Kapitel 23

Frostige Luft empfing uns als wir den stickigen Pub verließen. Der Atem hing vor uns in kleinen Dampfwolken in der Luft. Unter unseren Stiefeln knackte und knirschte der von Reif bedeckte Boden der im Mondlicht vor uns glitzerte. Die Bäume des Waldes wankten im Rhythmus des Windes links und rechts von uns und warfen schwarze Schatten auf den vom Mondlicht spärlich erhellten Weg begleitet von dem steten rauschen des Windes und dem knacken der Äste.

Geschwind gingen wir in Richtung des Eisernen Tores, dass die Schule von dem Dorf trennte. Je näher wir der eisernen Absperrung kamen, desto mehr zögerte ich. Wie sollten wir Samuel bis in den Krankenflügel schmuggeln?

Meine Begleiter schienen mein Zögern zu bemerken. Auch sie verlangsamten ihre Schritte. Abrupt blieb ich stehen.

„Was ist los?“ Rose sah mich stirnrunzelnd an.

„Wie sollen wir ihn in die Akademie schmuggeln?“ brach es aus mir heraus. Fragend sah ich zu meinen Freunden, die sich nun nachdenklich betrachteten.

„Sie hat Recht:“ gab nun Ryder zu bedenken. „Wir können nicht einfach so in die Schule spazieren. Wir müssen uns etwas überlegen.“

„Und das schnell:“ keuchte Rose. Ihre Lippen schimmerten im Mondlicht blau, was einen krassen Kontrast zu ihre weiß-silber schimmernden Flügel darstellte. „Ich frier mir hier den Arsch ab.“

Plötzlich machte es Klick in meinem Kopf. „Die Flügel,“ hauchte ich und starrte auf Rose.

Meine Freundin betrachtete mich skeptisch. „Äh ja, die habe ich schon seit meiner Geburt. Ist alles in Ordnung mit dir? Du siehst ein wenig… nun ja… gaga aus?“

„Nein du verstehst nicht: Meine Flügel,“ stammelte ich und zeigte mit meinen Händen auf mich.

„Nein, das sind meine. Siehst du? Sie sind weiß,“ erklärte Rose langsam als würde sie es einem klein Kind erklären. „Kann mir bitte jemand mal helfen? Ich denke sie dreht gerade durch.“

Ryder, der mit verschränkten Armen und hochgezogenen Augenbrauen das ganze beobachtet hatte, brach in schallendes Gelächter aus.

„Sie spricht nicht von deinen Flügeln, sie spricht von ihren,“ erklärte Samuel belustigt.

„Das sind aber nicht ihre, sondern meine,“ fauchte Rose.

Nun platzte mir der Kragen. „Halt doch endlich mal deine Klappe und geh mir aus dem Mondlicht, bei allen Erzengeln, damit ich uns ein Portal rufen kann,“ kreischte ich verärgert. Erschrocken sprang Rose aus dem Kegel Mondlicht und stellte sich neben Ryder.

Aufgeregt holte ich tief Luft. Es war das erste Mal das ich meine Kraft würde vorsätzlich benützen. Hoffentlich würde es funktionieren. Zitternd trat ich in den Lichtkegel. Ich spürte wie mein Körper sofort auf das bläuliche Licht des Mondes reagierte: Wärme durchströmte mich und begann mich auszufüllen. Ich spürte wie sich meine schwarzen Schwingen golden glitzernd im Schein des Mondes hinter mir ausbreiteten. Ich hörte wie jemand nach Luft schnappte.

Langsam drehte ich mich zu meinen Begleitern. Nun traf mich das Licht von vorne. Ich senkte mein Blick auf meine Hände. Wie beim letzten Mal durchzogen goldene Fäden wie Adern meine Haut. In mir pulsierte und schwirrte es. Goldenes Licht durchzog mein Blickfeld. Angestrengt konzentrierte ich mich auf die Akademie. Wo könnten wir problemlos um diese Zeit auftauchen ohne dass jemand etwas mit bekäme? Ein Bild erschien vor meinen Augen: Deckenhohe Regale. Der Duft von Papier und Druckertinte hing in der Luft. Ein Raum vollgestopft mit in Leder oder Samt gebundenen Büchern. Die Bibliothek,

Langsam öffnete ich die Augen und streckte meine golden leuchtenden Arme von mir.

„Efficere ut hic ego petere!” rief ich mit fester Stimme. Ein Windstoß wirbelte meine Haare auf. Lichtstrahlen schossen aus meinen Handflächen und bildeten nur wenige Meter vor mir eine leuchtende Wand. Als das grelle Licht erlosch enthüllte er eine alte verbeulte Flügeltür aus hellem Nussholz zu enthüllen. Meine Begleiter traten langsam neben mich.

„Wohin führt sie?“ flüsterte Rose mir ins Ohr.

„In die Bibliothek,“ raunte ich und hob eine Hand. „Patefieri!“ befall ich. Ein Zischen ertönte. Rauch trat aus den Falzen der Tür hervor. Ein Klicken ertönte und die Tür sprang laut zischend auf. Dahinter lag ein Raum im halb Dunklen, bis zur Decke vollgestopft mit Büchern. Der bekannte Duft von Papier, Leder und Tinte schlug mir entgegen. Ryder trat als erstes vor. In seinen Augen erkannte ich bedauern. „Das war mein Lieblingsort,“ hauchte er. „An keinem Ort habe ich mehr Zeit verbracht als hier.“

Sein schmerzerfüllter Blick wanderte durch die Tür. Langsam und vorsichtig trat er über die Schwelle. Rose schnappte neben mir ängstlich nach Luft, doch Ryder ging unbeirrt mit schleppendem Gang weiter durch die riesige Bibliothek, sein Blick auf die unzähligen Schätze gehaftet.

Samuel trat ohne lange zu überlegen oder zurückzuschauen als nächstes über den Schweller. Nun waren nur noch Rose und ich.

„Du bist dran,“ hauchte ich und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln.

Aus vor Panik weit aufgerissenen Augen starrte mich meine Freundin an. „Kann ich nicht normal bei der Tür hineingehen?“

Ich lachte. „Du gehst doch normal bei der Tür hinein.“

„Aber… Das letzte Mal als ich dich aus einem dieser Portale treten sah, kamst du aus Fallen City. Wer sagt uns, dass das nicht die Bibliothek von Luzifer oder irgendein anderer Ort ist?“

Ich seufzte. „Rose, du brauchst keine Angst haben. Das was du da siehst ist zu Hundertprozent die Bibliothek von der Engelsakademie,“ beruhigte ich sie.

Skeptisch sah sie durch die Tür. „Und du bist dir Hundertprozentig sicher?“

„Hundertprozentig,“ nickte ich zustimmend.

Seufzend trat sie bis zur Schwelle. Sie atmete tief ein und schloss die Augen. Nach einigen Sekunden tastete sie sich zögerlich über die über die Schwelle und stolperte in den großen Raum.

Erleichtert schaute ich ein letztes Mal prüfend über meine Schultern. Die Äste der Bäume zitterten im Wind. Ein stetes rauschen ging durch den dunklen Wald.

Ich wandte mich wieder zur Tür und trat schließlich ebenfalls über die Schwelle der Bibliothek. Unter meinen Füßen hallten meine Schritte über den mit Terrakotta gefliesten Boden. Ich ging einige Schritte in die Bibliothek und drehte mich dann langsam um, um die Tür zu schließen als ich draußen einen Schatten erhaschte. Ich hielt es für Einbildung und hob meinen Arm um die Tür zu schließen.

„Discedere!“ sagte ich laut. Ein Zischen ging durch den Raum. Nebel stieg hoch und verhüllte die Tür schließlich ganz. Da sah ich wie eine zierliche Kapuzengestalt durch den Nebel auf uns zu trat.

Rose schrie erschrocken auf. Samuel stürzte hinter mir hervor und zog sich seine Kapuze vom Kopf. Darunter kamen kurze weißblonde Haare zum Vorschein die ihm wild vom Kopf standen.

„Willst du dich umbringen?“ schrie er mit vor Zorn fleckigem Gesicht.

Ein spöttischer laut kam von der Kapuzengestalt die ohne zu zucken weiter auf die Mitte des Raumes zu ging. In der Mitte der Eingangshalle blieb sie schließlich unbehelligt vor Samuel stehen und zog sich die Kapuze vom Kopf.

Lange Kastanienbraune von leichten wellen durchzogene Haare kamen zum Vorschein. Ein zierliches Mädchen stand mitten im Raum und reckte trotzig das Gesicht zu Samuel.

„Du hast mir nichts zu sagen, Sam. Ich bin erwachsen und kann für mich selbst Sorgen. Ich bin kein kleines Kind,“ fauchte das braunhaarige Mädchen.

„Du verhältst dich aber so, Hope. Was wäre gewesen, wenn sie bewaffnet wären?“ zischte Samuel. Seine eisgrauen Augen flackerten gefährlich.

Das Mädchen namens Hope verdrehte die Augen. „Waren sie aber nicht,“ murmelte sie verärgert und drehte sich von ihrem gegenüber weg und sah direkt zu mir. „Das ist sie also? Der Rabe?“

Samuel drehte sich nun ebenfalls zu mir. Nun sah ich erstmals sein Gesicht: Sein Gesicht glich dem einer aus Marmor gemeißelten Statue. Seine Haut war weiß und ebenmäßig. Seine Wangenknochen hoch und sein Kinn lief spitz zu. Auf seinem Kin sah man den Schatten eines Dreitagebartes. Samuels funkelnde eisgraue Augen brannten sich in meine. Ich ließ meinen Blick sinken.

Ich hörte ihn sich räuspern. „Ja das ist sie.“

„Das war wirklich beeindruckend wie sie das Portal gerufen hat,“ hörte ich Hope murmeln.

„Nun, dürften wir nun auch endlich wissen wer du bist? Ich nehme an du gehörst zu Samuels Truppe?“ meldete sich nun Rose zu Wort die neben mich getreten ist. Hope räusperte sich und trat aus Samuels Schatten. Ihr Gesicht war ebenfalls ebenmäßig, allerdings einen Ton dunkler. Ihre Gesichtszüge waren weicher und wurden von einer Maße an kastanienbraunen Haaren umrahmt. Sie lächelte und trat selbstsicher näher.

„Ich bin Hope, eine Freundin von Samuel,“ stellte sie sich vor und sah mit einem Lächeln von einem zum anderen. Bei mir blieb sie schließlich stehen. „Und du bist Raven?“

Ihre Frage war mehr eine Feststellung als eine Frage. Ich nickte zögerlich.

„Tut mir leid, Leute. Ich wollte nicht so in eure Party platzen, aber ich wollte schon immer die legendäre Engelsakademie von innen sehen.“ Fuhr sie schließlich weiter und betrachtete alles mit leuchtenden Augen. Gefesselt vom Anblick der Deckenhohen Bücherregale drehte sie sich im Kreis.

„Ihr habt also von der Akademie gehört?“ wollte Rose wissen.

„Die Engelsakademie kennt doch jeder,“ schwärmte Hope während sie sich taumelnd im Kreis drehte. „Ein mehrere Hektar großes Institut wo die waren Engelskrieger, Wächter, Heiler und nicht zu vergessen Gelehrten ausgebildet werden: Die sogenannten Auserwählten. Die Höchsten der Engelsgesellschaft.“ Ihr Blick fiel auf mich. „Nicht zu vergessen das es der derzeitige Aufenthaltsort und Ausbildungsplatz der Tochter des Höchsten der Erzengel ist: Raven Darnell. Die Auserwählte des Schwertes und die Hüterin der Portale. Der Rabe.“

Ich spürte wie sich alle Blicke zu mir wandten und Hitze in mir aufstieg.

„Also seid ihr nur an mir interessiert?“ krächzte ich. Mein Hals war Staubtrocken wie eine Wüste. Hope schüttelte den Kopf und trat näher.

„Unser einziges Ziel ist es einen Krieg zwischen den Welten zu verhindern. Dafür brauchen wir dich. Du musst nur an deine Macht glauben. Sie ist ganz tief in dir,“ sagte sie und legte ihre Hand auf meine Schulter. „Und du brauchst natürlich uns. Der Rabe erreicht das Schwert nämlich nur mit Hilfe des Adlers.“ Hope lachte und drehte sich zu einen Missmutig aussehenden Samuel.

„Bist du nun fertig damit alle zu nerven?“ fragte er grummelnd.

Hope drehte sich seufzend zu mir. „Keine Sorge. Er ist nicht immer so.“

Samuel verdrehte die Augen. „Bist du nun fertig?“

Kurz tat sie so als würde sie scharf über seine Worte nachdenken. Auf ihrem sonst so glatten Gesicht erschienen tiefe Denkfalten. Dann zuckte sie die Schultern. „Ich glaub schon.“

Samuel stieß einen dankbaren Seufzer aus. „Dem Erzengel sei Dank.“

Mit einem großen Grinsen im Gesicht hob Hope ihre Hand.

„Nur noch eine Sache.“ Sie wandte sich zu mir während Samuels Gesicht die Farbe von einer Tomate annahm. Er sah aus als würde er jeden Moment platzen vor Wut. Angestachelt von seiner Reaktion lehnte sie sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr: „Ich habe von seiner Exfreundin gehört das er gerne kuschelt. Vielleicht solltest du ihn mal in den Arm nehmen damit er ein wenig auftaut.“

Grinsend wandte ich mich zu Hope. „Bin mir nicht so sicher ob ich das machen kann.“

Mit gespieltem erstaunen zog sie eine Augenbraue hoch. „Warum denn nicht?“

Ich verzog mein Gesicht zu einer schuldvollen Miene. „Nun ja, können würde ich schon aber Lust habe ich keine.“

Prustend begannen wir zu lachen.

„Wirklich lustig ihr beide,“ zischte Samuel und betrachtete uns zornig.

„Ach komm schon: War doch nur ein Scherz.“ Atemlos schnappte Sie nach Luft. „Jetzt sei nicht immer so ein Miesepeter, Sam.“

„Das ist kein Ausflug. Wir müssen einen Krieg verhindern,“ maulte er verärgert.

„Das weiß ich auch. Trotzdem kann man auch mal einen Scherz machen. Du nimmst immer alles so verpissen ernst,“ knurrte Hope. Ich beobachtete wie seine Augen sich bei ihren Worten schmälerten und trat näher.

„Samuel es tut mir leid. Ich wollte dich nicht verärgern,“ mischte ich mich schließlich schuldbewusst ein. „Es tut mir leid wenn ich dich verärgert habe.“

Einen Moment dachte ich er würde mich anschreien, doch plötzlich wurden seine harten Gesichtszüge weich und er lächelte. „Schon verziehen.“ Er drehte sich zur richtigen Tür der Institutsbibliothek und ging großen Schrittes darauf zu. Langsam bewegten wir uns ebenfalls als wir hinter ihm an der Tür ankamen drehte er sich nochmal zu mir, eine Hand auf der Türklinke ruhend.

„Ach übrigens: Ich stehe nicht auf Kuscheln,“ Seine Augen blitzten schelmisch auf und er zwinkerte mir zu. „Ich mag es lieber auf die harte Tour.“ Mit diesen Worten verschwand er in der Dunkelheit.

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beta
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