sie den Feuerball hinter den roten Bergen verschwinden sah. „Eine Nacht“, Meleficent knuffte ihm in die Rippen. „Aber du erzählst mir von deiner Mission.“ Aragon antworte nicht, wusste aber, das Widerstand gegen sie zwecklos war und hielt sich lieber an Roxy‘ Federkleid fest, damit er nicht bei der Landung vom Rücken rutschen konnte.

„Ziemlich schicke Bude“, Aragon hängte sein blauen Umhang an den Hacken neben Meleficent‘ Köcher. „Selbst gebaut?“ „Nein geerbt“, erwiderte Meleficent und schlüpfte aus den Schuhen. Aragon wollte schon den ersten Schritt auf den Grasteppich wagen, da hielt ihn Meleficent zurück und warf einen strengen Blick auf seine Schuhe. An seinen Stiefel hingen Dreckklumpen und zwischen den Ritzen Grasbüschel. „Was ist?“, Aragon verstand sie nicht. Meleficent verschränkte die Arme. „Deine Schuhhee!“, räusperte sie hervor. „Oh, entschuldige mich, Meleficent“, Aragon schlüpfte aus seinen Stiefel und brachte sie zur Garderobe. „Bei den Schattenelfen ist es höfflich die Schuhe anzubehalten“, erklärte er. „Und bei den Waldelfen ist es eine Frechheit!“ Wütend schlurfte sie in die Küche. Mit dem als Gast habe ich mir aber etwas eingebrockt!                   

„Hier, bitte, einmal Gemüsesuppe und zum Nachtisch Schlimmbeerentörtchen.“ Meleficent stellte Aragon eine Holzschale mit der dampfenden Suppe vor die Nase und auf einem Tellerchen servierte sie ihm noch die Törtchen mit dem blauen Schlimmbeerensaft. Aragon starrte entgeistert in die Brühe und hob das Törtchen vom Teller. „Wo ist das Fleisch. Bist du etwa Vegetarierin?“, fragte er. Meleficent verschluckte sich fast an ihrer Suppe. Was für ein Benehmen! Da lädt man jemanden freundlicherweise ein und die Person denkt, man würde extra nach ihrem Geschmack kochen!                                                                                                                                                     „Nein, ich bin nicht Vegetariern aber bei mir gibt es nicht jeden Tag Fleisch.“ Aragon legte seine Stirn in Falten und löffelte stumm die Suppe aus der Schalle, ohne sein Gesichtsausdruck zu verändern, doch am liebsten hätte er die Suppe gleich wieder ausgespuckt. Irgendwann pfiff er auf den Löffel und trank die ganze Suppe mit einem Schluck aus und liess einen Rülpser fahren. Fassungslos schaute Meleficent in seine braunen Augen. Rülpsen war das unartigste Benehmen bei den Waldelfen und vermutlich das artigste Benehmen bei den Schattenelfen!

Beim Schlimmbeerentörtchen hellte sich aber Aragons Laune gleich wieder auf und er stopfte sich gleich ein ganzes in den Mund. „Köstlich ist das, gibt es noch mehr?“, nuschelte er mit vollem Mund. Meleficent platze es den Kragen und sie schlug mit einer Faust auf den Tisch. „Ich habe die Nase voll von deinem Benehmen! Entweder du benimmst dich jetzt oder ich setzte dich vor die Tür!“ „Hab ich etwas dafür, Schattenelfen werden eben auf diese Art erzogen und ich wusste ja nicht, das Waldelfen gerade so anspruchsvoll bei Tischsitten sind!“ „Sag das noch mal und dein Schwert hat einen Kratzer!“, drohte Meleficent und schnappte sich Aragons Schwert, denn sie wusste, dass er an seinem Schwert hing. „Lass mein Schwert in Frieden! Ich räume sogar ab, aber lass mein geliebtes Schwert aus dem Spiel!“, Aragon hüpfte von seinem Stuhl auf und sammelte das Geschirr ein. „Ja, tut das“, brummte Meleficent. Für ihr Schwert tun männliche Elfen einfach alles!                                                                                   Während Aragon in der Küche hin und her flitze und das Geschirr auf seine Art wusch(einfach schnell das Geschirr ins Wasser tauchen und es tropfend im Schrank verstauen), betrachtete Meleficent sein Schwert. Es war ein Edelschwert aus Eisen geschmiedet, das durch seine kunstvolle Schmiedemethoden Geschmeidigkeit und Schärfe bekommen hatte. Der Griff war an der Spitze mit einem Rubin verziert. Meleficent konnte an seiner Holzkehle Gram ou Millien‘ sun lesen. Meleficent war keine Sprachkennerin. Sie konnte nicht einmal Altwaldelfisch verstehen, nur die gewöhnliche Landessprache Pangeanisch. „Aragon, was heisst Gram ou Millien‘ sun auf Altschattenelfisch?“ Aragon wischte sich die Hände an ihrem Geschirrtuch trocken, anstatt am Handtuch und fuhr sich durchs Haar. „Grams sind die besten Schwert bei den Schattenelfen und ou Millien‘ sun bedeutet: für Millien‘ Sohn.“ „Dein Vater heisst Millien?“, wollte sie wissen. „Ja, er ist ein Stiefbruder von Schattenelfenkönig Meriamix.“ „Dann bist du ein Prinz?“, fragte Meleficent. Aragon schüttelte den Kopf. „Nein, ich stehe erst an der zwanzigsten Stelle bei der Thronfolge, bis dahin, bin ich längst Tod.“ Meleficent übergab ihm sein Schwert und liess sich in ihr Schaukelstuhl fallen. „Erzähle mir nun von deiner Mission!“ Aragon setzte sich im Schneidersitz auf den Grasteppich. „Na gut, seit Jahren werden die Schattenelfen von einer blauen Hexe namens Yjades terrorisiert. Sie ist eine schreckliche Hexe und sie liebt es, wenn jemand unter ihr leidet. Beim jährlichen Fest des Schattens hat sie einfach ein Teil der Halle einstürzten lassen und einige von uns unter Schutt und Geröll vergraben.“ „Und warum tut sie das, ich meine nicht alle Hexen sind böse, einige sind sogar richtig freundlich?“, Neugier flammte in ihren Augen auf. Aragon zuckte mit den Schultern. „Ich glaube sie hat sich mit schwarzer Magie verbündet und wollte Meriamix dazu überreden, sich ihr anzuschliessen aber er hat sie abgewimmelt.“ Meleficent stand auf und lief im Kreis. „Und was hat diese Hexe mit deiner Mission zu tun?“ Aragon knackte abwechslungsweise mit den Fingern und überlegte, wie er ihr das am besten erklären sollte. „Ich suche sie und möchte sie töten.“ Meleficent bekam grosse Augen „In meinem Wald??“ „Na ja, nein…“, stammelte er. „Ich vermute, sie hat einen Umweg um diesen Wald gemacht und ich habe den Weg durch deinen Wald eingeschlagen.“ „Ich bin froh, dich morgen nicht mehr an der Pelle zu haben, du lockst bestimmt noch die Hexe an. Nicht auszudenken, wenn sie auf das…“,  Meleficent brach ab und wollte ihr Angst um das Einhorn nicht Aragon anvertrauen. Sie drehte sich um und kletterte im nächsten Augenblick die Leiter zur Hängematte hoch. „Kann ich wenigsten eine Decke haben?“, bettelte Aragon von unten. Keine Antwort folgte und nicht einmal mehr die Hängematt zitterte. „Na dann, gute Nacht!“, wünschte er ihr trotzdem, als er verstand, das sie ihm nichts mehr geben wollte. Der Schattenelf legte sich auf den weichen Teppich und rückte näher an den Kamin, damit er sich an der Glut des Feuers aufwärmen konnte und schlief ein.

 

 

 

 

 

Comments

  • Author Portrait

    Toll, dass du noch einen zweiten Teil von der Geschichte reingestellt hast. Klingt schon mal sehr spannend? Wann kommt die Fortsetzung? 5/5 von mir.

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media