Kapitel 3

Eine nicht ganz so  gewöhnliche Nacht  im Leben des Jesse King


 

Jesse



Es ist eisig kalt in dieser Nacht und als er die Tiefgarage betritt, in der er sein Auto geparkt hat, ist er wirklich dankbar, dass sein Wagen eine integrierte Heizung hat. Denn der Gedanke nachts durch die halbe Stadt zu fahren, ist so schon wenig erfreulich, da muss er sich nicht auch noch den Arsch abfrieren. Nach etwas mehr als einer guten halben Stunde kommt er auf dem alten Parkplatz vor dem Supermarkt zum Stehen. Die Uhr an der Armaturentafel zeigt in roten Lettern 23:00 Uhr. Er muss gähnen, vermutlich schläft Cassie jetzt bereits. Am liebsten wäre er nun bei ihr, aber das Versprechen seiner Mum gegenüber geht einfach vor, alleine, weil er es hasst, ein Versprechen zu brechen. Müde reibt er sich noch einmal die Augen, bevor er aus dem Auto aussteigt und sich in Richtung Hinterausgang des Geschäfts begibt. Verblüfft stellt er fest, dass es so aussieht, als stände die Tür einen Spalt breit offen. Doch das schummrige, gelbe Licht der Straßenlaternen reicht nicht aus, um Genaueres zu erkennen. Verdammt, er hat die Taschenlampe auf dem Beifahrersitz liegen lassen. Also wieder zurück zum Auto. Lediglich um – dieses Mal mit Taschenlampe bewaffnet - festzustellen, dass die Tür nicht nur offen steht, sondern doch tatsächlich aufgebrochen worden ist. Womit, kann er nicht sagen, aber eigentlich ist ihm das auch ziemlich gleich. Herr Gott, wer zur Hölle bricht denn bitte in einen Supermarkt ein?

Egal wer, derjenige kann ihn mal. Am liebsten würde er jetzt einfach wieder umdrehen, vielleicht war das Ganze hier eine echt bescheuerte Idee. Trotzdem betritt er den schmalen Gang, der ins Ladeninnere führt. Am Ende des Ganges befindet sich eine schwere Metalltür und auf der linken Seite ist ebenfalls eine Tür, die allerdings in Onkel Henrys Büro führt. Das weiß er noch von früher. Die Tür am Ende führt in den Verkaufsraum. Dorthin macht er sich auch auf den Weg. Denn ins Büro möchte er nicht. Zu viele Erinnerungen. Er ist gerade an der silbern schimmernden Tür angekommen, als er ein krachendes Geräusch vernimmt. Was? Er ist gar nicht auf die Idee gekommen, dass der - oder auch die Einbrecher - noch im Laden sein könnten. Zumindest bis jetzt. Er schluckt, geht einen Schritt zurück und beschließt gleichzeitig nachzusehen. Kurz überlegt er, ob er die Taschenlampe ausschalten sollte, entscheidet sich dann aber dagegen, da er die vage Hoffnung hat, gewisse Personen so vielleicht in die Flucht zu schlagen.

Langsam öffnet er die alte Tür, die daraufhin ein quietschendes Geräusch von sich gibt. Fast erwartet er ja, dass ihn gleich irgendjemand anspringt, doch dem ist nicht so. Stattdessen bleibt alles still. Ihm kommt der Gedanke, dass er sich irren könnte. Es muss ja gar niemand hier sein. Zumindest kein Mensch. Vielleicht handelt es sich auch nur um ein streunendes Tier? – Allerdings stellt sich dann die Frage, welche Tiere bitte Türschlösser aufknacken. Doch noch bevor er diesen spannenden Gedanken weiter verfolgen kann, wird er abgelenkt. Wäre er doch nur etwas aufmerksamer gewesen! Der Strahl seiner Taschenlampe beleuchtet gerade noch einen Arm, der aber gleich wieder hinter einem Regal verschwindet. Ob männlich oder weiblich kann er nicht sagen. Aber vermutlich macht es auch keinen besonders großen Unterschied. Es sei denn, es käme zu einer Rangelei, doch das wird er wohl zu verhindern wissen. Allein schon deshalb, weil er nicht gerade das beste physische Durchsetzungsvermögen besitzt.

„Wer ist da?“, versucht er es doch glatt mal auf die ‚klassische Art’. Natürlich kommt keine Antwort, das hätte ihn aber auch gewundert. Langsam, darauf bedacht keinen Laut von sich zugeben, tritt er um das Regal herum, hinter dem gerade noch die ihm unbekannte Gestalt verschwunden ist. Niemand ist zu sehen. Die Person kann jedoch noch nicht fort sein, da der Einzige, mögliche Fluchtweg der ist, durch den er und wohl auch die Person vor ihm, gekommen ist. Die Tür hat er allerdings fest im Blick und somit gibt es keine Chance auf ein Entkommen. Außerdem weiß er nun, was das Scheppern vorhin verursacht hat. Einige zerbrochene Spirituosenflaschen liegen die Regalwand entlang am Boden verstreut. Eine riesige Sauerei, aber darum kümmert er sich später. Er kann sich ein überlegenes Grinsen nicht verkneifen. ‚Wer auch immer’ hat sich gerade selbst in die Enge getrieben. Denn er ist sich ziemlich sicher, dass diese Regalreihe in einer Sackgasse endet.

„Scheiße, was jetzt? Wir müssen hier raus!“ Die fluchende Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern und dennoch kann er sie deutlich vernehmen. Sie gehört wohl zu einer jungen Frau, oder doch eher einem Mädchen? Jedenfalls beruhigt ihn das ein wenig. Als er gerade um die Ecke treten möchte, um sich besagte Person einmal genauer anzusehen, hat eines der Regale wohl ein Eigenleben entwickelt und fällt ihm entgegen. Seine Reaktion kommt zu langsam. Samt dem Regal geht er nicht besonders elegant zu Boden. Während er sich langsam von dem Haufen Speermüll befreit, erhascht er gerade noch einen Blick auf eine junge Blondine, die im Lichtkegel der am Boden liegenden Taschenlampe an ihm vorbei hastet.
Fuck, die geht ihm jetzt auch noch ernsthaft durch die Lappen. In diesem Moment schießt ihm ihr letzter Satz durch den Kopf. Wir müssen hier raus, hat sie gesagt. Wir. Tatsächlich springt im nächsten Augenblick eine Person über seinem Kopf hinweg. Vergiss es! Ohne auch nur eine Sekunde darüber nach zu denken, fasst er nach dem Fuß vor sich. Genauso unelegant wie er nur einige Sekunden zuvor, fällt die Person nun der Länge nach auf den Boden. Der Aufprall wirkt nur um einiges härter, als der seine. Keine Ahnung wie, aber er schafft es auch endlich, sich von dem Regal zu befreien und steht wieder auf den Beinen. Beide lässt er schließlich ganz sicher nicht entwischen. Und wenn Blondie schon weg ist, muss er eben mit dem Vorlieb nehmen, was übrig bleibt. Die am Boden liegende Gestalt ist jedoch so schmächtig, dass er noch immer nicht weiß, ob es sich um ein Mädchen oder um einen Jungen handelt. Aber ihr Aufstehen vereitelt er, indem er sich einfach mal auf sie drauf setzt. Etwas Besseres fällt ihm zugegebenermaßen nicht ein, schließlich ist diese Situation nicht gerade alltäglich.

Tatsächlich ist er etwas überrascht. Der eher zierliche Körper unter ihm entpuppt sich als der, eines Jungen. Und der besitzt auch noch allen Ernstes die Dreistigkeit ihn mit wütend funkelnden Augen anzustarren. Für wen hält der Kleine sich eigentlich?

„Sag mal, geht’s noch? Du hast mich gerade lebendig unter einem Regal begraben und bist in meinen Laden eingebrochen, du hast überhaupt kein Recht dazu beleidigt drein zu blicken, klar? Der Einzige, der das darf bin ich…“ Der andere scheint nicht sonderlich beeindruckt von seiner Rede. Ganz im Gegenteil, er ist auch noch so frech und schaut stumm zur Seite. Als sei das umgestoßene Regal auf einmal hoch interessant. Eigentlich sollte er jetzt sofort die Polizei rufen, oder ihm zumindest noch mal auf den Zahn fühlen, schließlich war er ja nicht alleine hier. Stattdessen beginnt er ihn zu mustern. Sein Brustkorb hebt und senkt sich langsam, Jesse sitzt direkt auf seiner Hüfte. Aufstehen ist für ihn also nicht drin. Im Lichtkegel der Taschenlampe kann er nicht alles genau erkennen, aber das schwarze T-Shirt, das er trägt, sieht am Saum extrem ausgefranst aus. ’Ne Wäsche könnte es, denkt er, auch ganz gut vertragen. Von seiner Jeans sieht er nicht besonders viel, aber er glaubt, dass sie genauso verschlissen ist. Der deutlich Jüngere hat ihm sein Gesicht noch immer nicht zugewandt, aber seine braunen Augen fallen ihm selbst im schlechten Licht sofort auf. Es ist ein klarer Farbton, irgendwie leuchtend. Unsinn, braun eben. Es bildet jedenfalls einen deutlichen Kontrast zu seinem kohlrabenschwarzen Haar. Er vermutet, dass der Junge einmal einen Side-Cut getragen hat, der allerdings schon einige Zeit herausgewachsen ist. Dennoch sind die Haare auf einer Seite noch etwas kürzer. Der Pony fällt ihm schräg ins Gesicht. Zudem fällt Jesse auch auf, wie strähnig sein Haar ist. Fettig, eben ungewaschen und sein Körper ist nicht nur zierlich, nein, er ist viel mehr ausgemergelt.

„Noch irgendetwas zu deiner Verteidigung zu sagen, bevor ich die Polizei rufe? Zum Beispiel, wie deine nette Freundin heißt?“

„Wie wäre es mit: Geh von mir runter, du wirst langsam echt schwer!“, kommt gleich eine giftige Antwort zurück geschossen, obwohl der Junge seinen Blick noch immer meidet. Kurz hat er das Bedürfnis diesem Kerl eine zu scheuern. Aber jemandem, dem die Polizei so scheißegal ist, der wird auch damit umzugehen wissen.  

„Okay, also sag ich den Beamten, dass sie bitte eine vorlaute Göre, die nachts nichts Besseres zu tun hat, als meinen Laden auszurauben, zu Mummy und Daddy zurück bringen sollen. Ach und hättest du wohl gern, weder ich noch du gehen irgendwo hin.“

Der Kommentar über Mummy und Daddy scheint ihm nicht sonderlich gefallen zu haben, denn er erwidert wütend: „Ich bin achtzehn, verdammt, also nichts da Mummy und Daddy und außerdem, was zur Hölle heißt hier dein Laden, der gehört dem alten King!“ Ach, schau mal einer an. Was hatte dieser Wichtigtuer denn bitte mit seinem Onkel zu tun? Noch in derselben Sekunde kennt er die Antwort. Die Haare! Die Kleidung!

Vage erinnert er sich daran, wie Henry seiner Mum einmal von den Kids erzählt hat, die abends immer an der Hintertür des Ladens herumlungerten. Straßenkinder, die sonst nirgendwo hingehörten. Die einfach nur irgendeinen Platz suchten, von dem sie nicht vertrieben wurden. New York ist voll von ihnen. Manchmal hat er ihnen Kaffee oder Kakao aus seinem Büro in Plastikbechern vor die Tür gebracht, damit sie sich etwas aufwärmen konnten. Er ist sich jetzt ziemlich sicher, dass der Junge einer von ihnen ist.

„Es ist dir scheißegal, ob ich die Polizei rufe, weil es deine Eltern sowieso nicht interessiert. Weil’s niemanden schert, oder?“

„Ich hab dir doch gerade gesagt…“, er hält inne und schaut verwirrt zu Jesse hoch. Scheint erst jetzt so recht zu begreifen, was er da gesagt hat.
„Was geht dich das schon an? Ruf doch die Bullen, mir doch egal!“ Das klingt jetzt jedoch nicht mehr besonders giftig, auch nicht wütend. Eher verunsichert. Noch einmal mustert Jesse ihn. Er ist sich sicher, dass er gelogen hat. Er ist keine achtzehn, sicher nicht. Zumindest wirkt er keinesfalls so. Viel jünger. Fünfzehn, sechzehn vielleicht. Langsam steht er auf, zieht den Jungen mit sich auf die Beine. Dabei greife er nach seinem Arm und ihm sticht erneut etwas ins Auge, das er vorher im schlechten Licht nicht bemerkt hat. Jetzt, in einem anderen Winkel schon. Einstiche. Drogen, Heroin vermutlich. Wieder sieht er ihn an, schaut in das schmale, blasse Gesicht und lässt sein Handgelenk abrupt los. Verwirrt sieht der Schwarzhaarige ihn an, weicht einen Schritt zurück, jedoch ohne auch nur den Anschein zu machen, als wolle er abhauen.
„Wa… was ist…?“ Seine Stimme klingt ein bisschen panisch, er vermag nicht zu sagen, was in ihm vorgeht. Aber er wirkt dabei so unglaublich jung. Er kommt Jesse mit einem Mal furchtbar verloren und hoffnungslos vor und für eine Sekunde blendet er aus, dass er gerade in den Laden eingebrochen ist und ihm im schlimmsten Fall fast das Genick gebrochen hätte.

„Hau ab!“, er kann nicht glauben, dass er das jetzt tut.
„Was?“, er sieht ihn fassungslos an.
„Ich habe gesagt, du sollst verschwinden, oder bist du taub?“.
Eine Sekunde lang wirkt er noch aus dem Konzept gebracht, dann dreht er sich um und läuft weg. Weg von ihm, vom Laden. Hinein in die dunkle Nacht.

Er schüttelt über sich selbst den Kopf. Unweit von ihm ist der Lichtschalter und er betätigt ihn. Unwillig kneift er die Augen zusammen, als es hell wird. Viel zu hell. Dann sieht er sich im Verkaufsraum um. Seine Taschenlampe liegt noch immer unberührt am Boden, das Regal und die zerbrochenen Flaschen ebenso, aber der Junge ist fort. Wohl auch besser so, sonst hätte er jetzt noch womöglich die Polizei gerufen. Was war das denn jetzt bitte?
„Jesse, du drehst durch“, murmle er leise vor sich hin und vielleicht ist da auch wirklich was dran.

Es ist halb eins, als er Cassies und seine Wohnung betritt. Alles ist dunkel. Als er seinen grauen Mantel an den Kleiderhaken hängt, bleibt sein Blick jedoch an Cassies braunem Parka hängen. Es ist kein so klares Braun, wie das, welches die Augen des Jungen hatten. Er erschreckt sich über den Gedanken so sehr, dass er fast über die Topfpflanze stolpert, die im Flur steht. In letzter Sekunde kann er sich noch halten. Er muss dringend ins Bett. Zu seiner Freundin. Diese völlig absurde Nacht vergessen.

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Fairy Dust

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