Kapitel 3: Erste Zweifel

Das Leben in den Megastädten des Himmels gab Luzifer weitere Rätsel auf. Seit Tagen streifte er durch Eleuria und seine Verwirrung wuchs von Stunde zu Stunde. Dies hier sollte der Himmel sein? Was er sah, ließ ihn daran zweifeln. Sämtliche Laster waren hier zu hause. Luzifer verstand einfach nicht, wie es zusammenpasste, dass  die Bewohner der Menschenwelt in die Hölle kamen, wenn sie der Superbia, dem Hochmut, der Avaritia, dem Geiz, der Luxuria, der Wollust, der Ira, dem Jähzorn, der Gula, der Völlerei, der Invida, dem Neid, oder der Acedia, der Faulheit, anheim fielen, während es hier im Himmel keinen einzigen Engel gab, der nicht regelmäßig  eine oder gleich mehrere dieser Sünden beging. Fragte Luzifer, wie diese Diskrepanz sein könnte, bekam er stets die gleiche Antwort:
"Ist doch der Himmel, oder?!", grinste jeder, den er befragte, gefolgt von einem schelmischen Blinzeln. 
Nein, so hatte Luzifer sich den Himmel nicht vorgestellt. Und je länger er über all diese Dinge nachdachte, umso mehr hatte er das Gefühl, dass nicht die Menschen gerettet und von ihren Sünden erlöst werden mussten, sondern der Himmel selbst...

"Du musst das so sehen", erklärte ihm Dominicus, als Luzifer ihn auf die Zustände im Himmel ansprach, "solange er lebt, führt der Mensch ein hartes und entbehrungsreiches Leben. Im Idealfall hält er sich an sämtliche Gebote GOTTES und hält sich von den Lastern und Sünden fern. Das ist nicht leicht, sondern ein täglicher, stündlicher Kampf gegen sich selbst. Dann stirbt dieser Mensch, kommt hierher und voila, hier darf er jetzt alles nachholen, was er auf Erden versäumt hat."
"Die Belohnung für ein sündenfreies Leben ist also, hier sämtliche Sünden begehen zu dürfen?", fragte Luzifer fassungslos.
"Jetzt hast du`s begriffen!" strahlte Dominicus. Luzifer wandte sich kopfschüttelnd ab. Das war ihm zu billig. Außerdem hatte er das Gefühl, dass an dieser Logik irgendetwas nicht stimmte. Aber er kam nicht darauf, was das war.

Spätabends kehrte Luzifer in sein Haus zurück, das SIE ihm zur Verfügung gestellt hatte. Es stand in einer ländlichen Gegend, nur ein paar Meter von der Haustür entfernt lag ein kleiner See und hinter dem Haus begann der Wald. 
Luzifer mochte die lauten, überfüllten Städte nicht, er bevorzugte die Stille. Außerdem gefiel es ihm, wenn die Tiere des Waldes ohne Scheu zu ihm kamen und sich von ihm streicheln ließen. Er mochte Tiere. 
Nach einer kleinen Mahlzeit ging Luzifer runter zum See. Er setzte sich ans Ufer, beobachtete die leichten Wellen und lauschte ihrem leisen Plätschern.  Ein Fuchs kam aus dem Wald und legte sich neben ihn. Gedankenverloren streichelte Luzifer sein weiches Fell. Er ließ alles, was er in den vergangenen Tagen gesehen und gehört hatte, noch einmal Revue passieren. Irgendetwas war doch faul hier, das spürte er. 
Ein leichter Lichtschein ließ ihn aufblicken. Nur wenige Meter von ihm entfernt, schwebte eine Seele vorbei. Luzifer grüsste sie, doch die Seele nahm ihn überhaupt nicht wahr. Mit entrücktem Lächeln schwebte sie an ihm vorbei und verschwand im Wald. Luzifer sah ihr hinterher - und plötzlich wusste er, was hier nicht stimmte. Dominicus hatte ihm gesagt, dass die Seelen hier zur Belohnung für ihr anständiges Leben soviel sündigen durften, wie sie wollten. ABER DIE SEELEN SÜNDIGTEN NICHT! Die schwebten einfach nur mit diesem entrückten Lächeln durch die Gegend und nahmen nichts von dem wahr, das um sie herum geschah. Es waren einzig und allein die Engel, die sündigten!
Aber konnte das richtig sein? Standen Engel nicht prinzipiell über den Sterblichen? Sollten sie daher nicht als leuchtende Vorbilder gelten, fern jeder Sünde sein?
Je länger Luzifer darüber nachdachte, umso mehr zweifelte er daran, dass hier im Himmel alles so lief, wie es eigentlich sollte...

Comments

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    Wirklich interessant, was die Seelen und Engel so alles machen. Trauen sich die Seelen nicht, oder nehmen sie es nicht wahr, dass sie jetzt alles machen dürfen, was sie früher nicht durften?

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