Kapitel 23

Eine Stunde später lag der Graf in dem mit sauberen Tüchern ausgekleideten Badezuber, in dem das Wasser dampfte. Es war sehr heiß und Viktor hatte zu Beginn Schwierigkeiten gehabt, überhaupt hinein zu gelangen, da seine Glieder so durchgefroren waren, dass die Temperatur ihm noch um ein Vielfaches höher vorgekommen war. Sein Leibdiener hatte ihn mit einem Becher begießen müssen, damit des Grafen Körper sich daran gewöhnen konnte.

Inzwischen aber vermischte sich der Dampf mit dem Schweiß auf seiner Stirn und er spürte das Leben zurückkehren in die Gliedmaßen, die zuvor trotz der wärmenden Decke und des angefeuerten Kamins nicht hatten auftauen wollen.

»Gibt es irgendetwas zu berichten, Sebastian? Wie sieht der Bestand in den Vorratslagern aus?«

Der Leibdiener blätterte mit flinken Fingern durch das massive und schwere Buch, in das täglich die Mengen dessen eingetragen wurden, was aus den Speichern entnommen wurde. Daneben häuften sich Rollen von Pergament, die ähnliche Informationen über die Vorräte der umliegenden Dörfer enthielten. Viktor glitt langsam tiefer in den Zuber, während Sebastian ihm die Zahlen vorlas.

»So, dann sind wir doch aktuell noch ganz gut bestellt. Beten wir zu Gott, dass der Winter nicht wieder bis in den April Einzug hält. Nicht dass wir dann vor leeren Speichern sitzen und die Ernte auf sich warten lässt ...«

»Mein Herr, die Lager sind voll. Wir sollten wohl ganz gut hinkommen. Und wenn nicht, werden wir uns alle einschränken müssen, damit es reicht.«

Der junge Adlige nickte und schloss die Augen. Die burgeigenen Speisekammern waren natürlich gefüllt, doch immerhin musste das Schloss auch alle seine Bediensteten mit ernähren. Wichtiger jedoch war es, dass die Landbevölkerung versorgt war, denn eine Hungersnot würde nur dazu führen, dass wichtige Arbeitskräfte auf den Feldern fehlen würden, die Ernte unter Umständen nicht richtig eingeholt werden konnte und ein Teil verdarb. Und Viktor wusste, was die Folgen sein konnten, wenn ein Herrscher sein Volk hungern ließ. Seine Eltern hatten am eigenen Leib zu spüren bekommen, zu was ein von Hunger und Not getriebener Bauernmob fähig war. Sie waren einst zur falschen Zeit im falschen Fürstentum gewesen und wurden Opfer der Misswirtschaft, die der dort regierende Fürst betrieben hatte. Der junge Graf hatte sich geschworen, dass es unter seiner Herrschaft zu solchen Aufständen nicht kommen würde. Lieber würde er selbst weniger haben und die Nahrungsmittel rationieren, damit es reichte. Er würde nicht zulassen, dass sich seine Leute gegenseitig umbrachten und er würde auch nicht riskieren, dass jemand aus seiner Familie und seinem engsten Umkreis zu Schaden käme, weil er als Herrscher versagt hatte.

»Sonst noch etwas?«

»Ah ja ... der Dorfvorsteher von Nezru hat bei Tagesanbruch einen Boten mit einer Nachricht geschickt. Ich habe noch nicht hinein gesehen, weil ich erst sichergehen wollte, dass Ihr keine Lungenentzündung bekommt, mein Herr.«

Graf Viktor schmunzelte angesichts der offenkundigen Sorgen, die sein Leibdiener sich stets um ihn machte und setzte sich in dem Zuber auf, erwartungsvoll den Blick auf den Händen Sebastians, der das wächserne Siegel an dem einfachen Kuvert aufbrach. Er überflog es und Viktor konnte sehen, wie die Farbe aus dem Gesicht des Mannes wich.

»Was ist geschehen? Sprich!«, verlangte der Graf und Sebastian reichte ihm das Schreiben. Der junge Adlige überflog die ungelenkte und plumpe Handschrift des Amtmannes, dem Einzigen, der in Nezru lesen und schreiben konnte, und auch er bekam das Gefühl, das Blut hätte seinen Körper verlassen. Trotz des noch immer heißen Wassers spürte er, wie eine Gänsehaut über ihn kroch und sank langsam wieder tiefer in den Zuber, um diese zu vertreiben.

»Gleich zwei?«, flüsterte er matt und der Diener nahm ihm den Brief wieder ab.

»Mit Wunden am Hals, mein Herr ... und blutleer.«

»Wie kann das sein? Wer tut so was? Wer rammt zwei jungen Menschen eine Klinge in den Hals und lässt sie ausbluten?«

Sebastian blickte auf seine Finger. Ihm war bewusst, dass sein Herr das Offensichtliche nicht aussprechen wollte, weil er sich, wie alle seine Landsleute, so sehr davor fürchtete. Auch er selbst, Sebastian, hatte einst große Angst vor diesen düsteren Legenden gehabt, den Wesen, die aus dem Grabe aufstiegen, um arglosen Menschen das Blut auszusaugen, sie zu ihresgleichen machten, verfluchten.

»Kann es nicht sein, Herr, dass ...«

»Nein! Bitte, sprich es nicht aus, sei so gut. Hilf’ mir aus dem vermaledeiten Ding heraus. Es wäre unklug, sich in einem solchen Moment in der Burg zu verschanzen, während Nezru und sicher die ganze Gegend, die davon gehört hat, in heller Aufruhr ist. Es ist meine Pflicht, dort vorstellig zu werden. Und sei es nur, um sicherzugehen, dass die beiden Opfer vernünftig unter die Erde kommen ... damit ... sie nicht auch noch ...« Viktor schüttelte sich und erhob sich aus dem Zuber. Sebastian umwand ihn mit einem Tuch und rieb ihn trocken. Dabei konnte er spüren, dass sein Herr zitterte.

»Es ist heller Tag«, versuchte der Leibdiener, die Furcht zu mildern, doch der Graf zuckte nur.

»Du weißt so gut wie ich, dass es ausreicht, wenn die Sonne hinter den Wolken verschwunden ist. Ich rede nicht mit dir da drüber. Das bringt Unglück über uns alle!«

Sebastian nickte und legte seinem Herrn trockene Kleider zurecht, während dieser noch immer an seinem Körper herum rieb, als wäre die Kälte, die das Bad hatte vertreiben sollen, schlagartig wieder da.

»Warum fürchtet man Dinge, die man nicht sehen kann?«, murmelte er und der Diener wandte lächelnd den Kopf.

»Ihr habt Euch die Frage selbst beantwortet, Herr. Der Mensch fürchtet, was er nicht sieht. Doch hört er auf, sich zu ängstigen, wenn er das, was ihm Furcht bereitet, zu Gesicht bekommt? Vermutlich nicht ...«

Viktor setzte sich auf die Bettkante und ließ sich von Sebastian in die Kleider helfen. »Du hast leicht Reden. Seitdem du was weiß ich was angestellt hast, habe ich nie wieder gesehen, dass du etwas gefürchtet hast.«

»Meine Sorge und Angst gilt Euch, Ari. Nicht mir. Eines Tages werde ich Euch erklären, was geschehen ist. Doch solange Ihr es eigentlich gar nicht wissen wollt, werde ich schweigen.«

Der Adlige nickte und erhob sich, damit sein Diener das Hemd und die Hose richten konnte.

»Bescheidene Garderobe, Sebastian. Ich denke, es würde taktlos erscheinen, wie ein Pfau aufgemacht daherzukommen, wenn wir nach Nezru reiten.«

»Ihr seid nie gekleidet wie ein Gockel, mein Herr. Selbst wenn es angebracht wäre, sich herauszuputzen.« Der Leibdiener lachte leise und legte seinem Herrn eine schlichte, nachtblaue Schalkrawatte an, die er zu guter Letzt mit einem in Silber eingefassten Rubin fixierte.

»Kritisierst du gerade meine Garderobe?«

»Nein. Ich bescheinige Euch einen sehr ausgewählten und doch bescheidenen Geschmack.«

»Gut gerettet ...«

Die beiden Männer gestatteten sich ein Lachen und Sebastian war froh, seinen Herrn von den furchterregenden Gedanken an herumirrende Monster auf der Suche nach Blut abgelenkt zu haben.

»Soll ich Dimitri vorausschicken, auf dass er Euch ankündigt?«

Viktor zupfte an seiner schwarzen Weste und schüttelte den Kopf, als er seinen Arm in den dargebotenen Mantel schob.

»Nein. Ich nehme an, der Amtmann wird mit meinem Besuch rechnen, sonst hätte er keinen Boten geschickt mit der Bitte um Anweisung. Mir ist heute nicht nach fürstlichem Auftreten. Nur wir werden ins Dorf gehen. Ohne Kutsche werden wir bei dem Schneetreiben nur zu Pferde schneller sein.«

»Ja, Herr. Trinkt noch Euren Tee und esst Euer Frühstück. Ich werde derweil im Stall die Pferde vorbereiten lassen ...«

»Sebastian?«

»Ja, Herr?«

»Sag dem Stallmeister, er möge mir Tiber satteln.«

»Ihr wollt diesen arabischen Teufel reiten, Master?«

»Ich glaube, der Kerl braucht nur Bewegung. Was bekommt er denn, wenn er wegen dem Schnee und der Kälte fortwährend im Stall steht?«

»Ich wage zu bezweifeln, dass er bereits nach zwei Tagen, die er hier ist, so weit gezähmt wurde, dass Ihr ihn reiten könnt, Herr. Andererseits seid Ihr sicherer mit den Tieren, wenn Ihr im Sattel sitzt als wenn Ihr nur davor steht ...«

Viktor nickte. Solange er auf seinen eigenen Beinen stand, hatte er einen Heidenrespekt vor so wilden Pferden wie Tiber, doch es juckte ihm in den Fingern, ihn zu reiten. Er hatte sich selbst und den Körper des Tieres besser im Griff, wenn er im Sattel saß.

»Ich werde tun, was Ihr sagt. Ich komme Euch holen, wenn alles getan ist.« Der Diener schloss die Tür hinter sich und Viktor nahm Platz, griff nach einem Stück Brot und überflog nochmals das Schreiben des Dorfvorstehers von Nezru.

Er hatte nicht gewollt, dass Sebastian es laut aussprach, doch natürlich hatte dieser ebenso wie Viktor selbst an Strigoi gedacht, als er von diesem scheußlichen Verbrechen gelesen hatte. Wer sonst würde einem anderen Menschen so etwas Unchristliches antun und den Körper dann wie Abfall einfach liegen lassen, zur Schau gestellt für aller Augen?

Es fiel dem Adligen schwer, Appetit für sein eigentlich vorzügliches Mahl aufzubringen. Diese Unruhe im Land, die Furcht und den Aberglauben des einfachen Volkes, konnte der Graf sich nicht leisten. Angst machte die Menschen dumm und ließ sie unvernünftige Entscheidungen treffen. Sie machte argwöhnisch und lähmte den Verstand. Als könnten sich die Bauern noch mehr Misstrauen erlauben - die trauten schließlich selbst ihren Landsleuten nur so weit, wie sie sie würden werfen können.

Der Graf zerknüllte das Schreiben in den Fingern und warf es schließlich ins Feuer. Transsylvanien zeigte sich einmal mehr von seiner unheimlichen Seite.

Es behagte dem jungen Mann nicht, dass seine Gedanken zu Lord Sandringham abdrifteten, und er sich fragte, was dieser wohl glauben würde, wenn er davon erfuhr. Ob er wohl denken mochte, wie rückständig Rumänien war, dass die Menschen so tief in ihrem Aberglauben verwurzelt waren, dass nun, da ein mysteriöses Verbrechen geschehen war, die Türen wieder vermehrt mit Knoblauchzöpfen behangen wurden - als wären sie jemals ganz verschwunden. Jedes Haus war damit bestückt und beinahe jeder Mensch roch danach. Auch hier im Schloss gab es kaum einen Raum, in dem dieses Gewürzgemüse nicht zu finden war. Es gehörte zum Volksglauben der in Rumänien heimischen Stämme dazu. Die Menschen rund um Bukarest, in dem es weltlich und dekadent zuging, mochten diese Traditionen vergessen haben, doch in den abgelegeneren Regionen Transsylvaniens sog jedes Kind dieses Wissen bereits mit der Muttermilch in sich auf. Es war so üblich und so natürlich wie Atmen. Und doch sorgte Viktor sich darüber, was ausgerechnet der spöttische und von Gott abgewandte Engländer sagen würde.

»Zum Teufel mit dir, Sandringham«, fluchte der junge Adlige zwischen den Zähnen hervor und erhob sich just in der Sekunde, in der es an der Tür pochte und Sebastian, gefolgt von zwei Mägden, in das Zimmer trat.

»Ihr zwei leert den Zuber und räumt den Tisch ab«, delegierte der Leibdiener die beiden Mädchen und wandte sich dann an seinen Herrn.

»Die Pferde sind bereit, Master. Die Jungen machen sie gerade warm.«

Viktor nickte, warf einen letzten Blick auf die beiden Dienstmägde und folgte dann seinem Butler, der höflich an der Tür auf ihn gewartet hatte. In der Eingangshalle am Fuße der Treppe, die auf die Galerie führte, hielten sie und Sebastian reichte seinem Herrn den dunklen Kaninchenfellmantel, den dieser bevorzugt trug, weil er wunderbar warm hielt, egal wie sehr es schneite. Dass dieser eine großzügige Kapuze hatte, kam dem Grafen, der nicht gern Mützen trug, sehr gelegen.

»Lass uns aufbrechen, bevor der Tag wieder herum ist«, murmelte Viktor und bewegte die Finger in den ledernen Handschuhen, damit diese sich richtig anpassten. Er folgte seinem Diener, der ihm das schwere Portal öffnete, auf den Hof hinaus, wo die sonst blasse Wintersonne ihm unverhofft grell ins Gesicht schien. Zumindest das Wetter schien auf der Seite der Menschen zu sein, wenn es auch bitterlich kalt war.

Der Atem sowohl der im Kreis herumgeführten Pferde als auch der der Burschen, die sie hielten, bildete so dichte Wölkchen vor ihren Mündern, dass man meinen könnte, sie würden gefrieren und einfach zu Boden fallen.

Tiber, den arabischen Hengst, schien die ungewohnte Kälte mürbe gemacht zu haben, denn er ließ sich anstandslos halten von einem Knaben, der halb so alt sein mochte wie Viktor.

Juga, der Wallach, den Sebastian immer ritt, war diese hingegen gewöhnt und wirkte ungewöhnlich wollig und aufgeplustert unter seinem dicken Fell. Vielleicht bekam er aber auch nur zu wenig Bewegung und wurde langsam fett.

Forsch, aber gemessen, damit der Hengst nicht dachte, er wäre unsicher, ging Viktor auf Tiber zu und griff nach den Zügeln. Das Tier zuckte für einen kurzen Moment zurück, doch ließ sich dann die Hand des Mannes auf seiner Nase gefallen. Der Graf kraulte das weiche Fell an Stirn und Hals des Pferdes und Tiber schnaubte leise und zufrieden.

»Haltet ihn«, sagte der junge Mann zu den zwei Burschen, legte die Zügel über den Kopf des Hengstes und saß auf. Mit einem feinen Tänzeln reagierte das Tier auf seinen Reiter und das ungewohnte Gewicht, doch es scheute nicht und machte auch sonst keine Anstalten, auszubrechen. Viktor hoffte, dass dies so bleiben würde und klopfte dem Hengst sanft auf den Hals.

Sebastian ließ Juga neben Tiber gehen, der beruhigt darauf zu reagieren schien. Offenbar hatte der stolze Araber den gemischtrassigen Wallach als Gefährten angenommen. Dem Grafen sollte es recht sein, solange der osmanische Teufel nur nicht die Nerven verlor und durchging.

»Sehen wir zu, dass wir fortkommen. Ich möchte bei Anbruch der Dunkelheit wieder hier sein«, rief Viktor seinem Diener zu und trieb den Hengst vorwärts. Dieser schnaubte und fiel dann in einen geschmeidigen Galopp. Sebastian folgte ihnen mit Juga.

Obwohl der junge Adlige in der Nacht beinahe erfroren wäre, genoss er es nun, den frischen, belebenden und schneidend kalten Wind in seinem Gesicht zu spüren, während die Pferde die Straße ins Tal und damit nach Nezru überwanden.

Es kam selten genug vor, dass der Graf sein Schloss verließ und in tiefer gelegene Gebiete reiste, schon gar nicht im Winter, wo Reisen beschwerlicher, tückischer und gefährlicher war als zu anderen Zeiten. Durch die vorangegangenen Trauermonate hatte er sich angewöhnt, in seinem Heim zu bleiben und es beliebte ihm wenig, dieses zu verlassen, um heuchlerische Besuche zu machen.

Lord Sandringhams Weihnachtsball vor einigen Tagen war der erste Anlass gewesen, zu dem Viktor mit einer gewissen Freude gegangen war, auch weil die Neugier auf diesen Fremden in ihm getobt hatte. Inzwischen hatte er bereits so manches Mal daran gedacht, dass es besser gewesen wäre, ihm fernzubleiben, da der Engländer sein Innerstes so permanent und nachhaltig aufgewühlt hatte.

Sein Blut zum Kochen gebracht hatte, dass kein Schnee der Welt ausreichen würde, um es wieder abzukühlen, bevor es nicht Befriedigung seiner unreinen Wünsche erfahren hatte.

Die teilweise kahlen, winterlichen Bäume des gemischten Waldes am Fuße des Bicaz-Passes zeigten den beiden Reitern nach einiger Zeit an, dass sie ihr Ziel, die Talsohle, beinahe erreicht hatten. Je näher sie den lichten Wäldern kamen, desto flacher wurde die Schneedecke und die Tiere kamen leichter voran.

Der Graf wappnete sich für das Zusammentreffen mit den einfachen Menschen Nezrus, die er zuweilen nicht verstand, wie sie ihn und seine Lebensweise nicht verstehen konnten. Welten lagen zwischen ihnen und doch war es seine, Viktors, Pflicht, diese Leute zu beschützen. Ob nun vor fremden Eindringlingen, die erobern wollten, vor einander oder vor Monstern aus dem volkstümlichen Aberglauben ...

Comments

  • Author Portrait

    Viktor ist ein toller Graf. Wie immer finde ich es toll, wie detailliert deine Ausführungen sind. Nur eins frage ich mich ... Warum will er das nicht von Sebastian wissen? Diese Wissenslücke macht mich verrückt! *esendlichwissenwill* Viktor quält mich und du auch :P

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