Kapitel 2

Da sitze ich also, mit einer komplett fremden Person an meiner Seite, kurz davor, laut loszuschluchzen. Das ist eigentlich so gar nicht meine Art.
Ich weine selten, besonders seit einiger Zeit. Und wenn überhaupt, dann weine ich alleine. 
Ich spüre, wie Suns Blick auf mir ruht, und er scheint eine loslösende Wirkung auf mich zu haben. Schließlich ist es soweit: reflexartig öffnet sich mein Mund und ich schnappe mit einem lauten Schluchzer nach Luft. Meine gierige Lunge erschüttert meine Brust, ich verliere die Kontrolle über meine Mundwinkel und meine Stimmbänder.
Ich führe meine Hände zu meinem Mund, doch diese zittern bereits wie Espenlaub. Mein Körper beschämt mich, stellt mein Innerstes bloß.
Sun sieht mich nur weiter an - ich spüre es, auch wenn ich ihr nicht ins Gesicht sehe. Sie scheint ihre Lektion gelernt zu haben, als sie vorhin versucht hatte, einen Arm um mich zu legen, und macht keine Anstalten, mich jetzt zu berühren.
Aber etwas an der Art, wie sie mich mit ihren großen Rehaugen beobachtet, fühlt sich an, als würde meine Seele gereinigt werden.
Die Leute starren schon. Mein Sichtfeld ist verschwommen, aber ich weiß, dass sie starren. Ich will einfach weg, und gleichzeitig scheint mein Körper gierig ihren Blick aufzusaugen. Es dauert eine Weile, bis ich mich fasse. Ich stehe auf, reiße mich gedanklich von Sun los, und augenblicklich überkommt mich diese Kälte. Ohne ein Wort verlasse ich unsere kleine Szene.

Ich bin überrascht, als ich Sun wiedersehe. Nach einem Monat kommt mir unsere Begegnung so unwirklich vor - wie ein sonderbarer Traum. Jede Erinnerung daran erscheint mir nun surreal, nicht zuletzt Sun selbst. 
Es ist ein kühler Sonntagnachmittag, und ich streune durch den Wiener Westbahnhof. Gerade verlasse ich den Supermarkt im Untergeschoss (einer der wenigen in Wien, die zumindest eine kleine Sektion auch Sonntags geöffnet halten), als mein durch die Menge streifender Blick an wirren, bunten Locken kleben bleibt. 
Ich fühle mich, als blicke ich ins Weltall: die Färbung dieser Masse an kinnlangen Korkenzieherlocken besteht aus einem Gemisch von pink, violett und dunklem Königsblau. Darüber wölbt sich ein dicker Kopfhörer, offensichtlich in einer Art wirrem DIY-Anfall mit weiß-funkelnden und goldenen Schmucksteinen beklebt.
So sitzt das Mädchen, die Augen geschlossen, in einem der vielen Massagesessel, die dort in zwei Reihen Rücken an Rücken installiert sind. Ich erkenne sie nicht sofort, immerhin hat sie bei unserer ersten Begegnung eine Mütze getragen. Erst, als ich sie aus Neugierde von oben bis unten mustere, kommen mir ihre Plateauschuhe und die mitgenommene Leggin in Lederoptik bekannt vor. 
Schließlich bin ich nahe genug gekommen, um einen Blick auf ihr Gesicht zu werfen, und obwohl sie eine Brille trägt, ist es eindeutig: es ist Sun. 
Aus ihren Kopfhörern surrt entfernt Musik und sie selbst wirkt wie in Trance.
Meine Schritte haben sich inzwischen ganz unbewusst fast bis zum Stillstand verlangsamt. Ich bin so überrascht, sie wiederzusehen, dass ich alles um mich herum fast vergesse.
So stehe ich nun vor ihr und starre sie an. Hinter ihrer großen Brille schimmern ihre geschlossenen Augenlider in einer Mischung aus Gold und dunklem Lila, die Augenbrauen ruhen in entspannter Lage und ihre langen, getuschten Wimpern werfen sanfte Schatten auf ihre Wangen und ihre Lippen sind in tiefes Schwarz getaucht.
Sun. Es ist seltsam, sie so ahnungslos und verletzlich zu sehen.
Doch kaum komme ich zum Stillstand, schlägt sie auch schon ihre Augen auf, als hätte sie mich gerochen.
Für einen kurzen Moment meine ich, so etwas wie Hektik in ihrem Blick zu sehen - doch schnell legt sich darüber ein verschmitztes Lächeln.
Langsam nimmt sie die Kopfhörer von ihren Ohren und lässt sie um ihren Hals ruhen. Mein Blick bleibt sofort an ihren kleinen goldenen Ohrringen hängen, die Halb-, Sichel- und Vollmonde bilden. Damit wäre der Sternenhimmel komplett, denke ich mir. 
Als nächstes - was mich etwas verwirrt - nimmt sie ihre Brille ab, als würde ihr das einen besseren Blick auf mich verschaffen. 
Ihre Augenbrauen heben sich synchron mit ihren Mundwinkeln, als sie sagt "Also hast du mein Büro gefunden."
Ich denke mir dieses Mädchen ist doch absolut gestört - und lache los.

Comments

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    Yaaaay, endlich geht es weiter :) Toll geschrieben. Ich mag es auch total, wie du Sun beschreibst ;)

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    wunderbar geschrieben ^-^ so bildhaft, dass ich Sun zeichnen will

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    Ich find die Story sehr gut erzählt. Besonders dein Bezug zu deiner Stadt zeigt sich darin auch...

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    Juppieh! Endlich ein zweiter Teil! Toll geschrieben und Sun gefällt mir sehr, eine bemerkenswerte, schillernde Persönlichkeit!! :-)

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