Kapitel 2 - Die Zuspätkommerin

Es war ein kalter, windiger und vor allem nasser Samstagnachmittag, den sich die überarbeitete und müde Frau Mama für ein hoffentlich aufschlussreiches Gespräch mit ihrer besten Freundin ausgesucht hatte.

Als sich Linda auf den Weg zu ihrem kleinen Skoda machte, peitschte ihr ein Windchen mit "gefühlten" 100 km/h ins Gesicht und zerrte an ihren langen, dunklen Haaren.

"Wäre es nur wenigstens ein trockenes Lüftchen", dachte sich die zerzauste, kleine Frau, während sie wenig erfolgreich versuchte den Regen daran zu hindern ihre Maskara zu verwischen.

Als sie das kleine Auto erreichte, war sie bereits so durchnässt, als wäre sie mal eben spontan in ihren Kleidern baden gegangen.

Missmutig setzte sich Linda ans Steuer und ließ die Tür lauter als sonst zuknallen. Und das konnte was heißen. Sie war noch nie besonders gut darin gewesen ihren Unmut zu kaschieren.

Weil sie bereits ahnte, dass ihr eine unausgeschlafene und nun auch mit verschmierten Augen gesegnete Bestie entgegen starren würde, beschloss sie missmutig keinen Blick in den Spiegel zu verschwenden.

Suchend ließ sie eine Hand in ihre Tasche gleiten und fischte nach langwierigem Herumgeraschel eine Packung Taschentücher heraus.

Schnell wischte die verunstaltete Dame das größte Übel von ihrem Gesicht und sah hektisch auf ihre Armbanduhr.

Schon wieder viel zu spät. Fluchend rammte Linda den Schlüssel ins Zündschloss und ließ den Motor laut aufheulen.

Sie hasste zu spät kommen...

Das kleine Café Alberello befand sich mitten in der Altstadt Münchens.

Für das ungeübte Auge mutete die kleine Kaffeestube einer alten heruntergekommenen Kneipe an.

Trübe Fenster, der verblasste, ausgewaschene Schriftzug "Alberello", den man kaum noch erkennen konnte, die enge Treppe, die zum Eingang hinunter führte, sowie der dichte dunkelgrüne Efeu der sich langsam durch den Putz des Altbaus fraß und an einigen Stellen schon das Gemäuer freilegte, erweckten freilich keinen gepflegten Eindruck und erzeugten eine eher unheilvolle Atmosphäre.

Dass sich das Gebäude in einer verwinkelten, düsteren Gasse befand, trug nicht wesentlich zu einer Besserung der ominösen Grundstimmung bei.

Die meisten Menschen, die sich in das kleine Gässchen verirrten, bekroch schnell ein ungutes Gefühl, dass sich zuerst in der Magengegend bemerkbar machte, einem dann die Kehle zuschnürte und schließlich alle Nackenhaare aufstellen ließ.

Der unheilsschwangere Hauch von Gefahr, der wie ein wabbernder Schleier über dem ganzen Sträßchen lag und der Gedanke "Ich wäre gerade lieber ganz woanders", ließ die wenigen Menschen, die sich in diese Gegend verloren, dieselbige auch schnell wieder verlassen.

Aber für Kenner bot das kleine heruntergekommen aussehende Café einen gemütlichen und abgeschiedenen Rückzugsort, der sich hervorragend dafür eignete Gespräche der etwas privateren Sorte zu führen.

So war es auch kaum verwunderlich, dass sich Linda dazu entschloss ihren Nachmittagsplausch in den kleinen Kaffeekeller zu verlegen...

Die Türglocken bimmelten laut, als Linda die schwere Holztür gerade weit genug öffnete um hindurch schlüpfen zu können.

Den Sprint vom Parktplatz bis zur Rittergasse konnte man mit einer nasskalten Dusche vergleichen, die durch eine gehörige Portion Wind noch um einiges verschlimmert wurde.

Der Wind machte es ihr unmöglich einen Regenschirm zu benutzen, also krallte sich die zierliche Dame ihre Handtasche und rannte mit tief eingezogener Kapuze - ihre Wertsachen fest an sich gepresst- in einem für ihr Alter recht beachtlichem Tempo zum vereinbarten Treffpunkt.

Keine Überraschung also, dass nun eine klatschnasse, frierende und ziemlich außer Atem geratene Linda in der Tür stand und laut mit den Zähnen klapperte.

"Naja", versuchte sie optimistisch zu denken, "jetzt ist wenigstens mein Gesicht sauber..."

Der vertraute Geruch von gemahlenem Kaffee und die Wärme ließen sie die Anstrengung und Kälte wenigstens etwas vergessen.

Noch bevor sie Ausschau nach ihrer Freundin halten konnte, wurde sie herumgewirbelt und ein Paar schokoladenbrauner Augen bohrten sich in ihre

Ganz verdattert starrte sie in das Gesicht des Besitzers, Emilio Alberello, der ihren rechten Unterarm sanft mit seiner großen Hand umschlossen hielt.

Wie immer, wenn sie ihn ansah, verlor sich ihr Blick für einige Sekunden in den dunklen Augen des Ladenbesitzers.

So war es auch jetzt und Linda wurde sich erst nach ein paar Sekunden bewusst, dass sie dem Italiener gerade ziemlich dümmlich angrinste.

Etwas verlegen versuchte sie nun die Kontrolle über ihre Gesichtsmuskeln wieder an sich zu reißen und brachte ein einigermaßen normales Lächeln zu Stande.

Zumindest hoffte sie das...

Zu ihrer Verteidigung musste man anmerken, dass Emilio nicht gerade schlecht aussah. Um ehrlich zu sein, sogar unverschämt gut.

Als sie vor ein paar Monaten das erste Mal mit ihrer Freundin in das Café Alberello gegangen war und der nette Italiener sie nach ihrer Bestellung fragte, war sie ausnahmsweise einmal sprachlos gewesen.

Sie war "ein bisschen" abgelenkt von den schönen dunkelbraunen Augen, die sie -von dichten schwarzen Wimpern umrahmt- anblickten und vor allem von den vollen Lippen, die sich aufgrund ihres offenen Mundes zu einem ämüsierten Grinsen verzogen.

So wie auch jetzt, nur dass sie es diesmal zum Glück geschafft hatte, ihren Mund geschlossen zu halten.

"Ciao Bella", sagte eine tiefe, melodische Stimme, "du bist ja ganz nass. Warte ich helfe dir."

Geschickt befreite der junge Mann Linda aus ihrem nassen dunkelblauen Mantel und hängte ihn an die Garderobe.

Halb enttäuscht davon, dass er ihren Arm losgelassen hatte und zum gleichen Teil von seiner Fürsorglichkeit gerührt, sah sie dem gut gebauten Mann dabei zu wie er das nasse Stück Stoff an den Haken hängte.

"Sie werden schon sehnsüchtig erwartet Signora."

Der Italiener wandt ihr immer noch den Rücken zu und sie begriff schlagartig, dass er wohl wusste welch schöne Aussicht sie gerade genoss.

Mit leicht geröteten Wangen und etwas peinlich berührt, ließ sie nun ihren Blick durch das kleine Café schweifen und hielt Ausschau nach einer kleinen rundlichen Frau mit auffallender Kleidung und großen blauen Augen.

Es war gerade nicht viel los in der guten Stube. Außer einem alten Mann mit Bart, Pferdeschwanz und Sonnenbrille (was Linda bei dem heute sowieso schon düsteren, wolkenverhangenem Tag ein wenig irritierte), der gerade seine Zeitung las, waren nur zwei weitere Personen anwesend.

Eine große, stark gebaute Frau mit männlichen Gesichtszügen und muskulösen Schultern rührte überraschend langsam und bedächtig mit einem kleinen zerbrechlichen Löffel in ihrer Tasse Tee und tippte mit ihrer anderen Hand wie hypnotisiert auf ihrem silbernen Smartphone herum.
 
Unwillkürlich musste Linda an einen Riesen mit Zahnstocher und Handspiegel denken. Sie versuchte ein Grinsen zu unterdrücken und setzte die Suche nach ihrer Freundin fort.

Sie ging vorbei an dem zwielichtig aussehenden Mann mit Anzug und Sonnenbrille und an der handysüchtigen Frau mit Muskeln, auf die jeder Mann neidisch gewesen wäre.

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Fairy Dust

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