Kapitel 3: »Das Dunkel bewegt sich im Schatten.« (Teil III)

»Da hast du uns ja eine schöne Misere eingebrockt«, brummte Haeverflox, verschränkte mürrisch die Arme vor der Brust und überließ die weitere Gestikulation seinem Schwanz. »Saubere Arbeit, du Genie! Wirklich, saubere Arbeit!«

»Ich?«, begehrte Rheyva auf und warf seinem alten Freund einen genauso entsetzten wie scharfen Blick zu. »Wer von uns ist denn ohne zu fragen auf die Schwalben losgegangen? Das war ja wohl kaum mein ausgeklügeltes Werk, oder seh ich das falsch?«

»Schwalben hin, Schwalben her!«, gab das Hassenichgesehn ungehalten zurück. »Wen interessieren die dämlichen Viecher denn jetzt noch? Ich sage, wir sollten überhaupt nicht hier sein, in dieser verfluchten Wüste! Hätten wir den Weg durch die Sumpfwälder genommen, wäre das hier gar nicht passiert!«

»Ja, natürlich! Schon klar! Die Sumpfwälder sind ja auch so dermaßen sicher, da wäre bestimmt rein gar nichts passiert! Da könnten wir jetzt fröhlich einen Ringelrein tanzen und uns des Lebens freuen, oder was?«

Mit einem Ruck wandte sich der Technomagier ab, gab einen grimmigen Laut von sich und versetzte einer vor seinen Füßen liegenden, toten Papyrusschwalbe einen wütenden Tritt, der den Kadaver durch die Luft segeln und einen guten halben Meter weiter klatschend auf dem Boden aufkommen ließ.

»Wenn ihr ausnahmsweise mal auf mich gehört und die Vögel einfach nur in Ruhe gelassen hättet, dann hätten wir Ylibri schon lange hinter uns!«

»Und wenn deine wochenlangen Basteleien an dem blöden Ding da mal fruchten würden und dein ach so toller Zauber sich nicht ständig binnen kürzester Zeit in Luft auflösen würde, hockten wir jetzt immer noch in der Höhle und nicht in diesem verdammten Futtertrog!«

»Oh, der feine Herr weiß natürlich wieder einmal alles besser! Wenn du doch bei allem und jedem so viel geschickter bist als ich, dann möchte ich mal sehen, wie du mit Magie hantierst, du gehässiges, kleines Mistvieh!«

Der den letzten Worten Rheyvas folgende zornige Aufschrei des Hassenichgesehns warnte Ersteren gerade noch rechtzeitig genug, dass er im wahrhaft letzten Augenblick dem Dolch ausweichen konnte, welchen sein Gegenüber soeben nach ihm geworfen hatte. Unter einem leisen Zischen schoss das scharfe Metall nun dicht an seinem Kopf vorbei, nur um sich anschließend, begleitet von einem reichlich surrealen, schlitzenden Geräusch, bis zum Griff in die papierne Wand hinter ihm zu bohren. Die Freunde starrten einander indes für einige Sekunden feindseligen Blickes an, sichtlich bereit, sich jeden Moment mit bloßen Händen gegenseitig an die Kehlen zu gehen, bis plötzlich ein dunkler Schleier die Wände freigab und das durch selbige scheinende, fahle Licht der Runenschrift ein wenig heller strahlte. Beide blinzelten verwirrt, spürten, wie der Hass mitsamt diesem eigenartigen Dunstschleier verschwand und die Wut in ihren Augen sich erst in Verstehen, dann in Bestürzung ob des gerade Geschehenen wandelte. Schnaufend fuhr der Technomagier sich mit beiden Händen über das Gesicht, und Haeverflox senkte unter einem deutlich verlegenen Räuspern den Blick gen Boden, dabei mit der Spitze seines Schwanzes schon beinahe peinlich berührt seinen Hinterkopf kratzend. Mochten sie sich auch heute beileibe nicht zum ersten Mal in den Haaren gelegen haben, so war es niemals zuvor dermaßen heftig zwischen ihnen zugegangen, wie noch vor einigen Sekunden. Jene Tatsache ließ sie einen Augenblick lang stumm dastehen und auf frischer Tat ertappten kleinen Jungen gleich schuldbewusst Löcher in die Luft starren.

»Was ist bloß in uns gefahren?«, traute Rheyva sich kleinlaut, als Erster den Mund aufzumachen.

»Nodrogg«, murmelte das Hassenichgesehn und gab einen missmutigen Laut von sich, während es sich still aber dadurch nicht weniger inständig wünschte, dass es doch nur einen anderen Grund gegeben hätte. »Wir haben zweifelsohne soeben die ersten feinen Ausläufer seiner Macht zu spüren bekommen.«

»Hier.« Damit reichte der Technomagier seinem Freund dessen Dolch, den er für ihn aus der Wand gezogen hatte und welchen selbiger mit einem kurzen, dankbaren Nicken entgegennahm, um ihn wieder in das Holster auf seinem Rücken gleiten zu lassen. »Ich denke, wir sollten in nächster Zeit mit unseren Zankereien vorsichtiger sein. Würde mich nicht wundern, wenn wir es dadurch erst angezogen haben.«

»Ganz deiner Meinung. Und nun lass uns zusehen, dass wir von hier verschwinden und schnellstens Alaru und Vesten aufspüren.«

Daraufhin bedeuteten sich die Männer durch einen besonderen, nur für Momente wie diesen reservierten und inzwischen längst zum Ritual gewordenen kurzen Blickkontakt, dass sich an ihrer tiefen, schon seit Jahren bestehenden Freundschaft nach wie vor nichts geändert hatte; eine schlichte und dennoch wichtige Geste für sie beide, welche immer dann zum Tragen kam, wenn sie wieder einmal in eine ihrer alles andere als unüblichen Streitereien geraten waren, die schon seit jeher einen essenziellen Bestandteil ihrer Verbundenheit darstellten. Das Ergebnis war derweil stets dasselbe, und nachdem sie auch heuer in gewohnter Manier ihre in dieser Hinsicht unerschütterlich übereinstimmenden Standpunkte geklärt hatten, machten sie sich sogleich daran, ihren Aufenthaltsort genauer in Augenschein zu nehmen, dessen vorherige, von Haeverflox in den Raum geworfene Beschreibung als „Futtertrog“ treffender nicht sein konnte.

Ja, ein Futtertrog. Das und nichts anderes war dieser große, runde, in die Seitenschichten der Bücherwüste hineingefressene und vom fahlen Licht der in den Boden gesunkenen Runenschrift schummrig erleuchtete Kessel, der sich höchstwahrscheinlich weit unter der Wüstenoberfläche befinden musste und in welchem sie nun schon seit geraumer Zeit festsaßen. Dabei waren sie dank einem viel zu tiefen und undurchdringlichen Schlaf, der sie erst hier wieder freigegeben hatte, ohne auch nur den Hauch eines Anhaltspunkts, durch den sie zurück zu neuer Freiheit hätten finden können.

Ob es ihnen nun ein Trost war oder eher das genaue Gegenteil, sollte zum ewigen Geheimnis werden, aber immerhin waren sie keinesfalls allein hier unten gefangen. Neben sich selbst fanden sie nicht nur Unmengen verschiedensten Unrats vor, sondern auch den einen oder anderen Bekannten. So wanderte der Gelehrte noch immer unbeirrbar - und sogar ohne überhaupt Luft zu holen - aus seinem muffigen Buch rezitierend um den mittig des Raumes aufgetürmten Berg aus mehr oder weniger erkennbaren Überresten der Papyrusschwalben und anderem, auch bei näherer Betrachtung undefinierbar bleibendem Zeug herum. Und auch Schwan, Wildschwein sowie gleichfalls die Rehherde - allesamt verendet - leisteten den beiden Männern mehr als bloß geringfügig erbauliche Gesellschaft.

»Wenn wir rein gekommen sind, dann müssen wir doch auch wieder raus kommen«, brummte Rheyva sich in seinen Bart, während er damit begann, eifrig die Wände abzutasten.

»Du sagst es, alter Freund«, erwiderte Haeverflox, der es dem Technomagier bereits gleichtat und hektisch suchend seine Hände über die Seitenschichten gleiten ließ.

Dabei zwängte sich den beiden immer nachhaltiger der Gedanke auf, dass ihnen nicht mehr allzu viel Zeit übrig blieb, um einen Ausgang zu finden. Früher oder später - und bei ihrem Glück war es sicherlich Ersteres - würde die Skorpionskönigin hier auftauchen und sich einverleiben, was ihr von ihren Arbeitern zum Fraß vorgeworfen worden war. Eine Menagerie, welche heuer in Gestalt eines Menschen und eines Hassenichgesehns zwei ganz besondere Leckereien enthielt, die sämtlich alles andere als erpicht darauf waren, in Kürze verspeist und verdaut zu werden. Doch egal, was sie anstellten, egal, wo und wie sie suchten, all ihre Mühen waren vollkommen umsonst. Obgleich sie den Kessel mittlerweile das dritte Mal umrundet hatten, entdeckten sie nicht das kleinste Schlupfloch inmitten der aufgeschichteten Seiten. Erschwerend kam hinzu, dass die sie umgebenden Wände gute fünf Meter in die Höhe ragten, weshalb sie weder gemeinsam und erst recht nicht jeder für sich allein in der Lage waren, auch nur im Entferntesten die weiter oben gelegenen Stellen abzusuchen.

»Vielleicht hilft uns ja ein Zauber weiter«, mutmaßte Rheyva hoffnungsvoll das jetzt für ihn Naheliegendste und warf dem Hassenichgesehn einen fragenden Blick zu, als bitte er um dessen Erlaubnis.

»In unserer momentanen Lage ist mir alles recht«, erwiderte selbiges mit einem lapidaren Schulterzucken und einem leisen, resignierenden Seufzer, was eine Antwort war, die den Technomagier nicht lange warten ließ. Schon mischte sich das altvertraute Klicken der kleinen Tasten seiner Virga unter das eintönige Gemurmel des rastlosen Gelehrten, dem nur Augenblicke später leises Schimpfen Rheyvas folgte. Wie es aussah, musste er ständig seine Runen von neuem schreiben, was schließlich darin gipfelte, dass er mehrmals unter weiterem, wütendem Fluchen kräftig mit der flachen Hand auf das wehrlose Gerät einschlug.

»Alles gut?«, fragte Haeverflox, zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe und fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über den kurzen, unter seinem Kinn wachsenden Fellzipfel.

»Sieht aus, als hätte das Display ein wenig gelitten, als wir hergeschafft wurden«, grummelte Rheyva angestrengten Blickes. »Da muss irgendwo ein Wackelkontakt sein, aber ich hab es gleich.«

Abermals tippte er seinen Zauber, schimpfte wieder, tippte, schimpfte, aber dann grinste er plötzlich und rief: »Conspici

Prompt begann die Luft über ihm zu flimmern und irgendetwas manifestierte sich. Flüsterleises Flattern begann den Raum zu erfüllen, und wie aus dem Nichts wurde ein Schwarm hunderter rosafarbener, doppelt handtellergroßer Schmetterlinge sichtbar, die allesamt wirr umher schwankten, planlos gegen jedwede vorhandenen Hindernisse tickten und am Ende in Form feinen, glitzernden Staubes auf die beiden Freunde niederrieselten.

»Was hatte denn das jetzt für einen sittlichen Nährwert?«, fragte Haeverflox, sah angewidert an sich herunter und setzte sogleich alles daran, sein Fell wieder in einen ansehnlichen, nicht rosafarbenen Zustand zu versetzen.

»Versteh ich nicht«, wunderte sich der Technomagier, ohne seinen Freund wirklich zu beachten, und betrachtete ratlos die Virga. »Muss am Wackelkontakt liegen.«

Mit diesen Worten drückte und zog er an der Magischen, klopfte erst sanft, dann fester auf das Display und fluchte neuerlich leise vor sich hin. In der Tat verlor er langsam die Geduld und verpasste dem Gerät schließlich zwei heftige Faustschläge, deren einzig klägliches Ergebnis es war, dass ihm plötzlich diverse bläulich-weiße, stromgeladene Blitze entgegen zuckten.

»Au! Au, verdammt!«, rief er aus, schüttelte den linken Arm vor Schmerz und schlug ein drittes Mal schwungvoll auf das Tastenfeld ein, woraufhin die darunter befindliche Elektrik ein letztes, höhnisches Knistern von sich gab, die Blitze abrupt erstarben, der schmale Bildschirm schwarz wurde und schließlich zu allem Übel auch noch eine kleine Rauchwolke zwischen den Tasten hervor dampfte.

»Na wunderbar«, ächzte er, fuhr sich mit der Rechten erst über das Gesicht und dann durch die Haare und wischte anschließend mehr nebenbei, als dass er es tatsächlich registrierte, die nun vor lauter Schmetterlingsstaub rosa schimmernde Hand an seiner Hose ab. »Jetzt hat es das Kabel zur Hauptplatine zerrissen.«

Haeverflox neigte den Kopf zur Seite, kratzte sich fragend mit der Schwanzspitze hinter dem linken Ohr, dachte zwei, drei Atemzüge lang nach und fragte das, was ihm in diesem Augenblick am Treffendsten erschien.

»Also kein Zauber?«

»Also kein Zauber«, bestätigte der Technomagier. »Ich könnte versuchen, sie zu reparieren. Aber ich hab keine Ahnung, ob ich sie rechtzeitig wieder zum Laufen bringe.«

»Lass gut sein«, antwortete das Hassenichgesehn, winkte ab und schüttelte resignierend den Kopf.

Sie wussten beide nur zu genau, dass es keinen Zweck mehr hatte. Also ließen sie sich unter einem schweren Seufzer zu Boden sinken, und während Rheyva sich rücklings lang hinlegte, hockte Haeverflox sich im Schneidersitz neben den Berg der Papyrusschwalbenreste und nahm seine ihm so typische Meditationspose ein.

»Weißt du, Rhey, ein Gutes hat das Ganze ja«, sagte er und fuhr auf den verwunderten Blick seines Freundes hin fort: »Nicht mehr lange, und wir gehören zum elitären Kreis jener Wenigen die wissen, wie die Bücherskorpionskönigin von außen und von innen aussieht.«

»Donner und Doria!«, stöhnte sein Gegenüber auf und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. »Selbst im Angesicht des Todes hast du immer noch das größte Mundwerk, das ich kenne.«

Anschließend schwiegen sie im sicheren Glauben, jetzt und hier ihren letzten Gedanken nachzuhängen.

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