Kapitel 29

Es war finsterste Nacht, als Graf Viktor aus dem Schlaf hochschreckte. Panisch sah er sich um, unfähig, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Sein Körper, der schweißbedeckt war, zitterte so heftig, dass der junge Adlige sich auf die Lippe biss und Blut schmecken konnte.

Er stöhnte auf und ließ sich schwer in die Kissen zurückfallen. Schmerz durchzog seinen Körper, wie er ihn noch nie gekannt hatte, sein Schädel drohte zu bersten und sein Hals war so trocken und rau wie Schleifpapier.

Offenbar war nun doch das geschehen, wovor Sebastian ihn so eindringlich gewarnt hatte - er war krank geworden. Schwach lehnte er sich zu dem Schränkchen neben seiner Bettstatt, um nach dem Wasserbecher zu tasten, als er gegen diesen stieß und der klirrend zu Boden fiel.

»Oh Gott«, stöhnte der Graf wieder, dessen Kopf zum Zerspringen weh tat. Er wollte aufstehen, um den Klingelstrang zu betätigen, der neben der Tür zu seinem Ankleidezimmer angebracht war. Es war ihm gleich, wie spät es sein mochte, er brauchte Sebastian jetzt.

Wankend und mit bunten Lichtpunkten, die vor seinen Augen explodierten, bewegte er sich barfuß über den kalten Steinboden und bekam den Zug zu fassen. Er schaffte es noch, daran zu ziehen, bevor ihn das Bewusstsein verließ und er zu Boden sank.

_

Der Leibdiener, durch das Leuten in seiner Kammer aufgeschreckt, warf sich schnell einen Morgenmantel über das Nachthemd. Sorge war in ihm aufgewallt. Es geschah nur in äußersten Notfällen, dass sein Herr ihn in der Nacht zu sich rief. Schwerwiegendere Fälle als das Ausleeren eines Nachttopfes. Sein Herr hatte bereits am Abend nicht gut ausgesehen, seine Wangen waren gerötet gewesen, doch die Haut darunter bleich, und ein feiner Schweißfilm hatte auf seiner Stirn gelegen. Sebastian hatte die ganze Zeit Sorge gehabt, der Graf könnte sich verkühlt haben bei seinen nächtlichen Eskapaden in der Eiseskälte. Eine Erkältung, die zu einem ausgewachsenen Fieber anwuchs, könnte seinem Herrn das Leben kosten und das konnte der Diener nicht riskieren.

In seine Schuhe schlüpfend, warf der Mann die Tür seiner Kammer hinter sich zu und eilte die Treppe hinauf in den Turm, in dem die gräflichen Gemächer lagen. Er entzündete seine Lampe erst, als er am Zimmer von Graf Viktor angekommen war. Sebastian war diesen Weg schon so oft gelaufen, er brauchte weder Beleuchtung noch geöffnete Augen.

Er erschrak heftig, als er seinen Herrn auf dem Teppich vor seinem Bett liegend vorfand. Dieser schien sich übergeben zu haben, denn er hatte sein Nachthemd und auch den Boden beschmutzt.

»Viktor!«, Sebastian ging neben dem Grafen in die Knie und klatschte ihm leicht auf die Wangen, damit dieser erwachte. Doch die Ohnmacht schien zu tief zu sein. Er konnte die Hitze unter der Haut Viktors spüren, während die Oberfläche eiskalt und feucht war. Er hatte Fieber.

Der Leibdiener fluchte leise und säuberte den jungen Adligen notdürftig von dem Erbrochenen, bevor er ihn hochhob, wieder in das Bett legte und seine Lippen mit etwas Wasser aus der Kanne benetzte.

Nachdem er einige Kerzen in dem Gemach entzündet hatte, machte er sich daran, das Feuer im Kamin neu zu entfachen. Es konnte alles schlimmer machen, wenn der Graf es jetzt nicht warm haben würde.

Es verging einige Zeit, in der Sebastian Viktor gewaschen und neu eingekleidet hatte, bevor dieser zittrig und stöhnend aus der Ohnmacht auftauchte.

»Sebastian?«, flüsterte er matt und der Diener griff nach seiner Hand.

»Ihr habt mir einen Schrecken eingejagt, Herr.«

»Vergib mir ...«

»Dass Ihr krank geworden seid, obwohl ich Euch gebeten habe, vorsichtig zu sein? Das werde ich Euch nur dann nicht verzeihen, wenn Ihr mir wegsterben solltet.« Sebastian schmunzelte im warmen Licht der Kerzen etwas, doch die Sorge in seinen Augen war deutlich zu sehen. Er hob den Kopf des Grafen etwas an und ließ ihn einen Schluck trinken.

»Die Dienerschaft darf nichts erfahren, hörst du?«

»Wie immer, mein Herr. Ihr seid einfach unpässlich. Ruht Euch aus, ich werde Euch etwas von der Brühe aufwärmen, damit Ihr wieder zu Kräften kommt ...«

»Sebastian, es juckt ...«, murmelte Viktor und klang wie ein Betrunkener.

»Wie bitte? Was juckt?«

»Meine Haut ... mein Hals ... alles juckt. Mach’ es weg, was mich da ankrabbelt ...« Der Graf wand sich und zappelte. Sebastian drückte ihn mit den Schultern zurück in die Kissen.

»Mein Herr, da ist nichts.«

Viktor wimmerte und warf den Kopf hin und her, die Augen geschlossen, doch der Diener konnte die Tränen zwischen den Wimpern dennoch erkennen. Die Schmerzen mussten ziemlich stark sein, ebenso wie das Fieber, wenn sein Herr bereits begann, sich Dinge einzubilden.

»Ich werde Euch einen Kräutersud machen, der nimmt Euch die Schmerzen und lässt Euch schlafen.«

»Du bist eine Hexe«, murmelte der Graf so lallend, dass Sebastian ihn kaum noch verstehen konnte, doch es brachte ein Lächeln auf das Gesicht des Dieners, denn so hatte Viktor ihn schon immer bezeichnet, wenn er sein aus fragwürdigen Büchern erlerntes Kräuterwissen angewandt hatte.

»Wenn es Euch hilft, damit Ihr ohne Leid ruhen und gesund werden könnt, gehe ich dafür sogar auf den Scheiterhaufen, mein Herr.«

Der junge Adlige war inzwischen wieder abgedriftet und nicht mehr recht ansprechbar. Sebastian nutzte diese weitere Ohnmacht, um in dem geheimen Zimmer, von dem niemand außer ihm und dem Grafen wusste, etwas nachzuschlagen.

Der Großvater des jungen Adligen, von dem er seinen Namen geerbt hatte, hatte zu seiner Lebzeit ein nahezu unheiliges Interesse an den dunklen Künsten gehabt, an Okkultismus, schwarzen Ritualen, Monstrositäten und Hexenwissen. Er hatte sich dieses düstere Refugium eingerichtet, fernab von den streng religiösen Augen der restlichen Welt, und dort alles gesammelt, dessen er habhaft werden konnte. Jedes einzelne Artefakt in dieser Kammer würde ausreichen, um den Besitzer gleich mehrmals wegen Hexerei und Ketzerei auf den Scheiterhaufen zu bringen. Die Existenz dieses verborgenen Raumes, versteckt in einem der Geheimgänge der Burg, wurde peinlichst verschwiegen und das Wissen darüber wurde von dem Vater an den Sohn weitergegeben.

Graf Viktor hatte nie großes Interesse an diesen Dingen gehabt und so war es ihm gleich gewesen. Sebastian allerdings war schon immer anders gestrickt gewesen. Er hatte dieses Magiezimmer gefunden, lange bevor sein Herr davon wusste.

Mit flinken Fingern blätterte er in einem alten Buch über Kräuter nach dem Rezept für einen schmerzstillenden Schlaftrunk. Er wusste, wenn er einen Medicus rufen würde, würde dieser dem Grafen nur sein kostbares Blut ablassen, das dieser eigentlich zum Gesundwerden brauchte. Und es würde zu lange dauern, den jüdischen Arzt aus Bistritz kommen zu lassen, dem bereits Graf Draganesti senior seine Gesundheit anvertraut hatte, selbst wenn er noch heute Nacht einen Burschen mit der Botschaft zu diesem schicken würde.

Sebastian zerstieß einige getrocknete Kräuter und verrührte diese in einer kleinen Mörserschale, bevor er damit in die Küche zurückkehrte, den Zugang zu dem Zimmer und dem Gang wieder sorgfältig verbergend.

In der nächtlichen Stille brachte der Diener einen kleinen Kessel mit Wasser zum Kochen und machte einen Aufguss von seiner Kräutermischung, der fürchterlich stank und vermutlich nicht weniger abartig schmeckte. Doch Sebastian wusste, dass dieses Gemisch seinem Herrn eine ruhige Nacht verschaffen würde, ohne quälende Träume, die das Fieber oft mit sich brachte, ohne Schmerzen oder das Gefühl, mit dem ganzen Körper in einem Ameisenhaufen zu liegen.

Der Graf warf sich in seinem Bett unruhig hin und her, als der Diener das Gemach wieder betrat. Es roch nach Schweiß und dem Erbrochenem am Boden, das als nächstes aufgewischt gehörte, sobald sein Herr versorgt sein würde.

»Master?«

Der Angesprochene öffnete gequält die Augen, als wögen seine Lider Tonnen an Gewicht. Sein Gesicht war nass und die Lippen aufgesprungen.

»Hast du etwas mitgebracht, um mich umzubringen, du Teufel? Denn dafür würde ich dir danken ...«

Sebastian setzte sich vertraulich an die Seite seines Herrn, der sich die Haare raufte und zu versuchen schien, sich die Augen auszukratzen.

»Na na, mein Herr. Ihr wollt mich doch nicht vor der Welt offenbaren, oder?« Der Diener lachte leise und hoffte, ein Scherz würde den jungen Adligen etwas erheitern. Ein verunglücktes Glucksen war die Antwort darauf, gefolgt von einem schmerzvollen Stöhnen und Wimmern.

»Hier, Ari, ich habe etwas, das Euch schlafen lässt. Es schmeckt grässlich. Doch das wird es wert sein ... Lasst mich Euch helfen.« Sebastian hob den glühend heißen Nacken seines Herrn etwas an und dieser trank angewidert einen großen Schluck des Kräutersuds.

»Wenn ich in der Hölle lande, werde ich dort auf dich warten, du Hexenmeister.«

»Und ich werde einen Weg finden, zu Euch zu kommen. Doch jetzt schlaft, Viktor. Euer Körper braucht Ruhe, um gegen das Fieber zu kämpfen.«

Der junge Adlige nickte nur matt und schloss die Augen. Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Arznei Wirkung zeigte und der Kranke tief und fest schlief. Er drehte leicht den Kopf hin und her und gab leise Geräusche von sich, doch er zitterte nicht mehr.

Seufzend machte sich der Mann daran, den Schmutz seines Herrn vom Teppich zu wischen und sein besudeltes Nachthemd zu waschen.

Es würde schwer werden, der Dienerschaft zu verheimlichen, wie ernst der Krankheitszustand des Grafen war. Sie durfte nicht erfahren, dass es mehr als ein kleiner Schnupfen war, der den Schlossherren an das Bett fesselte. Sonst würde die Disziplin den Bach runter gehen. Aber das würde Sebastian zu verhindern wissen, solange er stellvertretend für Graf Viktor das Sagen in der Burg hatte.

Fluchend dachte der Diener an den vermaledeiten Engländer, dem er die Schuld daran gab, dass sein Herr durch die Kälte geritten war. Was auch immer zwischen ihm und dem Lord vorgefallen war, egal wie köstlich und lustvoll es gewesen sein mochte, es hatte doch dazu geführt, dass Graf Viktors Körper geschwächt worden war, sodass sich die Krankheit in ihm ausbreiten konnte und ihn nun niedergestreckt hatte.

»Verfluchte englische Made«, knurrte Sebastian, als er das zuvor vollgekotzte Nachtgewand auswrang und zum Trocknen über eine Leine warf.

Inzwischen selbst erschöpft und wieder müde, bemerkte der Leibdiener murrend, dass sich am Rand der Berge der Himmel bereits zu lichten begann. Das bedeutete, der Tag würde bald anbrechen. Mit einer Decke kehrte er in das Gemach seines Herrn zurück, das er einen Moment durchlüftete, um den Mief heraus zu bekommen, und nahm dann auf dem Sessel vor dem Kamin Platz, um den Schlaf seines Herrn zu bewachen und selbst noch einen Weile die Augen zuzumachen.

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»Wenn ich es euch doch sage, der Graf hat sonderbare Male an seinem Körper und ist furchtbar krank«, wisperte eines der Dienstmädchen in der Küche zu ihren neugierigen Zuhörern, die sich an der hölzernen Tafel versammelt hatten, um das Essen einzunehmen. Das junge Ding, das sich in der Aufmerksamkeit sonnte, hatte heimlich einen Blick in das Gemach des Grafen geworfen, als Sebastian das Leinzeug in die Wäschekammer gebracht hatte. Es war der Dienerschaft verboten worden, sich dem Zimmer des Schlossherren zu nähern, da dieser Ruhe brauchte und verlangte. Zumindest hatte dies der Leibdiener gesagt, denn den Grafen hatte seit beinahe drei Tagen niemand mehr gesehen.

»Oh je, was kann er nur haben?«, fragten einige und sahen besorgt aus, da der junge Adlige von seinen Angestellten sehr geschätzt wurde.

»Macht euch lieber Sorgen um euch. Was wird aus uns, wenn er sterben sollte? Er hat keinen Erben. Wir wären alle unsere Stellung los.« Das Dienstmädchen, das heimlich gelinst hatte, schaute in die Runde.

»Sei’ nicht so egoistisch, Agneska. Der Graf war immer gut zu uns, auch zu dir. Bete lieber, dass er gesund wird, anstatt dir nur Gedanken um dich selbst zu machen.«

»Aber ... ich sagte euch doch, er hat Male am Körper. Wer weiß, was er hat. Vielleicht hat er sogar die Pest, dann sind wir alle verloren!«

»Ich sollte dich auf der Stelle des Schlosses verweisen, allein dafür, dass du augenscheinlich nicht in der Lage bist, die einfachsten Regeln zu befolgen!«

Alle Anwesenden erschraken und einige ließen ihre Löffel in die Schüsseln fallen, was Suppenflecken auf dem Tisch hinterließ, als die Stimme von Sebastian kalt und schneidend ihre Runde durchdrang. Seine dunklen Augen durchbohrten das junge Dienstmädchen, das vielleicht sechzehn sein mochte und nun wie erstarrt da saß.

»Aber ...«, machte sie, doch der Leibdiener hob die Hand.

»Das ist eine Verwarnung. Es ist dem Gesinde verboten, sich dem gräflichen Gemach zu nähern, wenn euer Herr das so wünscht. Geschieht das noch einmal, Agneska, kannst du sehen, wo du eine neue Anstellung findest. Was schwer werden könnte, wenn bekannt wird, dass du deine Herren ausspionierst.«

Das junge Mädchen, den Tränen nahe und sich bewusst, wie ernst ihre Aussichten waren, nickte nur und verstummte.

»Doch Sebastian, was hat der Herr denn nun? Steht es wirklich so ernst um ihn?«, fragte eine ältere Magd, die den Grafen bereits gekannt hatte, als der noch ein Knabe gewesen war. Ehrliche Sorge schwang in ihrer Stimme mit.

Der Leibdiener blieb in der Bewegung stehen und seufzte. »Er hat nicht die Pest, um euch zu beruhigen. Er hat sich in den vergangenen Tagen zu oft der Kälte ausgesetzt und ist nun schwer erkältet. Ihr braucht euch um eure Stellung keine Gedanken zu machen.« Mit einem Nicken in die Runde verließ Sebastian die Küche wieder, eine Schale mit Brühe und heißem Tee auf einem Tablett transportierend, und schloss die Tür hinter sich.

Es wäre undenkbar gewesen, den Dienstboten die Wahrheit zu sagen ...

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