Kapitel 2: Chase Wood

Kapitel 2: Chase Wood

 

Die Landschaft raste an uns vorbei und ich gab auf zu versuchen etwas zu erkennen.

„Die Herrscher selber haben dich also für diesen Auftrag ausgewählt?“, fragte Charlotte mich mit strahlenden Augen, woraufhin ich nickte und mir ein Augenverdrehen verkneifen musste. Wir saßen bereits seit etlichen Stunden im Zug und waren kurz davor, Paragnom zu erreichen.

„So ist es.“

„Und warum scheinst du so unerfreut darüber zu sein?“

Skeptisch musterte sie mein Gesicht.

„Ich bin einfach nur gerade wegen diesem Auftrag beunruhigt. Es macht für mich keinen Sinn“, gab ich schulterzuckend zu und vergrub mich in meinem Sitz, als mir plötzlich ein Arm um die Schulter gelegt wurde und ich in Alecs grinsendes Gesicht blickte.

„Keine Sorge, Puppe. Selbst wenn irgendetwas schiefgehen sollte, sind wir da, um euch zu beschützen.“

Genervt schüttelte ich seinen Arm ab, während ich ihn böse anfunkelte.

„Ich glaube, bereits erwähnt zu haben, dass ich diese Bezeichnung, als Puppe genannt zu werden ganz und gar nicht gutheiße.“ Daraufhin seufzte er und hob abwehrend die Hände, als hätte er nichts getan.

„Entspann dich doch mal, es macht es nun mal auch nicht besser, wenn du dir den Kopf über unnötige Dinge zerbrichst. Du solltest es als Ehre ansehen und nicht weiter darüber nachdenken, so ist es immer einfacher.“

„Ich soll also einfach stur Befehle ausführen?“

Skeptisch blickte ich ihn an und hörte Charlotte zischend Luft einziehen.

„Das ist es doch, was einen guten Soldaten ausmacht, oder irre ich mich da Ma’am? Sie waren schließlich diejenige, die uns das gezeigt hat.“

Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte er sie an, während sie nur die Augen geschlossen hielt und schließlich nickte.

„Allerdings, dennoch sollte man sich manchmal Gedanken machen um taktisch klug an einen Auftrag herangehen zu können“, antwortete sie darauf und öffnete daraufhin die Augen um ihn auffordernd anzusehen. Als erwartete sie eine bissige Antwort, die jedoch nicht zu folgen schien. Ich war nicht der Meinung, dass man immer nur stur Befehlen folgen sollte, denn nicht nur konnte man so klug bei diesen vorgehen, man behielt außerdem einen großen Teil seiner Menschlichkeit, wenn man nicht wahllos Leute in den Tod brachte. Für mich war dies einer der wichtigsten Grundsätze, meine Menschlichkeit stets zu behalten.

Doch dies behielt ich besser für mich. An den Methoden der Hovers zu zweifeln konnten andere als Rebellion auffassen und ich konnte mir nicht sicher sein, dass meine Auffassung unter uns blieb. Besonders bei Charlotte nicht. Ich vertraute ihr zwar mein Leben an, dennoch wusste ich auch, dass sie einer der loyalsten Mutanten den Hovers gegenüber war, was sich durch ihre Kaltherzigkeit bei manchen Aufträgen schon des Öfteren bewiesen hatte.

Dennoch war sie die einzige Person aus der Sechs, der ich genug vertraute mich auch tatsächlich bei meinem Auftrag zu unterstützen.

„Ich muss dazu sagen, dass ich trotz allem dem Mädchen Recht gebe, auch wenn unser Auftrag oberste Priorität besitzt. Es ist schon sehr seltsam. Zunächst werden alle Drohbriefe ignoriert und nun wird urplötzlich nach jemanden gefahndet, dessen Familie auch noch mitverantwortlich gemacht wird.“ Überrascht blickte ich zu dem Mann, mit dem Namen Patrick, der uns zusätzlich auch noch begleitete, dessen tiefe vibrierende Stimme ich in den ganzen Stunden zum ersten Mal hörte.

Eine helle Frauenstimme kündigte an, dass der Zug in wenigen Minuten den Bezirk Paragnom erreichen würde und ich begann mich aus meiner gemütlichen Position aufzurichten.

„Es ist nur natürlich, dass die Familie ebenso die Verantwortung tragen muss, da man stark annehmen kann, dass diese genauso mit dahinterstecken. Und selbst wenn nicht - wie sonst würden die Menschen lernen, dass man den Herrschern nicht droht, als auf diese Weise?“, erklärte Charlotte, was ich jedoch nicht gutheißen konnte, während wir ausstiegen und über den Bahnsteig zum Inneren des Bezirkes liefen.

Auf den ersten Blick sah dieser völlig normal aus. Keine Anzeichen von Armut und Not waren zu erkennen. Die Häuser standen entlang einer langen Kopfsteinpflasterstraße. Manche wirkten etwas heruntergekommen, aber das war auch schon alles. Wenn ich so zurückdachte war dieser Ort nur wegen den Menschen so heruntergekommen. Früher bekamen sie genug Geld und Nahrung, doch sie waren zu verschwenderisch. Um dies ein wenig zu stoppen, verringerten die Hovers die Rationen, doch es hatte nichts gebracht.

Irgendwann waren die Rationen so niedrig, dass die Menschen anfingen zu hungern und zu leiden. Daraufhin taten die Hovers gar nichts mehr und so nahm das Leid seinen Lauf.

„Also schön, wo sollen wir anfangen?“, fragte Charlotte in die Gruppe hinein, während ich mich weiterhin umblickte. Die Menschen schienen abgemagert zu sein. Die Meisten trugen weite Klamotten, wahrscheinlich um dies zu verdecken, ihre Gesichter waren verschmutzt und einige Risse befanden sich in den Klamotten. Eigentlich war dieses Leiden ihre eigene Schuld, trotzdem verspürte ich Mitleid mit ihnen.

Ob die Hovers jemals hier waren? Was würden sie denken?, fragte ich mich.

„Vielleicht sollten wir uns aufteilen. Es ist schließlich ein ganzer Bezirk, welchen wir durchsuchen müssen“, schlug ich vor, doch Charlotte verzog daraufhin das Gesicht.

„Bist du dir sicher, dass das eine gute Idee ist, Amber? Wir sind zu deiner Verstärkung hier, wenn wir dich jetzt alleine lassen, würde das nicht unserem Auftrag entsprechen. Ich kann nicht zulassen, dass du dich aus so einem möglichen Grund verletzt.“

„Sie können unbesorgt bleiben, Ma’am. Ich werde sie hüten, wie meinen eigenen Augapfel.“

Erneut spürte ich einen Arm, der sich um meine Schulter legte und diesmal ließ ich es für kurze Zeit zu, bevor ich ihn weg schlug.

„Wenn wir alle zusammen suchen wird es nur länger dauern, solange wir zu zweit bleiben sollte es keine Probleme geben und wie du siehst, habe ich meinen Ritter in strahlender Rüstung bei mir“, beruhigte ich sie mit einem Kopfnicken in Alecs Richtung und auch wenn sie noch nicht absolut überzeugt wirkte, gab sie sich schließlich geschlagen.

„Na schön, Amber, du gehst mit Alec und ich mit Patrick. Aber wir werden uns alle zwei Stunden am Bahnhof treffen, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist.“ Daraufhin nickte ich zufrieden.

„Denk an deinen Auftrag, Alec. Du bist für Ambers Sicherheit zuständig!“

Ich spürte, wie sich der Körper neben mir anspannte. In seinem Gesicht konnte ich nichts außer Ernsthaftigkeit erkennen, als er ihr zunickte. Dann machten sich Charlotte und Patrick auf den Weg zur linken Seite, während ich geradeaus lief. Der Junge folgte mir und blickte sich ebenfalls um. Ich konnte die Blicke einiger Menschen im Rücken spüren. Einige sahen uns verächtlich an, andere verbeugten sich ehrfürchtig, sobald wir zu ihnen schauten. Und dann gab es noch welche, die uns entweder vollkommen ignorierten oder mit natürlicher Neugier beäugten.

Bei dem Anblick dieser Menschen zog sich meine Brust zusammen. Mutanten waren in Paragnom nicht gerne gesehen, schließlich gehörten wir mit zu den Verantwortlichen, die ihnen die Rationen reduziert hatten.

Ich blieb kurz stehen, als ich einen alten Mann sah, um den eine Horde Kinder saßen und ihm gespannt zuhörten. Er erzählte ihnen eine Geschichte, der ich für kurze Zeit. Ich erkannte, dass es das Märchen Rotkäppchen war und musste lächeln. Als ich noch ganz klein war hatte sie mir einmal ein alter Mann erzählt und ich war so davon begeistert, dass ich sie gleich meinen Eltern erzählte. Doch diese hatten dafür nur wenig Begeisterung übriggehabt und erklärten mir, dass ich mich um mein Training als Mutantin kümmern sollte, anstatt um diese fiktive Geschichte. Danach war ich weinend in mein Zimmer gerannt und hatte mir zum ersten Mal gewünscht ein normales Mädchen zu sein. Auch jetzt wünschte ich es mir immer noch.

„Ich habe nie verstanden was Menschen so an Geschichten interessiert. Es ist nur reine Fiktion, keine Wirklichkeit. Wieso ist es also notwendig für sie?“

Ich belächelte Alecs Meinung und dachte über meine eigene Faszination nach.

„Genau aus diesem Grund sind sie vermutlich so sehr davon begeistert. Man muss sich nicht immer in der Wirklichkeit befinden, sondern manchmal ist es auch in einer reinen Fantasiewelt schön. Menschen, die nicht vollkommen zufrieden mit ihrem Leben sind erschaffen sich gerne eine solche Welt.“

„Warum sollte man über Dinge nachdenken, die man nicht hat, anstatt über Dinge, die man hat?“

„Weil es vielleicht Dinge sind, die man braucht um gerade glücklich zu sein.“

„Wie zum Beispiel?“ Zögernd bedachte ich ob ich es tatsächlich aussprechen sollte.

Die Freiheit, über unser Leben zu entscheiden.

„Ist doch nicht so wichtig, wir sollten uns dem Auftrag zuwenden.“ Daraufhin schnaubte er nur schulterzuckend.

„Und wie gedenkst du vorzugehen?“

„Was hältst du davon, wenn wir mit denen beginnen, die uns hier anblicken, als wenn wir eine ansteckende Krankheit besitzen?“

In diesem Moment vernahm ich ein kleines Aufschlagen direkt neben meinem rechten Fuß und ehe ich darüber nachdenken konnte, schoss Alecs rechte Hand direkt vor mein Gesicht und fing einen Stein auf, der sonst mit großer Sicherheit mein linkes Auge getroffen hätte.

„Hast du etwas zu sagen, Bursche?“, fragte er bedrohlich und erst in diesem Moment erkannte ich einen Jungen, ungefähr in meinem Alter, der einen weiteren Stein in seiner verschmutzten Hand hielt. Das Gesicht war vollkommen verdreckt, dass man die Blässe kaum noch erkennen konnte. Seine schwarze Hose besaß wenige Risse und saß ihm viel zu locker auf seinen hervorstehenden Hüftknochen.

„Was wollt ihr hier? Mutanten sind in Paragnom nicht erwünscht!“, ereiferte er sich mit rauer Stimme und warf erneut in meine Richtung. Diesmal duckte ich mich jedoch rechtzeitig zur rechten Seite weg, sodass der Stein nur zwischen Alec und mir zu Boden fiel.

„Und du denkst, du könntest uns mit ein paar lächerlichen Steinen davonjagen?“, fragte Alec mit hochgezogenen Augenbrauen, doch der Junge blickte ihn nur völlig entschlossen an.

„Nein, denke ich nicht, aber zumindest kann ich so meine Verachtung für euch ausdrücken und möglicherweise einen von euch verletzen.“ Mit dunkler Stimme begann Alec zu lachen und trat einen Schritt auf ihn zu, bis ich ihn mit meiner linken Hand an seiner Brust aufhielt und selber auf den Jungen zutrat, während er vor mir zurückwich.

„Hey! Lass das und bleib hier!“, hörte ich Alec rufen, ignorierte ihn jedoch. Stattdessen starrte ich entschlossen in die blauen Augen des Fremden, in denen sich pure Abscheu, aber auch eine gewisse Unsicherheit wiederspiegelte.

„Du hasst uns also so sehr?“ Er starrte mich perplex an. „Du willst also jeden einzelnen von uns am Liebsten einen Strick um den Hals binden, uns nach Luft ringen sehen während uns langsam schwarz vor Augen wird und wir einer nach dem Anderen ersticken? Ist es das, was du willst? Oder willst du uns einzeln foltern und quälen, bis du zufrieden bist und uns dann sterben lassen? Sag mir Junge, was willst du mit uns tun?“

Ich beobachtete, wie er schluckte. Sein magerer Körper war komplett angespannt und seine dünnen gebräunten Arme mit den zu Fäusten geballten Händen zitterten. Ein Ruck durchfuhr ihn und er wich panisch zurück, als hätte er erst jetzt registriert, wie nah ich ihm gekommen war, sodass sich unsere Körper beinahe berührt hätten.

„Ihr seid wie Kakerlaken!“, schrie er und starrte hilflos durch die Gegend.

„Ihr kommt immer wieder, in Momenten, in denen man mit euch abgeschlossen hat. Um deine Frage zu beantworten, Mutant. Ja, ich möchte euch tot sehen. Aber vorher möchte ich euch leiden sehen, bis ihr nicht mehr wisst, wer ihr seid und euch nur noch wünscht, dass ich euer Leid beende. Aber weißt du, was ich mir noch viel mehr wünschen würde? Eure sogenannten Herrscher hängen zu-“ Bevor er weiterreden konnte, trat ich ihm kräftig gegen seine Kniescheibe, woraufhin er jaulend zu Boden ging und mich schließlich noch zorniger anblickte.

„Was hat er gerade gesagt?“, fragte Alec ungläubig und kam näher zu ihm heran mit einem eiskalten Blick in den Augen, den ich nicht von ihm erwartet hätte und welcher meinen Atem zum Stocken brachte.

„Das ist unwichtig“, gab ich schließlich zurück und ging vor ihm auf die Knie und ohne, dass Alec es merkte, begann ich zu lächeln.

„Wenn du uns tatsächlich tot sehen willst und uns leiden lassen willst, dann solltest du dir etwas Besseres einfallen lassen, als uns mit einem kläglichen Stein zu bewerfen.“

„Keine Sorge, dafür werde ich schon sorgen.“

 Daraufhin lächelte ich ihn breit an.

„Dann ist gut.“ Verwirrt blickte er mich daraufhin an und ich stand wieder auf.

„Chase, was in Gottes Namen tust du da?“, hörte ich eine aufgeregte Frauenstimme rufen und daraufhin kam eine ältere, weißblondhaarige Frau mit einem geschockten Gesichtsausdruck auf den Jungen zugelaufen.

„Ich möchte mich aufrichtig für das Benehmen meines Sohnes entschuldigen! Ich hoffe er hat Ihnen keine Umstände bereitet.“

„Um ehrlich zu sein-“ „Nein, hat er nicht“, unterbrach ich Alec und blickte ihn warnend in die Augen, woraufhin er mich skeptisch beäugte, aber dennoch still blieb.

Die Frau seufzte erleichtert aus und lächelte uns zurückhaltend an, wobei ich bemerkte, dass ihr mehrere Zähne fehlten.

„Nun, wir müssen weiter und die Sache erledigen, weshalb wir hier sind. Vielleicht sieht man sich ja noch einmal, Ms…“ „Wood.“

„Ms. Wood.“ Sie nickte mir lächelnd zu.

„Ich danke Ihnen, dass Sie es meinem Sohn nicht nachtragen, dass er womöglich ein wenig frech geworden ist.“ Alec und ich nickten ihr zu, ehe wir weitergingen.

„Du weißt, dass du mir eine Erklärung schuldest?“, sagte Alec beiläufig, während wir unseren Weg über die gepflasterte Hauptstraße fortführten.

„Ich wüsste nicht warum“, gab ich daraufhin möglichst unschuldig zurück, woraufhin er seufzte und mich schließlich am Handgelenk packte und zu sich drehte, sodass ich ihm direkt in die Augen blickte.

„Amber, für das Verhalten dieses Jungens wäre normalerweise eine große Strafe ausgefallen und wir hätten ihn mit zur Hauptstadt nehmen müssen. Also erkläre mir bitte warum wir uns Regeln widersetzt haben und ihn stattdessen ohne jegliche Verwarnung gehen ließen?“ Ich schluckte und blickte ihm dabei unsicher in die Augen.

„Später“, sagte ich schließlich und er ließ geschlagen seine Schultern sinken.

„Wie du meinst, ich hoffe nur, dass du weißt, was du da getan hast. Schließlich könnte er es sein, den wir suchen.“

„Und wenn das der Fall sein sollte, dann wissen wir was wir zu tun haben. Aber fürs Erste können wir ihn in Ruhe lassen!“, befahl ich mit fester Stimme und blickte mich nach jemanden um, der uns weiterhelfen könnte.

„Wir sollten uns nach jemandem umsehen, der uns sagen kann, wer hier am Meisten etwas gegen die Lebensumstände hat und versucht etwas dagegen zu unternehmen.“

„Glaubst du, man wird uns etwas erzählen?“, fragte ich ihn daraufhin, woraufhin er mich verschmitzt angrinste und auf einen älteren Mann zusteuerte, der furchtbar abgemagert wirkte und eher tot als lebendig aussah. Er saß auf dem gepflasterten Boden und lehnte sich an die Wand eines Gebäudes an. Ich folgte Alec.

„Sie sehen aus, als hätten Sie schon eine Menge gesehen und würden sich mit den Leuten gut auskennen“, merkte Alec an, als er sich vor ihm hinkniete. Der Mann hob langsam seinen Blick und starrte ihn mit seinen leeren Augen an.

„Und wieso sollte das so sein, Bursche?“

„Nun, ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die womöglich kein so erfülltes Leben haben, sodass sie augenscheinlich auf der Straße betteln und nichts mehr besitzen einiges mehr an Erfahrung besitzen, als jene, die ein sicheres Leben führen.“

„Und wie kommst du darauf, dass dies so ist?“

„Ich weiß es nicht, aber es ist Ihre Entscheidung ob Sie das Geld wollen oder nicht.“ Mit gehobenen Augenbrauen beobachtete ich, wie Alec aus seiner Tasche einen kleinen Beutel mit mehreren Goldstücken herausholte und ihn vor den Augen des Mannes hin und her baumeln ließ. Die Augen des Mannes weiteten sich, während er den Beutel betrachtete und schließlich hoben sich seine Mundwinkel nach oben, wobei mehrere Zahnlücken entblößt wurden.

„Was kann ich für dich tun, mein Junge?“ Alec richtete seinen Blick auf mich. Ich konnte sein nerviges Grinsen erkennen und verdrehte die Augen. Dann griff er erneut in die Tasche und zog einen zerknüllten Zettel und einen Stift heraus. Dies reichte er dem Mann.

„Ich möchte, dass Sie die Namen aller Menschen aufschreiben, von denen Sie wissen, dass sie unsere Herrscher verachten und sich kaum zurückhalten können jeden Mutanten grausam umzubringen, der ihnen unter die Augen kommt.“ Zögernd blickte er zwischen Alec und dem Geldbeutel her.

„Ich könnte Probleme bekommen.“

„Es ist Ihre Entscheidung, aber so eine Chance werden Sie niemals wiederbekommen. Überlegen Sie es sich gut, ob Sie diese einfach so verschwenden wollen.“ Alec setzte sich auf den Boden und blickte ihn einfach nur lächelnd an.

Schließlich seufzte der ältere Mann, griff zum Stift und begann auf dem Blatt zu schreiben. Erstaunt blickte ich ihm zu, wie er einen Namen nach dem anderen schrieb, bis er den Stift absetzte und Alec mit zitternder Hand das Blatt reichte.

Ich kniete mich neben ihn, um die Namen lesen zu können.

Jordan Worn, Celty Libert, Traian Kelt, Marian Kort, Nathan Menson, Quest Lorian, und zuletzt Carry Bries.

„Und Sie sind sich sicher, dass dies alle sind?“, fragte ich ihn, woraufhin er nur unbeholfen mit den Schultern zuckte.

„Ich kann euch nur die Namen geben, die mir bekannt sind, ich kenne hier schließlich auch nicht absolut jeden.“

Daraufhin nickte ich ihm zu und blickte zu Alec.

„Wir sollten zurück zum Bahnhof gehen um uns mit Charlotte und Patrick zu treffen.“ Mit einer Kopfbewegung stimmte ich ihm zu und wir erhoben uns beide. Bevor wir uns jedoch losbewegten warf Alec dem Mann den Beutel mit den Geldstücken hin, woraufhin dieser sich sofort auf den Beutel stürzte und an seine Brust presste. Mit einem unwohlen Gefühl beobachtete ich das Szenario, bis ich angestoßen wurde. Wie konnten nur die Menschen hier so leben? Jedes kleine Goldstück wurde wie eine Schatzkiste aus Gold behandelt. Es war traurig mitanzusehen, da ich in so einem Leben nicht lebte.

„Kommst du?“, fragte Alec und wir begannen uns in Richtung Bahnhof zu den anderen zu bewegen.

Während wir liefen dachte ich darüber nach, wie schnell der Mann doch eingelenkt hatte, obwohl er wusste, was mit den Menschen geschehen konnte, die er verraten hatte. Jeder wusste, dass es nichts Gutes verhieß, wenn Mutanten nach jemanden suchten.

„Du wirkst ziemlich nachdenklich“, merkte er nach einer Weile an und betrachtete mich skeptisch.

„Mir ist nur wieder in den Sinn gekommen wie leicht es doch ist, Menschen zu benutzen und wie wenig es uns anscheinend ausmacht, dies zu unserem Vorteil zu nutzen“, äußerte ich und er gab ein verächtliches Schnauben von sich.

„Es ist unsere Aufgabe Informationen zu beschaffen, egal auf welche Weise. Wenn das die einfachste Weise ist Informationen zu beschaffen, dann sollten wir diese auch gebrauchen. Warum sollte man also darauf verzichten, nur um die Gefühle anderer nicht zu verletzen?“

„Weil es das ist, was uns davon abhält unsere Menschlichkeit zu verlieren!“, antwortete ich aufgebracht, ohne darüber nachzudenken und erst als Alec mich mit geweiteten Augen und offenem Mund anstarrte, erkannte ich meinen Fehler.

„Ich…ich meine, setzen wir uns dann nicht auf die gleiche Stufe, wie die armseligen Menschen hier herab? Sie tun alles, um an Geld oder Essen zu gelangen, während wir nach dem gleichen Prinzip vorgehen, um Informationen zu beschaffen. Ich möchte nich…nicht daran glauben, dass wir genauso wie diese sein sollen“, stotterte ich unbeholfen, um meinen Ausrutscher wieder gut zu machen, doch Alec starrte mich nur intensiv an und ich starrte entschlossen zurück.

„Du solltest dein hübsches Köpfchen nicht überanstrengen, sonst platzt es womöglich noch, Puppe“, war alles was er schließlich darauf erwiderte.

„Idiot.“ Daraufhin begann er zu grinsen und weiterzugehen, doch ich blieb unsicher stehen. Es hatte seine Augen nicht erreicht. Das Grinsen. Seine Augen hatten nicht gefunkelt, wie bei den letzten Malen, stattdessen waren sie vollkommen leer geblieben. Ich musste schlucken, während ich ihm langsam folgte, seinen Rücken anstarrend.

Wie lange wird es wohl noch dauern, ehe er begreift, was ich tatsächlich fühle? Mit diesem Gedanken lief ich stillschweigend neben ihm her, bis wir beim Bahnhof ankamen.

 

„Gute Arbeit, ihr beiden!“, lobte Charlotte uns, als wir ihr die Liste mit den Namen reichten. Alec drehte sich erneut mit einem selbstgefälligen Grinsen zu mir um, doch diesmal verzog ich keine Miene.

Stattdessen gab ich zu: „Es war Alecs Idee.“ Anerkennend hob sie die Augenbrauen.

„Wie sieht es aus? Habt ihr noch etwas herausgefunden?“

„Es scheint, als ob wir hier nicht wirklich willkommen sind. Es war beinahe unmöglich überhaupt normal mit den Menschen hier zu reden. Mehrere Menschen mussten wir auf die Liste setzen“, erklärte Patrick. Die Liste war für Leute da, die sich negativ gegenüber den Hovers äußerten, aber noch nicht in einem Maß, dass sie zur Hauptstadt gebracht werden mussten. Sie war zur Überwachung dieser da.

„Dennoch konnten wir in Erfahrung bringen, dass sich hier eine gewisse Gruppe gebildet hat, welche von Carry Bries angeführt wird. Ich bin der Meinung, dass sie ganz oben auf der Liste der Verdächtigen steht. Wir sollten sie also als Erste befragen.“ Er suchte in unserer Gruppe Zustimmung, welche er auch bekam. Charlotte unterstützte ihn mit einem Nicken.

„Genau so werden wir es machen. Allerdings erst morgen, da es langsam dunkel wird. Wir sollten uns eine Übernachtungsmöglichkeit suchen“, schlug ich vor, während ich die untergehende Sonne beäugte, die sich den kleinen Häusern immer mehr näherte.

„Wir sind auf unserem Weg an einem Gasthaus vorbeigekommen, es schien zwar sehr abgenutzt und schäbig zu sein, aber es ist fürs Erste unsere beste Übernachtungsmöglichkeit.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, begab Charlotte sich vorwärts und uns blieb keine andere Wahl, als ihr zu folgen.

Das Gasthaus schien tatsächlich schon seine besten Tage hinter sich gebracht zu haben. Das Weiß, indem es einst gekleidet gewesen sein musste, war bereits nur noch schwer zu erkennen, da die Fassade nun ein schmutziges Grau angenommen hatte. Die Fenster hatten einige Sprünge und waren teilweise mit Brettern zugenagelt, wo die Schäden noch schlimmer waren und dem roten Dach fehlten ebenfalls einige Ziegel.

„Du willst wirklich, dass wir hier übernachten?“, fragte Alec naserümpfend, doch er verstummte sofort, als Charlotte ihm einen kritischen Blick zuwarf.

„Gehen wir!“ Mit diesen Worten begab sich Patrick durch die vermoderte Holztür und wir folgten ihm. Ein Glockenklingeln begrüßte uns, als wir das Innere betraten. Ein älterer Herr mit einer Brille und einem sehr langen Bart kam aus einem kleinen Zimmer hinter der hölzernen Theke hervor.

„Willkommen!“, rief er erfreut und seine kleinen Augen begannen zu funkeln.

„Mutanten kommen selten in diese Gegend, aber umso mehr freut es uns, wenn sie ihren Weg zu uns gefunden haben. Ich nehme an, dass sie nur die Nacht hierbleiben möchten?“

Er begann sofort in dem Bücherregal, welches an der Wand hinter der Theke stand, herumzuwühlen und zog ein dickes in Leder eingebundenes Buch hervor, welches mächtig aufstäubte als er es auf die Theke fallen ließ.

Charlotte setzte ein freundliches Lächeln auf und nickte höflich.

„Ich kann Ihnen leider nur zwei Doppelzimmer anbieten. Ich hoffe, das ist kein Problem für Sie.“ Daraufhin schüttelte sie den Kopf und klärte alles Weitere mit dem Mann ab.

 

„Ich hoffe doch, es stellt für dich kein Problem dar, dass wir uns ein Zimmer teilen, Amber?“ Erstaunt schüttelte ich den Kopf über Charlottes Frage.

„Wieso sollte es ein Problem für mich darstellen?“

Sie ließ sich auf das Bett in unserem Zimmer fallen, welches dabei laut quietschte, woraufhin sie das Gesicht verzog. Dann schien sie nachdenklich auf die graue Decke zu starren.

„Du warst damals noch so jung. Ich hatte Angst, dass du es nicht überstehst.“ Als ich begriff, worauf das Gespräch zusteuerte, spannte sich mein gesamter Körper an und ich begab mich schnell in das kleine Badezimmer.

„Ich dachte, dass du nach diesem Vorfall nie mehr mit mir reden würdest, geschweige denn mein Gesicht ertragen könntest“, hörte ich sie sagen, während ich mir Wasser aus dem kleinen Waschbecken ins Gesicht spritzte. Auch wenn ich mir nicht sicher war, ob es jetzt nicht womöglich noch schmutziger war, als zuvor. Seufzend richtete ich mich auf und setzte mich auf den grau-verdreckten Beckenrand der Badewanne, von wo aus ich sie durch die offene Tür auf dem Bett liegend beobachten konnte. Sie starrte ebenfalls in meine Richtung zurück.

„Es war nicht deine Schuld. Ich habe dir niemals die Schuld daran gegeben.“ Ihre Augen weiteten sich überrascht und sie richtete sich auf. Ich lächelte sie sanft an. Es war geschehen und ich bin darüber hinweggekommen.

„Wieso hast du ausgerechnet mich um Hilfe gebeten? Wir haben vier Jahre nicht mehr miteinander gesprochen und auf einmal stehst du vor mir und fragst mich um Beistand bei deinem Auftrag. Ich verstehe es nicht.“ Sie richtete sich wieder auf und schaute verwirrt in mein Gesicht.

„Dennoch hast du keine Sekunde gezögert, mir zu helfen.“

Sie blickte mich eine Weile intensiv an und nickte. „Nein, das habe ich nicht.“

„Hör zu.“ Ich stand auf und setzte mich auf das Bett neben ihrem.

„Was in Larcroft passiert ist, ist jetzt vier Jahre her. Ich bin darüber hinweggekommen. Es hat seine Zeit gebraucht, aber ich habe es geschafft. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass es passiert ist und dass es mir schwer zu schaffen gemacht hat.

Trotzdem habe ich dir niemals die Schuld daran gegeben, nicht eine Sekunde lang. Ich habe dich für diesen Auftrag gewählt, weil ich mir Verstärkung aus deinem Heer holen sollte und ich dir am meisten in dieser Sache vertraue. Du hast Erfahrung, du bist stark und intelligent. Und ich habe in all diesen Jahren keinen Mutanten so sehr respektiert, wie dich.

Aus diesem Grund habe ich mich für dich entschieden, Charlotte.“

Sie seufzte, dann ließ sie sich erneut nach hinten fallen. In diesem Moment konnte man ihr erstmals ihr wahres Alter wirklich ansehen. Sie sah aus wie eine Frau Mitte vierzig, die bereits zu viel gesehen haben musste.

„Na schön, lassen wir das Thema gut sein. Wir sollten uns ausruhen, morgen dürfte ein anstrengender Tag sein.“ Trotz ihrer Worte, stand ich auf und bewegte mich zur Tür.

„Geh du schon mal schlafen, ich gehe noch ein bisschen nach draußen.“ Verwirrt starrte sie mich an und schien etwas sagen zu wollen, doch etwas in meinem Gesicht schien sie davon abzuhalten und sie nickte bloß.

„Bleib nicht zu lange weg.“

 

Als ich draußen angekommen war, begab ich mich hinter das Gasthaus. Der Hinterhof war mit wenigen Holzbänken verziert, welche bereits modrig wirkten und so setzte ich mich nur an einen der vielen Bäume, die im hinteren Bereich standen.

Mein Blick glitt in den Himmel, die Sterne beobachtend. Wenigstens etwas in diesem Ort hatte dieselbe Schönheit wie in den anderen Bezirken. Der Sternhimmel war überall gleich schön. In der Hauptstadt, in Paragnom, sowie in Larcroft.

Ich stockte und schüttelte verzweifelt den Kopf; wollte nicht an diesen Ort denken. Ich vergrub mein Gesicht in den Händen und versuchte irgendwie die aufkommenden Bilder zu verdrängen. Das Blut, Charlotte, Erics lebloser Körper direkt neben dem seiner kleinen Schwester. Frustriert schlug ich mir mehrmals gegen die Stirn.

„Du solltest aufpassen, sonst tust du dir noch weh, Puppe.“

 Erschrocken starrte ich nach vorne, nur um Alec vor mir stehen zu sehen, ein selbstgefälliges Grinsen im Gesicht, mit dem er belustigt zu mir runterblickte.

„Wirst du irgendwann aufhören mich so zu nennen?“, seufzte ich, während er sich neben mich setzte.

Ich spürte wie seine Schulter meine berührte, doch ich war zu erschöpft ihn wegzustoßen und so drehte ich meinen Kopf zu ihm hin.

„Wahrscheinlich nicht.“

Daraufhin schnaubte ich nur und schüttelte den Kopf.

„Was ist los? Du sahst eben aus, als würde dich etwas quälen.“

Eine Weile blickten wir uns nur an.

„Ich habe mich nur an etwas längst Vergangenes erinnert.“

„Lust mich einzuweihen?“

„Nicht wirklich.“ Ich spürte, wie der Wind durch den Ort zog und eine Gänsehaut begann meine Haut zu zieren.

„Du glaubst nicht an ihre Prinzipien, nicht wahr?“

Verwirrung breitete sich auf meinem Gesicht aus.

„An die Prinzipien der Herrscher. Der Hovers. Du glaubst nicht an alles, was sie dir auftischen, nicht wahr?“ Ich schreckte auf und starrte ihn ängstlich an, doch er hob sofort abwehrend die Hände.

„Keine Sorge, ich schweige wie ein Grab. Ich habe bereits einige getroffen, die nicht ganz mit diesen einverstanden sind.“

„Bist du es denn?“, fragte ich ihn und er zuckte nur mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht genau. Einerseits sehe ich keinen Grund ihnen nicht zu dienen. Ich meine klar, teilweise müssen wir mit dem Leben von Menschen spielen, aber diese Prinzipien bringen Ordnung in unser Leben.“ Ich lachte auf und sah ihn etwas abwertend an.

„Ordnung? Du meinst eher Unterdrückung. Kein Mensch hat die Möglichkeit seine Meinung frei zu sagen. Uns wird das Leben als Soldat aufgezwungen und wir haben keine Möglichkeit davon wegzukommen.“

 „Und was denkst du, würde passieren, wenn wir ihnen die Möglichkeiten bieten würden, ihre Meinung zu sagen? Glaubst du wirklich, das würde Frieden bringen?“

Daraufhin fiel mir keine Antwort ein und ich blickte frustriert zur Seite.

„Es ist einfach nicht fair. Alles was ich mir wünsche, ist frei zu sein. Wir sind hier eingesperrt, Alec. Die elektrischen Zäune um die Bezirke halten uns davon ab, in diese Freiheit zu entfliehen. Ich wünsche mir nur einmal, die Zwischenbezirke zu sehen, von denen in den Büchern so viel erzählt wird.“ Träumerisch blickte in den Himmel und ich hörte ihn neben mir seufzen.

„Also ist das der Grund, warum Menschen so an Geschichten hängen? Warum du so an Geschichten hängst? Weil du glaubst, dass du nichts an deinem Leben ändern kannst?“ Daraufhin lächelte er mich sanft an und strich mir durch die Haare.

„Ich bin mir sicher, dass Menschen ihr Leben immer so verändern können, wie sie wollen. Sie müssten sich nur trauen, egal was es kostet. Und selbst wenn es dann nicht funktionieren würde, weißt du, dass du alles in deiner Macht Stehende getan hast, um dein Ziel zu erreichen.“

Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute ich ihn an.

„Versuchst du mir gerade zu sagen, dass ich mich bewusst gegen die Hovers stellen soll?“, fragte ich ihn, und er stand grinsend auf.

„Ich sage dir nur, dass du nicht daran zweifeln sollst, deinen Träumen hinterher zu jagen.“ Dann ging er wieder Richtung Gasthaus und ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen. Ich sprang auf und lief an seiner Seite.

„Aber müsstest du mich nicht eigentlich verhaften, nachdem du dies alles weißt?“, fragte ich ihn, als wir wieder drinnen angekommen waren und uns trennen mussten, um auf unsere Zimmer zu gelangen.

„Nun“, begann er und blickte mich schelmisch an. „Wir haben heute schon einmal das Gesetz gebrochen. Ich glaube ein weiteres Mal fällt da nicht wirklich auf, richtig? Gute Nacht, Amber.“ Damit drehte er sich um und betrat sein Zimmer. Ich stand nur grinsend im Flur und ging schließlich zurück in das Zimmer von Charlotte und mir.

 

 

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