Kapitel 4 »Unsere Anhänger mehren sich täglich.«

Auf der anderen Seite, am hunderte Kilometer weit entfernten westlichen Ende Orcumorras, gab es von den drei Sonnen keine Spur. Stattdessen war der Himmel verhangen mit tiefgrauen, dichten Wolken, durch die nicht der kleinste Lichtstrahl zur Erde unter ihnen gelangte. Wo einst das Spiegelgebirge gestanden hatte, erstreckte sich nichts weiter denn knöchelhoch aufgetürmter, glänzend schwarzer Staub, einzig durchbrochen durch die unzähligen, tiefen Felsspalten, während die davor liegenden, vormals saftig grünen, blühenden Wiesen nurmehr trocken und verdorrt waren. Der Duft der Wildblumen war schon lange verschwunden, hatte einem seltsamen Gestank aus Tod, Angst und Hass den Platz geräumt. Auch dem noch vor Kurzem in voller Blüte stehenden Wald war es nicht besser ergangen, denn sämtliche seiner Bäume lagen kahl und knorrig da und schienen schon seit Jahrtausenden bis ins Mark versteinert zu sein. Zudem war hier oben kein einziges Lebewesen mehr zu finden, und abgesehen von dem hin und wieder vorüberziehenden Wind, welcher stellenweise dem düsteren Sand ein dezentes Flüstern zu entlocken vermochte, wagte sich nicht das kleinste Geräusch hervor. Nicht umsonst musste sich jedem unwissenden Betrachter der unvermeidbare Eindruck aufdrängen, dass dieser Teil des Landes schon vor ewig langer Zeit gestorben war.

Tief unter der leblosen Oberfläche war es ebenfalls still. In dem gesamten, mittlerweile vollständig vereisten System der ehemaligen Draque-Höhlen war niemand zu sehen, weshalb sämtliche der überall aufgehängten und die eigentlich stockfinsteren Gänge erhellenden Fackeln wirkten, als dienten sie nur zu dem einen Zweck, dass sich die Dunkelheit nicht in ihrer Selbst verirrte. Noch immer hielten die meisten des Clans der Eisdämonen sich in ihrem neuen Reich zurück, ruhten in ihren Behausungen, sammelten Kraft für die bevorstehenden Eroberungen. Zweifelsohne taten sie gut daran, denn das Nodrogg hatte Großes mit ihnen vor, war es doch nicht die Unterjochung Orcumorras allein, welche sie unter seiner Flagge anstrebten, sondern gleichermaßen die Unterwerfung der Dimensionen der Wiederkehr, Endgültigkeit und Verdammnis; womit das Ende aller Welten eingeleitet und eine immerwährende Ära der Finsternis heraufbeschworen werden würde. Und genau aus diesem Grunde wollte es neben dem Eis auch das Feuer an seiner Seite wissen. Denn nichts, nicht einmal das Urböse selbst, war von größerer Macht als dieser flammende Geist, hatte er sich erst an der brennenden Nemesis genährt. Jedoch gelangten sämtliche Kräfte desselben bloß dann zum Vorteil ihrer Sache, wenn er zuvor durch die dunklen Kräfte reinster Bosheit korrumpiert worden war.

Es war schon so weit gekommen, so nah dran gewesen. Beinahe hatte es den Verstand der Feuerstochter zerschlagen. Nur noch ein winziger, unbedeutender Funke hatte es davon getrennt, sie bis ans Ende aller Zeiten zu der seinigen zu machen. Sie hatte sich bereits aufgegeben, war fast willenlos, fast bereit gewesen, sich ihm endgültig und aus freien Stücken zu ergeben. Doch dann waren diese verfluchten Wächter aufgetaucht, hatten sie ihm entrissen, seine wichtigste, gefährlichste Waffe in seinem grausamen Spiel. Nodrogg konnte sie noch immer riechen, diese vermaledeiten Kämpfer des Lichts, deren Gestank ohne Unterlass aus dem verlassenen Verlies der Feuerstochter hervor drang und stetig seine Kreise störte, obwohl es jenen Ort längst von den Eisdämonen hatte versiegeln lassen.

Die Wächter waren noch immer bei ihr, wachten über sie, teilten ihren Weg. Aber ab und zu konnte es sie sehen, seine Feuerstochter, konnte sie hören und spüren. Es begehrte sie so sehr, wünschte sie so sehnlich herbei, brauchte sie, und in den kurzen Momenten, in denen es ihre Nähe fühlte, da spürte das Feuer seine Anwesenheit ebenfalls. Ja, es konnte sogar seine Stimme hören, sich verwirren und schwächen lassen, wenn auch nur für kurze Augenblicke. Das Urböse hatte deutliche Spuren in die Seele des flammenden Geistes gebrannt, sichtbare Spuren. Solche, die jemanden führen konnten, sie zu finden und dorthin zu schaffen, wo das Niederringen der Welten seinen Anfang nehmen sollte.

Unvermittelt erhellte eine Fackel die finstere Kammer, in welche sich das Nodrogg so gerne zurückzog, um sich seinen düsteren Plänen zu widmen, woraufhin das teerige Wesen in seinem Umherkriechen innehielt und sich jenem türkisen Flackern zuwandte, das mitsamt dem Eisdämon Arr hergekommen war, der nun demütigen Blickes nahe beim Eingang stand. Auch an ihm waren die Wächter nicht spurlos vorübergegangen, prangte doch eine tiefe und lange Narbe quer über seinem Gesicht, welche das Schwert der Feuerstochter ihm beigebracht hatte.

Du bist zeitig, bohrten sich die tausend Stimmen des Nodroggs in Arrs Gedanken hinein.

»Ich habe mich gleich auf den Weg zu Euch gemacht, Gebieter der Finssssternissss«, antwortete dieser mit einer ehrfürchtigen Verbeugung, während er jeglichen direkten Blickkontakt zu seinem Herrn vermied.

Wie du weißt, habe ich schon einige wenige von euch ausgesandt, um meine Essenz unter das Volk zu bringen, fuhr das Urböse unbeeindruckt fort. Und ich sehe, sie leisten gute Arbeit. Unsere Anhänger mehren sich täglich.

Arr nickte nur stumm, aber dennoch mit Stolz über das Wirken jener Mitglieder seines Clans, welche nunmehr den Titel des „schwarzen Jüngers“ trugen und deren Aufgabe es war, des Nodroggs Dunkelheit im gesamten Land zu verbreiten. Dazu hatte es jedem von ihnen eine Handvoll seiner nie schwindenden, zähen Schwärze mit auf den Weg gegeben, von welcher nur ein winziger Tropfen genügte, um die Willensschwachen unwiderruflich und ohne Verzögerung auf dessen Seite zu ziehen. Eine ehrenvolle Aufgabe, die nicht jedem der Eisdämonen zuteilwurde. Er allerdings, Arr, gehörte mitnichten zu diesen erlesenen Kriegern seines Clans, lag es doch allein in seiner Schuld, dass die Feuerstochter entkommen konnte. Immerhin war er es gewesen, der die Wächter nicht hatte aufhalten können und dem das vollendete Versagen nunmehr in Form dieser schändlichen Narbe buchstäblich ins Gesicht geschrieben stand. Was ihn betraf, so verdiente er ob seines kläglichen Scheiterns nichts weiter als Qual und Tod. Und darum war er hier.

Du jedoch, schnarrte Nodrogg, das selbstredend wusste, was im Kopf seines Gegenübers vor sich ging und sich selbigem nun langsam näherte, du hast versagt.

»Und die angemessssene Sssstrafe hierfür isssst, mein Leben zu geben«, erwiderte Arr, der sich in Erwartung seines nur zu gerechten Todesurteils mit gesenktem Blick auf ein Knie nieder sinken und seinen Kampfstab klirrend neben sich auf den Boden fallen ließ. »Nehmt essss, auf dassss meine Fehler gessssühnt werden können.«

Unsinn, du Narr! fuhr das Urböse ihn zornerfüllt an. Du hast das Feuer entkommen lassen, also bringst du es mir auch wieder zurück!

Irritiert hob der Dämon ruckartig den Blick, betrachtete vorsichtig das wabernde, über ihm aufragende schwarze Wesen, wagte aber nicht einmal den Versuch, auch nur einen einzigen Ton zu verlieren.

Ich gebe dir ein Stück von mir. Ein besonderes Stück. Es wird dich spüren lassen, wo das Feuer wandelt. Es wird dich zu ihm führen, und du wirst es zur brennenden Nemesis bringen, wo wir wieder aufeinander treffen werden, um Begonnenes zu vollenden.

Mit diesen Worten ließ das Nodrogg eine Hand aus seiner Schwärze hervorwachsen, die eine etwa augapfelgroße Kugel zwischen den Fingern hielt, welche sie dem Eisdämon nun direkt auf dessen eigene, linke Augenhöhle presste, nur um gleich darauf wieder zu verschwinden. Arr derweil brüllte auf vor Schmerz, als die teerige Masse den ihm bis eben noch scharfe Sicht spendenden Gallertkörper binnen eines Sekundenbruchteils zersetzte, sich rasch weiter ausbreitete, unaufhaltsam durch sein Fleisch fraß und sich tief in seine komplette linke Gesichtshälfte einbrannte. Nicht wissend, wohin mit all der Pein, schlug er keuchend und knurrend die Krallen in das Eis unter sich, riss dicke Krater hinein und nahm wie aus weiter Ferne den Schwall schwarzen Rauches wahr, welcher während der Symbiose zischend von seinem Gesicht aufstieg. Bloß einen halben Herzschlag danach war es vorüber, woraufhin er sich vorsichtig und schwer atmend erhob und bereits das erhabene Gefühl neuer, ungemein großer Stärke verspürte.

Nun geh, befahl Nodrogg. Und solltest du noch einmal versagen, sei deine Strafe Schmerz und Folter bis an das Ende der Zeit!

»Sssso ssssei essss, Gebieter der Finssssternissss«, antwortete Arr, der zwar noch immer kein schwarzer Jünger, aber dafür nun etwas in diesem ihrem Kampf mindestens ebenso Wichtiges geworden war, verbeugte sich abermals, hob seinen Kampfstab auf und verschwand. Schon kurze Zeit darauf raste er auf dem Rücken seines eisfarbenen, gute acht Meter langen und dunkelgrün befußten, der Rasse der Smaragdläufer angehörenden Tausendfüßlers durch die staubigen Überreste des Spiegelgebirges.

Die Jagd hatte begonnen.

 

Ende der Leseprobe

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media