Kapitel 3: »Das Dunkel bewegt sich im Schatten.« (Teil V)

Die Morgendämmerung war mittlerweile in greifbare Nähe gerückt, als Vesten schlagartig seine Besinnung wiedererlangte. Beinahe sofort kämpfte er sich unter angestrengtem Schnaufen und diversen Schmerzenslauten auf die Beine, bloß um folgend angeekelt die Überreste des toten Bücherskorpions zu betrachten, auf dem er soeben noch gelegen hatte. Er konnte wirklich von Glück sagen, dass das Tier seinen Sturz aus luftigen Höhen abgebremst hatte, denn ansonsten wäre es zweifelsohne er selbst gewesen, von dem nurmehr ein Haufen zerlegter Teile übrig geblieben wäre. Daher ließ er es sich auch nicht nehmen, dem Arbeiter still seine Dankbarkeit auszusprechen - wenn auch dessen Opferung seines Lebens für das des Bogenschützen gewiss unfreiwillig gewesen war -, bevor er sich endgültig von ihm abwandte, beiläufig seine Augenklappe richtete und den Blick suchend über die Bücherdünen gleiten ließ. Dabei stemmte er beide Hände in die Hüften, biss mit leidvoller Miene die Zähne zusammen und reckte und streckte sich, wobei nicht wenige Sehnen und Knochen ein solch lautes Knacken von sich gaben, dass er glaubte, es müsse noch bis ans andere Ende der Wüste zu hören sein. Keine Frage, ihn schmerzte im wahrsten Sinne des Wortes jeder noch so kleine Zentimeter seines Körpers. Aber wenn er von seinem momentan ein wenig angeknacksten Ego absah, hatte er sich bei seinem Fall ganz offensichtlich nicht allzu ernsthaft verletzt. Zumindest schien bis auf ein paar Flecken des seinen Mantel besudelnden, getrockneten Skorpionblutes, sicherlich nicht wenige deftige Prellungen sowie eine möglicherweise gebrochene Rippe sonst mit ihm alles in Ordnung zu sein. Zu seiner ehrlichen Erleichterung hatten sogar die meisten seiner um ihn herum verstreut liegenden Pfeile und sein Bogen, den er einen guten Meter weiter faul in einer Buchseitenfalte ruhend erspähte, die durchlittenen Strapazen heil überstanden.

Während er noch dabei war, sein Hab und Gut aufzuklauben - bereits fieberhaft darüber nachdenkend, wie er zu seinen Freunden gelangen konnte -, zog ein in der Nähe befindlicher, im Runenlicht dezent glänzender Gegenstand des Bogenschützen Aufmerksamkeit auf sich. Selbiger fixierte daraufhin das glimmende Etwas, ließ die inzwischen sämtlich aufgesammelten Pfeile in ihren Köcher gleiten und schulterte den Bogen. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten riss er sich zusammen und setzte trotz seiner dagegen rebellierenden geschundenen Knochen zu einem kurzen Spurt in besagte Richtung an, denn für übertriebene Wehleidigkeit war nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt. Nur wenige Schritte später war er bereits bei dem schimmernden Objekt angelangt und staunte nicht schlecht, als er Alarus Schwert erkannte, dessen Klinge fast bis zum Griff im Boden steckte. Lange zu zögern lag ihm derweil fern, sodass er Occludo mit einem kurzen Ruck aus seiner misslichen Lage befreite, danach die Waffe einen Augenblick lang prüfend in der Hand wog, zuletzt aber bloß den Kopf schüttelte.

»Ich fürchte, wir kommen nicht zusammen, mein Freund«, brummte er und schob die Klinge mit aller gebotenen Vorsicht, ja, fast schon zaghaft, unter seinem Gürtel hindurch. So eindrucksvoll das Schwert der Feuerstochter auch sein mochte, ihm war diese Art von Waffe nach wie vor zuwider. Jedoch änderte dies selbstredend nichts an seiner Pflicht, sie bis zu ihrem Wiedersehen aufzubewahren - vorausgesetzt, er würde sie und die anderen überhaupt finden können, was ihn neuerlich zurück zum Anfang brachte.

Abermals warf Vesten einen nachdenklichen Blick in die Runde. Bald würde die Nacht dem Tage weichen und die Runenschrift wieder aufsteigen, was bedeutete, dass er sich beeilen musste, wenn er einen Eingang zu den Katakomben der Bücherskorpione ausfindig machen wollte, solange es noch dunkel war. Denn während die Runen des Nachts im Boden lagen, blieb es unnötig darauf zu achten, dass man keine von ihnen berührte, und so suchte es sich in jedem Fall bedeutend besser. Doch gerade in jenem Augenblick, in welchem er sich wieder in Bewegung setzen wollte, vernahm er in einiger Entfernung hinter sich das flüsternde Geräusch knisternden Papiers, fuhr hastig herum und traute seinen Augen kaum: Aus einem Stapel Buchseiten kamen Alaru, Haeverflox und Rheyva gekrochen, woraufhin er sogleich die Hand weit nach oben reckte und ausladend winkte, damit sie ihn auch ja nicht übersahen. Etwa zeitgleich hielten die anderen drei für die Dauer eines Atemzugs mitten in der Bewegung inne und erwiderten sein Winken, was allerdings für den Geschmack des Bogenschützen ein wenig zu hektisch vonstattenging.

»LAUF!«, hörte er Haeverflox herüber brüllen, wobei dieser wild gestikulierend auf irgendeinen Punkt hinter Vesten deutete.

Der Klang von des Hassenichgesehns Stimme war noch nicht einmal vollends in der Luft verhallt, als plötzlich der Boden unter einer enormen Erschütterung erbebte und ein gigantischer, tiefschwarzer Bücherskorpion zwischen den Seitenschichten hervorbrach.

»Die Königin«, entfuhr es dem Bogenschützen, der einen Moment lang stocksteif dastehend und komplett fassungslos das riesenhafte Ungetüm anstarrte, welches sich - ebenso wie seine auf ihn zu eilenden Freunde - für die Dauer von zwei oder drei Herzschlägen endlos langsam zu bewegen schien. Dann endlich fand er seine Selbstbeherrschung wieder, machte auf dem Absatz kehrt und rannte so schnell ihn seine Füße tragen konnten in die Richtung, welche ihm zuvor gewiesen worden war. Hinter sich hörte er die anderen, vernahm das dumpfe Klatschen ihrer herannahenden, ausgreifenden Schritte, registrierte das nahezu panische Rasseln seines eigenen Atems und zu seinem Leidwesen ebenso jeden einzelnen der Schritte dieser verfluchten Königin, welche Ylibri bis in die Grundfesten erzittern ließen. Vesten wusste, dass sie in Kürze über ihnen sein würde, und sobald sich dieser Gedanke in seinem Kopf festsetzte, legte er in der einzigen Absicht, dem beinahe unvermeidlich Erscheinenden wider aller Befürchtungen doch noch zu entkommen, ein letztes Mal an Geschwindigkeit zu - was ihm seine Freunde augenblicklich gleich taten, so als hätte er ein stummes Kommando erteilt. Unterdessen bemerkte er, wie die ersten der Runen zaghaft ihren allmorgendlichen Aufstieg begannen, der plötzlich zügig seine graue Farbe wieder annehmende Nebel sich nach und nach lichtete und von irgendwo her die ersten Strahlen der aufgehenden Sonnen auf sein Gesicht trafen. Das Nächste, was er sah, war der in weiter Ferne auszumachende und bereits heller werdende, im Begriff ihnen den Tag entgegenzutragen befindliche Streifen am Horizont, vor dem sich die Silhouetten kilometerweit entfernter Berge und Wälder abzeichneten, und mit einem Mal spürte er Gras unter seinen Füßen, wurde langsamer und ging schließlich völlig außer Atem zu Boden. Kaum einen Sekundenbruchteil darauf tauchten einer nach dem anderen Alaru, Rheyva und Haeverflox neben ihm auf, ließen sich ihrerseits gleichsam achtlos neben ihm ins Gras fallen, sämtlich nach Luft ringend und am Ende ihrer Kräfte. Derweil rollte der Bogenschütze sich unter einer letzten Anstrengung auf den Rücken, stemmte sich auf die Ellenbogen und hielt einen Moment lang den ohnehin schon spärlichen Atem an, als er der Königin der Bücherskorpione direkt in ihr erzürntes Antlitz blickte.

Knapp doppelt so hoch wie die Sklaventreiber ragte sie nicht nur für sein Befinden in viel zu geringer Distanz einem gigantischen, nachtschwarzen Berg gleich über den Freunden auf, stierte mit funkelnden Blicken zu ihnen herüber, ließ weit hörbar die Scheren klappern und gab ein tiefes, zorniges Zischen von sich, das bedrohlicher nicht hätte sein können. Doch bevor sie auf die Idee kommen konnte, die Wüste zu verlassen und sich die ihr entgangene Beute zurückzuholen, trafen einige der vorwitzigeren Sonnenstrahlen auf ihre wütende Fratze. Gleiches entlockte ihr ein neuerliches, nun aber eher jammervolles Geräusch und ließ sie unter sichtlichem Widerwillen einige Schritte zurückweichen, dabei ihre noch immer potenziellen Opfer nicht aus den Augen lassend. Schließlich allerdings gab sie sich geschlagen, und nachdem sie endlich in den sie abrupt verschluckenden, von hier draußen nach wie vor unsichtbaren Nebelschwaden untergetaucht war, ließ Vesten sich hintenüber in das vom Morgentau noch feuchte, weiche Grün fallen, während er nur noch einen einzigen Gedanken fassen konnte: Sie lebten. Allesamt. Und nicht zu vergessen hatten sie ebenso die andere Seite erreicht.

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