Kapitel 2

Angelika Förster hatte kein leichtes Leben unter ihrem Mann gehabt, sich eher geduckt als ihm Paroli zu bieten und mit einem erdrückenden Gefühl der Machtlosigkeit zusehen müssen, wie sich ihr Ehegatte gegen ihre Familie gestellt und ihren einzigen Sohn, ihr einziges Kind, das sie liebte, davon gejagt hatte.

Sicher war es nicht recht gewesen, was Marius da getan hatte, denn ein Junge hatte doch mit einem Mädchen zu gehen und nicht mit einem anderen Jungen, doch das war für sie, Angelika, kein Grund gewesen, ihn aus dem Haus zu werfen und ihm zu verbieten, jemals wieder zurückzukommen.

Sie war eine schwache Frau und hatte in ihrem Leben immer wieder nachgegeben, sich dem Willen ihres Mannes ergeben, Erniedrigungen ertragen, Beleidigungen, ja sogar Schläge. All das hatte sie ihm verziehen, weil sie ihn trotz allem immer geliebt hatte und wusste, dass er sie auch liebte. Doch diese eine Sache, dass ihr Gatte ihr den Sohn genommen hatte, das hatte sie ihm nie vergeben können. Sie hatte versucht, ihn zu beruhigen, ihn zu erweichen, weil Marius doch immerhin ihr einziges Kind war, doch ihr Mann war hart geblieben. Hatte geflucht, geschimpft, dass so jemand ihn der Lächerlichkeit preisgeben würde und dass er niemals zulassen würde, dass man wegen seinem pervertierten Sprössling über ihn lachte.

Stattdessen hatte er ihr die Schuld gegeben, dass Marius so geworden war, hatte ihr vorgeworfen, ihn verweichlicht zu haben, dass er ihretwegen kein anständiger, kein richtiger Mann geworden war und dergleichen anderes.

Und schließlich hatte sie geschwiegen, hatte den Namen ihres Sohnes nie mehr erwähnt, so getan, als hätte es ihn nie gegeben, doch im Stillen hatte sie gelitten, hatte ihrer Schwiegermutter die Besuche bei Marius geneidet und war schneller alt geworden, als ihr lieb war.

Hannelore, ihre Schwiegermutter, war stärker als sie gewesen, hatte sich nie von ihrem cholerischen Sohn etwas befehlen lassen und immer getan, was sie wollte. Sie hatte sogar versucht, den Kontakt zwischen Angelika und Marius wieder herzustellen, weil sie wusste, wie sehr diese ihn vermisste. Doch Heinrich, ihr Gatte, hatte dies bereits im Keim erstickt, indem er den Brief, den sie an ihren Jungen geschrieben hatte, vor den Augen der beiden Frauen verbrannt hatte.

»Was du machst, Mutter, ist mir egal. Doch meine Frau wird keinen Kontakt zu diesem schwulen Mistkerl aufnehmen, haben wir uns da verstanden?!«, hatte er gebrüllt. Angelika war eingeknickt und hatte es danach nie wieder versucht.


Und nun stand er vor ihr, hübscher, männlicher als sie ihn in Erinnerung hatte. Er war erwachsen geworden, trug die dunkelblonden Haare wie die Models im Fernsehen, hatte offenbar vergessen, sich zu rasieren, aber so trugen es die jungen Burschen ja heute und war gekleidet wie ein Mann aus der Stadt. Er schmunzelte und darin konnte sie den kleinen Jungen erkennen, den sie lange Jahre schmerzlich vermisst hatte. Selbst die Grübchen auf den Wangen hatte er noch.

»M-Marius?«, flüsterte sie und ihr Gegenüber lächelte etwas mehr. Er hielt einen Brief hoch, der bereits leicht zerknittert war.

»Ja ... ich bin wegen Oma hier ...« Seine Stimme war dunkler als damals, als er von Zuhause weggegangen war und klang distanzierter als es Angelika lieb war. Doch verübeln konnte sie es ihm nicht. Die letzten Worte, die zu ihm in diesem Haus gesprochen worden waren, waren welche des Zorns und der Ablehnung gewesen. Und sie kamen leider nicht nur von seinem Vater. Auch sie hatte ihm vorgeworfen, dass es, wenn er nur versuchen würde, normal zu sein, gar keinen Ärger geben würde. Es war nicht verwunderlich, dass er sich nicht willkommen fühlte.

»Hm ... dein ... dein Vater ist nicht da ... aber ... ah, komm doch herein, bitte. Ich mach uns Kaffee.«

»Danke.« Marius war froh darum, als er seine Mutter sagen hörte, dass sein alter Herr nicht da war. So konnte er vielleicht ein paar Minuten vernünftig mit ihr reden, ohne dass es gleich wieder Krach gab. Danach stand ihm nicht der Sinn. Er wollte seine Eltern nur wissen lassen, dass er auch zur Bestattung kommen und ebenfalls zur Testamentseröffnung anwesend sein würde. Danach waren sie ihn wieder los und würden nie wieder mit ihm behelligt werden. Immerhin würde es für die beiden schlimm genug sein, dass er hier war und den Dörflern ein weiteres Mal Gelegenheit bot, über seine Andersartigkeit zu lästern.

Er bedauerte fast, dass er keinen Lebensgefährten hatte, den er hatte mitbringen können, um seinen Vater noch etwas mehr zu ärgern. Während er über diesen Gedanken schmunzelte, folgte er seiner Mutter auf den Hof und sah sich um.

Es hatte sich wirklich nichts verändert. Das Gehöft war schon immer eher unordentlich und kahl gewesen. Sein Vater hatte noch nie Wert darauf gelegt, es für sich oder seine Familie schön zu machen. Der Hof war Mittel zum Zweck, um Geld zu verdienen.

Da waren die Scheunen, in denen die alten Landmaschinen standen, die zum Abernten der Felder verwendet wurden und vermutlich bereits total veraltet waren. Daneben befand sich die Werkstatt, in der sein alter Herr die Maschinen anderer Bauern reparierte, weil die Landwirtschaft allein für die Försters noch nie zum Leben gereicht hatte, und die unzähligen Ställe, die Gerümpel und längst vergessene Dinge enthielten.

Der Hühnerhof war der einzige Ort, der eine gewisse Gemütlichkeit ausstrahlte und in dem Leben herrschte. Offenbar hatte es erst vor einigen Tagen Nachwuchs gegeben, denn unzählige leuchtend gelbe und winzige Plüschkugeln wuselten über den strohbedeckten Boden, während offenbar sehr besorgte Hennen ihnen gackernd hinterher rannten.

Seine Großmutter hatte schon immer in einem Seitengebäude ihre eigene Wohnung gehabt, gegenüber dem Eingang zum Haus ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter, einmal quer über den Hof.

Marius konnte deutlich erkennen, dass sie Wert auf Gemütlichkeit gelegt hatte, denn die Kästen, die ihre Fensterbretter schmückten, waren überladen und strahlten vor Farbe und Leben. Sein Vater Heinrich hatte es immer abgelehnt, Blumen an den Fenstern aufzuhängen, weil das angeblich Ungeziefer anzog. Und so war es nicht überraschend, dass das eigentlich hübsche Fachwerkbauernhaus nicht wirklich einladend aussah, als er seiner Mutter zur Haustür folgte. Auch der Innenhof, in dem Marius als Junge Ball gespielt hatte, kam ihm jetzt, zwölf Jahre später, viel kleiner vor. Die Außenwände der Ställe schienen ihm immer näher zu kommen und ihn erdrücken zu wollen.

Höflich wartete er, dass sie die Tür öffnete und ihn hereinbat. Er war hier nicht mehr zuhause und hatte kein Recht, sich entsprechend zu verhalten.

»Verzeih’ die Unordnung … bitte, komm.«

Der junge Mann folgte der Frau ins Haus und blickte sich um. Alles wie früher. Nicht ein Möbelstück stand anders, nicht ein Bild hatte man umgehängt - mit einer Ausnahme. Das Foto, das von Marius gemacht wurde, als er in die Schule kam, war nicht mehr da. Es hatte immer in der Veranda gehangen, direkt neben der Tür, die in den Hausflur führte. Der Besucher erinnerte sich besonders gut daran, weil er darauf dem Fotografen die Zunge herausgestreckt hatte. Sein Vater hatte ihn zusammengeschissen, aber seine Mutter fand es niedlich und hängte es trotzdem auf.

Selbst der Geruch im Haus hatte sich nicht verändert. Es hatte schon alt gerochen, als Marius noch ein Kind war. Damals hatte er es nicht bewusst gemerkt, weil er es gewöhnt war, und wollte seinen Freunden nie glauben, wenn die sagten, es müffle nach altem Papier und Katzen.

Doch heute musste er sich eingestehen, dass es stimmte. Auch etwas anderes, unangenehmes mischte sich darunter - alter Zigarrenqualm, der Mief von schalem Bier und ungewaschenen Körpern. Da der junge Mann bei seiner Mutter den Duft von Seife wahrnehmen konnte, tippte er darauf, dass sein Vater seine Körperhygiene so sehr vernachlässigte, dass man es im ganzen Haus riechen konnte.

Während Marius der Frau in die Küche folgte, konnte er feststellen, dass es nicht ein Bild mehr gab, das ihn zeigte. Alle waren verschwunden und durch kitschige und billige Heiligenbilder oder Jagdszenen ersetzt worden. Er seufzte leise.

Man hatte ihn ausgelöscht und sein Elternhaus war das von alten Menschen geworden. Es stimmte ihn traurig, dass er sich so wenig wohl fühlte an diesem Ort. Er hatte in jeder Sekunde das Gefühl, irgendetwas Unangenehmes würde ihm über den Rücken krabbeln, der Geruch nach Alter und Muff drückte ihm auf den Kopf und er wünschte sich, wieder nach draußen an die Luft zu kommen.

Lag es an ihm, dass das Haus heruntergekommen war? Hatte seine Mutter, die immer eine fleißige und pingelige Hausfrau gewesen war, ihren Antrieb verloren, seit er weg war? So alt war sie schließlich noch nicht.

Marius lehnte sich an das Brett des geöffneten Küchenfensters, um etwas von dem milden Luftzug abzubekommen, und beobachtete die Frau, die ihn geboren hatte, dabei, wie sie Kaffee zubereitete und ein paar Kekse auf einen Teller legte. Auch dieser Raum wirkte kramig und unordentlich, auch wenn der junge Mann sehen konnte, dass das Spülbecken, die Armaturen und auch die Oberflächen blitzsauber waren.

Er erinnerte sich an früher. Auch da hatte sie praktisch gegen Windmühlen gekämpft, hatte unermüdlich geputzt, weil Unordnung und Schmutz sie gestört hatten, doch sein Vater scherte sich einen Dreck um die viele Arbeit, die es machte, dieses Haus sauber zu halten. Sobald sie in einem Raum fertig gewesen war, konnte sie im anderen schon wieder beginnen. Augenscheinlich hatte sie es nun, nach über 30 Jahren Ehe, aufgegeben, ihm hinterher zu räumen.

Mit dem Ergebnis, dass es unordentlich wirkte. Nicht diese Form der gemütlichen Unordnung, die Marius liebte und in seiner eigenen Wohnung in der Stadt auch lebte, sondern die, die dazu führte, dass es irgendwann komisch und muffig zu riechen begann, überall Schmutz und Rückstände waren und man Ungeziefer wie Fliegen und Ameisen bekam.

Er wagte fast gar nicht, darüber nachzudenken, wie die anderen Räume aussahen, wo man nicht mal eben mit einem feuchten Lappen alles abwischen konnte, und fragte sich, wie seine Eltern sich in diesem Mief wohlfühlen konnten. Jedoch, wer sagte denn, dass sie es taten?

Vielleicht hatten sie sich damit abgefunden und beide weder Lust noch Zeit noch Energie noch Geld, das Haus zu renovieren. Wobei das Finanzielle vermutlich das geringste Problem war. Immerhin wusste Marius, dass seine Großmutter aus dem Erbe seines Großvaters noch Vermögen hatte und nur zu gern etwas gegeben hätte, wenn man sie darum gebeten hätte.

Doch Heinrich, sein Vater, war stur wie ein Esel und viel zu stolz, um auch nur einen Cent anzunehmen, nicht einmal von seiner eigenen Mutter. Lieber ließ er das Haus, in dem schon er selbst aufgewachsen war, verkommen.


Angelika deckte indes den Tisch mit dem Keksteller, einer Kaffeekanne und zwei Tassen und betrachtete ihren Sohn dann einen Augenblick, wie er über seine Schulter nach draußen auf den Hof blickte. Sie konnte wahrnehmen, dass er sich nicht wohl fühlte. Er hatte schon früher etwas an sich gehabt, wodurch man seine Anspannung beinahe körperlich spüren konnte. Es musste eine Enttäuschung für ihn gewesen sein, zurückzukommen und sein Zuhause so vorzufinden, wie es heute war. Sie wusste selbst, dass einiges im Argen lag, doch sie hatte nicht mehr die Kraft, gegen alles anzukämpfen.

Als ihre Schwiegermutter älter wurde, hatte sie dieser im Haushalt geholfen, wenn die nicht mehr so konnte. Diese zwei Stunden am Tag, die sie drüben in der Wohnung von Hannelore war, waren wie ein Kurzurlaub von ihrem Leben, von ihrem Mann.

Sie hatte immer ein gutes Verhältnis zu ihrer Schwiegermutter gehabt und je mehr Jahre seit Marius’ Weggang vergingen, umso wichtiger wurde es für Angelika, Hannelore zu haben. Denn die hatte, im Gegensatz zu vielen Müttern ihren Söhnen gegenüber, nicht die Augen vor den Fehlern verschlossen, die Heinrich hatte, hatte ihm oft Paroli geboten und sich nicht einschüchtern lassen, wenn er sie angebrüllt hatte. In ihr hatte die Kraft einer Frau gesteckt, die wusste, wie ein guter Mann sein konnte und sein sollte und hatte die Energie von 47 glücklichen Ehejahren zu ihrer eigenen Stärke gemacht.

Sie hatte ihrer Schwiegertochter sogar mehrfach dazu geraten, Heinrich zu verlassen, wenn die Gewalttätigkeiten nicht aufhören sollten. Im Gegensatz zu vielen Frauen ihres Alters hatte sie es nie geduldet, dass ein Ehemann seine Frau körperlich anging und hatte immer die Einstellung vertreten, dass sie ihren eigenen Mann verlassen hätte, wenn er sie nur einmal angerührt hätte.

Angelika hatte niemals daran gedacht, sich scheiden zu lassen, weil sie Heinrich trotz allem liebte. Doch sie hatte nur zu gern etwas von Hannelores Kraft aufgesaugt, wann immer sie bei ihr in der Wohnung war und sie sich unterhalten hatten.

Nun hatte die Frau diesen Kraftpol verloren, genauso wie ihr Sohn seine Bezugsperson, die ihn verteidigt hatte nach der unfreiwilligen Enthüllung seiner abweichenden Vorlieben. Das sollte ihr ein Gefühl der Gemeinsamkeit geben. Doch in Wahrheit glaubte sie mehr, einem Fremden gegenüber zu stehen. Und das zu Recht, denn sie selbst, Heinrich und sie, hatten Marius zu einem Fremden in der eigenen Familie gemacht.

»Setz’ dich doch. Du hast bestimmt Hunger ...«

Der Besucher zog sich einen Stuhl heran und nahm Platz. »Nein, eigentlich nicht. Ich habe unterwegs bei einem Schnellrestaurant etwas gegessen und heute morgen gefrühstückt.«

Angelika schenkte ihm Kaffee ein und setzte sich ebenfalls. Sie schien etwas sagen zu wollen, aber wusste nicht wie. Das gab Marius Gelegenheit, sie zu betrachten.

Er hatte seine dunkelblonden Haare von ihr geerbt, doch ihre hatten inzwischen die Farbe von Staub und waren schon eine ganze Weile nicht mehr von einem Friseur geschnitten worden. Sie war erst Mitte Fünfzig, wirkte aber älter, müde und irgendwie erschöpft.

Er gestand ihr zu, dass es auch an der Trauer liegen mochte, immerhin waren sie und seine Großmutter immer sehr gut miteinander ausgekommen. Er vermutete allerdings, dass der Stress, den ein Todesfall mit sich brachte, nur ein Indikator für ihr ungesundes Äußeres war. Etwas, oder jemand, entzog ihr die Energie. Jedoch würde seine Mutter lieber sterben, als was an ihrem Leben zu verändern. Er wusste schließlich um die Versuche seiner Oma, Angelika etwas mehr Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit zu vermitteln.

»Nun ... also ... wie ist es dir ergangen?«



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