Kapitel 28

Laute Rufe schallten über den vollen Marktplatz. Gedämpft durch den dicken schwarzen Wollstoff der Kapuze drangen sie an mein Ohr. Zielstrebig schlängelte sich Hope vor mir durch die Menge und zog mich hinter sich her. Es war mein zweiter Tag hier in der Unterwelt.

Gestern hatten Hope, ihre Tante Ann und Emanuel mir ihren halsbrecherischen Plan nähergebracht. Selbst jetzt nach einigen Stunden Schlaf schien mir der Plan immer noch verrückt und doch war ich nun hier, auf dem Schattenmarkt. In mitten von Assassinen, Schwarzhändlern und Dieben.

Der Schattenmarkt, hatten meine Gefährten mir heute erklärt, war der größte Markt der Unterwelt. Er begann jeden Monat in der Vollmondnacht und dauerte eine Woche. Heute war die vierte Nacht.

Auf diesem Markt gab es nur eine Regel: Niemand wird getötet. Alles wurde angeboten: Von Stoffen, zu Waffen und Sklaven bis hin zu verzauberten oder verfluchten Gegenständen. Der Markt lag unter der Obhut von Luzifer. An jeder Ecke standen seine schwarz gerüsteten Männer mit Lanzen bewaffnet und beobachteten das Treiben. Hoch über diesem Schauspiel thronte Luzifers Schloss. Und wir waren auf dem Weg dorthin. Doch es sah leichter aus als es in Wirklichkeit war.  

Ängstlich zog ich meine übergroße Kapuze weiter über mein Gesicht. Es schien hier Mode zu sein einen Mantel aus schwarzer oder brauner Wolle mit übergroßer Kapuze zu tragen. Soweit das Auge reichte sah ich nur Kapuzengestalten. Sogar die Händler waren teilweise vermummt.

Hope zog mich weiter durch das geschäftige Treiben. Von allen Seiten drängten sich vermummte Passanten an mir vorbei zu den Ständen. Ich erhaschte einige male einen Blick auf die Auslagen: Ein Stand verkaufte Schwerter aus dunklem Stahl, geschmiedet über den dunklen Feuern der Unterwelt. An einem anderen Stand, dem Marktstand einer älteren Frau sah ich Fläschchen mit verschieden Farbiger Flüssigkeit gefühlt.

„Eine Hexe“, murmelte Emanuel mir von hinten ins Ohr. „Ein trügerisches Volk“

Ich schluckte. Ich hatte schon von dem Volk der Hexen und Hexenmeistern gehört: Sie waren wie Emanuel sagte ein Volk dem man nicht trauen konnte. Sie kamen aus den Schattenwelten und von den Schatten bezogen sie ihre Kräfte. Hier in der Unterwelt, der Welt der Schatten, waren sie an jeder Ecke anzutreffen. Die dunklen Gedanken der Verbannten schienen sie anzuziehen. In der Oberen Welt, dem Reich der Engel, wurden sie gejagt. Schattenwesen wie ihnen, war der Zutritt verweigert und doch konnte man sie in den kleinen Dörfern antreffen. Die Hexe vor uns schien uns bemerkt zu haben. Plötzlich bemerkte ich, dass sie mich aufmerksam musterte. Schnell drehte ich mich weg und zog wieder meine Kapuze tiefer ins Gesicht.

Da fiel mein Blick auf eine hölzerne Erhöhung.

Auf diesem Plateau standen vier Personen, unverhüllt und in Lumpen gekleidet. Um ihren Hälsen war ein eiserner Ring an dem zwei Ketten befestigt waren, die zu ihren Händen verliefen, an deren Handgelenken weitere Schellen waren und von denen eine weitere schwere eiserne Kette zum Boden verlief wo sie mit einem Schloss befestigt war. Abrupt blieb ich stehen.

„Sklaven“ murmelte Emanuel.

„Los, wir müssen weiter“ fauchte Hope vor mir ungeduldig.

Mein Blick war starr auf die vier gefesselten Personen auf der hölzernen Erhöhung gerichtet. Davor stand ein erhöhtes Pult an das nun ein Mann trat. Er zog seine Kapuze vom Kopf und lies seinen Blick über die gaffende Menge schweifen.

„Guten Abend meine Damen und Herren. Ich habe wieder beste Ware für sie dabei“ sein Blick wanderte wieder über die nun unruhig tuschelnde Menge vor ihm. „Lassen wir die Auktion beginnen“ rief er Freude strahlend.

Ein flaues Gefühl machte sich in mir breit.

„Wir müssen ihnen helfen“ wisperte ich an meine Gefährten gewandt. Wir waren inzwischen von einer riesigen Menschenmenge umzingelt die alle gespannt der Auktion folgten. Immer mehr drängten sich um die hölzerne Erhöhung.

„Spinnst du?“ fauchte Hope mir ins Ohr. „Wir sind von Verbannten und Todesengel umzingelt. Wenn wir hier auffallen oder Radau machen sind wir tot“

„Aber diese Menschen…?“ begann ich, doch Emanuel schnitt mir das Wort ab.

„Unsere Mission ist wichtiger. Damit retten wir das gesamte Volk der Engel“

Ich schluckte und nickte zaghaft. Diese Menschen taten mir leid, doch er hatte Recht: Das Schwert vor diesem verräterischen Halbengel zu finden war wichtiger. Es würde mehr Leben retten und wenn wir hier scheitern würden mehr zu Schaden kommen.

Ich atmete tief ein und zog meine Kapuze wieder tiefer ins Gesicht. Langsam kämpften wir uns weiter durch die dicht gedrängte Menge. Es wurde immer schwerer durchzukommen. In meinen Ohren dröhnte die tiefe Stimme des Auktionators der den ersten Sklaven anpries.

„Seht her: Sie ist noch keine sechzehn Jahre alt, taufrisch, stark und wird euch noch viele Jahre beglücken“

Ich hörte wie die Männer lachten und der Preis im Sekunden Takt höher stieg. In meinem Magen breitete sich wieder dieses Flaue Gefühl aus als ich daran dachte was diese Männer mit dem Mädchen anstellen werden. Trotzdem kämpfte ich mich hinter Hope weiter durch die Menge. Sie waren bereits bei zweihunderttausend Goldstücken angekommen als wir das Ende der Menge erreichten.

„Zweitausend zum ersten… bietet jemand höher?“ hörte ich den Auktionator über die Menge brüllen.

„Los, Raven. Wir müssen zur Treppe“ wisperte Hope mir ins Ohr. „Wir dürfen keine Zeit vergeuden“

Ich nickte und wir huschten weiter, schnell wie ein Schatten durch die nun nicht mehr so dichte Menschenmenge.

Nach mehreren Minuten und immer noch verfolgt von dem Gejohle des Auktionspublikums, standen wir schließlich an einem Treppenende.

Doch dies war nicht einfach irgendeine Treppe: Diese blütenweiße zwei Meter breite Treppe führte nicht weniger als zum herrschaftlichen Palast des Erzengels Luzifer, den Herren der Unterwelt.

Niemand geringerem als ihm wollten wir einen Besuch abstatten.

„Wir wissen nur die Version des hohen Erzengels Michael von der Geschichte um das Verschwinden des Schwertes“ hatte Hope gestern Abend festgestellt. „Es wäre aber vielleicht nicht schlecht auch Luzifers Version zu hören“

Dem konnte ich nichts dagegenstellen. Luzifer hatte noch nie etwas zum Verschwinden geäußert.

„Es wird aber schwierig werden bei ihm einen Termin zu bekommen“ gab ich nachdenklich zu.

Hope lachte laut auf. „Wir werden ihn nicht bitten“

Ich runzelte die Stirn. „Willst du ihn bedrohen? Spinnst du? Er ist immer noch ein Erzengel“

Emanuel verdrehte die Augen. „Natürlich nicht“

„Was wollt ihr dann tun?“ wollte ich wissen. Ich ahnte übles.

„Es wird niemand zu Schaden kommen“ beruhigte mich Emanuel und fügte dann seufzend hinzu: „Solange es nicht notwendig ist das wir uns wehren“

„Was mit Sicherheit der Fall sein wird“ gab Hope zu bedenken.

„Mit Sicherheit“ gab er seiner Schwester recht.

„Wir können doch keinen Erzengel angreifen“ keuchte ich fassungslos. „Das wäre unser Todesurteil“

Hope schüttelte den Kopf. „Niemand hat je gesagt das wir Luzifer angreifen“

„Wir wollen mit ihm reden“ erklärte ihr Bruder.

„Ihr wollt also in den Palast eines Erzengels spazieren“ begann ich fassungslos. „Und ihm um einen Plausch bitten“

Hope und Emanuel nickten zustimmend. „Genau“

Ich sah die beiden erstaunt an. Da hatte ich mir zwei seltsame Gefährten ausgesucht. Sie mussten vollkommen übergeschnappt sein. Ja das musste es sein.

„Ihr seid übergeschnappt“ stellte ich fest.

Meine Gefährten schüttelten den Kopf.

„Also ich fühle mich vollkommen Klar im Kopf und du?“ fragte Hope ihren Bruder.

„Ich auch“ lachte der.

„Ihr seid verrückt“ wiederholte ich. „Einen Erzengel bittet man nicht um einen Plausch. Das ist respektlos. Das ist als würdest du einen Seraph um eine Partie Schach herausfordern“

Hope und Emanuel schauten sich einen Moment an dann wandten sie sich zu mir mit dem Gesichtsausdruck den nur Eltern aufsetzten, wenn sie ihrem begriffsstutzigem Kind etwas erklären mussten.

„Raven, kennst du Luzifer?“ wollten sie wissen.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich kenne die anderen Erzengel“

„Und du glaubst er ist so wie die?“ schlussfolgerte Emanuel.

Ich nickte. „Ja klar“

Meine Gefährten schüttelten den Kopf. „Du wirst dich noch wundern“

Sie sollten Rechtbehalten.

Nun standen wir also vor dieser Treppe die aus schneeweißem Marmor bestand und sahen hinauf in schwindelerregender Höhe. Viele Stufen lagen noch zwischen uns und unserem Ziel.

„Nun, auf in den Endspurt“ murmelte Emanuel neben mir.

Keuchend erklommen wir die Stufen. Schweiß rann über mein erhitztes Gesicht von der Anstrengung.

Als wir ungefähr die Mitte der Treppe erreicht hatten blieben wir für eine Verschnaufpause stehen. Völlig außer Puste drehte ich mich zum Markt. Ich erkannte sofort die hölzerne Plattform des Sklavenhändlers. Ein Mädchen war übriggeblieben. Sie schien kaum älter als vierzehn. Schwer schluckend drehte ich mich weg als mir ein Schatten ins Auge sprang. Er hastete schattengleich über die Palisaden des Palasts. Im Scheinwerferlicht erhaschte ich einen kurzen Blick auf eine Kapuzengestalt. Auf seinem Rücken erkannte ich den Köcher eines Bogens.

Die Kapuzengestalt bewegte sich Katzenhaft und flink auf den Palisaden die normalerweise Männer der Engelsgarde beheimateten, doch wegen dem Schattenmarkt schienen sie ihren Dienst auf dem Platz abzuleisten.

„Seht ihr auch was ich sehe?“ hauchte ich meinen Gefährten zu.

Diese hoben verwundert den Kopf. Ihre Augen wurden groß wie Teller.

„Das darf nicht wahr sein“ hauchte Emanuel.

„Was soll das werden? Der versaut uns unseren Plan“ murmelte Hope verärgert.

„Warum…?“ begann ich, doch als ich sah wie die Kapuzengestalt sich in der Mitte der Palisaden platzierte und mit einem geübten Griff einen Pfeil in die Sehne seines Bogens spannte, verstand ich was sie meinte.

„Nein“ hauchte ich. Mit geübten Blick verfolgte ich die Schusslinie des Assassinen auf dem Dach. Sein Ziel war der Auktionier.

Hope fluchte und hastete die Stufen hinauf. Schnell folgten wir ihr, den Assassinen stets im Blick.

Atemlos beobachtete ich wie er sein Ziel anvisierte und die Sehne spannte.

Mein Stiefel verfing sich im Stoff des Kapuzenmantels. Ich stolperte und knallte auf den harten Stein der Stufen. Mir stockte der Atem als der Stein näherkam und meine Haut über das unnachgiebige kalte Material traf.

Der metallene Geruch von Blut stieg mir in die Nase. Wie in Trance spürte ich wie das Blut über mein Schienbein floss. Meine Handflächen schmerzten.

Langsam hob ich den Kopf. Verschwommen erkannte ich zwei Gestalten die am oberen Ende der Treppe zu mir hasteten. Ein besorgtes Gesicht schwebte vor mir. Eine Stimme drang in mein Unterbewusstsein.

„Raven? Raven? Geht es dir gut? Kannst du aufstehen? Raven, sprich mit uns“ erkannte ich die weibliche Stimme.

„Es… es geht schon“ nuschelte ich und versuchte aufzustehen, doch meine Knie waren wie Wackelpudding. Langsam lichteten sich meine Gedanken und ein stechender Schmerz durchzog mein rechtes Knie. Ich musste es mir geprellt haben. Zwei paar Arme hievten mich auf die Beine und halfen mir über die letzten Stufen.

Als wir die letzte Stufe erklommen hatten zerriss ein Geräusch die Nacht: Wie ein Peitschenknall drang sie durch die Nacht an mein Ohr. Ein mir so wohlbekanntes Geräusch wie das Rauschen meines Blutes durch meine Venen. Doch dieses Mal durchzog es mich eiskalt. Mein Herz schien stehen zu bleiben, wie das Herz das er gleich durchbohren wird. Erschrocken hoben wir die Köpfe. Zusammen beobachteten wir wie der Pfeil die Nacht teilte und unaufhaltsam auf seinem Ziel zuraste. Wie eine halbe Ewigkeit kam es mir vor raste der Pfeil durch die Nacht.

Dann traf er sein Ziel, bohrte sich durch den Brustkorb des Auktionsleiters und brachte sein kaltes Herz für immer zum Verstummen.

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