Kapitel 2: Erste Fragen

Neugierig erkundete Luzifer in den nächsten Tagen den Himmel. Hatte er kurz nach seiner Erweckung noch geglaubt, der Himmel sei eine endlose weiße Wolkenlandschaft, so wurde er schon bald eines Besseren belehrt. Riesige Megastädte wie Eleuria und Harpreetia wechselten sich ab mit kleinen idyllischen Dörfern, umgeben von goldwogenen Getreidefeldern, lindgrünen, saftigen Wiesen und urtümlichen Wäldern. Klare Flüsse und tiefblaue Seen, Berge und Meere, heiße Wüsten und eisige Schneelandschaften, alles fand hier im Himmel Platz. Und ebenso vielfältig wie die Landschaften waren auch die Uranianer, wie die Gesamtheit der Himmelsbevölkerung sich nannte. Diese Gesamtheit teilte sich in unzählig viele kleinere Gemeinschaften auf. Da waren die Seraphime, die mächtigsten Engel, gefolgt von den Erzengeln, den Chören, den Schutzengeln und, und und. Welcher Engel zu welcher Gemeinschaft gehörte, konnte man an den Farben der Flügel erkennen. Die der Seraphime waren golden, die der Erzengel von einem strahlendem Weiß. Sämtliche Farbschattierungen, von zartrosa bis hin zu einem dunklen Braun, waren vertreten. Luzifer merkte schnell, dass er etwas besonderes war: als einziger Engel hatte er Flügel, die in zartem Perlmutter irisierten. 
Und dann die Seelen der auf Erden verstorbenen Menschen. Greise, kleine Kinder, Menschenseelen aller Altersstufen tummelten sich inmitten der Engel in den Städten und Dörfern. Mit verklärten Blicken, gekleidet in weiße Gewänder und umgeben von einen leichten Lichtschein, schienen sie sich in einer anderen Sphäre zu befinden als selbst die Engel.
In der Mitte des Himmels (falls man bei einer unendlichen Weite von so etwas wie Mitte sprechen konnte) lag ein Bereich, der, zweifach geschützt durch heiliges Feuer und einer magischen Wand aus bunt schillerndem Licht, nicht einmal von den Seraphimen betreten werden konnte. Wehte ein Luftzug die Flammen für kurze Zeit beiseite, so sah man, verzerrt durch das magische Licht, einen Garten, so schön und friedlich, wie es nie einen anderen gegeben hatte. Blumen blühten in allen bekannten Farben, Obstbäume und -sträucher trugen reichlich Früchte, und grüneres Gras gab es nirgendwo sonst. Inmitten dieser Pracht standen zwei Bäume, von denen der eine silberne, der andere goldene Äpfel trug: der Baum der Wahrheit und der Baum der Erkenntnis. Der Name dieses Ortes wurde nur geflüstert:
Eden.
Hier hatte einst alles begonnen. 
Hier in Eden hatte SIE einst Adam und Eve geschaffen, Urahnen des Menschengeschlechts. Unschuldig hatten die beiden ersten Menschen hier gelebt, bis sie, verführt von einer Schlange, ein Verbot GOTTES übertreten hatten und aus Eden verbannt worden waren, in die Menschenwelt. Die Schlange aber, so flüsterten die Engel, sei im Garten zurück geblieben und lebe dort bis zum heutigen Tag. Und SIE, erbost und enttäuscht von IHRER Schöpfung, hatte um Eden magische Mauern gelegt, auf dass niemals mehr ein Geschöpf, sei es Seele, Mensch oder Engel, den Garten betreten und sich seiner paradiesischen Früchte bedienen konnte.
Und genau an dieser Stelle setzten Luzifers Gedankengänge ein. Warum war, anstelle von Adam und Eve, nicht die Schlange aus Eden verbannt worden? Warum durfte sie bis zum heutigen Tage noch immer im Paradies leben? Warum wurde sie nicht bestraft? Jenes "auf deinem Bauch sollst du kriechen" war wohl kaum eine Strafe, schließlich hatte die Schlange das schon immer getan. Sie hatte Eve verführt, das Gebot GOTTES zu übertreten, und Eve hatte, aus Neugier, auf ihren Rat hin vom Baum der Erkenntnis gegessen. War es denn in den Augen GOTTES schlimmer verführt zu werden, als zu verführen? War Neugierde schlimmer als Bösartigkeit? Oder steckte vielleicht gar etwas ganz anderes hinter dieser Geschichte? Wenn ja, was? Was versuchte SIE möglicherweise zu vertuschen?
Fragen über Fragen, auf die Luzifer keine Antworten hatte.

Comments

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    Sie heißt doch Eva und nicht Eve. Bestimmt hast du den Namen für die Geschichte geändert. Luzifers Gedanken sind wirklich interessant und regen einen selber zum Überlegen an. Wieder ein tolles Kapitel : )

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    Okey 007. Jetzt bin ich verwirrt. Die beschreibung des Himmels ist ja sehr schön. Aber wenn die schlange Eva verführt hat und Luzi nicht die schlange ist . und die schlange wie in der Bibel Satan ist. Dann ist Luzi in deiner Geschichte nicht der Teufel? Ich bin jetzt sehr sehr Neugierig

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    Ich habe diese Geschichte heute entdeckt und bin begeistert! Schreibe bitte bald weiter!

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