Kapitel 2


»Absaugen!« Dr. Ava Gardener kniff ihre haselnussbraunen Augen zu engen Schlitzen zusammen, um zwischen all dem Blut die klaffende Wunde im Bauchraum des Patienten erkennen zu können. »Ich kann die abdominale Blutung nicht stoppen«, sagte sie angespannt zu ihrem Assistenten, der vergeblich versuchte, ihr die Sicht frei zu saugen.

Dr. Gardener war neunundzwanzig Jahre alt und Assistenzärztin für Chirurgie in der Notaufnahme des hiesigen renommierten Krankenhauses. Im Moment befand sie sich im OP und versuchte verzweifelt, den jungen Mann mit der Schussverletzung zu retten, der kurz zuvor eingeliefert worden war. Die Kugel hatte seinen Bauchraum jedoch zu stark zerstört, der Mann hatte bereits sehr viel Blut verloren. Angespannt konzentrierte Ava sich auf die Naht, mit der sie einen Teil des Dickdarms schließen wollte. Die Zeit arbeitete gegen sie.

»Kammerflimmern!« Noch während die tiefe Stimme des Anästhesisten ertönte, vernahm Ava auch schon das hektische Piepsen des Monitors, der den lebensbedrohlichen Zustand des Patienten laut ankündigte. Sie musste sofort handeln, bevor es zu spät war. Sobald das Herz nicht mehr fähig war, Blut durch den Kreislauf in die Organe zu pumpen, würde es sehr bald zu einem völligen Kreislaufstillstand kommen und der Patient würde innerhalb von Minuten versterben.

»Verdammt!« Dr. Gardener schrie ihrem Assistenten hektisch zu: »Den Defi laden, sofort!« Dieser Mann würde ihr nicht unter den Händen wegsterben. Sie hatte bereits den dritten Tag in Folge Dienst und bisher keine Todesfälle zu verzeichnen gehabt. Und sie hatte nicht vor, jetzt damit anzufangen.

Ava schloss eilig die Naht ab, um wenigstens diesen Blutungsherd zu stillen und übernahm dann die Paddles, die der Assistent ihr reichte. Sie presste diese auf den Brustkorb des Patienten und sobald genügend Energie geladen war, schrie sie den Umstehenden zu: »Weg!« Das fehlte ihr gerade noch, dass sie einem unvorsichtigen Kollegen versehentlich einen Stromstoß verpasste, weil dieser in der Aufregung vergaß, den Kontakt zum Patienten zu unterbrechen und zur Seite zu treten, was tatsächlich hin und wieder im Eifer des Gefechts vorgekommen war. Der Brustkorb des Mannes hob sich bei dem Stromstoß an und Ava sah angespannt auf die Herzlinie des Monitors.

»Keine Reaktion«, bestätigte der Anästhesist.

»Verdammter Mist. Noch mal laden!« Ava rieb eilig die Paddles aneinander, um neues Gel darauf zu verteilen, dann presste sie wieder konzentriert die Elektroden auf den Brustkorb des Mannes und gab erneut einen Stromstoß ab, doch das EKG blieb unverändert. Sie versuchte es trotz besseren Wissens ein weiteres Mal, doch der jetzt langgezogene, monotone Klang des EKGs verriet ihr, dass ihre Bemühungen vergeblich waren.

»Asystolie«, teilte der Kollege ihr bestätigend mit. Ava sah erstarrt auf die Nulllinie, die der Monitor nun anzeigte. Sie wollte sich soeben noch einmal über den Patienten beugen, als sie bemerkte, wie ihr Chefarzt, der die OP begleitend überwacht hatte, sanft den Kopf schüttelte. Hier war nichts mehr zu machen.

Resigniert ließ sie die zitternden Hände sinken, in denen sie noch die Paddles hielt und sah frustriert auf die Wanduhr. »Zeitpunkt des Todes: 1.42 Uhr.« Dann fuhr sie sich mit dem Unterarm über ihre schweißnasse Stirn und schloss die Augen. »Verdammt«, flüsterte sie niedergeschlagen, während sie den OP-Schwestern Platz machte, die nun begannen, Tupfer und Klemmen aus dem Bauchraum des Toten zu entfernen.

Ava zog sich wütend den Mundschutz aus und ging weiter, um die blutverschmierten Handschuhe und den OP-Kittel in dem dafür vorgesehenen Behälter zu entsorgen, als eine große Hand ihr tröstend auf die Schulter klopfte.

»Sie hätten nichts mehr für ihn tun können, Dr. Gardener, seine Verletzungen waren einfach zu groß. Es ist nicht Ihre Schuld, dass er angeschossen wurde. Sie haben Ihr Bestmögliches getan.«

Enttäuscht sah Ava ihrem Chefarzt hinterher. Dr. Kalen war eine Koryphäe in ihrem Haus, denn er hatte trotz seines relativ jungen Alters schon sehr viele Erfolge errungen. Sie wusste seine Worte wirklich zu schätzen. Doch obwohl ihr klar war, dass die Verletzungen des jungen Mannes zu schwerwiegend gewesen waren, um ihn zu retten, hatte sie trotz alldem damit zu kämpfen, ein Leben gehen lassen zu müssen. Sie war Ärztin geworden, um Menschen zu helfen, sie zu retten. Und an Tagen wie heute, an denen sie hilflos und machtlos dem Tod gegenüberstand, an diesen Tagen hasste sie ihren Beruf.

Entmutigt desinfizierte Ava ihre Hände und ging durch die Schleuse hindurch, um endlich aus dem Rest ihrer Klamotten herauszukommen.


Völlig erschöpft stand sie eine halbe Stunde später unter der Dusche und ließ das heiße Wasser über ihre müden Muskeln prasseln. Mehr als zweiundsiebzig Stunden Bereitschaft lagen hinter ihr, drei harte, lange und stressige Tage, in denen sie unermüdlich um das Leben von Menschen gekämpft hatte. Ihre Schicht war vor Eintreffen der Schussverletzung bereits vorbei gewesen, doch Ava hatte den jungen Mann unmöglich im Stich lassen können. So war sie, mit den zusätzlichen Stunden Dienst, nun einer totalen Erschöpfung nahe. Die Wärme ließ sie schläfrig werden und sie konnte es kaum erwarten, endlich in ihr Auto zu steigen, nach Hause zu fahren, sich in ihr Bett fallen zu lassen und nur noch zu schlafen. Spike vermisste sie mit Sicherheit bereits schmerzlich und sie dankte der guten Seele ihrer Nachbarin, dass diese sich in ihrer Abwesenheit um ihren Kater kümmerte.

Resigniert dachte sie an ihren kläglichen Alltag. Das Leben eines Assistenzarztes war ein Leben voller Entbehrungen. Ihre Freunde hatten aufgehört sie zu fragen, ob sie mit ihnen ausginge, nachdem sie unzählige Termine wegen unvorhergesehener Notfälle hatte verschieben oder absagen müssen. Ava war Single, sie hatte schlichtweg keine Zeit für eine Partnerschaft, geschweige denn für einen schnellen One-Night-Stand. Ihr Leben bestand aus dem Krankenhaus und aus den Kuscheleinheiten ihres Katers, in den seltenen Momenten, in denen sie zu Hause war. Sie ernährte sich überwiegend von Fastfood und war abends zumeist so geschafft, dass sie nicht mehr wusste, wann sie zum letzten Mal eines ihrer geliebten Bücher in den Händen gehalten hatte. Ihr wichtigster Lebensinhalt in all dieser Zeit war Kaffee geworden. Sie hatte keine Ahnung, wie sie ohne ihre tägliche Überdosis Koffein die tagelangen Schichten oder auch Doppelschichten hätte überstehen können. Es gab immer wieder Momente, in denen Ava sich fragte, weshalb sie sich das antat. Doch wenn sie ein Leben von der Schwelle des Todes gerettet hatte, Eltern ihr Kind glücklich in die Arme schließen konnten, oder ein Ehemann Tränen des Glücks weinte, weil er seine geliebte Frau nicht verloren hatte, dann wusste Ava wieder, weshalb sie all die Entbehrungen und den Stress auf sich nahm. Eine Seele retten zu dürfen war ein Geschenk, ein Privileg.


Sie verwünschte ihre Scheibenwischer, die mehr schlecht als recht ihren Dienst verrichteten. Es war kurz vor drei Uhr morgens und endlich war Ava auf dem Heimweg, doch sie ärgerte sich, dass es wie aus Eimern schüttete. Sie hasste es, bei Nacht und Regen zu fahren, denn die verspiegelte Fahrbahn machte sie nahezu blind. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie, sich auf die Rücklichter vor sich zu konzentrieren, um wenigstens einen kleinen Anhalt auf den Straßenverlauf zu bekommen. Ihre Scheibenwischer quietschten im Sekundentakt und ihr Radio gab nur noch ein Rauschen von sich.

»Na prima«, schimpfte sie und kämpfte gleichzeitig gegen die bleierne Müdigkeit an, die sich mehr und mehr in ihrem völlig erschöpften Körper breitmachte. Ihre Lider senkten sich in immer kürzeren Abständen und Ava öffnete das Fenster einen Spalt, in der Hoffnung, dass die kühle Nachtluft sie wach halten würde.

Ein lautes Hupen riss sie aus der wohligen Umarmung des Schlummers und ließ sie zusammenzucken. Entsetzt stellte sie in dem Moment, in dem ihr Auto frontal auf einen großen Truck zusteuerte, fest, dass sie doch von der Müdigkeit übermannt worden und für eine Sekunde am Steuer eingeschlafen war. Ava wurde von den grellen Scheinwerfern des Lastwagens geblendet, sie versuchte das Steuer herumzureißen, doch sie hatte nicht einmal mehr Zeit zu schreien, als das tonnenschwere Fahrzeug auch schon auf ihr kleines Auto prallte. Das Geräusch von berstendem Metall und das Gefühl glühender Schmerzen, die sich durch ihren Körper fraßen, waren das Letzte, das Dr. Ava Gardener in ihrem kurzen Leben vernahm, bevor alles um sie herum schwarz wurde.


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