Kapitel 4

Ich kuschle mich fester in die Decke hinein. In diesem Zimmer ist es eiskalt. Leider brennt das Feuer am Kamin auch nicht und ich weiß auch nicht wo die Streichhölzer zum Anzünden liegen.

Vor Erschöpfung fallen meine Augen immer wieder zu und ich kämpfe jedoch gegen die immer stärker werdende Müdigkeit an. Der heutige Tag war einfach viel zu anstrengend und verwunderlich für mich. Ich bin total erschöpft, doch schlafen möchte ich noch nicht. Ich möchte nur ein bisschen über den Tag nach denken und mir über ein paar Sachen klar werden. Eher kann ich nicht ruhig schlafen.

Das ist eines meiner Probleme. Wenn ich meine Gedanken noch nicht zu Ende gedacht habe, kann ich auch nicht ruhig schlafen. Das ist total nervig, doch so ist es halt.

Ich drehe mich auch auf den Rücken und starre an die weiße Decke. Im Zimmer riecht es nach Zitrone und es ist kein Geräusch, abgesehen von dem, das entsteht, wenn ich ausatme, zu hören. Diese Stille beruhigt mich. Ich hasse laute Geräusche und viele Leute auf einem Haufen.

Dieser Tag war einfach zu viel für mich. Erst diese Vermisstenanzeige in der Zeit, dann die fehlgeschlagene Entführung und Hilley, die sich vor meinen Augen in jemand Anderen verwandelt und zwei Menschen tötet. Und dann noch unsere Ankunft hier.

Hier in diesem großen Haus weit weg von der Stadt mitten im Nirgendwo. Um das Haus herum sprießen Hunderte von Bäumen aus dem Boden. Große und kleine. Viele mit grünen und wenige mit orangenen Blättern. Ich freue mich schon darauf bald mal durch den Wald zu streifen und ein paar Stunden in der Natur zu verbringen. Das wäre eine schöne Abwechslung und würde mich auch von den Ereignissen dieses Tages ablenken. Denn auch nachdem wir hier angekommen waren, hörten die Überraschungen nach auf.

Nachdem die Kutsche angehalten hatte, waren wir ausgestiegen und Hilley hatte sich erneut bei dem Kutscher, Taylor, für seine Hilfe bedankt. Unterdessen hatte ich mich ein wenig umgesehen. Einige Meter von uns entfernt befand sich ein großes Haus, dessen Fassade mit weißer Farbe bepinselt worden war. Die Haustür war aus dunklem Eichenholz und an der Außenfassade befanden sich mehrere große Fenster, durch die man im Inneren des Hauses wahrscheinlich einen wunderschönen Ausblick auf die Wiesen hat, die das wunderschöne Haus umgeben.

Rechts neben dem Haus stand ein großer Kirschbaum mit rosanen Blütenblättern. Aus der Baumkrone hat man wahrscheinlich eine wunderschöne Aussicht. Ich schnupperte in die Richtung des Baumes und mir stieg der Geruch von Kirschen in die Nase. Mhm, Lecker!

Ich wäre am liebsten sofort los gelaufen und hätte mich auf dem ganzen Grundstück umgesehen, doch das wäre in diesem Moment wahrscheinlich unangebracht gewesen, weshalb ich einfach stehen geblieben bin und auf Hilley gewartet habe.

Sie hatte sich neben mich gestellt und auf das Haus gedeutet:“Das ist mein Haus, Stella. Ich würde mir, dass du hier mit mir wohnst.“ Ich runzelte die Stirn und betrachtete sie ratlos:“Wieso das denn?“ “Das werde ich dir später erklären. Versprochen“, sie hob die Hand zum Schwur. Ich begann auf meiner Lippe herum zu kauen:“Ich weiß ja nicht so recht.“ “Bitte, Stella. Alles wird Sinn ergeben. Das verspreche ich dir, aber jetzt muss du mir vertrauen.“ Ich nicke daraufhin zustimmend. Sie klang ehrlich und es schien ihr wirklich wichtig zu sein. Sie schloss mich erneut ihre Arme und drückte mich so fest, dass ich fast keine Luft mehr bekam.

Es schien einfach so als wäre es ihr total wichtig gewesen, doch mittlerweile bereue ich es zugestimmt zu haben. Ich hätte einfach wieder zurück in die Stadt gehen und alleine weiterleben sollen. Ich habe keine Ahnung, was Hilley von mir will und kann einfach nicht mehr aufhören darüber nach zu denken, warum sie mich so gerne bei sich behalten will.

Vielleicht sollte ich einfach im Schlaf verschwinden und die Stadt verlassen. Sie würde mich nicht finden. Ich bin gut darin mich zu verstecken und sie würde sicher irgendwann aufhören nach mir zu suchen. So wichtig bin ich ja nicht.

Ich schiebe die Decke zur Seite und klettere leise aus dem Bett. Im Zimmer stehen nur mein Bett, welches mit blauer Bettwäsche bezogen ist, ein dunkler Schrank und ein Schreibtisch in der gleichen Farbe. Es ist einfach gehalten, aber trotzdem ziemlich gemütlich. Jedenfalls gemütlicher als mein Zimmer im Waisenhaus, das ich mir mit anderen Jungendlichen teilen musste.

Aus dem Schrank nehme ich meine Sachen, die am Abend gegen Sachen, die Hilley mir gegeben hatte, eingetauscht. Schnell ziehe ich die fremden Kleidungsstücke aus und meine an. Dann streife ich auch meinen Mantel über. Es ist mein Einziger und gleichzeitig auch mein Liebster.

Auf Zehnspitzen schleiche ich zu meiner Zimmertür, die ich geräuschlos öffne. Ich möchte nicht, dass mich Jemand entdeckt. Hilley wäre sicher enttäuscht, wenn sie mich dabei erwischen würde, dass ich zu verschwinden versuche.

Als die Tür offen ist, schleiche ich geräuschlos zum Treppenabsatz und nehme jede der knarrenden Treppenstufen einzeln. Das hier ist wahrscheinlich keine gute Idee, doch diesen Gedanken verdränge ich einfach und konzentriere mich lieber darauf nicht allzu laut zu sein.

Am Ende der Treppe angekommen, sehe ich mich um. Hilley ist nirgends zu sehen. Zum Glück habe ich mir den Weg von der Haustür in mein Zimmer gemerkt.

Schnell eile ich zur Tür, um das Haus endlich zu verlassen. Ich habe den Türgriff bereits in der Hand, als Jemand hinter mir plötzlich die Stimme erhebt:“Was hast du vor?“

Ich zucke vor Schreck zusammen und fahre zu der Person, der die Stimme gehört herum. Schon bei dem ersten Buchstaben, der aus ihrem Mund dran, wusste ich, dass es nicht Hilley sein kann. Außer sie hat ihre Stimme auch die ganze Zeit verstellt, aber das scheint fast unmöglich. Schließlich kann so gut wie keine Erwachsene Frau ihre Stimme so verstellen, dass sie wie die einer sechzehn-jährigen Teenagerin klingt.

Vor mir steht eine sechzehn-jährige Teenagerin. Sie trägt ein enges Top und eine kurze Schlafhose. Sie hat also bis gerade noch geschlafen. Mein Blick fällt auf ihre blonden Haare. Diese sitzen perfekt. Wie ist das möglich? Meine dunkelbraunen Haare sind immer ein richtiges Vogelnest, wenn ich morgens aufstehe und ich brauche total lange, um wenigstens die größten Knoten heraus zu kämmen. Mein Blick wandert weiter in ihr Gesicht. Ihre Wangen sind rosig und ihre bernsteinfarbenen Augen wirken so wach, als wäre sie schon seit Stunden wach und nicht gerade erst aufgestanden. Wie kann man aus dem Bett aufstehen und sofort so gut aussehen? Das macht mich total neidisch, doch ich habe jetzt keine Zeit, um sie zu fragen, wie sie das macht.

“Das geht dich gar nichts an“, gebe ich zurück und ergreife wieder den Türgriff. “Ach nein? Willst du etwa, dass ich Hilley hole, damit sie dich fragt, was los ist?“ Ich schüttele ruckartig den Kopf:“Wenn du das tust…“ Sie unterbricht mich sofort:“Dann was? Petzt du dann?“ Ich versuche mich zu beruhigen:“Nein, dann breche ich dir den Arm.“ Sie lacht herausfordernd:“Das würdest du nicht wagen.“

Ich verschränke die Arme vor der Brust und sehe wie sie bei der Bewegung zusammen zuckt. Anscheinend glaubt sie wirklich, dass ich das tun würde. Ich beschließe dieses Detail für mich zu nutzen. Ich bewege mich schnell auf sie zu und drücke sie mit meinem Ellenbogen an die Wand. Sie ist total überrascht und auch ängstlich:“Hilley! Komm schnell runter. Sie will mir den Arm brechen.“ Ich nehme den Ellenbogen schnell wieder weg und werfe ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.

Wenige Sekunden nachdem das Mädchen gerufen hat, kommt Hilley schon die Treppe runter gelaufen und schaut zwischen uns beiden hin und her:“Was ist denn hier los?“ “Sie hat gedroht mir den Arm zu brechen und versucht ab zu haben“, petzt das Mädchen sofort. Ich werfe dem Mädchen einen wütenden Blick zu und schaue dann schuldbewusst zu Hilley. “Du wolltest einfach so verschwinden?“, fragt sie enttäuscht.

Ich kaue auf meiner Lippe herum und wage es nicht ihr in die Augen zu blicken. Sie ist enttäuscht. Das weiß ich auch ohne sie anzusehen. “Ja“, antworte ich leise. “Wieso?“ “Weil ich nicht verstehe wieso ich bleiben soll“, gebe ich ehrlich zu.“Du sollst bleiben, weil du total wichtig für uns bist“, sagt sie:“Genau wie Ruby hier.“ Sie deutet auf das Mädchen neben mir. Sie heißt also Ruby?! Der Name passt irgendwie zu ihr. “Und wieso bin ich wichtig?“, frage ich weiter.

Sie seufzt und nimmt meine Hand. Dann zieht sie mich ins Wohnzimmer. Sie deutet mit der Hand auf das Sofa:“Bitte setz dich.“ Ich tue wie mir geheißen. Hilley setzt sich neben mich und legt meine Hände in ihre:“Ich werde dir jetzt alles erklären.“

Ich bin gespannt, was sie mir zu erzählen. Hoffentlich beantwortet sie mir alle wichtigen Fragen, die mir schon den ganzen Tag auf der Zunge brennen. Wieso wollten diese Leute mich entführen? Wieso bin ich wichtig? Was macht mich denn wichtig? Wofür braucht Hilley mich so dringend und ist Ruby aus dem gleichen Grund wie ich hier?

Hinterlasst mir gerne einen Kommentar!

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