Kapitel 3 - Das Ende eines Weges

„Dort vorn, siehst du? Wir sind bald da!“
Seine Stimme durchschnitt die Stille, die in ihr geherrscht hatte. Sie blickte auf und sah zuerst ihn, wie er da stand, eingehüllt in einen groben Umhang, die Füße in dicken Stiefeln und bis zum Knöchel im Schnee versunken.
Ihr Blick wanderte weiter, seiner Hand entlang und dem Finger, der in die Ferne zeigte. Vor ihnen erstreckte sich noch ein weiter, verschneiter Weg, der jedoch allmählich bergab zu führen schien und in einem Wald endete.
Es würde also noch einige Tage mehr Fußmarsch bedeuten, bis sie das Land verlassen hatten, dass er als seine Heimat gekannt hatte und in das sie ausversehen gelangt war.
Mittlerweile waren sie zwei Wochen unterwegs. Stets auf der Hut, doch mit jeder Meile ruhiger, denn Verfolger waren schon lang nicht mehr zu sehen gewesen.
Sie hatten sich an einander gewöhnt und die Gesellschaft zu schätzen gelernt, auch wenn sie sich noch Beleidigungen an den Kopf warfen. Furias hatte sie an einem Morgen mit gebratenem Fleisch überrascht, denn sie hatte sich für ihn als nützlich erwiesen, als sie einen Soldaten bemerkte und dieser sein vorzeitiges Ende durch einen gezielten Dolchstoß fand.
Während all der Zeit, hatte sie sich öfter gefragt, ob es mit ihm genauso gewesen wäre. Mit ihm, dem ihr Herz einst gehörte. Sie fragte sich, ob sie so lachen hätte können, über kleine Missgeschicke oder ob er sie ebenso behandeln würde wie Furias es tat. Wie einen Gefährten, statt wie eine Lady. Nur würde er sie vielleicht nicht dauernd Blasshaut nennen.
„Noch da Blasshaut?“, Furias' Hand klopfte sacht auf ihren Kopf und sein Grinsen tauchte in ihrem Blickfeld auf, „Du bist echt oft abwesend. Ein Stück Gold für deine Gedanken.“
„Tut mir leid. Ich war fasziniert vom Gedanken bald aus dieser Eishölle heraus zu sein.“, erwiderte sie rasch und wandte sich ab, stapfte an ihm vorbei, zog den Pelzmantel enger um sich, auch wenn sie die Kälte nicht wirklich spürte.
Er sah ihr Kopfschüttelnd nach und folgte ihr dann. Irgendwie kaufte er ihr das nicht ab.

Als die Nacht hereinbrach, machten sie Rast unter einem kleinen Felsvorsprung, wo sie ein provisorisches Zelt aufbauten, um Schutz vor der Kälte zu haben.
Lad streckte sich auf ihrem Lager aus und blickte hinauf zu den Stecken, die ihr Zelt aufrecht hielten. Sie hatten eigentlich einen guten Fang damit gemacht, dachte sie.
Er drehte sich auf die Seite, um sie anzusehen. „Sag mal, hast du keinen Hunger heute? Du bist seit Tagen so schweigsam und warfst mir nicht mal Beleidigungen an den Kopf, als ich ausrutschte.“
„Nicht wirklich. Du bist ausgerutscht? Wann?“, sie setzte sich auf und sah ihn erstaunt an.
„Ha! Du passt also doch auf und hörst, was ich sage!“, rief er triumphierend aus und setzte sich ihr gegenüber, „Was geht in deinem hübschen Köpfchen vor, Blasshaut? Kannst es wohl kaum erwarten, mich loszuwerden.“
„Nur dumme Gedanken und Erinnerungen.“, ihre Finger spielten mit einer Haarsträhne, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, „Was machst du eigentlich? Bist du Soldat?“ Sie versuchte klar vom Thema abzulenken.
Er wiegte den Kopf fragend zur Seite und ließ sich auf den Rücken fallen, verschränkte die Hände hinterm Kopf: „Ich war. Ist aber nicht so gut gelaufen. Ich machte Fehler, sah die Sinnlosigkeit im Krieg und wollte flüchten, wurde erwischt und landete mit einer Blasshaut zusammen im Kerker, die jetzt neben mir in einem Zelt sitzt und anderen Gedanken nachhängt, obwohl sie eine Frau ist und ich sollte in meiner Lage nicht zu wählerisch sein.“
Seine letzten Worte wurden ihrerseits mit einem Schlag in seine Seite kommentiert. Sie beugte sich über ihn. „Jene Blasshaut hat Anstand und Würde.“, sie betrachtete seine Züge. Was war es an ihm nur, dass ihr dieses warme Gefühl schenkte, wenn sie ihn sah? Seine ruppige Art? Dass er nie fragte, woher sie kam? Was sie war?
Sie rollte sich zur Seite, als er ihren nachdenklichen Blick auffing.
„Irgendwann, bekomme ich raus, was in dir vorgeht. Verlass dich drauf!“, murrte er und drehte sich beleidigt weg.

Später schlug er erschrocken die Augen auf. Er war tatsächlich eingeschlafen, obwohl er Wache halten wollte. Es dauerte eine Weile, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewohnt hatten. Irgendetwas war anders.
Es war alles ruhig und er war sich sicher noch im Zelt zu sein, doch lag etwas Schweres auf ihm, das er nicht zuordnen konnte.
Vorsichtig ließ er seine Finger das Seltsame abtasten. Er spürte Haare unter den Fingern. Ziemlich lange Haare und ein Ohr, so spitz wie das seine.
„Mhhh...“, Lad schmiegte ihr Gesicht enger gegen ihr Kissen und er hielt schlagartig inne. Sie war es also, die auf ihm lag. Er hob leicht den Kopf, um auf seine Brust zu sehen.
Umgeben von einer Wolke an Haaren blitzte ihre helle Haut durch. Sie lag mit dem Kopf an seiner Brust, einen Arm und ein Bein quer über ihn gelegt, eingewickelt in ihren Pelzmantel.
Sie war so nah, dass er den Duft ihres Haares riechen konnte. Er schluckte schwer und ließ den Kopf sinken. Starrte auf die Decke und versuchte angestrengt an etwas Anderes zu denken. Er wusste, er würde die restliche Nacht über kein Auge mehr zu tun, geschweige denn sich vom Fleck rühren.

                                                               ~*~

Der Morgen war kühl und er schöpfte sich Wasser aus einem kleinen, eisigen Gebirgsbach ins Gesicht. Sie hatten die Baumgrenze erreicht und waren dankbar, nicht mehr so offen wandern zu müssen. Müde streckte er die steifen Glieder und stapfte zum Lager hinüber, ließ sich auf einem Baumstumpf nieder.
„Da sind wir nun“, er fuhr sich mit der Hand durchs wirre Haar, „Von jetzt an können wir getrennte Wege gehen.“
Lad saß ihm gegenüber und hielt einen Stock, auf dem etwas Fleisch gespießt war, ins Feuer. Als sie ihn hörte, hob sie den Kopf und lächelte herausfordernd, „Dann bist du mich endlich los, Furias, und brauchst nicht mehr rätseln, was im Kopf des Elfenabschaums vor sich geht.“
„Na. Das wird meine neue Lebensaufgabe sein. Rausfinden, warum du mich so komisch ansiehst, so still bist und ablenkst, wenn ich frage und warum du dich nachts...“, er brach ab, denn er hätte sich fast verplappert. Sie hatte von ihren nächtlichen Kuscheleinheiten nichts mitbekommen oder hatte es sich am nächsten Morgen nie anmerken lassen.
„Vergiss es einfach. Und vergiss mich, so wie ich dich vergessen werde.“, sie reichte ihm den Stock mit dem fertigen Fleisch daran, „Es ist besser für uns beide, wenn wir uns nicht mehr über den Weg laufen, vertrau mir.“
„Wieso? Weil ich zu dem Volk gehöre, dass mit deinem im Krieg liegt?“, seine Augen verengten sich wütend, „Wie oft soll ich noch sagen, dass ich nicht mehr dazu gehöre? Außerdem, wenn du wirklich im Krieg wärst, hättest du nicht gezögert, mich umzubringen, kaum, dass wir außer Reichweite waren und sag nicht, du hättest den Weg nicht allein gefunden und hättest mich gebraucht. Das wäre gelogen.“ Er stand auf, fuchtelte mit dem Stock vor ihrem Gesicht und fuhr fort: „Ich kenne dich zwar nicht gut, Lad, aber du hast oft anklingen lassen, dass du den Krieg hasst, in den du hineingeraten bist. Nein, du bist sogar weggelaufen, um nicht kämpfen zu müssen und verdammt, du kannst kämpfen und bist nicht feige, du hast nur irgendeinen Grund, warum du es nicht willst. Irgendeine lächerliche Ausrede, die du nicht sagen willst.“
Als hätte er einen Funken in ihr gezündet, der ein Feuer entfachte, überkam sie blinde Wut, während seine Worte an ihre Ohren prallten. Nicht einmal, dass er sie bei ihrem Namen genannt hatte, nahm sie wahr.
Sie fuhr hoch, die Hände zu Fäusten geballt, funkelte ihn zornig an. Ihre Wangen fleckig gerrötet vor Wut.
„Und was ist mit dir? Pack dich an deiner eigenen Nase! Du hast dem Krieg auch den Rücken zugewandt und hättest mich auch töten können, wenn du gewollt hättest. Für dich bin ich nicht mehr als ein Lockvogel gewesen, falls wir die Verfolger nicht rasch abschütteln hätten können. Stattdessen hast du mich bis hierher mitgenommen, hast dich nicht mal davon gestohlen, wenn ich geschlafen habe. Nur weil du ein paar Wochen mit mir verbracht hast und wir uns noch nicht gegenseitig erledigt haben, heißt es nicht, dass ich dir gleich alles von mir preisgebe! Du würdest es sowieso nicht verstehen. Jemand wie du hat nie richtig geliebt und den Schmerz verspürt, wenn derjenige verschwindet“, sie riss einen Anhänger, der an einer Kette um ihren Hals baumelte, heraus, „Das hier ist alles, was ich noch habe! Ein wenig Blut von demjenigen, der mir was bedeutet hat. Sein Schwert werde ich wohl kaum wiedersehen. Er war ein Dunkelelf, genau wie du!“
Heiße Tränen standen in ihren Augen und sie zog so fest an der Kette, dass diese riss. „Du verstehst gar nichts. Du weißt nicht mal, was ich bin! Stempelst mich nur als Blasshaut und Elfenabschaum ab, aber denkst nicht lange nach.“, ihre Stimme war laut geworden und sie schleuderte den Anhänger gegen seinen Kopf.
Seine filigrane, doch scharfe, Gestalt, traf Furias mit voller Wucht, streifte seine Wange und hinterließ einen blutigen Kratzer.
Lad taumelte zurück, ihr Blick verschwommen von Tränen. Sie raffte ihren Beutel zusammen, schlang den Mantel um sich und rannte so schnell sie ihre Füße trugen in den Wald hinein.
Selbst als sie außer Sicht war, stand er noch dar. Den Blick ungläubig an die Stelle gerichtet, an der sie gestanden und geschrieen hatte. Ihre Wort hallten noch durch seinen Kopf und er hatte das Gefühl, als würde ihn etwas innerlich zerreißen.
Der Anhänger lag neben ihm im Gras. Schimmerte im fahlen Licht der Sonne so unschuldig wie der Tag begonnen hatte.

Comments

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    oh wie traurig D: schnell lauf ihr nach!

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    Tolle Geschichte, bin immer ganz gefesselt. Süss wie die beiden sich langsam näher kommen ;-)

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Fairy Dust

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