Kapitel 2 - Der fremde Junge

Am nächsten Tag erwachte Sweta wie aus einem Traum. Im Haus roch es nach Essen, erst jetzt wurde ihr bewusst, wie hungrig sie war. »Oleg?«, fragte sie leise?
Ihr kleiner Bruder schlummerte noch tief und fest, Jens dagegen war nicht mehr in seinem Bett. Erschöpft durch die Ereignisse der letzten Nacht atmete sie noch einmal tief ein und aus. Nachdenklich betrachtete sie ihren blauen, einteiligen Schlafanzug, den sie ja die ganze Zeit unter ihrer Straßenkleidung getragen hatte. Heute konnte sie sich Zeit lassen und den Strampler mit den weißen Sternchen vorher ausziehen. Sorgfältig legte sie ihn zusammen und zog den Rock samt Pullover an. Dann erst weckte sie ihren Bruder. »Oleg, wir müssen aufstehen, Tante Natalie wird uns sicher bald holen.« Schlaftrunken setzte der kleine Junge sich auf und schaute verwirrt um sich. Sekunden später huschte das Verstehen über seine Gesichtszüge. »Wo ist Mama?«
Sweta setzte sich auch die Matratze, die man für sie auf den Boden gelegt hatte, und umarmte ihren Bruder. Widerwillig löste er sich aus ihrem Griff, er ertrug Nähe nicht besonders gut, so wie sie es oft auch nicht konnte.
»Wollen wir runtergehen und schauen, was da so gut riecht?«
Hoffnung strahlte aus dem kleinen Gesicht. Essen. Sie hatten seit Tagen nichts Vernünftiges mehr gegessen. Es war ende des Monats und oft blieb in den letzten beiden Wochen nicht viel Essbares im Haus übrig. Nicht selten ernährten sie sich von warmem Leitungswasser und darin aufgelöstem Zucker. In den Sommermonaten gab es hin und wieder im Garten noch etwas, was sich essen ließ. Aber wenn es so kalt war wie jetzt, blieben meist nicht mal mehr die Beeren am Strauch.
»Hunger«, sagte Oleg und wurstelte sich aus dem Federbett. Flink half Sweta ihrem Bruder beim Ankleiden. Hand in Hand gingen sie aus dem Kinderzimmer die breitgeschwungene Treppe hinunter dem Geruch entgegen.
Ihre Nachbarn waren nett, langsam taute Swetlana auf. Sie ließ sich nicht zweimal auffordern beim Essen zuzugreifen und genoss die leckeren Speisen in vollen Zügen. Warme Brötchen, sie erinnerte sich nicht, ob sie jemals warme Brötchen gegessen hatte und so viele verschiedene Wurstsorten und Käse, Marmelade und Eier. Es gab gekochter Eier! Gierig griff Sweta zu, ihr war völlig egal, was die Menschen von ihr denken könnten, der Hunger ließ sie zittern. Dennoch entging ihr der bedeutungsvolle Blick nicht, den Frau Hohenfels ihrem Mann zuwarf. Sollten sie doch lästern, Hauptsache, sie nahmen ihr und ihrem Bruder nicht die leckeren Sachen weg.
Erst als nichts mehr in den Magen passte, hörte Sweta auf zu essen. Selbst der letzte Schluck Kakao hätte beinahe in der Tasse bleiben müssen.
Hunger war ein schlimmes Gefühl, es fraß einen von innen auf und bohrte sich in jeden Gedanken. Es schmerzte irgendwann so sehr im Magen, dass man bereit wäre, Rinde vom Baum zu nagen. Und dann hört der Schmerz auf und man wird schwächer, alles ist anstrengend, jede Bewegung kostet Überwindung. Deshalb aß Sweta immer dann, wenn etwas zum Essen da war, sie aß und aß, bis nichts mehr in den Körper hinein ging. Sie wusste schließlich nicht, wann sie das nächste Mal etwas bekommen würde.
Frau Hohenfels trat an die Geschwister heran und streckte ihre Hand aus. Swetlana zuckte erschrocken zusammen, wollte die Frau sie schlagen, vielleicht, weil sie ihnen das ganze Essen weggegessen hatte? Mit großen Augen schaute das Mädchen zu der älteren Frau, die ihre Hand augenblicklich zurückzog. Sweta verstand nicht, warum die Frau so entsetzen aussah, hatten die Geschwister etwas Schlimmes getan?
»Ich kann das nicht mehr, Klaus-Peter, ich muss kurz raus.«
Swetlana hörte die Frau weinen, als sie aus der Küche stürzte und ihr wurde schwer ums Herz. Sie wusste nicht, was sie der Frau getan hatte, aber es tat ihr sehr leid. Noch nie waren Menschen so nett zu ihnen beiden gewesen. Nut Opa und Oma, aber die wohnten sehr weit weg.
»Sorgt euch nicht, Kinder«, sagte Herr Hohenfels. »Es ist alles gut, es ist nicht eure Schuld.«

Tante Natalie kam wie versprochen wenig später, sammelte die Kinder wieder ein und brachte sie nach Hause.
Die Tür stand sperrangelweit offen, vorwurfsvoll, wie eine Anklage für die Ereignisse der letzten Nacht. Swetlana kam es mittlerweile wie ein Traum vor, wäre da nicht der gefüllte Magen und noch immer der Geschmack der Leckereien auf den Lippen.
»Wo ist Mama?«, fragte Oleg erneut, wie eine kaputte Schalplatte.
»Kinder, ihr müsst eure Mutter einige Tage in Ruhe lassen, es geht ihr nicht sehr gut. Und Oma auch nicht.«
»Wo ist Papa?«, fragte Swetlana, auch wenn sie es eigentlich nicht wissen wollte.
»Nicht da«, war die knappe Antwort. »Aber ich vermute, er wird heute im Laufe des Tages wieder kommen. Ich fahre ihn später abholen.«
Das Mädchen schämte sich für die Erleichterung, die es verspürte. Eine Schonfrist, das war der beste Tag ihres ganzen Lebens.

»Mama? Sind Sie da?«, Swetlana klopfte leise gegen die Schlafzimmertür.
»Ja Schatz, aber ich bin krank und kann nicht rauskommen.«
Swetlana runzelte die Stirn, es war die Stimme ihrer Mutter, irgendwie zumindest, aber es hörte sich irgendwie auch nicht nach ihr an. Sie sprach nuschelnd und undeutlich, dass Sweta angestrengt hinhören musste, um die Mutter zu verstehen. »Was haben Sie denn? Sind Sie erkältet?«
»Ja Sweta, sehr erkältet. Kannst du bitte in den Keller gehen und Kartoffeln hochholen? Es müssten noch ein paar aus Garten dort unten liegen.«
Sweta nickte, bis ihr bewusst wurde, dass die Mutter sie ja nicht sehen konnte. »Ja, Mama.«
Hurtig rannte sie die Stufen von der ersten Etage hinab, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass Oleg noch in Ruhe mit den fischig riechenden Holzstückchen spielte. Die hatte ihr Vater vor einigen Tagen von einer Resteverwertung mitgebracht. Swetlana konnte es nicht ertragen, sie anzufassen, aber Oleg liebte die kleinen Holzklötzchen, selbst, wenn er sich ab und an ein Splitterchen zuzog.
Die Tür zum Keller war stets abgeschlossen, weil Großmutter Angst hatte, ein Mann mit schwarzer Hautfarbe könne sie entführen und ihr furchtbare Sachen antun. Swetlana war schleierhaft, warum ein Mann mit schwarzer Hautfarbe das tun sollte, denn Großmutter besaß kein Geld, nur ihren inbrünstigen Glauben an Gott.
Der Schlüssel ließ sich nur schwer drehen, denn er war leicht angerostet. Swetas Zungenspitze lugt angestrengt hervor, als sie alle Kraft in ihre Finger legte, die sie hatte. Quietschend schwang die Tür in die Dunkelheit des Treppenabgangs auf. Sweta fürchtete sich vor der Düsternis. Großmutter erzählte ihr und ihrem Bruder jeden Abend Geschichten von teuflischen Dämonen, die sich in den Schatten versteckten und nur darauf warteten, unschuldige Kinderseelen zu fressen. Sweta wollte nicht für alle Ewigkeiten im Fegefeuer verbrennen, immer nach etwas Wasser rufend, doch nie welches bekommend. Sie hatte Angst, keine reine Seele zu haben und jetzt schon dem Teufel zu gehören. Großmutter sagte ihr immer wieder, sie seien voller Sünde und wären des Himmelreiches nicht wert. Jeden Tag würde Jesus auf die Welt schauen und weinen, weil schon die Kleinen durch und durch schlecht waren und niemals die Himmelstore würden betreten dürfen. Tief atmete das Mädchen durch. Sie war mutig, mutig genug, um in den Keller zu gehen und die Kartoffeln zu holen. Sie streckte sich nach dem Lichtschalter, der sich mit einem lauten ›Klack‹ umlegen ließ, als sie ihn betätigte.
Beinahe hätte sie geschrien und wäre die Stufen hinunter gestürzt. Die weißgetünchte Wand war von rostroten Handabdrücken verschmiert, die noch jetzt um Hilfe zu flehen schienen. War dies das Blut ihrer Mutter?!
Swetlanas Atem beschleunigte sich im Takt ihres pochenden Herzens. Die mahnenden Male waren gestern früh noch nicht hier gewesen. Die Schreie ihrer Mutter drangen in ihre Erinnerung und gewalttätige Bilder spielten sich vor ihrem inneren Auge wider. Er musste sie hart geschlagen haben, härter als je zuvor. Mama versteckte sich im Schlafzimmer, weil sie nicht wollte, dass Sweta und Oleg sie so sahen. Es wäre nicht das erste Mal. Swetas Herzschlag wollte sich nicht beruhigen, atemlos starrte sie die erhellte Treppe hinab. Schnell, einfach runter, um die Ecke, nach den Kartoffeln schauen und wieder nach oben laufen, das würde sie hinbekommen. Flink trippelte sie die Steinstufen hinab und huschte um die Ecke. In der Ecke, in der sie ihr Gartengemüse aufbewahrten, türmte sich ein kleiner Haufen Erde, der dazu diente, die Kartoffeln frisch zu halten. Sweta verzog den Mund, als ihr Tausendfüßler und Kellerasseln über die Hände krabbelten, während sie in der Erde nach Essbarem wühlte. Ängstlich legte sich ihre Stirn in Falten. Bis jetzt war die Erde leer. Tränen traten ihr in die Augen. Sie und ihr Bruder waren noch satt vom Frühstück bei den Nachbarn, aber Mama musste sehr hungrig sein. Erneut grub sie ihre Hände in den lockeren Boden und durchwühlte ihn. Schneller, wilder, panischer. Erleichtert fühlte sie etwas Festes, schloss ihre Hand darum und zog es hervor. Eine Kartoffelwurzel, an der noch drei winzige Früchte hingen. »Nein, nein, nein«, flüsterte Sweta entsetzt. Das konnte doch nicht alles sein. Das würde nie reichen, und wenn Vater zurückkam und kein Essen auf dem Tisch stand …
Das Mädchen schüttelte heftig den Kopf und bohrte ihre kleinen Hände erneut in den Dreck, vergebens. Erschöpft ließ sie sich zurücksinken und plumpste auf ihren Po. Ihr lauter Schluchzer überraschte sie, erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund. Weinen war nicht erlaubt, Weinen war nur für Schwache. Wer weinte, bettelte um Schläge.
Aber so sehr sie auch versuchte es zu verhindern, sie schaffte es nicht, dicke Tränen rannen ihr über die Wangen und tropften auf das dünne Kleidchen. Entsetzt starrte sie auf die dunklen Flecken, die ihre erdigen Hände auf der Kleidung hinterlassen hatten. Das musste sie sauber machen, bevor sie wieder Dresche dafür bekam.
Furchtsam blickte sie die Treppen hinauf und das erste Mal in ihrem Leben wollte sie lieber hier unten bleiben. Wollte keine Angst mehr haben, sich keine Gedanken mehr darüber machen, ob sie auch alles richtig machte. Sie wollte nicht mehr lächeln, obwohl ihr zum Weinen war, wollte nicht mehr auf ihren Bruder aufpassen und Ärger bekommen, wenn er etwas anstellte. Sie wollte nicht in die Hölle und für immer brennen, aber vermutlich hatten genau diese Gedanken sie auf ewig verdammt und sie verdiente die qualvolle Ewigkeit.
Erneut schluchzte sie laut auf und die Anspannung des letzten Tages überrollten sie wie ein unaufhaltsamer Zug. Traurig starrte sie auf die drei kleinen Kartoffeln in ihrer Hand. Vater würde sie dafür bestrafen, aber es half nichts, sie musste wieder nach oben gehen, denn man würde sie hier unten finden und dann wäre die Strafe noch viel schlimmer.
»Hallo? Wer bist denn du und warum weinst du so sehr?«
Swetlana entfuhr ein Schrei und sie zuckte heftig zusammen. Entsetzt fuhr ihr Kopf umher und suchte nach der Quelle der Stimme. »Wer ist da?«, fragte sie viel zu schrill.
»Uhhhh, wenn du mir versprichst, nicht mehr so zu schreien, zeige ich mich dir. Aber du musst versprechen nicht zu brüllen, ja? Meine Ohren sind ja so empfindlich.«
Swetlanas Weinen versiegte langsam, nur ein kleiner Nachschluchzer flutschte ihr noch aus der Kehle. Sie nickte zögerlich und starrte weiter durch den verschmutzten Kellerraum. »Ich weine nicht mehr, ich bin ein großes Mädchen und die weinen nicht.«
»Papperlapapp, natürlich weinen kleine Mädchen wie du auch mal. Das gehört zum Großwerden dazu. Wusstest du, dass in Tränen ein Wachstumsmittel ist? Stell dir mal vor, du würdest nie weinen, würde dieses Wachstumsmittel in deinem Kopf bleiben und deine Birne würde anschwellen wie eine Melone. Das würde doch dämlich aussehen.«
Swetlana musste Widerwillen lachen und wischte sich die letzten Tränen vom Gesicht. »Dann darf man aber auch nicht zu viel weinen, sonst bekommt man ja einen Schrumpfkopf.«
Die Stimme kicherte. »Oh, da hast du natürlich auch recht. Einen Schrumpfkopf mag ganz sicher auch niemand haben.«
»Magst du dich denn nicht zeigen? Ich verspreche auch, dass ich artig sein werde.«
»Ja, ich weiß du versucht immer artig zu sein, damit niemand böse wird«, die Stimme klang fast einwenig traurig.
Sweta schwieg und senkte den Kopf.
»Ich sehe viel mehr als du denkst, junge Dame.« Der Fremde klang wieder fröhlich wie zuvor. »Und ich sehe, dass du ein braves kleines Mädchen bist, ja, ja, ja. Das bist du.«
Swetlanas Augen wurden groß. »Du beobachtest mich? Wo und wie?«
»Ich bin so klein, auf mich achtet keiner, wenn ich es nicht will.«
»Also wohnst du hier bei uns?« Das Mädchen konnte ein Staunen nicht unterdrücken. »Hier unten im kalten Keller etwa?«
Die Stimme kicherte erneut. »Sei nicht albern, es ist viel zu kalt, um im Winter hier unten zu wohnen. Dann wohne ch oben bei euch. Ich wohne in den Wänden. Zumindest, wenn ich hier bin.«
»Wenn du hier bist? Wo bist du denn sonst?«
»Na in meiner eigenen Welt du Dummchen.«
Swetlana entfuhr ein langgezogenes »Ohhhhh.«
Es raschelte in ihrer Nähe und ihr Kopf ruckte in die Richtung. »Bist du das? Zeig dich doch.«
»Willst du meine Welt einmal sehen?«
Swetlana nickte eifrig. »Oh ja, das würde ich ganz furchtbar gerne.«
»Ohne das du weißt, was in meiner Welt auf dich wartet?«
»Überall ist es besser als hier«, flüsterte das Mädchen niedergeschlagen und starrte auf die Spitzen der abgewetzten, mittlerweile viel zu engen Hausschuhe.
»Willst du denn nicht mal wissen, wie ich heiße?«
Sweta nickte und biss sich auf die Lippen, weil sie nicht von alleine auf die Frage gekommen war.
»Ich heiße -«
»Swetlana? Bist du da unten? Soll ich dir etwa die Ohren lang ziehen?! Was machst du da?! Das Licht brennt und brennt, bezahlst du den Strom etwa?«
Der keifende Ton ließ Swetlana augenblicklich hochfahren. Gehetzt starrte sie die Treppe hinauf. »Ja, Großmutter, ich bin es. Ich sollte nach Kartoffeln suchen, für Papa.«
Zitternd wischte sie die schweißnassen Hände an ihrem Kleidchen ab, völlig vergessend, dass sie schwarz vom Dreck der Erde waren. Die schmutzigen Schlieren zogen sich quer über den hellen Stoff. Sie schluckte, das würde Ärger geben. Erst da erinnerte sie sich wieder an ihren neuen Freund.
»Bist du noch da?«, flüsterte sie leise, aber nur Schweigen antwortete ihr. »Ist gut, sei ruhig leise, dann verrätst du dich nicht. Ich komme dich wieder besuchen. Bis bald.«
»Kommst du jetzt endlich?! Oder soll ich dich an deinen Zöpfen nach oben zerren?!«
»Nein Großmutter, das müssen Sie nicht, ich komme jetzt hoch.«
Kaum hatte sie die oberste Stufe erreicht, griff ihr die alte Frau ans linke Ohr und zog das Kind daran in die Höhe. Schmerzerfüllt schrie das Kind auf und stellte sich automatisch auf die Zehenspitzen, um die Pein zu minimieren. »Es tut mir leid, es tut mir leid! Ich werde es nie wieder tun.«
»Oh warte, wenn dein Vater nach Hause kommt. Ich werde ihm erzählen, wie unartig du warst und wie du uns auf der Nase rumgetanzt bist. Warte nur ab, Gott hat alles gesehen und mir erzählt, wie böse du wieder gewesen bist.« Sie feixte so sehr beim Sprechen, dass Sweta die Zahnlücken auffielen. Auch das Gesicht der Großmutter wirkte geschwollen und geschunden. Ein kleiner schadenfroher Funke durchflutete das Kind, hatte die alte Hexe also auch Prügel kassiert. Recht geschah es ihr. Aber schon war der Gedanke verschwunden, denn der Griff wurde härter, als sie die Kleine zur Treppe zog, die zum ersten Stock führte.
»Natascha! Natascha, liegst du schon wieder mit deinem faulen Hintern im Bett, während deine Bälger wieder nur Unsinn im Kopf haben? Natascha! Kümmer dich gefälligst um die missratene Brut!«
Mit den Worten stieß sie Sweta so feste nach vorne, dass sie hart auf den Stufen aufschlug und einen Schmerzensschluchzer nicht mehr unterdrücken konnte.
»Recht geschieht dir. Wenn ich euch verlorenen Kinderseelen nicht wirkliche jeden Abend aus der Heiligen Schrift vorlesen würde, wäret ihr schon lange in der Hölle und würdet für immer und ewig schmoren. Geh und bete, bete Kind, bete.« Die Großmutter riss ihre Arme anprangernd in die Lüfte und schlurfte kopfschüttelnd und dumpf vor sich hinmurmelnd zurück, um das Licht zu löschen und die Kellertür zu schließen.
Sweta schloss einen Moment die Augen und legte den Kopf auf den Arm, der auf einer Treppenstufe lag. Die Knie pulsierten und würden morgen grün und blau leuchten. Aber das würde auch wieder weggehen, das war nicht Neues.
Mit zusammengebissenen Zähnen robbte sie die Stufen nach oben, krampfhaft die drei kleinen Kartöffelchen festhaltend.
Oleg war durch das Geschrei der Großmutter vom Spielen aufgeschreckt und versteckte sich hinter der Tür zur Treppe. Das tat er immer, wenn er nicht wollte, dass man ihn fand. Die Tür war aus dünnem, milchigem Plexiglas, aber dennoch fühlte er sich dahinter wohl sicher. Die ältere Schwester lugte hinter die Tür und sagte leise: »Hab keine Angst, es war meine Schuld. Oma ist nicht böse auf dich, nur auf mich.«
Olegs große Augen füllten sich mit Tränen. »Wo ist Mama?« und schlang seine dünnen Ärmchen und seine Schwester. »Mama ist im Schlafzimmer, sie ist krank. Lass sie in Ruhe.«
»Wo ist Papa?«
Swetlana zuckte mit den Schultern.
»Wann kommt Papa wieder?«
Erneut musste Swetlana mit den Schultern zucken.
»Ich habe Hunger.«
Liebevoll strich das Mädchen dem Buben über das Haar. »Hast du das nicht immer?«
»Zuckerbrot?«
Sweta nickte. »Mehr wird vermutlich eh nicht da sein.«
Sie nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm in die Küche.
Der Abwasch stand gehäuft in der Spüle und verstreut auf dem Tisch. Das Mädchen räumte eine Ecke frei, legte die Kartoffeln ab.
»Ich mach dir unter einer Bedingung ein Brot. Du gehst danach in den Garten und schaust, ob dort noch etwas Essbares wächst. Wenn du nichts findest, fragst du Oma nach etwas eingemachtem Gemüse, ja?«
Oleg nickte bereitwillig, die Augen gierig auf den Zuckertopf gerichtet.
Sweta öffnete den Kühlschrank. Ein paar Flaschen Bier, und Wodka lachten ihr höhnisch entgegen, sonst war er leer. Nicht mal Margarine. Ihr Mut sank wie die Temperaturen im November. Sie machte die Tür wieder zu und öffnete stattdessen den Schrank mit den trockenen Lebensmitteln.
Wie sie es sich bereits gedachte hatte. Auch hier herrschte gähnende Leere. Eine Handvoll Reis stand in einer kleinen bunten Tasse bereit und ein angebrochenes Paket Mehl prangte in einem der Fächer. Swetlana beugte sich hinunter. Erleichtert zog sie das letzte Päckchen Zucker hervor. Ebenfalls bereits angerissen, aber noch trug es genug Inhalt.
Gezwungen freudig lachte sie: »Hey, es gibt dein Lieblingsgetränk.«
Oleg formte den Mund zu einem großen O. »Kakao?«
Swetas Lächeln gefror. »Nein, Zuckerwasser.«
Die Enttäuschung, die sie auf seinem Gesicht sah, war beinahe mehr, als sie ertrug. »Es geht nicht immer nur um dich und was du willst. Du bist egoistisch und denkst nur an dich. Sei froh für das, was wir haben!«
Ihr fiel erst auf, dass das die Worte ihrer Mutter waren, als sie diese ausgesprochen hatte. Beschämt schaute sie weg. Sweta hasste es, so mit ihrem kleinen Bruder zu reden, der ja offensichtlich nichts verstand. Aber manchmal konnte sie einfach nicht anders. Aufgestaute Wut und Angst suchten sich ein Ventil. Das einzige Ventil, dass sich noch schlechter wehren konnte, als sie selber. Mit Tränen in den Augen zog sie ihren Bruder an sich heran, aber der windete sich heraus. Sweta schluckte die aufwallenden Vorwürfe herunter. »Ich mache dir jetzt das Zuckerwasser, ja?«
Oleg nickte unglücklich. »Aber mit kaltem Wasser, ja?«

Sie füllte zwei Teelöffel Zucker in ein Wasserglas und füllte es mit Leitungswasser auf. Während sie gedankenverloren in der Zuckermischung rührte und ihren kleinen Bruder dabei zusehen ließ, hörte sie, wie draußen ein Auto auf den Hof gerollt kam. Sie stellte das Glas auf den Tisch und schob einen Stuhl zum Fenster.
Ungewollt fing sie an zu zittern. Tante Natalie und ihr Vater stiegen aus. Swetlana konnte seine düstere Stimmung beinahe durch das Fensterglas wahrnehmen.
Panisch riss sie den Kopf herum. »Geh runter und frage Oma nach etwas zu essen. Papa ist gerade gekommen, er ist sicher hungrig.«
Schnell schluckte der Junge die letzten Schlucke des klebrigen Getränks runter und rutschte fröhlich vom Stuhl. »Jaaaa, Papa ist zu Hause.«
Nicht zum ersten Mal beneidete Sweta ihren Bruder um die bedingungslose Liebe, die der Junge für ihre Eltern empfand, und spürte einen Stich Eifersucht. In Swetlana tobte ein ständiger Sturm an Gefühlen. Sie wusste, dass ihre Familie anders war. Sie konnte es nicht betiteln, da sie nur wenige andere Familien kannte. Aber die Nacht im Haus ihrer Nachbarn öffnete ihre Augen und sie wusste nun sicher, dass ihre Familie nicht wie andere war.
Jens sprach seine Eltern mit ›du‹ an. Eine Ungeheuerlichkeit, respektlos und … normal? Seine Eltern waren nicht böse, als ihm das Du herausrutschte und als das öfter passierte, verstand Sweta, dass die Eltern des Nachbarjungen es ihm erlaubt hatten. Langsam dämmerte dem Mädchen auch, warum Fremde sie merkwürdig ansahen, wenn sie ihre Familienmitglieder, außer den Bruder, mit ›Sie‹ ansprach. Was nutzte es? Die anderen waren die anderen, sie war sie. Olegs Gejubel, als der Vater durch die Eingangstür kam, drang zu ihr hinauf, so auch sein dunkles Gemurmel. Schnell rückte sie den Stuhl zurück an seinen Platz, ihr Vater mochte es nicht, wenn ihm etwas im Weg stand.
Mutter war noch im Schlafzimmer, Oleg hatte vermutlich vergessen die Großmutter zu fragen und Sweta stand verloren in der Küche und knetete ihre Hände. Oh nein! Das Kleid! Geschwind rannte sie ins Badezimmer, bevor ihr Vater die Treppe hochkam, und schloss ab.
Sie griff nach dem ersten Handtuch, das sie in die Finger bekam, machte eine Ecke feucht und rieb über den Stoff.
Nein. Nein, nein! Anstatt das die Flecken verschwanden, verliefen sie, wurden hellbraun und breiteten sich wie eine Blume aus. Verzweifelt atmete das Mädchen schneller, als jemand den Türgriff betätigte. »Moment«, rief Sweta. »Ich bin auf Toilette.«
»Beeil dich, ich muss auch«, brummte die tiefe Stimme ihres Vaters.
Mit steifen Fingern wühlte Sweta in der Schmutzwäsche. Da, ein Pulli und dort, eine Strumpfhose. Das reichte für daheim. Flink zog sie das Kleidchen aus und schlüpfte in die anderen Sachen. Das schmutzige Kleidungsstück verstecke sie unter der anderen Dreckwäsche. Mama würde auch wütend werden, aber vielleicht würde sie nicht gleich zuschlagen.
Nervös öffnete sie die Tür und schlich ins Wohnzimmer.
»Hallo Papa, wie geht es Ihnen?«
Der Vater lag auf der Couch, den Blick an die Decke geheftet. Er reagierte nicht auf ihre Worte, stand nur auf und ging stumm an ihr vorbei ins Badezimmer.
Swetlana verstand nicht wirklich, was letzte Nacht geschehen war, aber es hatte etwas mit Oleg und ihr zu tun und dem verfluchten Alkohol. Ob Mutter wusste, dass Vater wieder da war? Sie ging zur Schlafzimmertür der Eltern und wollte anklopfen, als sie das leise Weinen ihrer Mutter hörte. Der Mut verließ sie, wenn Mama weinte, dann meist wegen Papa. Also wusste sie vermutlich, dass er wieder da war. Unverrichteter Dinge ging sie zurück ins Wohnzimmer und beobachtete unschlüssig, wie Oleg mit den stinkenden Klötzchen spielte. Die Spülung rauschte, ihr Vater würde jeden Moment zurückkommen. Auf dem Tisch stand eine geöffnete Flasche Bier, nun, dann hatte sich das Abendbrot erledigt. Wenn er trank, aß er nichts. Einerseits war sie erleichtert, andererseits fing ihr Magen wieder an, seltsame Geräusche zu machen. Es dämmerte, was bedeutete, dass eine Mahlzeit für heute reichen musste.
Ohne seine Tochter eines Blickes zu würdigen, ging er an ihr vorbei zum Wohnzimmerschrank, drückte den Knopf, um den Fernseher anzuschalten und legte sich zurück aufs Sofa.
»Hilf deinem Bruder sich bettfertig zu machen. Und pack deinen Ranzen, morgen hast du wieder Schule.«
»Aber es ist noch früh«, war Sweta ein, der eiskalte Blick ihres Vaters brachte sie jäh zum Schweigen. Wortlos fasste sie Oleg an der Hand und schleifte das jammernde Kind mit sich.

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beta
Fairy Dust

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