Kapitel 2

„... Wenn Sie morgen ein weiteres Kapitel der Erfolgsgeschichte unserer Firma schreiben, werde ich in Gedanken an ihrer Seite sein. Immer an Ihrer Seite. Niemanden lasse ich allein bei der Meisterung der Aufgaben des Jahres 2025. Unseres Jahres. Auf unserem unaufhaltsamen Weg an die Weltspitze wird jeder Tag harte Entscheidungen für unsere großartige Firma von Ihnen verlangen und bei jeder davon werde ich hinter Ihnen stehen. Wie ich das schon seit dreißig Jahren getan habe. Immer hinter Ihnen. Bei allem, was Sie tun!“
Andächtige Stille, nur hier und da durchbrochen von einem verhaltenen Hüsteln oder dem Rascheln eines seidenen Abendkleides folgte den Worten des Mannes mit den schlohweißen, bis auf die Schultern herabhängenden Haaren, einem von Runzeln gefurchten Gesicht und den stechend grünen Augen in dem überlebensgroßen Hologramm. Selbst die kunstvollen Wasserspiele in den stillen Ecken zwischen den riesigen Gold- und Titansäulen schienen leiser zu plätschern.
Jetzt streckte Johannes Hakonsen beide Arme in Schulterhöhe aus, die offenen Handflächen den Anwesenden zugewandt. „Was auch immer Sie im Interesse unserer Firma tun werden - Sie werden es mit meinem Segen tun!“
Er ließ die Arme wieder sinken. „Doch nun ist es an der Zeit, unsere grandiosen Erfolge des letzten Jahres zu feiern. Möge das Fest beginnen!“
Sie klatschten, pfiffen und schrien, als gäbe es kein Morgen mehr; die distinguierten Herren mit den grauen Schläfen und den Zehntausend-Euro-Schuhen zusammen mit ihren juwelenbehangenen Ehefrauen; die durch ihre Macht begehrenswerten Top-Managerinnen mit ihren männlichen Anhängseln, und keiner unter ihnen, der nicht etwas in den blau-orangenen Farben der Firma getragen hätte.
Minutenlang brandeten die Ovationen durch die riesige Lobby des Titanium, und es interessierte niemanden, dass Klatschen politisch inkorrekt war und Grund für zart besaitete Gemüter, einen Safe Space aufzusuchen. Norweger waren sie und die, die es nicht waren, fühlten sich als solche. Sie beerbten die alten Wikinger, bei denen selbst die Weiber echte Kerle gewesen waren und wie diese, zogen sie aus, die Welt zu erobern. Ihr Safe Space lag in Walhalla, nirgendwo sonst und sie folgten dem, der sie dorthin führte - Johannes Hakonsen.
Der alte Mann hob noch einmal segnend die altersdürren Hände, dann erlosch sein Hologramm und die Big Band intonierte die Firmenhymne.


Borg stand über der Menge auf der obersten Stufe einer breiten Freitreppe aus grau gemasertem italienischem Marmor. Eine Hand hatte er auf das Titangeländer mit den Goldintarsien gelegt und die andere in die Hosentasche seines stahlblauen Abendanzuges mit den messerscharf gebügelten Kanten gesteckt. Er blickte auf die sich in orgiastischer Begeisterung suhlende Führungselite des Konzerns im Festsaal hinunter und achtete darauf, dass niemand von seinem Gesicht ablesen konnte, was er dachte.
In den letzten zehn Jahren war die Welt eine andere geworden. In Europa hatte eine Kaste gewissenloser Politiker die Staatskassen geplündert, die Behörden personell ausgeblutet und der Polizei das Rückgrat gebrochen. Auf den Straßen herrschte das Gesetz des Dschungels, unverschleierte Frauen waren Freiwild und Kinder armer Eltern Handels- und Sexobjekte. Die Großkonzerne hatten der kranken Europäischen Union das Recht abgepresst, paramilitärische Einheiten aufzustellen, um sich schützen zu können und bei einem solchen hatte Borg vor sieben Jahren einen Kontrakt auf Lebenszeit unterschrieben - NordicSF.
Für die Sicherheit rund um das Fest war Olaf Wielander verantwortlich und Borg hätte gar nicht hier sein müssen. Aber Wielander hatte sichergehen wollen und eine zweite Analyse sämtlicher elektronischer Systeme verlangt. Das fiel in Borgs Bereich und er hatte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sich die Führungselite des Konzerns aus der Nähe anzusehen. Jeder Mann und jede Frau da unten hatte Leichen im Keller liegen, manche ganze Berge davon, und er kannte jede Einzelne mit Vornamen. Doch weiter als bis zu dieser Treppe, an der er jetzt stand, durfte er nicht gehen. Er war hier nur geduldet; ein Handlanger; einer, der die Drecksarbeit für die da unten machte.
Sein Smartphone meldete sich mit einem „pling“. Sylvie hatte ein Bild geschickt. Darauf trug sie nichts weiter als den Hauch eines halbdurchsichtigen, schwarzen Négligés. „Glückwunsch zur Beförderung. Das Geschenk, das du gerade siehst, darfst du auspacken, wenn du nach Hause kommst. Kuss, Sylvie.“
Sie hätte sich die Haare blond färben sollen, dachte er. Die brünette Pagenkopffrisur passte überhaupt nicht zu ihren kühl blickenden, blassblauen Augen in ihrem so schönen Gesicht. Andererseits passte sie wiederum sehr gut zu einer Frau, die glaubte, ihm sagen zu können, was er durfte. Er massierte kurz die Muskelstränge in seinem Nacken, dann legte er die Hand wieder auf das Geländer.
„Es ist nach zwölf, da können sogar Sie die Jacke öffnen, auch wenn Sie nicht hierhergehören.“ Mikkelsen stellte sich neben Borg und blickte ebenfalls nach unten.
„Und was ist mit Ihnen?“ Borg blickte dem zwei Köpfe kleineren neben sich auf die Glatze. Auch Mikkelsen hatte noch nicht einen einzigen Knopf geöffnet. Der Managing Director Deutschland war weit über die Sechzig hinaus, breit wie ein Felsblock und maß dabei nur knapp einen Meter fünfzig.
Schnaubend erwiderte Mikkelsen: „Ihnen ist doch nicht etwa entgangen, dass ich hier Johannes Hakonsen vertrete?“
„Tatsächlich. Ich vergaß, dass Sie ja der Stellvertreter Gottes auf Erden sind. Nun ja, wenigstens hat ER sein Fußvolk mit einer Neujahrsvideobotschaft beglückt.“
Mikkelsen wurde steif. „Ich habe Hakonsen gewarnt. Ihre Beförderung gestern war ein Fehler.“
“Meinen Sie?“
„Ja, ich meine! Sie sind mir zu schnell, Borg. Schnelle Leute haben immer einen Plan. Ich kann ihn mir denken, aber unter den zweihundert Gästen, die da unten tanzen, werden Sie niemals sein. Wir brauchen die Arbeit von Leuten wie Ihnen, aber nicht Sie. Machen Sie nur einen Schritt in diese Richtung, nehme ich Sie ganz schnell aus dem Spiel.“
Mikkelsen machte einen Schritt zur Seite. „Das war ein freundlicher Rat. Einen netten Abend noch und feiern Sie schön!“
Er ging auf kurzen Beinen die Treppe hinunter und sein Lächeln dabei war so echt wie eine Fünf-Dollar-Rolex von einem Straßenhändler in Bangkok. Eine große, dürre Frau mit zu viel Schminke im Gesicht und einem grässlichen orange-blauen Abendkleid rempelte ihn an, kicherte und schüttete ihm fast den Inhalt ihres Weinglases ins Gesicht. Sie schaute auf den kleinen Mann herab, der ihr nicht einmal bis zum Dekolletee reichte, tätschelte ihm die Glatze und lallte: „Uups, da hätte ich mir ja fast was eingetreten.“ Ihr kreischendes Lachen schrillte durch die Lobby.
Jede Bewegung um sie fror ein. Selbst das Personal, das sonst nicht schnell genug leere Gläser nachfüllen konnte, verhielt und starrte auf Mikkelsen. Der hatte den Rücken durchgedrückt, stand mit zusammengepressten Lippen da und seine Augen schienen zu glühen.
Der Ehemann der Angetrunkenen drängelte sich zwischen den Menschen auf der breiten Treppe hindurch. Er entschuldigte sich vielmals, grapschte nach dem Ellenbogen seiner Frau und zerrte die Kichernde die Freitreppe hinunter.
Mikkelsen hatte kein Wort gesagt. Er stand noch immer vor Wut bebend auf der Treppe, als die Übeltäterin schon längst verschwunden war. Schließlich, das Leben um ihn herum hatte wieder seinen Partyrhythmus aufgenommen, schlenderte er als sei nichts gewesen, die letzten Stufen hinunter. Er lächelte dabei, doch jeder, der ihm begegnete und ihm ins Gesicht sah, hatte urplötzlich etwas Wichtiges zu tun, was ihn außer Reichweite von Ryland Mikkelsen, der zur Faust geballten rechten Hand Gottes, brachte.
Borg hatte genug gesehen. Er piepte seinen Fahrer an, holte seinen Mantel und ging zum Seitenausgang. Die acht Stufen bis zur Straße nahm er mit vier großen Schritten, riss die Tür des schwarzen Geländewagens davor auf, ließ sich auf den Rücksitz fallen und wischte sich den Schnee von den Ärmeln.
„Nach Hause, Sir?“ Sergeant Meyers, ein Mann mit bulligen Schultern, ließ den Wagen anrollen.
„Wohin sonst? Geben Sie Gas!“
Borg rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die schmerzende Nasenwurzel. Das Telefon in der Innentasche seines Sakkos summte. Er nahm das Gespräch an und knurrte: „Simmons, was zum Teufel fällt Ihnen ein, mich um diese Zeit anzurufen?“
„Tut mir leid, Sir, aber ich bin gerade durch einen Alarm geweckt worden. Im Polizeicomputer ist eine Vermisstenanzeige aufgetaucht mit einem der Suchbegriffe, die Ryland Mikkelsen vorgegeben hat. Und nicht irgendeiner. Ein Alphaselektor!“
„Captain, weder die Nachricht noch meine Laune werden besser, wenn sie mir den Mist scheibchenweise servieren. Also?“
„Ein Tom Breedlove aus Südafrika sucht hier in Oslo nach seiner verschwundenen Schwester. Der letzte bekannte Arbeitgeber von ihr war der Security Service, der für die Sicherheit des Hauptsitzes von South African Oil and Diamonds in Durban zuständig war. Die Firma war einer der Hauptkonkurrenten von NordicSF, bis vor drei Jahren der ganze Vorstand unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Man hatte uns verdächtigt, aber nie irgendwelche Beweise gefunden.“
„Halten Sie mir keine Predigt! Mein Gedächtnis funktioniert noch ganz gut. Schmeißen Sie Deckland aus dem Bett und tackern Sie ihn vor seinen Computern fest. Ich will alles über diesen Breedlove wissen. Und wenn er die Informationen hat, soll er sie anschließend aus dem Polizeinetzwerk löschen. Finden Sie das Hotel von dem Breedlove heraus, wir werden ihn besuchen. Ist Mikkelsen bereits informiert?“
„Ich wollte Ihre Anweisung abwarten.“
„Also nein. Belassen Sie es dabei. Ich kümmere mich selbst darum. Borg Ende.“
Er ließ das Telefon wieder in seinem Sakko verschwinden und blickte durch das Seitenfenster, ohne die dicken Tropfen, die der Wind an die Scheibe des Wagens klatschte, auch nur wahrzunehmen.
„Ärger Sir?“ Der Fahrer blickte in den Rückspiegel.
„Meyers, wie lange sind sie jetzt in meinem Team gewesen, morgen schon nicht mehr mitgerechnet? Bringen Sie mich ins Hauptquartier!“
Der Fahrer setzte den Blinker, biss sich auf die Lippen und schaute konzentriert durch die Frontscheibe auf den nächtlichen Verkehr.
Drei Stunden später saß Borg dem aus dem Schlaf gerissenen Tom Breedlove in dessen winzigem Hotelzimmer gegenüber. Captain Aksel Simmons lehnte mit dem Rücken und verschränkten Armen an der lindgrünen Wand und schaute mit einem Grinsen in seinem bartstoppeligen Gesicht auf den Mann, der mit seinem Hintern auf dem einzigen Stuhl im Zimmer hin und her rutschte.
Borg ließ sich auf einen wackligen Sessel vor dem Fenster fallen. Wortlos reichte der Captain ihm ein Tablet, doch Borg winkte ab. Er wollte sich erst ein Bild von dem Mann machen.
Breedlove war mittelgroß, hatte breite Schultern und seine Hände waren sauber, aber ungepflegt. Seine Gesichtshaut war stark gebräunt, von Falten durchzogen und ein wuchernder, rötlicher Vollbart verbarg seine Mundpartie.
Borg räusperte sich. „Ich bin Major Borg. Sie haben bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgegeben und ich bearbeite den Fall. Sie sind Tom Breedlove aus Durban in Südafrika und Sie suchen nach Ihrer Schwester Susan. Das ist korrekt?“
„Das habe ich gestern der Polizei gesagt. Und wer sind Sie?“
„Ich leite eine aus internationalen Spezialisten bestehende Einheit, die gegen die immer mehr ausufernde weltweite Firmenkriminalität vorgeht. South African Oil and Diamonds wurde vor einigen Jahren Opfer eines bis heute unaufgeklärten Verbrechens. Sie sind hier und stellen Fragen nach ihrer Schwester, die als ehemalige Angestellte des Sicherheitsdienstes dieser Firma etwas darüber wissen könnte, jedoch verschwunden ist, bevor man sie befragen konnte. Damit rücken Sie und auch Ihre Schwester automatisch in den Fokus unserer Ermittlungen.“
Die Mundwinkel von Captain Simmons zuckten und Borg schoss aus den Augenwinkeln einen scharfen Blick auf ihn ab. Sofort zeigte das Gesicht des Captains wieder dessen Standardlächeln.
Obwohl es kalt war im Raum, rannen Schweißtropfen über Breedloves Stirnglatze. Er holte aus seiner Jogginghose ein altmodisches Taschentuch und wischte sich über die Stirn. „Sie sind ein Major? Das hört sich nach Militär an und nicht nach Polizei. Ich suche doch nur meine Schwester!“
Borg dehnte sich, zog seine Jacke aus, warf sie über die Rückenlehne seines Sessels und nickte Breedlove zu. „Warum suchen Sie Ihre Schwester, Mister Breedlove?“
Der presste das Taschentuch in seinen Händen. „Weil ich fürchte, dass sie etwas Schlimmes vorhat.“
„Und was wäre das?“
Breedlove blickte an Borg vorbei. „Das kann ich Ihnen nicht sagen!“
Borgs Finger trommelten auf die Sessellehne. „Ihre Schwester ist noch während der Ermittlungen zu einem Terroranschlag, der einundzwanzig Menschen das Leben gekostet hat, verschwunden. Das macht sie zu einer Verdächtigen! Ich kann ganz Oslo auf den Kopf stellen, um sie zu finden. Und ich kann ‚das Finden‘ tot oder lebendig befehlen. Was davon ich tue, hängt von Ihren Antworten hier und jetzt ab. Also?“
Breedlove schaute zu Simmons hinüber, doch das Lächeln des Captains klebte unverrückbar in dessen Gesicht. „Meine Schwester hatte damit nichts zu tun. Im Gegenteil, es war alles ganz anders!“
„Und wie?“
Breedlove knetete das Taschentuch in seinen Händen. „An dem Tag, an dem das Verbrechen stattfand, hatte Susan frei und wollte einkaufen. Sie ist Personenschützerin und wirklich gut darin, wissen Sie? Sie hat sogar schon mal einen Kerl, der mit dem Messer auf ihren Boss losgegangen ist, erwischt. Hat ihm das Ding aus der Hand geschlagen und es ihm dann in den Hals gestochen. Einfach so. Sogar einen Orden hat sie dafür gekriegt. Sowas konnte sie, unsere Susan.“
Sein Blick verlor sich irgendwo hinter Borg und der räusperte sich.
Breedlove zuckte zusammen und sprach schneller. „Sie fuhr mit Micky, das war ihr Sohn, der war erst sechs, und ihrem Mann, der die Videos gesteuert hat, morgens nach Durban. Micky fand das immer so toll, wenn er seinem Vater beim Arbeiten zusehen durfte. Er schlief dann nachts immer nicht, wenn er am nächsten Tag bei seinem Vater sein konnte, wissen Sie? Jedenfalls, als die Sitzung anfing, ließ Susan die beiden alleine und ging shoppen. Als sie nach ein paar Stunden wiederkam, waren alle tot. Auch ihr Mann und ihr Sohn Micky. Zwei Tage später, direkt nach der Beerdigung, ist sie weg gewesen. Wir haben alles abgesucht, auch die Polizei, aber niemand wusste etwas und alle dachten, dass sie sich aus Gram das Leben genommen hat. Nur ich nicht. Niemals würde Susan so etwas tun. Nee, nich Susan. Die würde sich nich umbringen, nich, bevor sie die Mörder ihrer Familie hat. Ja und dann kriegte ich vor einer Woche eine Internetnachricht, dass sie lebt. Mehr nicht. Ich habe einem Professionellen Geld gegeben, aber der konnte mir nur sagen, dass die Nachricht aus Oslo kam. Und nu bin ich hier. Ich will nicht, dass Susan was Falsches macht. Ich will nicht auch noch meine Schwester verlieren!“
„Was denken Sie, was sie vorhat?“
Breedlove rutschte wieder mit seinem Hintern auf der Sitzfläche des Plastikstuhls hin und her. Sein Blick huschte mal hier und mal dahin, wich aber immer dem von Borg aus.
Der knallte die flache Hand auf die Armlehne. „Antworten Sie!“
Breedlove krümmte sich zusammen. „Sie ist nicht schlecht, wissen Sie? Aber sie ist anders als ich, so herrisch. Man kann nicht mit ihr reden, sie weiß immer alles besser. Und sie kann so böse werden. Wenn sie erfährt, dass ich nach ihr suche, und dass ich mit Ihnen geredet habe, macht sie mir bestimmt Ärger. Richtig Ärger!“
Simmons zuckte die Schultern und tippte sich mit einem Finger an die Stirn. Er wischte über das Tablet und reichte es dann Borg. „Das ist Susan Breedlove!“, sagte er dabei.
Eine brünette Ponyfrisur rahmte das herzförmige Gesicht der Schwester von Tom Breedlove ein; die schwellenden roten Lippen unter der aristokratisch kleinen Nase schienen wie für das Küssen geschaffen und blassblaue Augen unter der hohen, faltenlosen Stirn leuchteten wie arktisches Eis.
Sie hätte sich die Haare blond färben sollen, dann würde sie umwerfend aussehen, dachte Borg wieder und wusste jetzt, warum Captain Simmons die ganze Zeit dieses seltsame Lächeln auf den Lippen gehabt hatte.
Borg überlegte einen Moment, dann griff er zu seinem Smartphone. Mit Daumen und Zeigefinger vergrößerte er die Nachricht von Sylvie, die sie ihm vor ein paar Stunden geschickt hatte, bis nur noch ihr Bild zu sehen war, streckte den Arm aus und hielt es dem Südafrikaner vors Gesicht.
„Ihre Schwester ist eine außergewöhnlich schöne Frau“, sagte er und seine Stimme klang rau dabei.
Breedlove blickte mit runden Augen auf das Foto der halbnackten Sylvie, schluckte mehrmals und nickte schließlich. „Ja, das ist Susan. Aber sie hat sich selbst immer für ihr Aussehen gehasst. ‚Männer reduzieren mich nur auf meinen Arsch und meine Titten‘, hat sie immer gesagt. Darum ist sie zum Sicherheitsdienst gegangen. Sie wollte es den Kerlen beweisen. Und bei Gott, ich kann ihnen sagen, sie hat so manchen von den Typen aufs Kreuz gelegt.“ Mit feuchten Augen schaute er auf das Bild seiner Schwester.
Borg steckte sein Smartphone wieder ein und wendete sich zu Simmons: „Sylvie ist Wielanders Chefsekretärin. Weiß der Teufel, wie sie es geschafft hat, den zu täuschen. Ich muss wissen, was sie bis jetzt in Erfahrung gebracht hat und ich will die E-Mail sehen, mit der sie ihren Bruder hier informiert hat.“
„Ersteres wird wahrscheinlich schwierig.“
„Das mache ich auch selbst. Sie kümmern sich um ihre gesamte elektronische Kommunikation!“
Der Captain kniff sich ins Kinn. „Vielleicht können wir sie umdrehen? Sie ist eiskalt, intelligent, hat Wielanders Sicherheitsüberprüfung überstanden und ist an Waffen ausgebildet, wenn das stimmt, was ihr Bruder hier gesagt hat. Natürlich nur, falls Sie sich nicht emotional kompromittiert fühlen, Sir.“
Borgs Augenbrauen schossen in die Höhe. „Reißen Sie sich zusammen, Captain! Sehe ich aus wie Mr. Spock? Meine Lektion über Gefühle habe ich vor zehn Jahren von einem Mann bekommen, der härter war als Sie und ich zusammen! Sie mögen sich mit Waffen auskennen, aber von der gefährlichsten haben Sie keine Ahnung - eine intelligente Frau, die hasst. Man kann sie vielleicht in die richtige Richtung drehen, aber niemals kontrollieren. Lassen Sie den Mann in die Basisstation N22-B verlegen. Kein Kontakt, keine Kommunikation. Jede Aufzeichnung über den Vorgang wird gelöscht. Mikkelsen informiere ich persönlich.“
„Jawohl Sir!“
„Außerdem soll mich sofort Dr. Tenner anrufen. Ich brauche eine prognostische Persönlichkeitsstrukturanalyse von Sylvie.“
Auf der Stirn von Captain Simmons erschien eine steile Falte. Demonstrativ blickte er auf seine Armbanduhr.
Borgs blaue Augen unter den buschigen Brauen wurden dunkel und arktische Kälte schien durch das Hotelzimmer zu wehen. „Wollten Sie noch etwas bemerken?“
Der Captain knallte die Hacken zusammen, bog den Rücken durch und sagte laut: „Nein, Sir!““
Der Mann aus Südafrika hatte die Unterhaltung mit offenem Mund verfolgt. Jetzt mischte er sich ein: „Was ist mit Susan?“
Borg griff nach der P 228 in seinem linken Axelholster und zog sie langsam, fast spielerisch heraus. „Das ist eine gute Frage. Sie sucht nach dem Mann, der ihre Familie getötet hat?“
„Ja! Das hatte ich doch schon gesagt!“
Borg richtete die Pistole auf das Gesicht des Südafrikaners. „Sie sitzen ihm gerade gegenüber, Mr. Breedlove.“

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