Kapitel 2

Es war dunkel und wir froren. Alle gut eingemummelt in dicke Jacken. Gemeinsam standen wir mit vielen anderen mitten in Berlin. Nahe des Brandenburger Tores. Überall waren Fahnen von einer Partei. Dann hörten wir marsch Musik. Dann sahen wir im Fackelschein Menschen. Viele Menschen. Sie trugen Fackeln. Sie marschierten. Alle in Uniform und im Gleichschritt. Ein Fackelzug zu Ehren Hitlers. Seine Partei wurde mit ungefähr 44 Prozent gewählt. Er hatte fast die Absolute Mehrheit. Und dann ging es bergab. Das Ereignis mit 15000 Parteimitgliedern imponierten viel Deutsche. Es strahlte etwas Mächtiges, etwas Gutes aus. Alle wollten dabei sein. Ich nicht.“
Er trank noch einen Schluck und wartete einen Moment. Ich sah ihn vor mir. Ich sah den Fackelzug. Ich hörte die Rufe. Erst nachdem er lange geschwiegen hatte merkte ich, dass er geduldig wartete. Ich brachte nur ein beeindruckend über die Lippen.
„Ja, es war beeindruckend. Alle jubelten ihm zu. Sogar ich. Ich vergas für einen Moment das, was ich gelesen hatte. Er war eine Art Held. Nur dann ging es Berg ab. Dann als Im August 1934 Hindenburg stirb wird Hitler der Führer. So nannte er sich. Jetzt konnte er machen was er wollte. Vorher hatte noch die Regierung versucht ihn auszunutzen. Sie wollten mit ihm zusammenarbeiten, und ihn dann an die Wand drängen, bis er quieke, doch das hatten Sie nicht geschafft. Wie so vieles.
Es war schon dunkel. Der Mond wurde von leichten Wolken verhangen, so dass nur sehr wenig von dem silbrigen Licht durch die Fenster schien. Wir alle schliefen tief und fest. Wie immer schlug die Standuhr Mitternacht. Und sie schlug ihre letzte Stunde. Ich wurde durch ein anderes Geräusch geweckt. Gerade war der letzte Gong verklungen als ich hörte, wie das Glas splitterte. Unten im Flur waren Schritte. Viele Schritte. Langsam bewegten sie sich vor. Dann hörten wir wie die teure Vase, die auf dem Esstisch stand klirrend zu Bruch ging. Dann gingen die Schritte in die Küche. Ich hörte, wie das Geschirr, die Teller die Tassen, Gläser alles ausgeräumt wurde und auf den Boden geschmissen wurde. Ich hörte wie alles zu Bruch ging. Verängstig sprang ich aus dem Bett und schlich zu meinen Eltern herüber. Meine Mutter war genauso verängstigt wie ich. Ich kroch zu ihnen ins Bett. Schweigend und fassungslos verfolgten wir wie die Eindringlinge nun ins Wohnzimmer kamen und dort alles auseinander nahmen. Die Schubladen wurden herausgerissen. Die Sofas umgestoßen. Das teure Kristallglas zerstört. Dann kamen die Schritte nach oben. Türen wurden aufgestoßen und zugeknallt. Dann standen sie bei uns im Zimmer. Ich weinte vor Angst. Mein Vater stand vor dem Bett und schrie die drei großen, starken und bedrohlich wirkenden Gestalten an, was das soll. Doch sie antworteten nicht. Sie schlugen ihn ins Gesicht, traten ihn und einer verletzte ihn am Oberarm mit einem Messer. Dann warfen sie einen Schrank aufs Bett, wo er halb bewusstlos lag und der eingebaute Spiegel in der Tür splitterte und zerschnitt meinen Vater noch mehr. Dann schrien sie noch mal ihre Parole. Streckten ihren Arm aus, machten den Deutschen Gruß. Ich war geschockt als ich meinen Vater, der immer für mich als unbezwingbar galt, so hilflos und verletzt sah. Mit schrecken hörte ich, wie mein größerer Bruder mehrmals aufschrie, als er geschlagen wurde. Drei mal. Jeder Schlag hallte durch die Stille.
Er schüttelte sich. Doch dann fuhr er fort.
„Sie waren gerade gegangen, als meine Mutter sofort den Verbandskasten nahm und meinen Vater verarztete, als wir wieder schritte hörten. Sie knirschten auf den Scherben. Die Schritte kamen herauf.

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