Kapitel 2: Geisterstunde

Um mich herum herrschte absolute Dunkelheit. Ich drehte mich langsam um mich selbst, bemüht, so wenig Geräusche wie möglich zu verursachen. Mein Herz raste und in meinen Ohren rauschte mein Blut. Irgendwo in der Finsternis war er...
Ich fasste den Holzpflock in meiner Hand fester. Meine Muskeln waren angespannt, bereit, mich jederzeit in jede beliebige Richtung zu katapultieren. Wo war er?
Da ich nicht das geringste sehen konnte, versuchte ich, meine anderen Sinne verstärkt einzusetzen. Ich lauschte angestrengt nach dem leisesten Geräusch, dass er verursachte, versuchte, ihn durch seinen Geruch zu orten, aber vergebens. Nichts gab mir auch nur den geringsten Hinweis auf seinen Standort. 
Plötzlich sah ich, aus dem Augenwinkel, nur für den Bruchteil einer Sekunde, ein leichtes rotes Glühen. Blitzschnell hechtete ich in diese Richtung, stieß mit dem Pflock zu und traf - nichts als die Luft. Schnell sprang ich wieder auf, versuchte, mit meinen Blicken die Dunkelheit zu durchbohren, drehte mich erneut und versuchte, meine Atmung unter Kontrolle zu behalten. Mein Herz raste und ich bemühte mich, nicht in Panik zu geraten. Wo war er?
Im nächsten Augenblick sprang er mir in den Rücken, warf mich zu Boden und ich spürte seinen langen spitzen Zähne an meinem Hals. Vergebens mühte ich mich, ihn durch heftige Bewegungen von mir zu werfen, er war zu stark, drückte mich erbarmungslos auf den Boden. Seine Zähne ritzten bereits meinen Hals...

... da ging das Licht an, ein leises Sirren erklang und die Last verschwand von meinem Körper. Ich blieb noch einen Augenblick liegen, dann stand ich auf und sah mich um.  Ich befand mich in unserer Übungsarena, intern "Der Käfig" genannt. Hier trainierten meine Kollegen und ich unsere Kampftechniken gegen die verschieden Vertreter dämonischer Arten. Vampire, Werwölfe, Banshees, Dämonen jeglicher Art, wurden mittels eines speziell für unsere Abteilung entwickelten Holographen erzeugt. Allerdings... so lebensecht, wie diese Kreaturen waren (anders als bei normalen holographischen Darstellungen, die man nur sehen, aber nicht berühren konnte, waren die Wesen durchaus körperlich), hatten wir alle den Verdacht, dass unsere Techniker tatsächlich echte Nachtgeschöpfe in den Käfig brachten, der Holograph also in Wirklichkeit ein Teleporter war...  Aber darüber schwieg selbst unser Boss. Und solange diese Geschöpfe am Ende der Simulation verschwanden und niemandem tatsächlich Schaden zufügten, hüteten wir uns, genauer nach zu fragen. Manches WILL man gar nicht zu genau wissen...

Etwas später saß ich mit meinen Kollegen in der Kantine und stocherte, unzufrieden mit mir und meiner Leistung, in meinem Salat. Fleisch brachte ich seit den Ereignissen in Little Falls nicht mehr herunter. 
Tamaki, die zierliche Japanerin, legte mir ihre Hand auf die Schulter.
"Na komm, lass gut sein. So gings uns allen beim ersten Mal. Niemand hier erwartet von dir, dass du innerhalb weniger Tage zum perfekten Geisterjäger wirst. Das dauert. Und für deinen ersten Kampf gegen einen Vampir, und dann noch unter diesen Voraussetzungen, war das gar nicht mal so schlecht."
Otto pflichtete ihr bei.
"Da hat sie Recht. Und du hast das sogar besser gemacht, als manch einer von uns bei seinem ersten Mal, stimmts, Sam?!"
Otto grinste Sam an. 
"Das wirst du mir wohl für den Rest meines Lebens aufs Butterbrot schmieren, was?!", fragte dieser genervt. Jetzt war meine Neugier geweckt.
"Wieso, was war denn?", fragte ich Sam. Dieser sah erst Otto, dann mich an und sagte:
"Nichts. Gar nichts!"
Dann stopfte er sich einen riesigen Bissen Kartoffelbrei in den Mund. Ich sah ihn verwundert an.
"Unser lieber Sam redet nicht gerne darüber. Das war nämlich so... AUA!!!"
Sam hatte Otto unter dem Tisch einen gehörigen Tritt ans Schienbein verpasst. Fluchend rieb Otto sich die schmerzende Stelle und funkelte Sam wütend an.
"Na warte, das kriegst du wieder!"
"Aber heute nicht mehr, wir müssen zum Boss", ließ sich jetzt Hassan vernehmen, der bisher geschwiegen und in aller Ruhe seine Mahlzeit verzehrt hatte. Er hatte kaum zu ende gesprochen, als es im Lautsprecher der Kantine knackte und Daves Stimme erklang:
"G.H.O.S.T., bewegt eure Ärsche in mein Büro, aber pronto!"
O ja, auf gute Umgangsformen legte der alte Dave großen Wert...

"Also, Leute, aufgemerkt. Einer unserer Späher hat an einem Haus in San Diego Ektoplasma entdeckt. Ne Menge Ektoplasma."
Dave drehte den Bildschirm eines PCs zu uns um. Ich starrte fasziniert auf das Bild, das sich mir bot.
"Voll krass!", murmelte ich. Die Worte "ne menge Ektoplasma" trafen den Sachverhalt nicht ganz. Das gesamte Haus war von oben bis unten von der gelblich-grünen Substanz bedeckt. Eigentlich sah man das Haus an sich gar nicht mehr, sondern nur noch seine ungefähre Form.
"Das ist ein Job für Sie, Gin. Finden Sie raus, was da los ist und beseitigen Sie das Problem. Allerdings ist es Ihr erster offizieller Einsatz und ich möchte Sie ungern alleine nach San Diego reisen lassen. Sie sind noch zu unerfahren, um allein klar zu kommen. In Little Falls hat ihnen der Zufall geholfen und Sie hatten ne Menge Glück. Wer weiß, ob das in S.D. auch so wäre."
Ich nickte.
"Ich wollte gerade selbst um Unterstützung bitten. Ich fange gerade erst an, mich ernsthaft mit jener anderen Welt zu befassen und muss noch viel lernen. Wer, schlagen Sie vor, sollte mich am besten begleiten?"
Dave ließ den Blick über meine Kollegen wandern. Ich hoffte, dass seine Wahl auf Tamaki fallen würde. Mit ihr verstand ich mich bisher am besten. Aber Dave entschied anders.
"Sam, packen Sie ihre Sachen, Sie begleiten Gin."
Sam fuhr auf:
"Warum ich, Dave?"
"Weil ich das sage und weil ich der Boss bin! Darum! Und jetzt ab mit Ihnen. Ich sorge dafür, dass ein Wagen bereit steht um Sie beide zum Flughafen zu bringen. Dort wartet eine Maschine auf Sie. Und Sam, bevor Sie packen gehen, schauen Sie doch bitte mal in unserer Waffenkammer vorbei. Unsere Experten haben da bestimmt was Nützliches für Sie. Und jetzt verschwinden Sie, bevor ich Ihnen Feuer unterm Arsch mache!"
Sagte ich schon, dass Dave großen Wert auf gute Umgangsformen legte?!

Eine halbe Stunde später stand ich in meiner neuen Wohnung und packte. Das dauerte nicht lange und ich nutzte die Zeit, die mir bis zur Abreise blieb, um Bill anzurufen. Mein Vorgesetzter aus Little Falls hatte die Sache mit der Ghoula ganz gut verkraftet. Weit weniger glücklich war er allerdings darüber, seinen "Juniorsherriff" verloren zu haben...
"Hey Bill, wie gehts?"
Sein Grinsen konnte ich sogar durchs Telefon spüren.
"Alt und gelangweilt wie immer. Und bei dir? Wie fühlt man sich so als offizieller Geisterjäger?"
"Naja, ich arbeite noch dran. Muss gleich nach San Diego. Scheint ein interessanter Fall zu werden. Auf meinen Kollegen könnte ich allerdings gut verzichten."
"Warum?  Nicht dein Typ?"
" Ich weiß nicht... Irgendwie ist er mir unheimlich. Ich kann nicht mal genau sagen, warum. Aber ich hab das Gefühl, dass mit dem was nicht stimmt. Außerdem mag er mich auch nicht, denke ich. Als der Boss bestimmte, dass er mich begleiten soll, ist jedenfalls ganz schön hoch gegangen."
"Nun fang nicht an, Gespenster zu sehen, wo keine sind. Ihr kennt euch eben noch nicht so gut. Und dafür scheint der gemeinsame Job ja ganz gut zu sein, ich mein, damit ihr euch besser kennen lernen könnt. Gib ihm ne Chance, Junior. Wer weiß, was er schon alles erlebt hat."
Ich musste Bill recht geben. Vielleicht hatte ich zu früh über Sam geurteilt. Was wusste ich schon von ihm... Aber das konnte sich ja ändern.
In diesem Moment erklang die Türklingel. Ich verabschiedete mich schnell von Bill, schnappte mir meine Reisetasche und den Rucksack  und rannte in den Flur. Schnell die Gegensprechanlage bedienen, "Bin schon unterwegs", Tür auf und zu und schon rannte ich, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe runter.
Vor dem Haus erwartete mich Sam. 
"Wurd auch Zeit. Weiber! Immer am trödeln!"
Ich verkniff mir mühsam jeglichen Kommentar und stieg in den Dienstwagen, den Dave uns bereit gestellt hatte. Gleich nachdem wir losgefahren waren, drehte Sam sich vom Beifahrersitz her zu mir um und warf mir eine schmale Akte zu.
"Hier, Visi, da drin stehen sämtliche Informationen, die der Späher uns geben konnte."
"Danke!", knurrte ich und steckte die Akte in den Rucksack. Damit würde ich mich während des Fluges beschäftigen... 
Sam grinste mich höhnisch an und drehte sich um. Den Rest der Fahrt verbrachten wir schweigend.

Den anschließenden Flug nutzte ich nicht nur, um die Akte durch zu gehen, sondern auch, um über meinen Kollegen nachzudenken. Seine Abneigung mit gegenüber war förmlich mit den Händen greifbar, obwohl er mich an meinem ersten Tag eigentlich noch ganz freundlich begrüßt hatte. 
Sam. Cirka einsneunzig groß, schlank, durchtrainiert, und immer ganz in schwarz gekleidet, inklusive Basecap und Sonnenbrille. Ehrlich, ich hatte ihn noch nie ohne gesehen. Dazu sein eher mürrisches Wesen... Als ob er eine Mauer aus Eis um sich gezogen hätte. Die anderen ignorierten seine manchmal durchaus verletzende Art und Weise und Otto machte sich sogar oft genug darüber lustig, aber mir fiel das schwer. Ich bezog abweisendes Verhalten nur zu leicht auf mich. Vielleicht hatte Sam ja gar nichts gegen mich persönlich... Bill hatte schon recht, wer konnte schon sagen, was er alles erlebt hatte, um so zu werden... Und warum, zum Teufel, machte ich mir eigentlich so viele Gedanken über ihn? Ich sollte mich lieber auf die vor mir liegende Aufgabe konzentrieren...
Also, ein Haus, übersät mit Ektoplasma..., deutliches Zeichen eines starken Geisterbefalls..., wahrscheinlich ein oder mehrere Poltergeister..., was für eine Augenfarbe er wohl hat... Zum Kuckuck!!! Zurück zum Fall! Also, Poltergeister... hmmm, was wusste ich eigentlich darüber..., was für eine spezielle Fähigkeit hat Sam wohl? ARGH, das durfte doch nicht wahr sein!!!
Als hätte er (hatte er???) meine Gedanken gelesen, drehte Sam sich zu mir um, und fragte mit einem spöttischen Lächeln:
"Und, Visi?! Schon einen Plan ausgetüftelt?"
"Nein, ich lass das vor Ort auf mich zukommen und treffe dann erst entsprechende Entscheidungen. Und nenn mich nicht immer Visi, ich heiße Gina. Und jetzt erklär mir mal, was du eigentlich gegen mich hast? Ich meine, wir müssen hier zusammen arbeiten und uns da auf einander verlassen können, aber ich hab nicht das Gefühl, als würden wir uns gegenseitig vertrauen..."
"Kluges Mädchen!", war alles, was er darauf antwortete. Er wandte sich wieder ab und hüllte sich in eisiges Schweigen. 
Zum Teufel mit ihm!

In San Diego erwartete uns Carlos, der Späher. Diese Leute waren unermüdlich weltweit unterwegs, um nach übersinnlichen Phänomenen und Dämonenaktivitäten Ausschau zu halten. Hatten sie etwas entdeckt, informierten sie das Hauptquartier und unser Team machte sich an die Arbeit.
Carlos führte uns zuerst in unsere Unterkunft, ein kleines Hotel in einer Seitengasse. Nachdem wir uns etwas erfrischt hatten, setzten wir uns in die Bar und er gab uns die letzten Informationen. Dann verabschiedete er sich, sein Job hier war erledigt.
Sam und ich gingen noch am gleichen Abend zu dem "Geisterhaus". Allerdings betraten wir es nicht, sondern beobachteten es nur eine Weile von außen.
Dass das Haus bewohnt war, von einer kleinen Familie, Vater, Mutter, ein etwa 8jähriges Kind, wusste ich aus der Akte. War möglicherweise das Kind der Auslöser der Geisteraktivitäten? 
Nun, Spekulationen führten hier zu nichts. Ich beschloss, zum Hotel zurück zu gehen, ein bisschen zu schlafen und am nächsten Tag Kontakt zu der Familie aufzunehmen. Sam gab weder mit Gesten noch durch Mimik zu verstehen, ob er mit meiner Vorgehensweise einverstanden war oder nicht. Er schlurfte nur wortlos hinter mir her...

Während des Frühstücks überlegt ich, wie ich es wohl anstellen sollte, die Familie zu kontaktieren. Einfach klingeln, hallo, FBI, wir haben erfahren, dass es in ihrem Haus spukt, können Sie uns was dazu sagen?  Tja, das wäre wohl wenig erfolgversprechend... 
Schließlich beschloss ich, mich einfach in der Nähe des Hauses auf die Lauer zu legen und zu warten - auf irgend etwas, das mein Eingreifen rechtfertigte. 
Während ich wartete, schweiften meine Gedanken zu Sam, der einige Meter von mir entfernt Posten bezogen hatte. Er hatte an diesem Tag noch kein einziges Wort zu mir gesagt, auch meine Morgengruß nicht erwidert. Warum brüskierte er mich so dermaßen? 
In unserem Team nahm er eine Außenseiterposition ein, auch wenn Tamaki eifrig bemüht war, ihn zu integrieren. Immer wieder versuchte sie ihn in ein Gespräch zu verwickeln oder fragte ihn nach seiner Meinung. Meistens antwortete er dann kurz und knapp oder gar nicht. Die sanftmütige Telepatin ließ sich davon allerdings nicht abschrecken, sondern bemühte sich immer weiter um ihn. Irgendetwas musste sie also tief in ihm spüren, was sie dazu ermunterte weiter zu machen. Otto und Hassan, ersterer ein Spaßvogel erster Güte, der ständig einen dummen Spruch auf den Lippen hatte und mit seiner telekinetischen Begabung immer wieder für Überraschungen sorgte, während Hassan, der Hellseher, der Vernünftige unserer Gruppe war und uns immer wieder mit seiner Gelassenheit auf den Teppich zurück holte, machten sich beständig über ihn lustig, beziehungsweise sie ignorierten ihn, zumindest, was Hassan betraf. Irgendwie schien Sam nicht richtig dazu zu gehören, aber trotzdem unentbehrlich zu sein. Ein bisschen tat er mir leid, andererseits lud sein Verhalten auch nicht unbedingt dazu ein, ihn näher kennen lernen zu wollen. 
Ein lautes Klirren riss mich aus meinen Gedanken.

Im Haus begann eine Frau zu schreien. Immer wieder ertönte lautes Klirren und Scheppern. Jetzt galt es, einzugreifen. Ich rannte los, warf mich gegen die Tür - und wurde von einer unsichtbaren Kraft zurück geschleudert. Offenbar wollte da jemand - oder besser gesagt etwas - nicht, dass ich das Haus betrat. Aber nicht mit mir! Ich rappelte mich hoch und rannte erneut gegen die Tür, mit aller Wut, zu der ich fähig war - und die Tür gab nach...
Hinter mir hörte ich Sam kurz auflachen, als ich regelrecht ins Haus "stürzte", aber das Geschehen um mich herum ließ mir keine Zeit, mich auch noch mit ihm zu befassen.
Ich stand so schnell wie möglich auf und versuchte, mir einen Überblick zu verschaffen. Im ganzen Erdgeschoss flogen Möbel, Bücher und dergleichen durch die Gegend. Ich hatte Mühe, den ganzen Gegenständen auszuweichen, als ich mir einen Weg in den Raum rechts von mir zu bahnen suchte. Aus diesem Raum kamen die Schreie der Frau.
Ein Buch traf mich schmerzhaft am Kopf, ich unterdrückte einen Fluch, hob die Hände schützend über meinen Kopf und wurde prompt von einen Hocker im Kreuz getroffen. Je näher ich jenem Raum kam. desto heftiger wurde ich attackiert. Aber ich ließ mich nicht aufhalten. Endlich überschritt ich die Schwelle - und ein Küchenmesser bohrte sich in meinen Arm. Ich schrie auf, konnte nur mühsam einem weiteren Messer ausweichen, sah, in einer Ecke sitzend, eine Frau um die vierzig, die  ihre Arme vors Gesicht hielt, um sich vor den Tellern zu schützen, die immer wieder auf sie zu flogen, fühlte mich völlig überfordert und brüllte:
"Schluss jetzt, das reicht!!!"
Im nächsten Augenblick nahm der Spuk ein Ende. Sämtliche Gegenstände, die noch eben durch die Luft geflogen waren, fielen zu Boden, dann herrschte Stille.
Ich sah mich um, entdeckte ein Geschirrtuch, schnappte es mir, zog mit zusammen gebissenen Zähnen das Messer, das zum Glück nicht allzu tief in meinem Fleisch steckte, aus dem Arm und wickelte das Geschirrtuch fest um die Wunde. Dann wandte ich mich der Frau zu, die noch immer in der Ecke kauerte und leise schluchzte.
"Alles in Ordnung, es ist vorbei. Sind Sie verletzt?"
Die Frau hob langsam den Kopf und sah mich an.
"Vorbei? Das ist nicht vorbei. Das geht weiter, immer weiter... Wer sind Sie eigentlich?"
"Ich bin Special Agent Jones vom FBI. Ich wurde beauftragt, die Geschehnisse hier zu erforschen und zu beenden. Aber dazu brauche ich Ihre Hilfe. Fühlen Sie sich in der Lage, mir einige Fragen zu beantworten?"
Die Frau sah sich in dem Chaos um, starrte mich an und fragte:
"Jetzt? Ich weiß nicht, ich bin so..., die ganze Sache ist..."

"Bist du wirklich vom FBI?"
Ich drehte mich um und sah ein kleines Mädchen von etwa 8 Jahren. Die Kleine hatte lange blonde Haare, strahlend blaue Augen, trug Jeans und ein SpongeBob-T-Shirt und hatte eine Stoffpuppe im Arm.
Ich ging ein paar Schritte auf die zu und hockte mich dann hin. Ich lächelte und sagte:
"Ja, bin ich. Und wer bist du?"
"Cassie. Leute vom FBI sind doch so wie Polizisten oder? Und Polizisten sind gut, stimmts?"
Ich nickte.
"Ja, das stimmt. Wir helfen Menschen, die in Not sind und sorgen dafür, dass böse Menschen bestraft werden."
"Böse Menschen..." murmelte Cassie leise und blickte dabei auf ihre Puppe.
"Und wer ist die kleine Lady, die du da hast?", fragte ich.
"Lilly", murmelte Cassie leise, dreht sich um und bald darauf hörte ich, wie sie die Treppe ins Obergeschoss hochging. Ich erhob mich aus meiner hockenden Stellung und drehte mich zu Cassies Mutter um. Ihr Gesicht war kalkweiß und in ihren Augen lag nackte Angst. Ihr Blick folgte ihrer Tochter...

Abends saß ich in meinem Hotelzimmer, vor mir auf dem Tisch ein paar Zettel mit Notizen. Sam hatte sich gleich nach unserer Rückkehr in sein eigenes Zimmer verzogen. Ich hatte ihn ganz schön zur Schnecke gemacht, weil er mir nicht geholfen hatte. Auf seinen Einwand "Ist doch nix passiert, was mein Eingreifen nötig gemacht hätte!", hatte ich ihm meinen verletzten Atm gezeigt. Sam hatte nur verächtlich "Der Kratzer", gemurmelt und dann per Handy einen Krankenwagen gerufen. Im Krankenhaus war meine Wunde fachgerecht behandelt worden und ich konnte es schon bald wieder verlassen. Nachmittags war ich noch mal zu den Millers, wie die Familie des Geisterhauses hieß, zurück gegangen und hatte in Ruhe mit den Eltern der kleinen Cassie geredet. Ich hatte so einiges erfahren und notiert und versuchte jetzt, sowohl in meine Notizen als auch in meine Gedanken Ordnung zu bringen.
Die Millers waren vor fünf Monaten von Portland nach San Diego gezogen. Alle hatten schnell Anschluss an die Nachbarschaft gefunden und auch die kleine Cassie hatte sich bald in der neuen Gegend eingelebt, fühlte sich schon bald sehr wohl in ihrer Schule und fand innerhalb kurzer Zeit Freundinnen. Etwa drei Wochen nach dem Einzug in dieses haus waren die ersten Poltergeistaktivitäten aufgetreten. Zuerst nur in leichter Form, ein flackerndes Fernsehbild, eine Stereoanlage, die sich von selbst einschaltete, hier und da ein Buch, das aus unerfindlichen Gründen aus dem Regal fiel. Die Millers hatten das auf atmosphärische Störungen und Minierdbeben geschoben. Im Laufe der Zeit hatten sich die Vorkommnisse jedoch deutlich vermehrt, traten häufiger und stärker auf. Einen direkten Auslöser konnten die Millers nicht benennen, alles wäre zu jener Zeit wie immer gewesen. Doch kurz nach dem erstmaligen Auftreten der Phänomene hatte die Tochter begonnen, sich zu verändern. War sie bislang ein fröhliches und aufgewecktes Kind gewesen, so zog sie sich von Tag zu Tag mehr zurück, redete kaum noch, verbrachte die meiste Zeit allein in ihrem Zimmer, hatte jeden Kontakt zu ihren Freundinnen abgebrochen und beschäftigte sich auch mit keinem ihrer Spielzeuge mehr. Nur ihre Puppe schleppte sie von morgens bis abends mit sich herum.
Zögernd hatte ihr Vater mich schließlich gefragt, ob ich es für möglich halten würde, dass Cassie vielleicht die Ursache sein könnte. Er gab zu, sich im Internet über parapsychologische Erscheinungen informiert zu haben und dabei heraus gefunden zu haben, dass telekinetische Erscheinungen oft von pubertierenden Mädchen ausgelöst wurde. Zwar wäre Cassie erst 8 Jahre alt, aber möglicherweise... 
Ich wies ihn darauf hin, dass in solchen Fällen oft ein schwer traumatisierendes Ereignis Auslöser für die telekinetischen Fähigkeiten sei und fragte, ob es in Cassies Leben denn ein solchen statt gefunden hatte. Das wurde jedoch von den Eltern verneint. Sie wäre ein beliebtes Mädchen gewesen, eine gute Schülerin, es hätte weder einen Streit mit den Freundinnen noch Probleme in der Schule gegeben und auch zuhause war alles vollkommen normal gewesen.
Ich fragte weiter, nach Unfällen und Krankheiten, aber auch da hatte es nichts besonderes gegeben. Ebenso konnte ein Todesfall im Familien- und Freundeskreis ausgeschlossen werden. 
Schließlich wagte Mr Miller noch die Frage, ob vielleicht ein Dämon in Cassie oder die Puppe gefahren sein könnte, er hätte da mal einen Film gesehen... Aber ich konnte ihn beruhigen. Alles, was ich bisher gesehen und gehört hatte, wies eindeutig auf einen klaren Poltergeistbefall hin.

Soweit die Fakten. Aber was sollte ich jetzt mit denen anfangen? Im Grunde hatte ich keinen einzigen Anhaltspunkt, mit dem ich arbeiten konnte. Das einzige, was ich tun konnte war, zu versuchen, Cassies Vertrauen zu gewinnen und sie dazu zu bringen, mit mir zu sprechen. Nur, und das war mir klar, so etwas dauerte seine Zeit und so wie es aussah, hatten wir davon nicht genug. Es war absehbar, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis es nicht nur zu Verletzungen und zerstörtem Mobiliar kam, sondern auch zum Tod eines der Familienangehörigen. 
Ein Klopfen an der Zimmertür riss mich aus meinen Gedanken. Ich stand auf, rief "Moment", ging zur Tür, hoffte von ganzem Herzen, dass es nicht Sam war, und öffnete.
Mrs Miller stand vor mir. Sie zitterte und hatte sichtlich Mühe zu sprechen. Schließlich aber brach es aus ihr heraus:
"Sie müssen sie wegbringen, sie ist böse. Ich flehe Sie an, bringen Sie sie weg. Bringen Sie meine Tochter weg, bevor... bevor sie uns alle umbringt. Bitte!!!"
Bevor ich ihr antworten konnte, hatte sie sich bereits umgedreht und lief den Hotelflur hinunter...

Am nächsten nachmittag suchte ich die Millers erneut auf. Und wie am Vortag begleitete Sam mich zwar bis zum Haus, kam aber nicht mir rein, sondern zog es vor mit einem Kaffee-to-go draußen auf mich zu warten. Idiot! Ich fragte mich, wozu er überhaupt mitgekommen war. Warum hatte Dave ausgerechnet ihn damit beauftragt, mich zu unterstützen? Mit Tamaki wäre ich besser beraten gewesen. Produktives hatte er jedenfalls noch nicht zustande gebracht. Absolut nutzlos, der Kerl. Dave würde ich was erzählen, wenn ich wieder zurück im Hauptquartier war!
Jetzt musste ich mich allerdings erstmal um meine Aufgabe kümmern.
Mr Miller begrüßte mich enthusiastisch. Seit ich das Haus gestern verlassen hatte, war es zu keinen weiteren Vorkommnissen gekommen. Mrs Miller war zurückhaltender; als ihr Mann nicht hinsah, warf sie mir einen  verzweifelten Blick zu und ihre Lippen formten lautlos das Wort "Bitte!"
Ich bat um die Erlaubnis, mit Cassie unter vier Augen sprechen zu dürfen, sicherte zu, sich nicht unnötig zu belasten und bekam den Weg zu ihrem Zimmer im Obergeschoss gezeigt. Als ich vor der Tür stand und gerade klopfen wollte, hörte ich, wie Cassie zu jemandem sprach. Ich lauschte.
"Möchtest du noch etwas Tee, Louisa?"
Aha, die Kleine hielt also eine Teeparty ab. Ich schmunzelte. Das hatte ich früher auch oft gespielt, mit meinen Puppen und Stofftieren. Die Eltern hatten sich also geirrt. Cassie spielte nicht nur mit ihrer Puppe, denn die hieß ja Lilly. 
"Nimm dir doch noch einen Keks, Louisa. Die sind lecker."
Eine kurze Pause folgte.
"Machst du heute Abend wieder, dass die ganzen Sachen fliegen? ...  Warum nicht?... Also, ich mag die Frau. Die ist doch eine von den Guten."
Jetzt ging es offensichtlich um mich. Gespannt wartete ich, was da noch kommen würde.
"Warum vertraust du ihr denn nicht?... Das weißt du doch gar nicht. ... Ja, das ist gut. Dann mach das so. Dann wirst du schon merken, dass sie nett ist."

Ich hatte genug gehört. Ich klopfte an die Tür und auf Cassies leises "Herein", öffnete ich und trat ein. Auf den ersten Blick bemerkte ich, dass Cassie allein an ihrem Tisch saß. Nur ihre Puppe Lilly hatte sie auf dem Arm. Auf dem Tisch stand ein Teller mit Keksen und ein halbvolles Glas Orangensaft. Zwei gelbe Kinderstühle standen an den Schmalseiten des Tisches.
Ich lächelte Cassie an. 
"Danke, dass ich reinkommen durfte. Hast du was dagegen, wenn ich mich ein bisschen zu dir setze?"
Cassie schüttelte den Kopf und ich setze mich auf den freien Stuhl.
"Du hast ja ein tolles Zimmer. Hier fühlst du dich bestimmt sehr wohl, oder?!"
Ein leichtes Nicken.
"Und da ist ja auch Lilly. Hallo, Lilly. Schön, dich wieder zu sehen. Spielst du denn auch immer brav mit Cassie?"
Cassie drückte ihre Puppe enger an sich. Wieder nickte sie.
"Cassie, ich möchte mit dir über die Dinge sprechen, die hier im Haus passieren. Die machen dir sicher ganz schön Angst, hm?!"
Ein leichtes Kopfschütteln.
"Nicht? Also, ich hätte Angst. Aber bestimmt passt Lilly immer gut auf dich auf, oder?"
Ein Kopfschütteln, und dann, ganz leise:
"Nein, Lilly ist doch nur ne Puppe."
Dann presste Cassie ihre Lippen ganz fest aufeinander und mir war klar, dass sie nichts mehr sagen würde.
Ich stand auf. Bevor ich das Zimmer verließ, legte ich eine Karte auf den Tisch, auf der ich meine Handynummer notiert hatte.
"Falls du mal irgendwann über irgendwas reden möchtest, kannst du mich jederzeit anrufen. Auch mitten in der Nacht. Okay?!"
Wieder nur ein leichtes Nicken.

Ich ging zurück ins Wohnzimmer, wo die Eltern auf mich warteten.
"Und, haben Sie was raus gefunden, Agent?", fragte Mr Miller mich besorgt.
"Vielleicht. Sagt Ihnen der Name Louisa was?"
Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, dass Mrs Miller bei diesem Namen leicht zusammen zuckte. Mr Miller dachte ein paar Minuten lang nach.
"Louisa? Nein, sagt mir nichts. Dir, Liebling?"
Er sah seine Frau an. Diese schüttelte nur leicht den Kopf und sagte leise:
"Nein, den Namen hab ich nie gehört."
"Tut mir leid, Agent, aber ich fürchte, da können wie Ihnen nicht weiter helfen."
"Schon gut, macht nichts. War auch nicht wirklich wichtig. 
Ich muss dann auch mal gehen. Hier ist meine Karte mit meiner Handynummer. Bitte rufen Sie mich sofort an, wenn der Poltergeist sich wieder meldet."
"Machen wir, danke, Agent."
Mr Miller begleitete mich zur Tür und ließ mich heraus.
Draußen ging ich zu Sam und gemeinsam kehrten wir ins Hotel zurück. Bevor er sich jedoch wieder in sein Zimmer verkrümeln konnte, hielt ich ihn auf.
"Sag mal, kennst du dich n bisschen mit Computern aus?"
Ein geringschätziger Blick traf mich.
"Ja, klar, warum?"
"Du musst was für mich recherchieren. Ich will wissen, wer vor den Millers in dem Haus gewohnt hat. Am besten, seit der Zeit, als das Haus gebaut wurde. Kriegst du das hin?"
"Klar. Soll ich nach was besonderem Ausschau halten?"
"Ja, Ich will wissen, ob irgendwann mal eine Louisa in dem Haus gewohnt hat."
"Alles klar. Gib mir ne halbe Stunde."
So hilfsbereit hatte ich meinen Kollegen noch nie erlebt. Ich nickte ihm zu und ging in mein Zimmer. 

Eine halbe Stunde später kam Sam mit seinem Laptop zu mir. Mein Kollege grinste.
Ich sah ihn fragend an.
"Und?"
"Fehlanzeige. hat nie ne Louisa in dem Haus gewohnt."
"Und warum grinst du dann so? Aus Schadenfreude, weil sich meine Hoffnung nicht erfüllt hat?"
Er schüttelte den Kopf und hielt mir den Laptop hin. Ich starrte minutenlang auf den Bildschirm. Dann sah ich Sam an. Er sagte:
"In deinen Worten ausgedrückt: das ist ganz schön krass, hm?!"
Ich konnte nur stumm nicken.
Ich nahm mein Handy, wählte eine Nummer, führte ein kurzes Gespräch und sah Sam an.
"Komm!", sagte ich nur.

Wütend wie noch nie trat ich bald darauf die Haustür der Millers auf. Ich stürmte durch das Haus, dicht gefolgt von Sam. Im Arbeitszimmer fand ich ihn endlich...
"Sie haben gelogen! Wo ist Louisa", brüllte ich Mr Miller an.
"Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen!", behauptete dieser eiskalt. 
"Ich spreche von ihrer älteren Tochter, die vor einem halben Jahr spurlos verschwunden ist. Angeblich ist sie von zuhause abgehauen. Aber das glaube ich nicht. Also, wo ist sie?" schrie ich.

"Louisa ist bei mir. Sie ist immer bei mir."
Ich drehte mich um und sah Cassie an, die in der Tür stand, ihre Puppe im Arm haltend.
"Louisa passt auf mich auf. Damit er mir nicht auch weh tut. Louisa ist nicht böse!"
Flehend fixierten mich Cassies Augen. Ich nickte.
"Ich weiß, Kleines. Und jetzt passe ich auf euch beide auf. Er wird nie wieder jemandem weh tun, das verspreche ich euch! Dir und Louisa!"
"GIN! Vorsicht!", schrie Sam plötzlich. Ihr fuhr herum und sah, dass Mr Miller eine Pistole in der Hand hielt und auf mich zielte. Er drückte ab, ich versuchte, der Kugel auszuweichen, wusste aber, dass ich es nicht schaffen würde. Da fuhr ein gleißender Lichtstrahl aus der Puppe heraus, schoss an mir vorbei, ich fühlte einen Stoß, der mich zu Boden warf, die Kugel, die in den Lichtstrahl geriet, fiel zu Boden wie abgebremst, ich hörte ein Kreischen und Laute, die direkt aus der Hölle zu stammen schienen, ein Sturm tobte durch den Raum, das ganze Haus begann zu beben, Bücher fielen aus Regalen, alles im Bruchteil von Sekunden. Die Möbel im Arbeitszimmer wackelten, erhoben sich in die Luft, ein Mann schrie, ein weiterer Schuss wurde abgefeuert, ein Kind weinte... Cassie!
"Cassie, lauf nach oben, schnell. Lauf nach oben!", schrie ich durch den Lärm. Ich wusste nicht, ob sie mich gehört hatte, da erklang eine weitere Stimme, die eines älteren Mädchens:
"Lauf, Cassie!" 
Louisas Geist!
"Louisa, pass auf Cassie auf. Bring sie hier raus, wir machen das schon. Es wird alles gut. Aber jetzt geh. Bring deine Schwester in Sicherheit!"
Ich betete, dass Louisa auf mich hören würde. 
"Er gehört mir! Er hat...", kreischte der Geist. Ich unterbrach ihn.
"Was imme rer getan hat, er wird dafür büßen. Aber das ist nicht deine Sache. Kümmere dich um Cassie. Bitte. Überlass ihn uns."
Ein lauter Schrei war die Antwort - dann legte sich der Sturm, die Möbel fielen zu Boden . dann herrschte Stille. Ein schneller Blick zur Tür überzeugte mich davon, dass Cassie fort war. Gut so.
Ich rappelte mich gerade hoch, als ich Sam sagen hörte:
"O nein, so nicht!"
Ich hatte meinen Kollegen während des Chaos völlig vergessen!
Aber was meinte er mit "So nicht"? Ich sah zu ihm herüber und bemerkte, dass er seine Sonnenbrille hoch geschoben hatte - zum ersten Mal, seit ich ihn kannte. Sein Blick war auf einen bestimmten Punkt fixiert - auf Miller. Auch ich wandte ihm meinen Blick zu - und sah zu meinem Erstauen, dass der Mann zu Stein erstarrte...
Ich sah erneut zu Sam. der seine Sonnenbrille wieder richtig aufsetzte.
"Wie hast du das gemacht?", fragte ich, völlig erstaunt. Sam zuckte nur mit den Schultern.
"Wie machst du es, dass du Geister sehen kannst?", fragte er zurück.
"Keine Ahnung, ich kann es einfach."
"Eben!"
Das schien mir nicht die Wahrheit zu sein, aber jetzt war nicht die Zeit, darüber zu diskutieren. Ich stand endlich auf und fragte:
"Bleibt der jetzt für immer so?"
Sam schüttelte den Kopf und zog eine kleine Phiole mit einer grünen Flüssigkeit aus seiner Jackentasche.
"Nein, wenn man ein entsprechendes Mittel hat, dann nicht. Aber du solltest vorher vielleicht lieber deine Waffe bereit halten."
Ich errötete, weil ich daran nicht selbst gedacht hatte, zog meine Dienstwaffe, trat zu dem versteinerten Miller, umfasste den Lauf seiner Pistole und nickte Sam zu. Dieser öffnete die Phiole und goss ihren Inhalt über Millers Kopf. Langsam wurde aus dem Stein wieder Fleisch. Sobald die Hand, in der er die Waffe hielt, "entsteint" war, riß ich sie ihm mit einem kräftigen Ruck aus der Hand und warf sie Sam zu, der sie geschickt auffing. Ich richtete meine Waffe auf Miller, sah ihm in die Augen und sagte nur zwei Worte:
"Das wars!"
Von draußen hörte man Sirenen näher kommen. Ich hatte die Polizei zum Haus bestellt, bevor ich mit Sam hergekommen war.
"Die haben vielleicht Zeit", murmelte mein Kollege - und ich musste ihm recht geben.

Zwei Wochen später flog ich nach Portland, um an Louisas Beerdigung teilzunehmen. Man hatte ihre Leiche vergraben im Garten des früheren Hauses der Millers gefunden. Bei seiner Vernehmung gestand Miller, dass er seine ältere Tochter vergewaltigt und anschließend erwürgt hatte. Dann hatte er sie im Garten vergraben. Als er danach ins Haus zurück gehen wollte, stand Cassie plötzlich neben ihm. Die Kleine hatte alles gesehen... Miller überlegte kurz, auch Cassie zu ermorden, damit sie nichts ausplaudern konnte, wurde sich aber bewusst, dass man das gleichzeitige Verschwinden beider Mädchen zu verdächtig finden würde. So ließ er sie vorerst in Ruhe. Er setzte das Gerücht in die Welt, dass Louisa nach einem Streit davon gelaufen war, verkaufte das Haus und zog mit seiner Familie nach San Diego. Louisa aber fand keine Ruhe, nicht nur, weil das Verbrechen an ihr nicht gesühnt war, sondern auch aus Angst um ihre kleine Schwester. Sie befürchtete, dass ihr Vater Cassie dasselbe antun würde wie ihr. Ihr Geist schlüpfte in die Puppe, so war sie immer in Cassies Nähe und konnte sie beschützen. Die Verbundenheit der Schwestern war so groß, dass Cassie die Anwesenheit Louisas spürte - und auch ihre Stimme hören konnte. 
Was Mrs Miller anging... Auch sie wurde verhaftet, da sie sowohl von dem Missbrauch als auch von dem Mord gewusst hatte, ihren mann aber nicht an die Polizei ausgeliefert, sondern geschwiegen und seine Verbrechen somit gedeckt hatte. Aus Angst zwar, aber das rettete sie nicht vor einer Festnahme.
Cassie wurde bis auf weiteres in einem Heim untergebracht. Sie erhielt psychologische Hilfe, um das Geschehene so gut wie möglich verarbeiten zu können. Louisas Geist war seit dem Tag, an dem die Millers verhaftet wurden, nicht mehr aufgetaucht. 
Auch Cassie wohnte der Beerdigung ihrer Schwester bei, begleitet von einer Erzieherin und der Psychologin. Ihre Puppe hatte sie nicht dabei...

Nach der Beerdigung blieb ich noch einen Augenblick am Grab stehen. Cassie war mit ihren Begleiterinnen bereits auf dem Weg zum Parkplatz.
"Danke, dass du so toll auf deine kleine Schwester aufgepasst hast, Louisa. Das hast du gut gemacht. Sie ist nun in Sicherheit. Ich hoffe, du findest jetzt deinen Frieden"
Dann wandte auch ich mich ab und ging Richtung Parkplatz. Ich sah, dass Cassie bereits im Auto saß. Ich blieb stehen. Ich erinnerte mich an meine Kindheit und Jugend. Würde Cassie es besser haben, als ich damals, oder würde auch sie von Pflegefamilie zu Pflegefamilie wandern, nirgendwo wirklich daheim?
Während ich noch darüber nachdachte, spürte ich eine leichte Berührung am Arm. Ich drehte den Kopf. Neben mir stand der geist von Louisa.

Sie sah mich an und sagte:
"Keine Sorge. ich passe auf sie auf. Ich passe IMMER auf sie auf!"
Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich in ihren Augen etwas Dunkles aufblitzen, dann drehte sie sich um und ging zum Wagen. Sie glitt durch die geschlossene Tür auf den Rücksitz neben ihre Schwester und legte den Arm um Cassies Schultern. Das Auto fuhr ab, ich aber blieb noch eine ganze Weile stehen, bevor ich mich auf den Weg zum nächsten Taxistand machte, um mich zum Flughafen fahren zu lassen. Ich hatte kein besonders gutes Gefühl, als ich nach Hause zurück kehrte.

Irgendetwas sagte mir, dass ich nicht zum letzten Mal von Louisa gehört hatte...


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