Kapitel 3: »Das Dunkel bewegt sich im Schatten.« (Teil IV)

Alaru erwachte neben einem kleinen, verkohlten und schwarzen Klumpen, der offensichtlich vormals ein Bücherskorpion gewesen sein musste. Einen Augenblick lang betrachtete sie das ihr förmlich ins Auge springende Bild jener stinkenden Überreste mit einer Mischung aus Ekel und Verwunderung und befand, dass es keinen Zweifel daran gab, dass dies ihr Werk gewesen war, auch wenn sie sich nicht im Geringsten daran erinnern konnte. Wie dem auch sei, es blieb eine Sache, über die sie sich gerade in diesem Moment am wenigsten Gedanken machen wollte - geschweige denn konnte - und daher ließ sie den Klumpen einen Klumpen sein, stemmte sich auf die Beine und sah sich um. Indes erschien ihr jene Bezeichnung ihres Tuns als reichlich übertrieben, gab es im wahrsten Sinne des Wortes doch rein gar nichts, was eine genauere Betrachtung wert gewesen wäre. So sie den verbrannten Kadaver außer Acht ließ, stand sie vollkommen verlassen in einem totenstillen, langen und augenscheinlich von den Arbeitern weit unter der Oberfläche von Ylibri durch die papiernen Schichten gegrabenen Tunnel, der in einer perfekten, kerzengeraden Linie verlief und weder nach rechts noch nach links eine Abzweigung erkennen ließ. Wobei Letzteres so oder so absolut irrelevant war. Denn selbst wenn eine Biegung des Tunnels vorhanden gewesen wäre, hätte sie trotz allem beim besten Willen nicht die kleinste Ahnung gehabt, in welche Richtung sie hätte gehen sollen, um ihre mit ziemlicher Sicherheit ebenfalls irgendwo hier unten befindlichen Freunde ausfindig zu machen und gemeinsam mit ihnen die Flucht anzutreten.

»Tja, was nun?«, murmelte sie, während ihre Blicke unablässig hin und her wanderten und sie es nicht schaffte sich festzulegen, wohin sie gehen sollte.

Rechts oder links, das war und blieb die große Frage, welche ein bohrendes Gefühl in ihrer Magengrube hervorrief und dafür sorgte, dass sich ihr gesamtes Denken immer wilder und zusammenhangloser im Kreis drehte. Woher sollte sie denn wissen, was richtig war? Mal ganz abgesehen davon, dass es hier sicherlich eine Menge mehr als nur diesen einzigen Tunnel gab, was nicht gerade dazu beitrug, dass Alarus sich stetig steigernde Nervosität besser wurde. Ganz im Gegenteil, rann ihr doch mit jeder Sekunde, die ungenutzt verstrich, bloß noch mehr wertvolle Zeit unwiederbringlich durch die Finger. Sie musste sich endlich entscheiden, musste die anderen aufspüren, bevor es zu spät war!

Sie musste ...

Plötzlich fiel es einem Hammerschlag gleich über sie her, dieses leere Gefühl der Hoffnungslosigkeit, welches neuerdings viel zu fest mit ihr verwoben zu sein schien. Und noch während die Welt um sie herum jäh ein wenig dunkler wurde, bemächtigte sich ein nadelscharfes Wispern ihrer Sinne, welches jedweden Funken eigenen Willens beinahe vollständig lähmte.

Was, wenn du sie nicht rechtzeitig findest?

Eiskalter Schweiß, den sie heuer zum ersten Mal in all den Jahrtausenden ihrer Existenz zu spüren bekam, trat auf ihre Stirn und begann, in dünnen Rinnsalen ihr Gesicht hinunterzulaufen.

Was, wenn du dich hier verirrst, so ganz allein?

Die Rhythmen ihres Pulses und ihres Herzens zettelten einen wahren Wettlauf an und standen nurmehr knapp davor, ihre Brust mit einem einzigen weiteren Schlag zu zersprengen.

Was, wenn Rheyva und Haeverflox bereits tot sind?

Unkontrolliertes Zittern ergriff ihre Hände und breitete sich von dort her zügig über ihren ganzen Körper aus.

Was, wenn du auch Vesten verloren hast?

Eine unsichtbare Klaue packte ihren Hals, drückte genüsslich zu und schnürte ihr schier begeistert mehr und mehr den Atem ab.

Was, wenn du versagst?

Ihre Beine wurden schwerer und gleichzeitig schwächer, bis sie am Ende nicht mehr fähig waren, ihr Gewicht zu tragen, und sie nach Luft ringend auf die Knie sank, dabei kaum noch in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.

Was, wenn du hier unten stirbst? Ganz allein? Und vergessen? Was, wenn dies das Ende ist?

Mitsamt einem keuchenden Laut, der eigentlich ein Schrei hatte werden wollen, kippte sie vornüber, schlug mit der Stirn auf den Boden und krallte die Fingernägel in den festen Untergrund. Zugleich wurde verächtliches Gelächter inmitten ihres Hirns laut, schwoll immer mehr an, übertönte alles, erfüllte sie ganz und gar. Sofort presste Alaru unter Aufbringung aller noch übrigen Kraft beide Hände gegen die Ohren, doch es half nichts. Es hörte einfach nicht auf. Dieses Lachen. Diese Stimme. Es war in ihr, hatte sich in jede ihrer Fasern eingenistet und drohte, sie auf der Stelle in einen Wahnsinn zu treiben, von dem sie einzig und allein noch der Tod würde erlösen können.

»Raus aus meinem Kopf!«, kreischte sie, warf sich zur Seite und wand sich hin und her, gerade so, als hätte dieses lächerliche Gehabe tatsächlich etwas gegen das ausrichten können, was gerade mit ihr geschah. »RAUS aus meinem KOPF! Verschwinde! GEH!« Und dann leise und wimmernd: »Bitte ... Geh.«

Was dann folgte, wagte sie im ersten Augenblick kaum für möglich zu halten. Doch als sie schließlich zögerlich die Hände sinken ließ und sich langsam ein wenig aufrichtete, erkannte sie, dass die quälende Stimme genau wie das peitschende Gelächter tatsächlich verstummt war und nichts denn eine neuerliche, wundervolle und ungestörte Stille zurückgelassen hatte. Derweil erübrigte sich für sie jedwede Frage zu dem, was ihr soeben widerfahren war, denn zweifelsohne hatte sie gerade am eigenen Leib einen Machtschub Nodroggs miterleben müssen. Nur, wie konnte das möglich sein? Wie hatte sie es hören können? Wie hatte es so dermaßen vehement Einfluss auf sie nehmen können, wenn es noch nicht einmal anwesend war? Und das war es auf gar keinen Fall, so viel stand fest. Außerdem: Wie hatte es sie überhaupt finden können? Aber noch ehe die Feuerstochter immer tiefer in den trotz ihres Widerstrebens aufkommenden, dafür allerdings nicht weniger sinnlosen und wahrscheinlich niemals beantwortet werdenden Grübeleien versinken konnte, wurde sie jäh von zwei unvermittelt hinter ihr ertönenden glockenklaren Stimmen unterbrochen.

»Hüterin der Dimensionen.«

Genauso schnell, wie ihr der Schreck in die Glieder fuhr, drehte sie sich auf dem Absatz herum und erblickte nicht weit von sich entfernt zwei kleine Mädchen. Sie mochten vielleicht um die zwölf Jahre alt sein und hatten aschblondes Haar, das in langen, geflochtenen Zöpfen über ihren Schultern hing. Zudem trugen sie helle, knielange Kleider von fremdartigem Aussehen und weiße, glänzende Schuhe, die mindestens gleichermaßen seltsam wirkten. Ebenso wenig entging dem aufmerksamen Betrachter - dessen Rolle nun der Feuerstochter zugefallen war -, dass es sich bei den beiden erstens um Zwillinge und zweitens um Geister handelte. Genauer gesagt waren solche wie sie verlorene Seelen, welche keine Ruhe fanden oder einfach nicht von den Welten lassen wollten. Daher wurden sie nach dem Tod ihres Körpers zu diesen wie ein schwarz-weißes, uraltes und leicht durchsichtiges Gemälde ihrer Selbst anmutenden Schemen, die vergleichbar mit dickem, jenes dezent verschwommene Bild in sich tragendem Nebel waren. Ihr auffälligstes Merkmal allerdings bestand in der Fähigkeit, sich frei und völlig unabhängig von den die Welten verbindenden Portalen zwischen den Dimensionen zu bewegen, was ihnen schon vor lange vergessenen Zeiten den Namen „Springer“ eingebracht hatte. Noch dazu war es gewöhnlich gerade nicht ihre Art, ihr Auftauchen zu steuern, weswegen sie sich mal hier zeigten und mal dort, mal in der einen Dimension, dann wieder in einer anderen, ganz so, wie es das Schicksal beliebte. Die Zwillinge jedoch, die momentan einige Schritte von der Feuerstochter entfernt in der Luft schwebten, schienen den Ort ihres Erscheinens offenbar bewusst gewählt und sie gezielt gesucht zu haben. Gleiches kostete die zwei eine Menge Konzentration und Anstrengung, was sich unübersehbar darin äußerte, dass ihr Abbild immer wieder flackerte und zuckte.

»Hüterin der Dimensionen«, wiederholten die Mädchen, welche wie schon zuvor auch dieses Mal im Chor sprachen, jetzt aber um einiges ungeduldiger erschienen.

»Ich höre euch«, gab die Angesprochene schließlich nach einem letzten, flüchtigen Augenblick des erstaunten Zögerns zurück. »Was ... Was tut ihr hier?«

»Die Dimensionen spüren es«, erwiderten beide mit deutlich zornigem Unterton in den Stimmen. »Das Dunkel bewegt sich im Schatten.«

»Das weiß ich«, antwortete Alaru bedrückt, welche sie sich nun gänzlich erhoben hatte und sich den Zwillingen behutsam auf ein paar Schritte näherte.

»Dann ändere es!«, fauchten sie ihr entgegen, sodass sie abrupt stehen blieb und für die Dauer eines Atemzugs knapp davor stand, zusätzlich noch einige Meter weiter zurückzuweichen.

»Aber wie ... wie könnte ich denn?«, presste sie dünn hervor und hätte am liebsten rasch die Augen abgewandt von den sie ihrerseits mit stetig grimmiger werdenden Blicken fixierenden Mädchen. Aber so sehr sie es auch wollte, sie brachte es schlichtweg nicht fertig, sich ihnen zu entziehen, was wiederum dazu führte, dass neuerlich dieses ekelhafte Gefühl von Verzweiflung in ihr aufkeimte und sie mit jeder Sekunde, die es weiter zu wachsen vermochte, mehr und mehr zu erdrücken schien. Zeitgleich schoss sich ihr gesamtes Denken darauf ein, dass sie gerade im Begriff war, ihre Freunde zu verlieren. Freunde, die sie eben erst gefunden hatte. Freunde, die auf sie zählten. Was also tat sie hier eigentlich? Sprach mit Springern, anstatt sich zu eilen. Wie konnte jemand so verachtenswertes wie sie bloß Hüterin der Dimensionen sein?

»Zweifel ist der erste Schritt in die ewigen Arme der Nacht«, rissen die Zwillinge sie düsteren Wortes aus ihrer immer tiefer ins Chaos abzudriften drohenden Gedankenwelt, so als hätten sie direkt hinein geblickt.

»Treibst dich selbst in die Finsternis«, grollte die Rechte.

»Gehst zu weit weg vom Licht«, knurrte die Linke.

»Was bleibt mir denn sonst?«, versuchte Alaru sich ihnen mit zittriger Stimme zu erwehren.

Waren sie denn tatsächlich so blind, um nicht zu sehen, dass sie, deren Aufgabe einzig und allein darin bestand die Welten zu bewahren, genau diese Sache nicht bewerkstelligen konnte? Dass sie so unendlich schwach und vollkommen unnütz für die Belange der ihr zum Schutze Befohlenen war? Dass sie für all dies zweifellos die Falsche sein musste? Nun, wenn sie es schon nicht selbst erkannten, dann sollte sie es ihnen langsam aber sicher begreiflich machen, und so fuhr sie mit schwerer Zunge fort: »Ich habe meine Freunde verloren. Ich habe mein Schwert verloren. Und ich habe meinen Weg verloren. Wie soll ich dieser oder irgendeiner anderen Welt noch von Nutzen sein, wenn ich nicht einmal die einfachsten Dinge bewahren kann?«

Die Zwillinge starrten sie bloß wortlos und durchdringend an, während sie nichts anderes mehr tun konnte als nur stumm dazustehen und ihre Blicke unfreiwillig zu erwidern. Doch schließlich wandelte sich der Ausdruck von Wut und Hass auf den Gesichtern der Mädchen in jenen sanfter Gnade.

»Wird das Feuer zu Wasser, weist das Herz den Weg und klärt die tiefste Finsternis zu reinster Helligkeit«, sagten sie, und kaum dass sie geendet hatten, flackerte ihre Erscheinung noch ein letztes Mal wild auf, ehe sie so überraschend verschwanden, wie sie aufgetaucht waren.

»Wartet«, flüsterte die Feuerstochter, streckte reflexartig die Hand nach ihnen aus, obwohl sie genau wusste, dass es vergebens war. »Geht nicht fort. Ich ... Ich will nicht mehr allein sein. Nicht schon wieder!«

Erst jetzt, als sie endgültig realisierte, dass die Geister nicht wiederkommen würden, ganz egal, wie sehr sie diese auch anflehen mochte, bemerkte sie, dass sie weinte. Dicke Tränen kullerten still über ihr Gesicht, tropften auf den papiernen Boden. Bildeten dunkle Flecken zu ihren Füßen, wurden unter ihrer aufmerksamen Beobachtung langsam größer. Und im selben Moment, in dem ihr gewahr wurde, was als Nächstes geschah, verstand sie endlich.

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