Kapitel 25

Durchgefroren nach dem Ritt durch die nächtliche Kälte und mit hungrigen Mägen erreichten die drei Männer schließlich die aus der Dunkelheit herausragende Burg des Grafen, auf der man sie schon erwartet hatte. Kaum angekommen, wurden die Pferde in den warmen Stall gebracht und abgeschirrt, während der Priester sich verabschiedete, um zu seinen Pflichten in der Kapelle zurückzukehren. Graf Viktor und Sebastian schüttelten sich den Schnee von den Mänteln und Schuhen und betraten das deutlich wärmere Schloss durch das Portal.

»Frag’ nach, wie es mit dem Essen aussieht und dann geh’ dich aufwärmen. Es war ein langer Tag«, murmelte Viktor und rieb sich die kalten Hände.

»Ja, mein Herr.« Der Diener hängte ihrer beider Mäntel zum Trocknen in die Nähe des Kamins und eilte dann durch einen Seitengang in den Küchentrakt davon.

»Eure Durchlaucht?« Ein älterer Hausangestellter, der zu Sebastians Stellvertreter eingeteilt wurde, wann immer dieser die Sekretärtätigkeiten für seinen Herrn nicht ausführen konnte, kam durch die Halle auf den jungen Adligen zugelaufen.

Der Angesprochene, der seine Hände am Feuer zu wärmen versucht hatte, wandte sich zu diesem um.

»Ja, bitte?«

»Während Eurer Abwesenheit kam ein Bote mit einer Nachricht für Euch ...« In seinen behandschuhten Fingern hielt er eine Schriftrolle, die mit einem Siegel verschlossen war, das dem Grafen bekannt vorkam. Er brummte leise und streckte die Hand danach aus.

»Vielen Dank. Hat es sonst noch irgendwelche Vorkommnisse gegeben, während ich weg war?«

»Ja, Master ... ich musste eines der Mädchen nach Hause schicken, sie hat versucht, Silber aus dem Ahnensaal zu stehlen.«

»Aber es ist nichts weggekommen?«

Der Diener verneinte. »So weit ich das beurteilen kann, war es wohl das erste Mal. Aber Ihr wisst, schon Euer werter Herr Vater hat Diebe nicht toleriert.«

Viktor nickte. Das stimmte. Dieser Bedienstete hatte bereits unter Graf Draganesti senior gedient und dieser hatte Langfinger und andere Delinquenten, die sein Vertrauen auszunutzen versucht hatten, gnadenlos vor die Tür gesetzt, ohne Rücksicht auf Wetter, Jahreszeit oder Verhältnisse, aus denen der Betroffene gekommen war. Und auch sein Sohn hatte dies so beibehalten. Er sorgte für sein Gesinde, gab ihnen genug zu essen, Kleidung, eine saubere Unterkunft, die Schutz vor den Naturgewalten bot, angemessene Freizeit, Respekt und sogar einen bescheidenen Lohn, den sie ganz für sich behalten konnten. Das war mehr, als viele andere Adlige für ihre Dienerschaft taten. Alles, was er dafür erwartete, war Loyalität, Verschwiegenheit und Treue. Wenn er fürchten musste, dass dieses gebotene Vertrauen durch eine solche oder ähnliche Tat missbraucht wurde, konnte er mit dem Dienstmädchen oder auch dem Burschen nichts mehr anfangen. Wenn es sich unter dem Gesinde herumsprechen würde, dass der Graf bei so etwas eine Ausnahme machte, würde es schnell einreißen und danach stand dem jungen Adligen nicht der Kopf.

»Die Entscheidung war richtig und ganz in meinem Sinne. Du kannst dich für heute zurückziehen, wenn du möchtest. Es ist spät genug.«

»Danke, mein Herr. Ich wünsche eine gute Nacht.« Der ältere Mann verneigte sich mit einem Lächeln und verschwand in demselben Gang, in den Sebastian eingebogen war, da dieser auch zu den Unterkünften der Dienerschaft führte.

Wieder allein, betrachtete der Graf die Pergamentrolle in seiner Hand. Sandringhams Wappen war auf dem Siegel und der junge Adlige wusste nicht, ob er sich freuen oder verärgert sein sollte über diese Dreistigkeit. Dieser Mann hatte seine, Viktors, Grenze überschritten, war ihm näher gekommen, als es ihm zugestanden hatte und traute sich dennoch, wieder den Kontakt zu suchen?

Seufzend blickte der Graf ins Feuer. Er war ein Narr. Schließlich hatte er selbst auch vor noch nicht ganz einem Tag darüber nachgedacht, das Gleiche zu tun. Es war nur geziemend, dass Lord Sandringham, der, der den Fehler gemacht hatte, auch den ersten Versuch tat, um dies wieder auszubügeln. Unentschlossen zupfte der junge Adlige an dem Schreiben herum, als Schritte hinter ihm laut wurden.

»Mein Herr? Euer Abendessen steht im Speisesaal bereit. Soll ich Euch auch noch einmal ein Bad richten lassen?«

»Nein, Sebastian ...«

»Eine Botschaft?« Der Mann hatte die Schriftrolle in der Hand des Anderen entdeckt und Viktor nickte.

»Von Lord Sandringham ...« Der Graf begab sich in Begleitung seines Leibdieners in den großen Raum, dessen olivgrüne Wände durch das spärliche Licht nur zu erahnen waren. Auf der langen Tafel stand am Kopf aufgebaut eine Mahlzeit, die man im Schein des fünfarmigen Kerzenleuchters dampfen sehen konnte. Viktor ließ sich von Sebastian an den Tisch heranrücken und griff nach einem Stück weichem Brot, während der Diener ihm einige Scheiben des Schweinebratens abschnitt und auf den Teller legte.

»Scheut Ihr Euch, sie zu lesen?«

»Töricht, nicht wahr?«

Sebastian schmunzelte nur, sagte aber nichts weiter, während der Graf nachdenklich auf dem Essen herumkaute.

»Vielleicht offeriert er Euch eine Entschuldigung für sein unangemessenes Verhalten von gestern ...«

»Es wäre ihm anzuraten«, knurrte Viktor und schnitt sich das Fleisch in kleinere Bissen, bevor er es sich, mit etwas Gemüse, in den Mund schob.

»Wobei es Euch gar nicht so unangenehm war ...«, Sebastian musste für einen Augenblick grinsen und blickte seinen Herrn dann entschuldigend an, » … verzeiht bitte.«

Dieser schüttelte nur den Kopf. »Du hast ja Recht. Und dennoch ...«

»Ich würde vorschlagen, Ihr lest das Schreiben zuerst, bevor Ihr Euch den Kopf zerbrecht. Und dann könnt Ihr gern weiter schimpfen oder den armen Braten dafür büßen lassen.«

Peinlich berührt nickte der Adlige und zog das Pergament wieder aus der Tasche seines Mantels. Er legte die Gabel weg und brach das Siegel auf.

»Verehrter Graf Draganesti«, las er im Schein der Kerzen leise, »es betrübt mich außerordentlich, dass wir in Unfrieden auseinander gegangen sind. Ich würde die von mir begangene Verfehlung gern wieder gutmachen und bitte Euch, am morgigen Abend zu einem Essen in mein Schloss zu kommen. Ihr braucht keine Antwort zu schicken. Ich werde Euch erwarten.« Viktor hob den Kopf. »Und nun?«

»Es steht Euch frei, abzulehnen beziehungsweise nicht hin zu gehen. Doch bedenkt, dass man Euch dann nachsagen könnte, Ihr wäret nachtragend und ... zickig. Oh, mein Herr, da ist noch ein P. S. darunter.«

Der Graf hob das Pergament noch einmal in Richtung der Kerzen. »P. S. Ihr könnt Euren ... Anstandswauwau«, Viktor blickte verwundert zu seinem Diener hoch, »zu Hause lassen, bei mir droht Euch keine Gefahr.«

»Was zum Teufel ist denn ein ‚Anstandswauwau’?« Sebastian zog die Augenbrauen hoch und Viktor zuckte mit den Schultern.

»Ich ... nehme an, dass er dich damit meint ... weil du ...«, der Graf musste kichern, »wie eine Anstandsdame über meine Tugend wachst.«

»Was für ein unverschämter Kerl«, knurrte der Leibdiener und nahm seinem Herrn das Schreiben ab, damit dieser sich wieder seinem Essen widmen konnte.

»Ja, aber was tue ich nun? Gehe ich nicht, wird sich das Gerücht über meine Unhöflichkeit herumsprechen wie ein Lauffeuer ... gehe ich ... kann noch viel mehr passieren als das«, Viktors dunkle Hautfarbe vertiefte sich für einen Moment.

»Vertraut Ihr Lord Sandringham nicht ... oder Euch, mein Herr?«

Der Graf blieb seinem Diener die Antwort schuldig.

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»Soll ich Euch nicht doch begleiten, mein Herr? Das Schneetreiben ist ziemlich stark.«

Sebastian hielt die Zügel von Tiber, der offenbar anfing, einen Narren an Viktor zu fressen und diesen ständig mit seiner Nase anstupste.

»Nein, das ist nicht nötig. Auch wenn es spaßig wäre, Sandringhams Gesicht zu sehen, weil ich meinen ... Wauwau ... doch mitbringe.« Der Graf amüsierte sich noch immer über dieses Wort und fragte sich, ob es ein Zufall war, dass der Lord es benutzt hatte, weil er der rumänischen Sprache nicht vollends mächtig war, oder ob es diese Bezeichnung in England tatsächlich gab.

»Nun gut, aber gebt auch Euch Acht.«

»Das tue ich doch immer, Sebastian.«

Der Mann kniff besorgt die Lippen zusammen und sah seinem Herrn hinterher, als der Tiber in einem scharfen Galopp durch das Tor und über die Straße zum Jagdschloss Lugosy trieb. Es schickte sich eigentlich nicht für einen Fürsten, ohne seinen Staat oder zumindest dem engsten Diener einen Besuch anzutreten, doch der Adlige war nicht davon abzubringen gewesen. »Ich habe ein Rendezvous mit dem Schicksal«, so hatte er es genannt. Eigentlich begrüßte Sebastian es, dass sein Herr es drauf ankommen lassen wollte, was auch immer zwischen ihm und dem Engländer passieren mochte. Denn der Graf kasteite sich bereits seit fast fünfzehn Jahren und litt unter den Fantasien und Sehnsüchten, die er hatte. Seit er als Knabe bemerkt hatte, dass seine Interessen von denen anderer Männer abwichen. Andererseits war es des Dieners angetraute Aufgabe, sich um Viktor zu sorgen, sowohl wenn es um dessen Seelenheil aus auch um dessen körperliche Gesundheit ging. Sebastian vertraute dem Engländer kein Stück und hatte von der ersten Sekunde ein sonderbares Gefühl bei diesem gehabt, als wäre er ein Raubtier auf der Jagd und sein Herr, Graf Viktor, das arglose Kaninchen in der Falle. Auch wenn dieser gelernt hatte, sich zu verteidigen und bei Weitem nicht so schwach und hilflos war, wie er erscheinen mochte. Sein Herz und seine zu lange unerfüllten Sehnsüchte machten ihn verletzbar.

Sebastian seufzte und wandte sich wieder dem Schloss zu. Er betete zu einem Gott, an den er nicht mehr glaubte, dass Viktor wieder heil nach Hause kommen möge.


Der Adlige hatte die Kapuze seines Kaninchenfellmantels tief ins Gesicht gezogen, um den dichten Flocken zu entgehen, die aus dem eierschalenweißen Himmel fielen. Der Abend war nahe, doch die Wolkendecke war so dicht, dass die schneebedeckten Berge mit dem Firmament verschmolzen und man nicht mehr zu sagen vermochte, wo eines endete und das andere begann.

Viktor hatte die ganze Nacht fast kein Auge zugetan, das Für und Wider einer solchen Zusammenkunft abgewägt und sich schließlich dafür entschlossen, es zu wagen. Lord Sandringham war ein Edelmann und der Graf vertraute darauf, dass er die erlernte Höflichkeit beibehalten würde, egal was an diesem Abend geschehen mochte. Schicksal, so sagte er zu Sebastian. Wenn es geschehen sollte, geschah es ohnehin, ob man sich nun sträubte oder nicht. Ihm fehlte die Kraft, weiter so zu tun, als würde er den Engländer nicht anziehend finden, als hätte er nicht den Wunsch, dessen goldenes Haar zu berühren oder die edelsteinblauen Augen zu bewundern. Als würde er sich nicht danach sehnen, dessen aromatischen Duft nach Rosmarin auch auf seiner eigenen Haut riechen zu können.

Er würde nichts forcieren, denn er war ein Fürst und hatte seine Etikette zu wahren. Doch er würde nicht mehr kämpfen. Er war des Ringens um Haltung müde.

Er verlangsamte Tibers Tempo, als sie den Hügel erreichten, auf dem sich das kleine Jagdschloss erhob. Da die Straße anstieg und der Graf verhindern wollte, dass sein kostbarer Hengst sich die Beine brach, weil es glatt sein könnte, ließ er diesen gemächlich traben. Der Himmel war bereits fast gänzlich dunkel.

»Ho«, machte er leise und bewegte sich langsam auf das Tor zu, das geöffnet war und zu beiden Seiten mit Laternen erhellt wurde.

Wie schon beim ersten Besuch in dem Anwesen, brannten Feuerschalen auf dem Hof und gaben etwas Wärme ab, wann immer man sie passierte.

Ein Bursche um die sechzehn wartete vor der Treppe, die zum Portal führte, um dem Grafen das Pferd abzunehmen.

»Guten Abend, mein Herr«, verneigte der Junge sich, die Stimme brüchig wie bei allen Knaben, die langsam zum Manne heranreiften. »Ich nehme das Tier, wenn es recht ist.«

Viktor ließ sich von Tibers Rücken gleiten und landete knirschend im zentimeterhoch liegenden Schnee. Mit einem Nicken reichte er dem Bengel die Zügel, wurde zum Abschied von seinem Hengst angestupst und wandte sich der Treppe zu.

Neben der angelehnten Tür konnte er den Hofmeister entdecken, den er bereits auf dem Weihnachtsball vor einigen Tagen gesehen hatte. Dieser Mann stand stocksteif und blasiert da, als würde er sich Unmengen darauf einbilden, ein Türstopper zu sein, damit diese nicht ins Schloss fiel.

»Eure Durchlaucht, Graf Draganesti«, der Diener verneigte sich leicht, was der Angesprochene mit einem Nicken erwiderte, »mein Herr erwartet Euch bereits. Wenn Ihr mir folgen wollt.«

Mit einem spöttischen Schmunzeln tat Viktor wie gebeten, deutlich spürend, wie sich seine vor Kälte steifen Schultern in der Wärme des Schlosses wieder entspannten.

»Bitte, mein Graf.« Der Hofmeister öffnete die Tür zu dem großen Salon, in dem der Ball stattgefunden hatte und der Adlige betrat diesen, unruhig darüber, was sich der exzentrische Engländer nun für dieses Mal ausgedacht haben mochte.

In der Mitte war eine Tafel aufgebaut, kleiner als die im Speisesaal auf Schloss Draganesti, aber dadurch auch vertraulicher. Der Tisch war geschmückt mit winterharten Pflanzen und erleuchtet von diversen Kerzenhaltern. Überall in dem Raum standen Leuchter, die kleine Inseln aus Licht erschufen. Es war warm, da das Feuer im Kamin immens war und anheimelnd knisterte.

Der Graf konnte Karaffen auf der Tafel stehen sehen, die durch das flackernde Licht der Kerzen leuchteten wie flüssige Edelsteine und es duftete nach getrockneten Tannenzweigen, die jemand zum Verbrennen in das Feuer geworfen hatte.

Doch er fand sich allein. Seine Augen, die gewöhnt waren, im Halbdunkel zu sehen, konnten den blonden Lord nirgends ausmachen. Unwillig murrend öffnete er seinen Mantel. Selbst die Diener ließen in diesem Haus an Höflichkeit zu wünschen übrig. Oder war es in Britannien nicht üblich, einem Gast zumindest die Garderobe abzunehmen?

»Engländer«, knurrte Viktor und zuckte in der selben Sekunde zusammen, als ein Lachen in seinem Rücken erklang. Erschrocken wandte sich der Graf um und fand den besagten Mann mit einem Grinsen wie ein Kind im Gesicht auf einem Stuhl hinter der Tür sitzend vor, ein Weinglas in den Fingern, die Beine elegant übereinander geschlagen.

»Ihr!«, fauchte Graf Viktor und versuchte, sein erschrockenes Herz zu beruhigen.

Lord Sandringham erhob sich, noch immer lachend, und griff nach des Grafen Hand, um ihm eine angemessene Begrüßung zukommen zu lassen. Leicht nur tippte er mit seinen Lippen auf den fürstlichen Ring und blickte ihn dann von unten heraus mit seinen blauen Augen an.

»Verzeiht mir diesen Schabernack, Graf Viktor. Ich bin sehr erfreut, dass Ihr meine Einladung angenommen habt.«

Comments

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    Hoho. Nun ist Viktor allein in der Höhle des Löwen. ;-) Na, mal sehen wie weit Hiram gehen wird. Ach so, ganz am Anfang hast du "abgeschirrt" bei den 3 Pferden geschrieben. Wenn sie geritten sind, dann wäre es "absatteln". :-)

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