Kapitel 2

Zyprins Schlaf war traumlos und fest, als sie spürte, wie sie jemand sanft an der Schulter fasste, um sie wachzurütteln. Sie murmelte schlaftrunken, dass es noch viel zu früh sei, um aufzustehen.
»Zyprin, es wird Zeit«, sagte ein Mann mit tiefer Stimme.
Erschrocken riss sie die Augen auf. Eine Männerstimme in ihrem Schlafzimmer?! Doch da brach die Erinnerung bereits wie ein Tsunami über sie hinweg und spülte Zyprin zurück in die Wirklichkeit. Der Tag war kaum merklich angebrochen, so vernebelt und feucht war die Luft. Aber man konnte langsam genug erkennen, um den Weg fortzusetzen. Ein Seufzer der Ernüchterung kam ihr über die Lippen.
»Ich bin wach Riley, gib mir drei Minuten, damit ich das auch meinem Körper erklären kann.«
Riley grinste breit. Zyprins verquollene Augen konnten diesen feixenden Anblick nicht ertragen und sie zog sich das alte Fell über das Gesicht, bis sie durch den Mief darunter fast erstickte.
»Ich habe aber etwas kaltes Wasser für dich, auch wenn wir kein Wasser verschwenden sollten, kannst du etwas haben, um dich zu waschen und den Mund auszuspülen.« Dumpf klang Rileys Stimme zu ihr durch. Bei dem Wort ›Wasser‹ wurde Zyprins Mund gleich trocken und sie verspürte einen gnadenlosen Durst. Schnell wühlte sie sich wieder aus den Fellen hervor.
»Oh ja bitte, gib mir das Wasser. Ich habe das Gefühl, ich hätte eine Woche nicht getrunken.«
Riley nickte und reichte ihr den Schlauch. »Das kommt durch die Wanderung. Das erste Mal ist es am schlimmsten, dann gewöhnt sich dein Körper nach und nach daran.«
Sie nahm einen Schluck, spülte den Mund und spuckte das Wasser hinter sich auf den Waldboden, dann trank sie ausgiebig von dem kühlen Nass. Wie gerne hätte sie jetzt eine Zahnbürste, um sich den schalen Geschmack aus dem Mund zu putzen. Stattdessen brach sie ein dünnes, grünes Ästchen ab und reinigte sich die Zähne mit dem zerfransten Ende so gut sie konnte.
»Na ja … also mindestens einmal muss ich dieses Wandern ja gemacht haben, denn sonst wäre ich ja wohl hier aufgewachsen«, sagte sie nachdenklich, nachdem sie sich den Mund ausgespült hatte.
Riley schüttelte den Kopf und reichte ihr ein Stück Trockenfleisch. »Nein, du bist auf einem andern Weg in deine Welt geraten, aber du wirst schon noch alles erfahren. Wir müssen bald los, also iss und versuch vorsichtig deinen Kreislauf in Schwung zu bringen, ich werde schon mal die Glut löschen und meine Habseligkeiten zusammenpacken.«
Sie nahm die Nahrung entgegen, als ihr Blick auf ihre Handtasche fiel, die achtlos auf dem Boden lag. Sie schob sich etwas salziges Fleisch in den Mund und griff mit der anderen Hand nach dem Schulterriemchen.
»Tut mir leid«, sagte Riley bedauernd. »Du musst alles, was aus deiner Welt ist, hier lassen. Alles, was verraten könnte, dass du zwischen den Welten gewandelt bist, musst du unbedingt loswerden, das ist lebenswichtig. Du darfst nichts mitnehmen und wo wir schon dabei sind …«, er hob seinen wettergegerbten Rucksack und griff hinein. Zum Vorschein kam ein seltsames Paket aus blauem und cremefarbenem, grobem Stoff, auf dem unförmige, braune Wildlederschuhe lagen.
»Das musst du anziehen, deine Kleidung ist zu auffällig.«
Er warf ihr die Kleider zu und sie hätte vor lauter Schreck fast das Fleisch fallen lassen. Unglücklich fühlte sie über den rauen Stoff und starrte ihn missmutig an.
»Lass mich wenigstens ein Bonbon für jetzt herausnehmen. Ich rieche aus dem Mund, als wäre etwas in der Nacht hineingekrochen und dort gestorben«, sie fand, wonach sie suchte, wickelte eine kleine bunte Kugel aus und legte die Süßigkeit in ihre Wangentasche. »Ich glaube, ich will wieder nach Hause, Riley«, sagte sie mit starkem Bauchwehgefühl. Es lag so viel Heimweh in ihrer Stimme, dass sie ihre Tränen nur mit Mühe unterdrücken konnte. Riley sah sie nicht an, aber Zyprin sah deutlich die Bewegung seines Kiefers, als er leise mit den Zähnen knirschte. Nein, er würde sie vermutlich nicht mehr heimbringen. Warum auch? Sie hatte schließlich zugesagt. Ihr war klar, dass sie, als sie A gesagt hatte, nun auch B sagen musste. Doch gerade jetzt vermisste sie ihre Stiefeltern und ihre Freundin sehr. Ein dumpfes Gefühl machte sich in ihr breit, als würde sie diese Menschen nie wieder sehen. Sie schluckte die aufsteigende Panik herunter. Was half es, sie musste Riley vertrauen, was anderes blieb ihr nicht mehr übrig.
Zyprin sah sich suchend um, die Bäume waren breit genug, um einen Blickschutz zu bieten. Sie entschuldigte sich murmelnd und verschwand hinter einem der Stämme, um Wasser zu lassen und sich umzuziehen.

Das Licht gewann mit dem Voranschreiten des Tages an Durchsetzungskraft und die Luft wurde klarer. Zyprin hörte Riley rufen, als sie auch schon zwischen den Bäumen hervor kam. Die Feuerstelle war nur noch ein schwarzer, rußiger Fleck, als er ein paar Handvoll feuchter Erde über der letzten Glut verstreute. Sein Rucksack war gepackt und Stöckchen scharrte bereits unruhig mit den Hufen.
Zyprins Kleid saß etwas eng, sie fühlte sich so unwohl und verloren in der Robe, als würde sie zu einem Kostümfest gehen. »Tadaaa!«, sang Zyprin verlegen, warf ihre alten Kleider auf den Boden und drehte sich unbeholfen im Kreis.
Riley räusperte sich verlegen. »Ja, das ist gut, so siehst du aus wie jede andere Menschenfrau aus dieser Welt. Du musst aber später das Cape umlegen, und dein Haar verdecken.«
Zyprin wollte es sich nicht anmerken lassen, dass sie seltsamerweise enttäuscht von seiner Reaktion war, und senkte daher schnell ihren Kopf. Das Kleid war einfach geschnitten, betonte aber durch den großen Ausschnitt und die cremefarbene, vorne geschnürte Korsage ihre Brüste ganz ohne BH. Sie empfand es schon fast als unanständig, wie groß die beiden durch das Schnüren wirkten, aber das war hier wohl normal. Die trompetenartigen Ärmel störten etwas, sahen aber irgendwie ganz hübsch aus. Der ausgestellte Rock, der in der Mitte geteilt war wie ein Hosenrock, raschelte bei jeder Bewegung, und auch wenn der Stoff so grob war, dass er an ihrer Haut rieb, gefiel ihr das Kleidungsstück.
»Ein Hosenrock«, sagte sie erstaunt. »Ich dachte erst, es wäre ein Kleid. Und warum muss ich mein Haar verdecken? Dürfen die Frauen hier ihre Haare nicht zeigen?«
Riley schaute sie nachdenklich an und sie fühlte, wie ihr unter seinem abschätzenden Blick die Hitze ins Gesicht stieg.
»Du bist zu hübsch. Dein Haar zu glänzend, deine Haut zu sauber und rein, deine Figur zu üppig.«
Sprachlos starrte sie ihn an. »Ich bin … was? Und ich habe … was? Und meine Figur ist zu …, willst du mir etwa sagen ich wäre zu fett?« Zyprins Wangen brannten, weil sie nicht wusste, ob das ein Kompliment war oder ob er sie gerade beleidigt hatte. Riley musste laut lachen, als Zyprin gekränkt die Arme vor der Brust verschränkte und bebend vor Zorn nach ihren alten Kleidern trat. Er packte sie, zog sie an sich und umarmte sie mit einem breiten Grinsen, dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie auf den Haaransatz.
»Du bist wirklich außergewöhnlich«, schmunzelte er, »und es war mein Ernst, als ich sagte, dass du zu hübsch bist. Du kommst aus einer Welt, in der Frauen sich mit Kosmetika pflegen können. Wasser ist immer da, wenn man es braucht. Es ist immer genug zu essen da und man kann zum Zahnarzt gehen, selbst wenn man keine Schmerzen hat. Die meisten Frauen hier müssen hart arbeiten, auf dem Feld wie auch daheim. Sie haben unzählige Kinder und weder Zeit und noch Muße sich um sich selber zu kümmern. Ich habe dir ein normales Bauernkleid gegeben, das als traditionelles Reisekleid getragen wird. Vornehmer als die Alltagskleidung, aber nicht so auffällig wie eines von reichen Frauen. Und genau die sind die Einzigen, die sich so eine Haut, so glänzendes Haar und so weiße Zähne leisten können. Ich möchte einfach nicht, dass du zu viel Aufmerksamkeit auf dich ziehst, denn es gibt genug Gesindel hier, das es auf reiche Reisende abgesehen hat. Nur aus dem Grund das Cape.«
Sein Blick ruhte sanft auf ihr und Zyprin fühlte sich fast hypnotisiert von seinen faszinierenden Augen.
»Oh … Okay«, war das Einzige, was sie stammeln konnte und als er ihr Gesicht wieder los lies, fühlte sie sich als wäre sie aus einer Trance erwacht.
»Gut, dann gehen wir, ich will bis zum Mittag aus dem Wald raus sein.«
»Gehen? Warum reiten wir nicht auf Stöckchen?«
Erneut erschien dieses charmante Lächeln auf Rileys Gesicht, das ihn so sympathisch machte.
»Du kannst es ja gern versuchen, aber Einhörner sind nicht wie eure Pferde. Sie sind eigensinnig und stur und machen nur, was sie wollen. Sie sind sehr intelligent, aber man kann sie weder zähmen noch reiten noch als Nutztiere gebrauchen.«
Zyprin nickte begreifend. »Also sind sie eigentlich Katzen auf Hufen.«
Stöckchen schnaubte empört und Riley sagte grinsend: »Oh Stöckchen, ich bin mir sicher, dass wir noch viel Spaß mit ihr haben werden.«

Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, vordergründig, weil Zyprin sich auf den Weg konzentrieren musste, um nicht alle paar Meter wegzurutschen, denn die neuen Schuhe passten nicht ideal. Aber auch, weil ihr so viele Gedanken durch den Kopf schossen und sie nicht wusste, welchen sie fangen sollte, um sich mit ihm zu beschäftigen. Es waren so viele Fragen offen, so viel Wissen, das ihr fehlte, so viele Wenn und Aber.
Unvermutet machte sie den Mund auf und riss Riley, damit aus seiner eigenen Gedankenwelt. »Wenn wir nun eh einen langen Weg vor uns haben, kannst du genau so gut anfangen und mich über diese Welt aufklären. Zum Beispiel was von mir erwartet wird. Worauf ich zu achten habe. Gibt es Regeln, die ich befolgen muss? Ich meine, werde ich die Leute hier überhaupt verstehen? Welche Sprachen werden hier gesprochen? Und warum ist meine Mutter so schwer verletzt oder ist sie krank? Warum kommt sie nicht in meine Welt um sich dort heilen zu lassen, wenn dieser Planet nicht so fortgeschritten ist? Warum glaubst du, dass mein Vater böse ist, was hat er getan? Und warum muss ich Angst vor ihm haben, bin ich nicht sein Fleisch und Blut?« Als sie erstmal anfing die Fragen in ihrem Kopf zu formulieren, sprudelten sie aus ihr heraus, als hätte sie Angst den Faden wieder zu verlieren.
Riley schwieg, bis der erste Ansturm von Fragen verebbte.
»Hör zu Zyprin, ich verstehe dich … wirklich! Ich kann versuchen dir grundsätzlich einige Antworten zu liefern. Aber auf einige Fragen habe ich keine Auskunft oder darf sie dir jetzt noch nicht geben, nicht bevor deine Mutter mit dir gesprochen hat. Was ich dir aber sagen kann … «, er stockte kurz und überlegte. »Du wirst alle Leute verstehen und sie werden dich verstehen, das liegt daran, das du nun auch ein Wanderer bist. Durch die Aktivierung ist es zu deiner natürliche Gabe geworden, alle Wesen, außer Tiere, zu verstehen. Dieser Teil von dir hat geschlummert und ist nun erwacht. Ich spreche im Grunde auch nicht deine Sprache, aber da ich ein Wanderer bin … «, er zuckte mit den Schultern. »Was von dir erwartet wird, kann ich dir nicht sagen, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass du nie gezwungen wirst, zumindest nicht von uns, alle Entscheidungen obliegen dir. Dein Handeln und Benehmen wird den Leuten so oder so fremd vorkommen, aber diese Welt ist mindestens genau so groß wie deine, wenn nicht sogar noch größer. Auch hier gilt, andere Länder, andere Sitten. Wenn du speziell auf etwas acht geben musst oder ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen solltest, werde ich dich darauf hinweisen, aber das ist in nächster Zeit nicht nötig. Die gehobenen Kreise der reichen Leute unterscheiden sich natürlich von dem des normalen Volkes, aber das gibt es ja auch bei euch. Das Essverhalten ändert sich, die Begrüßungsformeln ändern sich, die Wortwahl und deine Gebärden verändern sich. Sollte es jemals notwendig sein, dass du in diese Kreise musst, werde ich dich darauf vorbereiten. Doch das ist jetzt alles unnötig und ein Sprichwort sagt bei uns ›Getanzt wird erst, wenn die Musik spielt‹. Zu deinem Vater … «, er räusperte sich, sah weg und schüttelte den Kopf. »Ich kann dir leider nichts über ihn sagen, nicht mal seinen Namen, deine Mutter nahm mir das Versprechen ab dir nichts zu erzählen, bis sie mit dir gesprochen hat.«
»Und meine Mutter?«
»Was möchtest du wissen?«
»Nun ja, ich weiß im Grunde nichts über sie. Nicht, wie sie heißt, wie sie aufgewachsen ist, was sie erlebt hat und warum sie mich weggeschickt hat. Was ist so Schlimmes passiert, das sie glaubte, mich nicht beschützen zu können?«, Zyprin gab einen verbitterten Laut von sich. »Aber ich schätze, auf diese Fragen darfst du mir auch nicht antworten.«
»Nicht auf alles, nein, aber ich kann dir sagen, wie sie heißt. Ihr Name ist Bellfehy Saraehll.«
»Saraehll?«, fragte Zyprin verblüfft. »So ähnlich war mein Rufname … Sarah-Ella.« Sie erinnerte sich wieder an Müllplatz, wie sie umhergeirrt war. Wahnsinnig vor Angst vor dieser neuen fremdartigen und fürchterlich stinkenden Welt, in der sie nichts verstand und niemand sie verstand. »Jetzt begreife ich. Die Polizisten, die mich schließlich fanden, konnten meine Worte nicht verstehen, dass Einzige was sie wohl in meinem Kauderwelsch als einen Namen interpretierten, war Saraehll … Sarah-Ella.«
Riley nickte. »Möglich. Und eines Tages werde ich dir alles von deiner Mutter erzählen, was ich weiß. Sie ist eine außergewöhnlich starke Frau mit vielen Eigenschaften und einige … », er schmunzelte, »habe ich auch in dir wieder gefunden. Du scheinst ihr von deiner Art sehr ähnlich zu sein, von deinem Äußeren bist du es jedoch nicht.«
Zyprin war neugierig geworden. »Nein? Also komme ich nach meinem Vater … Und wie sieht Bellfehy aus?«
»Sie war eine Schönheit.«
»War? Warum war?«, Zyprin wurde hellhörig.
Rileys Blick schweifte ab. »Ihr Haar ist flammend rot und ihre Haut ist hell wie Milch. Ihre Augen haben die Farbe von dunklen Smaragden, ihre Lippen sind voll und haben sehr eigensinnige Züge. Doch vor ein paar Jahren unterlag sie in einem Kampf und erlitt schwere Verbrennungen … die meisten in ihrem Gesicht.«
»Oh«, Zyprin stockte, während sich in ihrem Kopf düstere Szenen abspielten. »Ich wage kaum zu fragen … ist sie häufig in Kämpfe verwickelt? Warum kämpft sie und wie? Ist sie eine Art Hexe oder so? Hat sie magische Fähigkeiten?«
»Über ihre Kämpfe wird sie dir selber berichten wollen, aber wenn du wissen willst, ob sie Feuerbälle aus ihren Händen schießen kann oder Felsen schweben lassen kann? Nein, so etwas kann sie nicht. Sie ist ein Wanderer, unsere Magie ist von anderer Natur. Wir verstehen fremde Sprachen, wir sind Hüter und bewachen die Pfade zwischen den Welten, damit sie nicht von Lebewesen, egal welcher Art, missbraucht werden. Es ist möglich, eine andere Welt ohne einen Wanderer zu erreichen, das ist dir damals als Kind geschehen. Aber es ist sehr gefährlich, du hättest damals auch sterben können. Aber nur durch diesen Zauber konnten sie dich in die Welt schaffen, in der du bisher gelebt hast, ohne, dass du als Wanderer aktiviert wurdest. So war es möglich, dass du ein Leben führen konntest, das nach deinen bisherigen Maßstäben normal war.«
Ein wehmütiger Schmerz durchzuckte sie, als sie an die Menschen in ihrer Heimat erinnert wurde. Wieder dachte sie daran, dass sie diese sobald nicht wiedersehen würde, diese Ahnung verstärkte sich mit jeder Minute, die sie hier war. Dennoch sanken die Zweifel über ihre Entscheidung mit Riley mitgegangen zu sein. Ihre Entscheidung war richtig, selbst, wenn sie nicht sagen konnte, woher diese Sicherheit kam.
Zyprin bemerkt Rileys grüblerische Züge. »Du bist dir nicht sicher, ob es richtig war, mich hier herzubringen, oder?«
Riley runzelte die Stirn. »Wer weißt, ob es richtig war. Oder gut oder schlecht oder einfach nur dein Schicksal. Das Leben ist, was es ist und unsere Entscheidungen färben unser Leben in verschiedenste Farbe, doch das fertige Bild sehen wir erst am Ende. Ich weiß, dass du in Gefahr bist. Ich weiß nur nicht, ob du auch in Gefahr gewesen wärst, wenn ich die nie gefunden hätte.«
»Riley, ich bin zwar noch jung und habe auch nicht besonders viel erlebt, aber eines weiß ich ganz sicher. Nenne es Schicksal oder was auch immer, aber seit der erste Mensch eine Entscheidung getroffen hat, hat er einen Dominostein umgeworfen und die Steine fallen bis heute. Es geht gar nicht anders, meine Steine fallen und ich folge dem Verlauf«, sie zuckte mit den Schultern. »Also mach dir keine Gedanken. Ich wollte mit dir gehen, auch wenn ich mich sehr unwohl fühle, weil ich nicht weiß, was mich erwartet. Ich muss stellenweise sogar regelrecht gegen Panikattacken kämpfen. Aber nun bin ich hier und meine Neugierde ist bis jetzt stärker als meine Angst vor dem Unbekannten.«
»Wer weiß, vielleicht hast du recht.«
Sie schwiegen den Rest des Weges aus dem Wald heraus und jeder von ihnen hing seinem eigenen Gedankengut nach.
Stöckchen schnaubte und blieb stehen, sie hatten den Rand des Waldes erreicht.
»Stöckchen wird uns nicht weiter begleiten, die Welt da draussen ist zu gefährlich für sie, ihr Horn ist als Trophäe zu begehrt«, sagte Riley.
Zyprin drehte sich fast schon etwas traurig zu dem Einhorn um. »Mach es gut Stöckchen. Ich bin sehr froh, dass ich dich kennenlernen durfte und ich hoffe sehr, dass wir uns bald wieder sehen.«
Stöckchen blähte die Nüstern, beugte den großen Kopf und schnaubte erneut, als würde sie Zyprin zustimmen wollen.
Riley nickte nur kurz in Stöckchens Richtung. »Wir sehen uns. Pass gut auf dich auf und lass dich nicht fangen.«
Das Einhorn wieherte und es hörte sich tatsächlich an, als würde das Tier lachen, dann drehte Stöckchen sich um und galoppierte donnernd davon, zurück in den dichten Wald.

Die Sonne stand hoch und offenbarte das märchenhafte Bild einer Welt, die im Mittelalter stehengeblieben war. Das warme Licht tauchte die umliegenden bunten Felder und grünen Hügel in ein bezauberndes, goldenes Licht. Es sah aus wie das Gemälde eines Künstlers, dem es gelungen war, den Ausschnitt einer ländlichen Idylle perfekt einzufangen. Zyprin saugte die frische Luft, die nach Wald, Blumen und Sommer roch, tief in ihre Lungen und prägte sich dieses Bild ein, es war so friedlich. Kein Autolärm, keine Kondensstreifen am Himmel, keine elektrischen Leitungen, die die Landschaft verschandelten, nur ein paar malerische Bauernhäuser am Horizont. Sie konnte fast schon die Farmer mit ihren Familien sehen, wie sie die Ernte in wenigen Monaten einholen würden.
»Es ist sehr schön hier.« Zyprin flüsterte, als hätte sie Angst den Frieden durch ihre laute Stimme brechen zu können.
Riley nickte. »Ja das ist es, aber das ist noch gar nichts. Wenn wir je dazu kommen, werde ich dir diese Welt und ihre Schönheit zeigen. Es gibt Plätze, die sogar mir den Atem stocken lassen.« Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Wir sollten weiter, die Mittagsstunde ist bereits überschritten und wir haben noch ein Stück Weg bis zum nächsten Hof vor uns.«
»Wir müssen nur noch bis zum nächsten Hof?« Zyprin war erstaunt, hatte sie doch mit einem viel längeren Weg gerechnet.
»Nein, wir haben noch eine weite Strecke vor uns, aber auf dem nächsten Hof habe ich unsere Pferde untergebracht, es wäre Schwachsinn den ganzen Weg zu Fuß zurückzulegen.«
Zyprin schluckte nervös. »Ich habe noch nie auf einem Pferderücken gesessen.«
Riley machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das kann ich dir im Handumdrehen beibringen, das ist keine Hexerei. Am Anfang werde ich dich führen, damit du dich an die Bewegungen des Tieres gewöhnen kannst. Viel mehr als einen leichten Trab werden wir ohnehin nicht anschlagen, um die Pferde zu schonen.«

Als sie den Hof erreichten, zog Riley Zyprin das Cape noch etwas tiefer ins Gesicht.
»Überlasse mir das Reden und sieh niemanden an, schau am besten auf den Boden und zieh das Cape nicht herunter.«
Zyprin spürte eine gewisse Nervosität, sie hatte Angst einen Fehler zu machen und zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und nickte daher nur.
In dem Moment trat auch schon der Bauer mit einem breiten Grinsen aus der Tür. »Hallo Riley, du bist schon zurück, hätte nicht so schnell mit dir gerechnet.«
Riley lachte fröhlich und umarmte den Mann. »Du kennst mich doch langsam, Tabos, ich bin unberechenbar und tauche immer zur ungünstigsten Zeit auf.«
Tabos lachte grölend. »Du sprichst wahr, du sprichst mir aus der Seele. Doch diesmal kommst du genau passend. Meine Frau bat mich, euch zum Bleiben zu überreden. Ein Becher mit kühlem Wasser aus dem Brunnen wird euren Durst stillen und eine stattliche Brotzeit füllt euren Magen.«
»Ich fürchte, uns bleibt keine Zeit. Aber wenn du mir die Möglichkeit gibst, meinen Schlauch mit dem Wasser zu füllen und uns einen kleinen Laib Brot mitgibst, so wäre dir mein ewiger Dank gewiss.«
»Ich werde Monora gleich sagen, dass sie euch einen reichlichen Bissen zusammenpackt.« Tabos drehte sich um und verschwand im Haus.
Zyprin flüsterte amüsiert: »Scheint ein guter Freund von dir zu sein, was?«
Riley hob eine seiner Augenbrauen und sagte eben so leise und ohne seine Lippen zu bewegen. »Er ist mein Freund, weil ich ihm eine nette Summe bezahlt habe, damit er unsere Pferde unterstellt. Sollte jemand anderer mehr bieten für meinen Kopf, wäre ich ohne ein Zwinkern unter dem Hammer und du im nächsten Bordell.«
Zyprin rieselte es heiß und kalt den Rücken runter, nun ja, das war wohl etwas, das es in jeder Welt gab, Korruption und Intrigen.
Riley ging zum Brunnen, betätigte die Pumpe. Zyprin beobachtete, wie Riley den Schlauch füllte, die Umgebung jedoch nicht einen Moment außer Sicht verlor.
»Lass uns schon mal in den Stall gehen«, sagte er und verschloss den Wasserschlauch. »Die Pferde sollen sich an deinen Geruch gewöhnen und ich muss sie satteln.«

Die Tiere waren wirklich schön und zum Glück auch sofort zutraulich, Zyprin streichelte sie, während Riley die Stuten sattelte und seinen Rucksack festschnallte. Sie führten die Pferde gerade aus dem Stall, als Tabos wieder aus dem Haus kam, mit einem riesigen Beutel in der Hand und einem breiten Grinsen im Gesicht.
»Meine Frau hat ordentlich was zusammengepackt.« Dann schaute er zu Zyprin und sagte mit einem Nicken in ihre Richtung. »Verzeih mir meine Neugierde, aber du hast mir deine Begleiterin noch gar nicht vorgestellt, ist sie stumm oder warum spricht sie nicht?«
Zyprin erstarrte, aber Riley antwortet gelassen: »Sie kann nicht antworten, sie ist eine Wärmende.«
Das lang gezogene »Oh!«, von Tabos sprach Bände und Zyprin fühlte, wie sie errötete. Zum Glück konnte das unter dem Cape aber niemand sehen. Sie vermutete, dass er sie gerade als Kurtisane oder etwas Ähnliches bezeichnet hatte, und nahm sich vor, das Riley später büßen zu lassen. Sie als ein leichtes Mädchen oder Schlimmeres zu bezeichnen war schon sehr dreist, doch seine Worte erfüllten ihren Zweck, denn Tabos verlor jegliches Interesse an ihr. Riley verabschiedete sich freundlich von Tabos und ließ Monora die besten Wünsche ausrichten.
»Möge der Himmel jederzeit blau, die Sonne stets hell und der Wind zu jeder Zeit lau für eure Reise sein«, antwortete Tabos, verbeugte sich und ging zurück ins Haus.
Zyprin mühte sich derweil verzweifelt mit ihrer Stute ab, die partout nicht stehen bleiben wollte und ihr Fuß dadurch immer wieder aus dem Steigbügel rutschte.
Riley sah sich das verzweifelte Schauspiel eine Weile grinsend an. »Schade, dass wir in Zeitnot sind, es ist wirklich sehr amüsant, dir zuzusehen.«
Zyprin schnaubte mürrisch. »Ich habe noch nie auf einem Pferd gesessen, wie du weißt, ergo bin ich auch noch nie auf eines aufgestiegen. Aber statt Löcher in die Luft zu starren, könntest du mir auch beim Aufsteigen helfen.«
Rileys Grinsen vertiefte sich. »Ja Ma'am! Zu ihren Diensten, Ma'am!«
Eigentlich wollte Zyprin noch mal wütend schnauben, aber da musste sie selber schon grinsen und schüttelte stattdessen den Kopf. Riley stellte sich hinter sie, packte sie an den Hüften und hob sie auf das Pferd, als würde sie nichts wiegen.

Stunden vergingen, in denen Zyprin krampfhaft versuchte, nicht vor Schmerzen aus dem Sattel zu fallen. Die ungewohnte Haltung, das Reiben der Schenkel auf dem Leder und die schwankenden Bewegungen waren zu viel für sie.
»Riley, können wir nicht eine Pause einlegen? Ich habe das Gefühl, als wäre ich völlig wund und mein Rücken bringt mich auch um.«
Riley war vorausgeritten und sah sich zu ihr um. »Meinst du, du schaffst es noch eine Stunde? Dann ist die Sonne weg und wir müssen ohnehin pausieren.«
Zyprin schloss verzweifelt die Augen und schüttelte den Kopf. »Ich meine es ernst. Wenn du nicht bald anhältst, werde ich vermutlich aus dem Sattel kippen und mich von deiner Stute hinterherschleifen lassen müssen.« Sie konnte gerade noch sehen, wie Riley die Kiefer fest aufeinanderpresste und mit den Zähnen knirschte, bevor er den Kopf wieder von ihr wegdrehte. Das schien er immer zu machen, wenn ihm etwas nicht passte.
»Oh na toll, diesen Blick hättest du dir auch sparen können«, sagte Zyprin und ihre Laune fiel in den Keller. »Glaubst du, ich lege Wert darauf, auch nur eine Nacht länger in der Wildnis zu verbringen als nötig? Ich weiß, dass wir Zeitdruck haben, ich würde auch lieber in einem weichen Bett liegen.«
»Das meinte ich nicht. Wir sind hier ungeschützt und somit ein leichtes Ziel. Ich kann unmöglich ein Feuer entfachen, ohne gleich ein halbes Dutzend Diebe und Mörder anzulocken.«
»Ganz fantastisch«, stöhnte Zyprin. »Und jetzt?«
»Uns bleibt leider nichts anderes übrig, als es zumindest noch ein paar Minuten zu versuchen. Ich weiß von einer einsamen Hütte ein oder zwei Meilen den Hügel hinauf. Aber wir müssen die Straße verlassen und querfeldein reiten.«
»Einverstanden. Los doch, ich reite dir nach«, beeilte sich Zyprin zu sagen.
Riley schüttelte den Kopf, die Sorge war ihm ins Gesicht geschrieben.

Etwas später, Zyprin hatte bereits das Gefühl bereits seit Wochen auf dem Tier zu reiten, sah sie ein verfallenes Dach hinter einem verwilderten, riesigen Busch.
»Oh bitte, sag mir, dass es das ist. Ich sterbe noch hier auf dem verdammten Gaul«, stöhnte sie und schloss flehend die Augen.
»Keine Angst, wir sind da. Und das gerade Recht, es wird bald dunkel. Das Dach wird uns zwar nicht vor möglichem Regen schützen, aber wenn wir Glück haben, wird es das auch nicht müssen. Nur wenn du glaubst, dort irgendwelche Annehmlichkeiten zu finden, werde ich dich vermutlich enttäuschen müssen.«
»Scheiß auf Annehmlichkeiten, ich will nur runter von dem Pferd!«, sagte Zyprin eine Spur zu laut. Sie war am Ende ihrer Kraft angelangt. Die Verletzungen drohten sie außer Gefecht zu setzen. Sie hatte nie gut Schmerzen aushalten können, aber das war in Zeiten von Schmerzmitteln auch nie nötig gewesen. Sie versuchte mit aller Macht ihre Tränen zurückzuhalten, denn für nichts auf der Welt, wollte sie sich vor einem Fremden diese Blöße geben.
Als sie auf das Grundstück des halb verrotten Gebäudes ankamen, fiel Zyprins Maske der Selbstbeherrschung.
»Hol mich hier runter, bitte, bitte. Ich kann mich kaum bewegen, geschweige denn mein Bein über das Pferd heben«, wimmerte sie und unterdrückte erneut trotzig ihre Tränen. Riley hatte wohl an ihrer Stimme die Dringlichkeit erkannt und war bereits an ihrer Seite, um sie vorsichtig von der Stute zu heben.
»Ich bin ja da, hab keine Angst, ich halte dich«, sagte er leise zu ihr. Er lies sie erst gar nicht auf den Boden aufkommen, sondern trug sie auf seinen Armen in die Hütte. Im Halbdunkel war der heruntergekommene Raum kaum zu erkennen, aber in der hinteren Ecke stand ein altes hölzernes Bettgestell. Die vorderen Beine waren abgebrochen oder verfault, die Liegefläche schien zwar schief, aber noch in Ordnung zu sein. »Das wird mir reichen, Riley. Setz mich bitte ab, ich muss mir die Innenseite meiner Knie ansehen.«
Riley nickte, setzte sie ab und kniete sich vor ihr hin, um ihr das Hosenkleid nach oben zu schieben.
Erschrocken schlug Zyprin dem Mann auf die Finger. »Was zum Geier wird das, wenn das fertig ist?! Ich schaff das schon.«
Riley runzelte die Stirn. »Sei nicht albern. Ich werde dir schon nicht zu nahe treten. Solltest du medizinische Grundkenntnisse haben, nur zu, dann werde ich draußen warten.« Er machte eine auffordernde Geste mit seiner Hand und stand auf.
»Bist du etwa auch noch Arzt?«, fragte Zyprin ungehalten und starrte den Mann aufsässig an.
»Das bin ich nicht, aber wenn man in dieser rauen Welt überleben will, muss man die Basiskenntnisse der Medizin und Heilung lernen. Sonst ist man schneller am Arsch, als man Hilfe rufen kann. Ich kenne die Heilkräuter in dieser Gegend und weiß, wie man sie verarbeitet, um die Schmerzen wunder Hautstellen zu lindern und noch so einiges andere. Das gehört zur Grundausbildung eines Wanderers, aber das wird noch alles auf dich zukommen. Also was ist jetzt? Darf ich versuchen dir zu helfen, oder nicht?«
Zyprin legte resigniert ihr Kinn auf die Brust. »Mach, aber sei vorsichtig, es tut weh wie die Hölle.«
Riley kniete sich erneut vor Zyprin hin und schob ihr den Stoff bis auf die Oberschenkel zurück. Sie hielt die Falten ihres Hosenrockes fest, damit diese nicht wieder nach unten fielen, und blickte an sich herab. Das entsetzte Keuchen entfuhr ihr, bevor sie auch nur das Geringste dagegen tun konnte. Die Innenseite ihrer Knie war rot und wund bis auf das rohe Fleisch.
»Oh verdammt, das sieht aber übel aus«, jammerte sie. Gewebeflüssigkeit, vermischt mit Blut sickerte aus den aufgeschürften Oberflächen.
Riley legte beruhigend seine Hand auf die ihre. »Sieht schlimmer aus, als es ist. Hier wächst Kordelwurz am Ufer des Baches, das werde ich gleich suchen gehen. Daraus werde ich dir eine Heilpaste mischen. Aber bis morgen Vormittag werden wir nirgends mehr hingehen. Du wirst dich hier hinlegen und nicht mehr von der Stelle rühren.«
»Nimm es mir nicht übel, Fremder, aber hier werde ich garantiert nicht die ganze Nacht liegen bleiben. Die Bettauflage ist komplett zerfallen und voll Ungeziefer, außerdem bohren sich mir jetzt schon die ganze Zeit Holzsplitter in den Allerwertesten. Wenn du so nett bist und mir dieses Schlaffelldings von letzter Nacht bringst, werde ich mein Glück darauf versuchen.«
Riley rieb sich genervt die Augen. »Ich bin gleich wieder da.«
Er ging zu den Pferden, schnallte seinen befestigten Rucksack ab und nahm auch den Beutel von Tabos mit. In der Hütte rollte er das Fell aus und bedeutete Zyprin, das sie sich darauf legen sollte. »Mach es dir bequem, ich werde mich jetzt auf die Suche nach den Kräutern machen und vielleicht finde ich noch etwas frisches Essbares. Ich lege dir so lange etwas vom Trockenfleisch und dem Brot hin. Iss, das stärkt dich.«
Erschöpft krabbelte Zyprin auf die provisorische Schlafstätte und summte nur ein kurzes »Mhm«, während sie ihr die Augen auch schon zu fielen.

Zyprin hatte keine Ahnung, wie viel Zeit mittlerweile vergangen war, als ein Geräusch sie weckte. Der Himmel über dem zerstörten Dach hatte bereits eine rote Färbung angenommen, in das das dunkle Blau der kommenden Nacht floss und zeugte vom baldigen Sonnenuntergang.
»Riley? Bist du das?« Sie bekam keine Antwort. »Riley?!«, abermals schlug ihr nur Stille entgegen. Stirnrunzelnd schloss sie die Augen erneut, vielleicht hatte sie sich ja auch nur verhört. Wieder ein Rascheln. Dieses Mal war es nicht zu leugnen, irgendjemand trieb sich da draußen rum. Langsam setzte sie sich wieder auf und versuchte die Dämmerung mit ihrem Blick zu durchbohren. Ein dunkler Schatten huschte links an der eingebrochenen Wand vorbei. Zyprin wurde heiß und kalt. Ihre Atmung beschleunigte sich und ihr Puls stieg jenseits von Gut und Böse. Angstvoll sah sie sich nach etwas um, das man als Waffe benutzen konnte. Hinter ihr lag ein zerbrochener alter Hocker. Unhandlich, aber zur Not leicht genug, um ihn aufzuheben und doch schwer genug, um sich damit zu verteidigen. Der Schmerz, der sich durch ihre Knie in jede Faser ihres Körper bohrte, als sie versuchte aufzustehen war höllisch. Sie schloss ihre Fäuste fest zusammen und bohrte sich ihre Fingernägel in die Handfläche, um von der anderen Qual abzulenken. Hinkend, um die Beine nicht zu sehr aneinanderreiben zu lassen, griff sie nach dem sperrigen Holz und hob es über ihren Kopf, um heftig damit zuschlagen zu können.
Komm nur, ich krieg dich, Junge. Ich bin in einer Großstadt aufgewachsen und habe gelernt, dort zu überleben. Da werde ich ja wohl mit so einem popeligen Räuber fertig, dachte sie, ignorierte die alarmierenden Körpersignale und presste verbissen die Zähne aufeinander. Der Angstschweiß rann ihr kalt die Stirn hinunter und drohte ihr in die Augen zu tropfen.
Ganz ruhig, Mädchen, lass dich ja nicht aus der Ruhe bringen. Riley verdammt noch mal, wo bleibst du nur?!
Wieder ein Geräusch, diesmal schon viel näher. Es raschelte leise im Gebüsch. Wenn das wirklich einer dieser Verbrecher war, vor denen Riley sie gewarnt hatte, bewegte er sich nicht gerade vorsichtig. Ob das eine Falle war? Wollte man sie rauslocken und dann von hinten überwältigen? Oh nein, sie würde die Hütte ganz bestimmt nicht verlassen. Auch wenn die Wände so gut wie keinen Schutz boten, fühlte sie sich hier trotzdem sicherer. Da! In den Schatten bewegte sich etwas. So tief unten? Wollte er etwa hereinkriechen? Entschlossen packte sie den Hocker noch etwas fester, um ihn über den Kopf zu schwingen und ihn dorthin zu werfen, wo sich Sekunden zuvor etwas bewegte. Krachend stürzte der Holzhocker zu Boden, doch der Schemen wich geschmeidig aus. Anstatt davon zu laufen, sprang er aus der dunklen Ecker auf Zyprin zu und warf sie rücklings zu Boden.
Kreischend hob sie ihre Hände, um den Angreifer abzublocken. »Geh runter von mir!«
Erst jetzt sah sie ihrem Kontrahenten ins Gesicht. Nur war es kein Räuber. Gelbe wütenden Augen starten sie an und die Lefzen an der langen schmalen Schnauze waren drohend hochgezogen. Ein dunkles Knurren grollte dem Tier aus dem Maul und brachte Zyprin dazu, ganz ruhig liegen zu bleiben. Es wäre ihr auch gar nichts weiter übrig geblieben, denn die großen Pranken lasteten schwer auf ihrer Brust. Vor Angst erstarrt riss sie die Augen auf und wagte es nicht, sich zu bewegen. Ein Wolf? Ein großer Hund? Wer weiß, was für ein Tier das in dieser Welt war.
»Schhhht«, sagte Zyprin leise. »Du wirst mir nichts tun, nicht wahr? Du hast dich vermutlich nur genau so vor mir erschreckt, wie ich mich vor dir.« Zyprins Finger zitterten, hoffentlich roch das Tier ihre Angst nicht. Quatsch, natürlich roch es sie, sie wurde ja beinahe selber vom Geruch ihrer Furcht erschlagen. Sie konnte nur beten, dass das Biest sich davon nicht provoziert fühlte. Vorsichtig nahm sie einen Arm herunter und tastete nach etwas Schwerem, um sich im Notfall gegen den Hund verteidigen zu können. Ihre Fingerspitzen berührten eine raue und doch nachgiebige Oberfläche. Das Trockenfleisch. Erleichtert schloss sie für einen Moment die Augen und hob das Fleisch auf.
»Hier liebes Hündchen, schau mal, was ich für dich habe.« Lockend wedelte sie die Trockennahrung in ihrer Hand hin und her. Es funktionierte. Neugierig drehte das schwarze Fellwesen den Kopf zur Seite und das Knurren stoppte. Seine Nase nahm den Geruch schnuppernd auf. Misstrauisch wendete es seinen Blick erneut auf Zyprin.
»Keine Angst, Herzchen, das ist ganz alleine für dich. Schau, es ist auch nicht giftig.« Zitternd führte Zyprin das Fleisch an ihren Mund und leckte daran, dann hielt sie es dem gefährlichen Ungetüm hin. Erneut schnupperte der große Hund und Zyprin erkannte, wie der Hunger über seine Furcht siegte. Vorsichtig nahm er ihr den Fleischstreifen aus der Hand. Endlich ließ er von Zyprin ab, trottete vor den zerfallenen Kamin und legte sich hin, seine Nahrung genüsslich kauend. Er hatte wohl beschlossen, dass die junge Frau keine unmittelbare Bedrohung mehr für ihn bedeutete. Zyprin setzte sich ohne schnelle Bewegungen auf und betrachtete stirnrunzelnd das pelzige Ungeheuer. Obwohl sie zugeben musste, jetzt, da der Streuner ruhig an dem Trockenfleisch kaute, wirkte er gar nicht mehr wie ein Monster. Eher wie ein verwilderter, sehr großer Hund, der kurz vor dem Hungertod stand. Ratlos starte sie durch den immer dunkler werdenden Raum.
»Tja, und nun?«, fragte sie sich laut. Das Tier stelle sofort die Ohren auf und betrachtete Zyprin aufmerksam und verschlang den letzten Bissen. Zyprin konnte den Boden kaum noch erkennen, aber sie wusste, es musste noch ein zweiter Streifen von dem Fleisch hier rumliegen. Halb blind tastete sich Zyprin über den schmutzigen Grund, in der Richtung, in der sie auch den ersten Streifen gefunden hatte. Da war er. Zufrieden nahm sie es in die Hand und streckte den Arm in Richtung Tier.
»Schau mal, ich habe noch was. Hast du noch mehr Hunger?«
Die Ohren des Wildtieres drehten sich interessiert wie kleine Satelliten, sodass Zyprin grinsen musste. Nein, jetzt wirkte der Fellberg gar nicht mehr bedrohlich. Aber sicher konnte sie sich natürlich nicht sein. Wer wusste schon, wie lange das Tier ohne menschliche Nähe ausgekommen war und jetzt vielleicht gar nicht mehr viel damit anfangen konnte. Der Hund erhob sich, trabte mit wedelndem Schwanz zu ihr rüber und schnupperte an dem Trockenfleisch. Langsam öffnete er das Maul und biss in den Streifen. Aber Zyprin ließ nicht los. Das war gefährlich, das gab sie zu, aber sie wollte wissen, ob das Tier nur wild vor Hunger war, oder ob sie sich noch immer Sorgen machen musste. Vorsichtig streckte die junge Frau die Hand aus, doch das Tier zuckte erschrocken zurück und sprang in die Dunkelheit.
»Schhh«, sagte Zyprin. »Ich tue dir nichts, wenn du mir auch nichts tust.«
Die gelben Augen richteten sich wieder aufmerksam auf sie und Tapser für Tapser kam er erneut näher, bis er dicht genug war, um an der Hand zu schnüffeln.
»So ist es gut, siehst du? Du bist bestimmt ein ganz Lieber, nicht wahr?« Zyprin behielt den sanften, beruhigenden Ton bei, wie sie es aus dem Fernsehen kannte und es funktionierte. Das Tier schloss die Augen und drückte seinen großen Kopf gegen ihre Handfläche. Triumphierend grinste Zyprin.
»Ich wusste es, du bist gar nicht böse, du hattest nur Angst und Hunger.«
»Was ist denn hier los?« Rileys dunkle Stimme durchbrach das magische Band, das sich zwischen Zyprin und dem wilden Tier zu bilden begann. Gehetzt jaulte der Hund auf, schnappte nach der Nahrung und war mit zwei Sätzen aus der Ruine verschwunden.
»Halt!«, schrie Zyprin aufgebracht, doch zu spät, ihr neuer Freund war weg. »Du Trampel«, maulte sie enttäuscht. »Ich hatte ihn gerade so weit, dass er mir vertraut.«
»Willst du mich verschaukeln? Ich lasse dich eine halbe Stunde allein und du beginnst mit Tieren zu reden? Was wolltest du tun? Dir ein Schoßtier zulegen?« Er fuhr sich gereizt durchs Haar. »Du bist unglaublich, weißt du das? Du weißt nichts von dieser Welt. Das hätte genau so gut ein Dämon oder Werwolf sein können, nach deinem Wissensstand.«
Zyprin klappte der Mund auf. »Ihr habt Dämonen und Werwölfe hier?!«
Riley schnaufte und sagte: »Nein, natürlich nicht. Aber es hätte sein können. Halte dich von allem Unbekannten fern, bis ich dir sage, es ist in Ordnung.«
Zyprin schluckte und nickte. Griesgrämig kramte er in seiner Tasche und schien kurz darauf gefunden zu haben, wonach er suchte. Es hörte sich nach Kieseln an, die er aneinander schlug und einige Funken stoben davon. Ah, Feuersteine, ausgesprochen hochentwickelt, dachte Zyprin sarkastisch. Schlagartig überfiel sie erneut das Gefühl, ihre fortschrittliche Heimat zu vermissen und die Zweifel kehrten zurück. Nicht zuletzt, weil der Schmerz mit voller Wucht zurückkehrte und sie kaum wusste, auf welche Art sie sich bewegen sollte. Zu Hause säße sie längst beim Arzt, wenn nicht sogar in der Notaufnahme.
»Sehr schlimm?« Riley sah sie mitfühlend an, was sie beinahe noch mehr irritierte, als das Auftauchen des Hundes.
»Nicht wirklich. Es fühlt sich an, als hätte mir jemand die Haut an den Knien abgezogen, sonst geht es.« Zyprin konnte sich den bissigen Unterton nicht verkneifen. Sollte er doch denken, dass sie ein Weichei war … er würde mit dieser Vermutung schließlich richtig liegen.
Riley griff nach seiner Tasche, holte eine kleine steinerne Schale hervor und einen Stößel. Er füllte den Mörser mit den gesammelten Kräutern und zerstampfte sie zu einem sämigen Brei. Erneut glitt seine Hand in den Rucksack und förderte einen kleinen hölzernen Behälter mit Deckel zu Tage. Er entfernte den Verschluss und fuhr mit zwei Fingern in das Gefäß. Eine schmierige Substanz tropfte zäh herab und er beeilte sich, genug in das Behältnis mit dem Stampfer zu geben. Aufs Neue drehte er den Stößel in dem ausgehöhlten Stein hin und her. Zyprin bemerkte, wie der Duft der Medizin sich in der kaputten Hütte breitmachte. Es roch angenehm und erinnerte sie an ihre Mutter. Wehmütig dachte sie an ihre Eltern. Hätte sie sich doch bloß die Zeit genommen, ihnen bescheid zu sagen. Sie kamen sicher um vor Sorge.
Riley riss sie aus ihren Gedanken. »Kannst du dich wieder auf den Rand des Bettes setzen und die Röcke raffen? Ich werde dich dann einreiben und verbinden.« In der einen Hand hielt er die Schale mit der Salbe, mit der anderen umfasste er zwei Rollen Verbandsmaterial aus grobem Stoff, die er vermutlich aus dem Rucksack hatte. Zyprin zwang sich die Vorstellung auf, er wäre ihr Arzt, um das peinliche Gefühl, das in ihr aufstieg, zu unterdrücken. Ihr war die Situation mehr als unangenehm. Mit geschlossenen Augen raffte sie die Röcke und starte dann in den durch das zerstörte Dach direkt in den dunklen Himmel. Doch die heutige Nacht war anders. Der Himmel wurde nicht mehr vom allumfassenden Schwarz dominiert. Unzählige Sterne übersäten das Firmament, ein goldgelber Nebel schlängelte sich wie ein durchsichtiger Schal zwischen sie hindurch und ließ selbst das unendliche All wie einen zauberhaften Traum erscheinen. Aber das Highlight waren die beiden Monde, ein großer hellblauer und ein kleinerer in strahlendem Weiß. Sprachlos starrte Zyprin in den Himmel, völlig fasziniert von dem Ring aus Meteorgestein, der sich um den großen Mond herumbewegte. Wenn sie genau hinsah, konnte sie sogar die Gesteinsbrocken erkennen.
»Oh mein Gott, das ist unglaublich. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie etwas so schönes gesehen«, flüsterte sie beeindruckt. »Ich habe das Gefühl, ich könnte die Steine des Ringes berühren, so nahe wirkt es.« Abgelenkt von dieser Welt vergaß sie, dass ein fremder Mann zwischen ihren Schenkeln kniete, sie mit seinen Händen an einer doch recht intimen Stelle berührte und eine Salbe auftrug. Mit geschickten Fingern umwickelte er sie mit den Bandagen und sagte: »Ja, es ist beinahe berauschend, wenn man sich den Nachthimmel in dieser Welt ansieht. Von allen Welten, die ich bisher besuchte, ist es hier nachts mit Abstand am schönsten.«
Zyprin nickte abwesend. »Für einen Moment empfand ich fürchterliches Heimweh, aber der Anblick ist jede Sehnsucht nach der Heimat wert.«
»Fertig«, sagte Riley und stand auf. Zyprin fühlte über den Verband. »Es tut gar nicht mehr weh.«
»Die Salbe ist schmerzstillend und desinfizierend. Ein Wanderer besitzt auch die Gabe der schnellen Regeneration. Deswegen altern wir wesentlich langsamer und unsere Wunden heilen schneller.«
Zyprins Augen wurden groß und rund. »Das ist doch mal ein netter Nebeneffekt.«
Riley wischte sich die salbenverschmierten Hände an einem öligen Tuch ab, das auf dem verrottenden Bett lag, und lächelte traurig. »Es hat seine Vorzüge, das ist richtig, aber es gibt auch Schattenseiten.«
»Die da wären?«
»Du siehst deine Liebsten sterben. Das ist der Grund, warum sich die meisten Wanderer ebenfalls mit Wanderern zusammentun. So müssen sie zumindest nicht den Verlust des Partners durch das Alter ertragen.«
»Oh.« Zyprin sah nachdenklich in die Fackel und beobachtete die sanft tanzende Flamme im Windhauch. »Das habe ich nicht bedacht.«
»Wir sollten jetzt schlafen, damit wir aufbrechen können, sobald es hell wird. Die Fackel muss ich löschen, ein Lagerfeuer kann ich auch nicht errichten. Der Lichtschein würde nur Gesocks anziehen. Ich werde mein Schlaffell gleich neben deines legen, damit wir uns gegenseitig wärmen können. Die Nächte können kühl werden.«
Zyprin schluckte und nickte. Es war ihr nicht wohl dabei, dass er so dicht bei ihr liegen würde. Aber er hatte vermutlich recht. An seine Nähe würde sie sich gewöhnen, an Kälte nicht. Riley musste ihr die Zweifel angesehen haben. Er grinste und sagte: »Keine Angst, ich werde dich nicht unsittlich berühren. Es sei denn, du willst es.«
Das Pochen, das sie jetzt zwischen ihren Schenkeln verspürte, kam diesmal nicht von der Verletzung. Sie lief rot an und ärgerte sich furchtbar über den Verrat des eigenen Körpers. »Hinlegen, Augen zu, Klappe halten, schlafen«, murmelte sie gereizt, zog sich das Kleid aus, bis sie nur noch im Unterkleid dastand, und kuschelte sich in ihre Felle. Das leise Lachen Rileys verfolgte sie bis in ihren Traum, in dem sie es wild und hemmungslos mit Riley trieb.

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  • Author Portrait

    Eine spannende Geschichte, in du die Lesende entführst! Deine Erzählweise ist lebhaft und lebensnah. Ich freue mich auf die Fortsetzung! 5/5 Und fühle dich herzlich willkommen auf Belletristica! :-)

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