Kapitel 4

Ein leises Klopfen riss sie aus ihrem Dämmerzustand. Das Wasser fing an auszukühlen und sie fröstelte. Benommen schaute sie sich um, und noch ehe sie begriff, wo sie war, öffnete sich die Tür.
Erschrocken riss sie ihre Arme vor die Brust und schützte so ihre Nacktheit. Zu bestürzt, um etwas zu sagen, starrte sie Riley mit offenem Mund an, der ohne Umschweife das Zimmer betrat und die Tür hinter sich schloss.
»Du bist ja noch im Wasser«, sagte er erstaunt und betrachtete sie mit erhobenen Augenbrauen.
»Kannst du dreister Sack deine Augen vielleicht zumachen?! Ja, wie du unschwer erkennen konntest, sitze ich noch im Wasser, ich bin eingenickt.«
Riley grinste sein unverschämtes Grinsen, in dem er nur einen Mundwinkel hob, verschränkte die Arme vor der Brust und drehte sich betont langsam um.
»Aber man kann sagen, was man will, du bist wirklich eine Augenweide.«
Erbost griff Zyprin nach dem Erstbesten, was sie in die Finger bekam und warf es nach ihm. Es war die Seife, die die ganze Zeit im Wasser gelegen und arg gelitten hatte. Schleimig platschte der Rest gegen die Wand neben der Tür und verfehlte Riley nur knapp.
»Hey«, er lachte und duckte sich gespielt erschrocken. »Die Seife brauche ich noch, ich will schließlich auch noch in die Wanne.«
»Dreh dich jetzt ja nicht um, ich komme raus«, sagte Zyprin drohend, und als sie überzeugt war, dass er ihrem Befehl gehorchen würde, stand sie auf und schnappte nach dem Tuch auf dem Hocker. Das Wasser lief ihr den Körper hinab und sie fror sofort noch etwas mehr. Flink schlang sie den nicht all zu dicken Stoff um ihren Körper, immer ein Auge auf Riley fixierend, um sicherzugehen, dass er sie nicht doch heimlich beobachtete.
»Bringen die jetzt frisches Wasser, oder wie läuft das hier? Und wo kommt das alte Wasser hin? Ich meine, ich habe keinen Abfluss oder sowas gesehen«, fragte Zyprin, als sie schließlich aus dem Waschzuber stieg.
Riley riskierte einen zögernden Blick und drehte sich um, als er sah, dass Zyprin ihre Blöße bedeckt hatte.
»Das Wasser bleibt bis morgen früh hier, meine Hübsche. Hier läuft es nicht wie bei euch auf der Erde. Eine Wanne voller Wasser reicht im Normalfall einer ganzen Familie. Die Ältesten waschen sich zuerst und die Jüngsten zuletzt.«
Zyprin wurde mulmig in der Magengegend, wenn eine sechsköpfige Familie also Badetag hatte, wuschen sich die Kleinsten im Dreck der Ältesten? Bah, der Gedanke war so widerlich.
Plötzlich dämmerte es ihr. »Das soll jetzt aber nicht heißen, dass du in meinem Abwasser badest?!«
»Abwasser ist aber ein hartes Wort, Liebes. Du hinterlässt mir doch keine braune Matschplörre, oder doch?« Neugierig beugte er sich vor und warf einen Blick ins schaumige Nass. »Nein, nur Wasser, kein Schlamm. Keine Angst, ich habe schon wesentlich schlimmer gebadet, da hat dein Badewasser geradezu Trinkwasserqualität.« Er schüttelte sich vor Lachen, als Zyprin angeekelt ihr Gesicht verzog.
»Aber bevor das Wasser gänzlich kalt wird, werde ich mich nun auch entkleiden und in die Wanne setzen, wenn du nichts dagegen hast, meine saubere Schönheit.«
»Hör auf das zu sagen!«, fuhr Zyprin ihn an.
»Was meinst du?« Riley zögerte, als er den Gürtel seiner Hose öffnen wollte.
»Sag nicht, dass ich hübsch bin, nenne mich nicht Schönheit und auch sonst nichts, klar? Ich weiß, wie ich aussehe und es ist nicht nett, wenn du mich so aufziehst. Es verletzt mich.«
Riley betrachtete sie einen Moment nachdenklich. »Meine liebe Zyprin, ich weiß ja nicht, was sie dir auf deinem Planeten für Flausen in den Kopf gesetzt haben. Mag auch sein, dass das Schönheitsideal auf der Erde ein anderes ist, aber wenn ich dir sage, dass ich dich schön finde, dann meine ich das auch so. Du hast hier noch nicht viele Frauen gesehen, aber wenn du sie dir mal genau ansiehst, wirst du begreifen, was ich meine. Du. Bist. Schön. Und ich bin mir ganz sicher, dass dich auch auf der Erde eine Menge Menschen wunderschön finden.«
Zyprin wusste, dass sie nicht hässlich war, darum ging es nicht. Aber in ihrer Gegend galt sie eher als farblos und langweilig. Nicht interessant genug, um aufzufallen, nicht hübsch genug, um wirklich bemerkt zu werden. Aber das war völlig in Ordnung für sie, denn sie hatte es eh nicht damit, im Mittelpunkt eines Geschehens zu stehen. Um so befremdlicher waren Rileys Komplimente und anzüglichen Scherze für sie.
Sie mochte ihre Augen, sie waren schön groß und hatten ein angenehmes Blau, fast schon einen Hauch Violette. Das war es dann aber auch schon. Der Rest von ihr war bestenfalls gewöhnlich. Sie war nicht besonders groß, ihre Beine zu stabil gebaut, ihre Hüften etwas zu speckig und ihre Finger zu klobig. All das hatte sie bisher nicht wirklich gestört, bis Riley kam und ihr ständig sagte, dass sie seine Hübsche sei. Dennoch beschwichtigten sie seine Worte. Vermutlich war sie gerade einfach nur eine blöde Zicke, die nur einen Schokoriegel brauchte, um den Schoko-Glücks-Level wieder aufzufüllen.
»Entschuldige, ich wollte dich nicht so anfahren, Riley. Ich weiß, dass du es gut meinst, aber es wäre mir trotzdem lieber, wenn du mich nicht mit solchen Kosenamen bedenken würdest, ich fühle mich unwohl, wenn du mich so nennst. Es wird vermutlich eine ganze Weile dauern, bis ich mich an diese Welt und ihre Standards gewöhne, sei geduldig mit mir.« Zerknirscht schaute sie auf den Boden. Er war der einzige Mensch, den sie hier kannte. Es sich mit ihm zu verscherzen war vermutlich keine so gute Idee. Und im Normalfall war sie auch gar nicht so aufbrausend. Aber Riley hatte sie ja schon vor den Gefühlsschwankungen gewarnt. Sie sollte das nächste Mal lieber erst nachdenken, bevor sie sprach, nicht, dass sie sonst etwas wirklich Beleidigendes zu ihm sagte.
Riley stellte sich dicht vor sie und legte seine Hände auf ihre Schultern. »Zyprin, ich weiß, wie schwierig die Situation für dich ist. Es stürmt alles auf dich ein und ich finde, du erträgst das alles überaus tapfer. Du bist sehr souverän und behältst in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf. Das ist sehr bewundernswert und schon jetzt, auch ohne Ausbildung, bist du eine wahre Wanderin in meinen Augen. Deine Mutter wird sehr stolz auf die Frau sein, zu der du geworden bist.«
Zyprin fühlte sich alles andere als Souverän. Sie war Riley dankbar, dass er sie aufzubauen versuchte, aber sie würde Zeit brauchen, mehr, als nur 2 oder 3 Tage, fürchtete sie.
In ihrer Traurigkeit legte sie ihre Arme um ihn, schloss die Augen und lehnte ihren Kopf an seine Brust. Sein Herzschlag war kräftig und wirkte beruhigend auf sie. Riley umarmte sie auch. Er strich ihr über das feuchte Haar und küsste sie tröstend auf die Stirn. Zyprin mochte diese kleinen Zärtlichkeitsbekundungen, sie fühlten sich richtig an. Schweigend genoss sie seine Nähe eine Weile, bis sie sicher war, dass sie sich wieder gefangen und ihre Emotionen sich beruhigt hatten.
»Es ist spät, ich werde mir jetzt das Unterkleid überziehen und mich ins Bett legen. Ich bin völlig fertig und total erschöpft«, sagte Zyprin und löste sich von Riley. Der Moment, als sie ihn losließ, fühlte sich an, als wäre ihr wieder etwas genommen worden. Noch nie hatte sie einen Mann kennengelernt, der so eine starke Wirkung auf sie hatte. Und sie lebte in einer Großstadt, in der Männer mit großer Wirkung praktisch in jedem Klub lauerten. Doch Riley war anders, ungekünstelt und echt. Selbst der Schweiß der Reise ließ ihn nicht abstoßend wirken, sie mochte sehr, wie er roch. Verlegen schaute Zyprin durch den Raum. Sie war sehr offen erzogen worden, aber das Handtuch vor einem praktisch Fremden fallen zu lassen, war sie trotzdem nicht gewöhnt.
»Würdest du dich kurz umdrehen, bis ich mich wieder angezogen habe?«
Riley betrachtete sie mit einem Blick, der Zyprin einen sanften Schauer über den Körper rieseln ließ. Sie kannte diesen Ausdruck von Männern bereits aus den Tanzklubs ihrer Stadt, aber nur Riley schaffte es, sie mit seinen Augen so zu verwirren. Er schwieg, strich ihr noch ein letztes Mal über die Wange und drehte sich schweigend zum Fenster.
Geschwind ließ Zyprin das Badetuch fallen und zog sich das Unterkleid über. Ihr Körper war noch immer feucht und so klebte der Stoff an ihrer Haut und zeichnete so mehr von ihrer Figur ab, als ihr lieb war. Daran ließ sich jetzt vorläufig nichts ändern, in ein paar Minuten würden auch die durch die Feuchtigkeit durchsichtigen Stellen wieder angemessen verdeckt sein.
Riley hatte die Gelegenheit wahrgenommen und sich seinerseits weiter entkleidet. Er legte seine Kleidungsstücke ordentlich über den Hocker und stand schließlich nackt mit dem Rücken zu ihr. Beschämt schaute sie weg. Von ihm verlangte sie, dass er sich benahm und sie nicht nackt anstarrte, aber sie tat nichts anderes. Er hatte aber auch einen Körper, bei dem man nicht wegsehen konnte. Seine gesamte Muskulatur zeichnete sich deutlich definiert unter seiner Haut ab. Aber was Zyprin nicht wegschauen ließ, waren die Narben, die sich auf seinem Körper verteilten wie eines von Mutters Nähmustern. Was zur Hölle war diesem Mann nur zugestoßen, wer hatte ihn nur so entsetzlich misshandelt?! Kurz war sie versucht ihn danach zu fragen und mit ihren Fingern die hellen Linien des vernarbten Gewebes nachzumalen, aber sie beherrschte sich in letzter Sekunde, drehte sich weg und stieg ins Bett. Erst, als sie hörte, dass Riley in die Wanne gestiegen war, traute sie sich wieder, ihn anzusehen. Entspannt hatte er den Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Ein wohliger Seufzer entfuhr ihm und Zyprin musste grinsen, da sie vor einer Stunde vermutlich genau so ausgesehen hatte.
»Fühlt sich gut an, was?«, sagte sie und lächelte vielsagend.
»Du hast ja keine Ahnung, wie gut.« Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln. »Das ist die einzige Annehmlichkeit, die ich von der Erde wirklich unfassbar vermisse. Eine gute Dusche beziehungsweise ein heißes, duftendes Bad mit dickem Schaum.
Zyprin zog die Luft scharf ein, als sie das Wort ›heißes Bad‹ hörte. »Oh nein, tut mir leid, ich habe so lange gebadet, dass es jetzt sicher eiskalt im Wasser ist.«
Doch Riley klang eher amüsiert. »Glaube mir, das war gut so. Die kleine Abkühlung hat mir ganz gut getan nach dieser Umarmung.«
Zyprin sah grinsend weg, also spürte er auch eine ähnliche Anziehungskraft zu ihr, wie sie zu ihm.
»Ich weiß, dass du mich eben beobachtet hast, als ich mich ausgezogen habe«, sagte er unvermittelt und Zyprin klappte kurz ertappt der Mund auf.
»Was?! Wie kommst du denn - ich meine, ich habe nicht - also ich wollte nicht-«
Riley schüttelte lachend den Kopf. »Keine Angst, das stört mich nicht. Ich habe kein Problem mit Nacktheit, ob ich nun andere nackt sehe oder selbst nackt bin. Nach so vielen Jahren wird es dir vermutlich ähnlich ergehen. Aber ich vermute, du fragst dich, woher ich all die Narben habe?«
Zyprin zuckte betreten die Schultern. »Also wenn ich ehrlich bin, ja klar frage ich mich das. Ich meine, das sind so viele Narben, das sieht wirklich übel aus. Aber es ist okay für mich, wenn du nicht drüber reden möchtest, das ist auch etwas sehr Persönliches.«
»Ich hätte es nicht angesprochen, wenn ich dir nicht zumindest ein paar Dinge erzählen wollte. Nicht alles, weil das mit dem Versprechen an deine Mutter kollidieren würde, aber einiges.« Er schaufelte sich einige Ladungen Wasser mit seinen Händen über Gesicht und Kopf, bevor er weiter sprach. »Ich bin nun seit 184 Jahren Wanderer, laut deiner Erdenjahre.«
Zyprin öffnete ungläubig den Mund, ja, er hatte erwähnt, dass Wanderer sehr alt wurden, aber irgendwie hatte sie das nicht wirklich für voll genommen.
»Wow! Du siehst keinen Tag älter aus als 183«, sagte sie und lachte kreischend, als Riley ausholte und Wasser zu ihr rüber spritzte.
Riley grinste Zyprin frech an. »Warte ab, bis ich hier rauskomme!«
»Erzähl mir lieber, was du in dieser Zeit alles erlebt hast und wirf hier nicht mit leeren Drohungen um dich«, sagte Zyprin absichtlich provozierend mit einem Zwinkern.
Sein Blick wanderte an die Decke und Zyprin sah richtig, wie er in eine andere Zeit eintauchte.
»Meine Eltern waren so stolz, als sie hörten, dass ich zu den Wanderern gehören würde. Die Schwestern des Bahar Marush Ordens - sie nennen sich auch Schwestern des dunklen Mondes - sind einzig dazu auserkoren, alle Wanderer auf allen Welten ausfindig zu machen und sie in ihr Kloster zu bringen, um sie dort gründlich auszubilden.«
»Es gibt Wanderer auf allen Welten?«, fragte Zyprin erstaunt.
»Natürlich, auf allen Welten, auf denen auch Magie existiert.«
»Ah«, sagte Zyprin und dachte daran, dass sie vermutlich deshalb nie bemerkt hatte, dass sie anders war als andere. Ja, von ihrem inneren Gefühl her, aber Magie gehörte einfach nicht zur Erde. Vermutlich hatte es sie dort nie gegeben und es würde sie dort nie geben.
»Dann war ich die Einzige auf der Erde?«
»Nein, du warst nur die Einzige, von der ich es ganz sicher wusste. Auch andere Menschen tragen dieses Gen in sich, das aber nie aktiviert wird, wenn eine Welt magielos ist.«
Zyprin kratzte sich grüblerisch am Kinn. »Das heißt also, wenn du mich nicht gefunden hättest, wäre ich nie eine Wanderin geworden.«
Riley zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Vermutlich. Ja.« Dann sah er zu der Seife, die immer noch halb an der Wand klebte, und deutete darauf. »Entschuldige, ich habe vergessen die Reste von der Seife wieder aufzusammeln, könntest du sie mir bitte bringen?«
Na klar konnte sie. Flink kroch sie aus dem Bett, ging zur Tür und hob den kläglichen Rest auf. Na ja, für einmal waschen würde es vermutlich noch reichen. Dann ging sie zu Riley und übergab sie ihm. Seine Finger strichen wie zufällig über ihre Hand.
»Danke.«
»Kein Problem, ich habe sie ja schließlich auch an die Wand gefeuert.« Zyprin grinste frech und hüpfte zurück ins Bett. Als sie es sich wieder gemütlich gemacht hatte, erzählte Riley weiter.
»Mich haben die Schwestern des dunklen Mondes auch in ihren Reihen aufgenommen. Den Beweis ihrer Trainingsmethode werde ich für den Rest meines Lebens mit mir rumtragen. Zumindest den Großteil, die restlichen Narben habe ich von Kämpfen als Wanderer davongetragen.«
»Was?!« Zyprin war entsetzt. »Die Nonnen haben dich misshandelt?! Was zur Hölle soll das denn für ein Orden sein?!«
»So war das früher eben«, sagte Riley und seifte sich bedächtig ein. »Mittlerweile sind ihre Methoden etwas sanfter geworden, sie haben einen anderen Weg gefunden, ihren Zöglingen beizubringen, was nötig ist. Einen effektiveren.«
»Warte mal, warte mal, ganz langsam. Wenn du mir sagst, sie bilden alle Wanderer, meinst du damit, dass auch ich zu ihnen hin muss?«
Riley schürzte nachdenklich die Lippen. »Das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Meines Wissens wurde noch kein Wanderer so spät aktiviert. Ich weiß nicht, ob sie dich da überhaupt noch aufnehmen würden.«
»Na ganz toll.« Zyprin runzelte grübelnd die Stirn. Es wurde Zeit, dass sie endlich zu ihrer Mutter kamen. Ihr brannten so unsagbar viel Fragen auf der Zunge, dass sie fürchtete, nie damit fertig zu werden, diese zu stellen.
»Und ihre Methoden bestanden damals darin, deinen Körper und deine Seele nach bestem Wissen und Gewissen zu malträtieren? Wie hast du das überstehen können?« Zyprin war entsetzt, sie wollte einfach nicht glauben, dass Menschen so sein konnten, besonders, wenn sie auf Kinder acht geben sollten.
»Nicht alle haben ihre Erziehungsmethoden überlebt«, sagte Riley geistesabwesend und sein Blick wurde dunkel und grüblerisch.
Sie hätte gerne mehr von seiner Vergangenheit gehört, um ihn so besser kennenzulernen. Er war ein Buch mit sieben Siegeln für sie. Das machte ihn interessant, aber auch geheimnisvoll. Sie konnte den Mann vor ihr in der Wanne nicht einschätzen, wusste nicht, inwieweit er zu den Guten zählte oder ob er doch nur seine eigenen Belange verfolgte. Zyprin war nicht naiv, jeder Mensch log und jeder Mensch hatte seine Leichen im Keller. Wie viele Leichen Riley wohl vergraben hatte? Ein Mensch, der so schlimme Dinge wie Misshandlungen erlebt hatte, verbarg im Erwachsenenalter oft besonders düstere Dämonen. Aber wenn sie ehrlich war, ging sie das nichts an, auch wenn sie ihm gezwungenermaßen ihr Leben anvertrauen musste.
»Willst du mehr darüber erzählen?«, fragte sie mitfühlend.
Riley schüttelte den Kopf. »Manche Dinge sollten vergraben bleiben, wenn man geschafft hat, sie zu verscharren. Nichts für ungut.«
Zyprin nahm ihm nicht krumm, dass er sich ausschwieg, schließlich waren sie kaum mehr als Fremde, die den gleichen Reiseweg hatten.
Riley nutzte Zyprins Schweigen und seifte den Rest seines Körpers ein, der sich außerhalb des Wassers befand. Dann tauchte seinen Kopf unter, um die Schaumreste auszuspülen.
»Ich habe genug«, murmelte der Mann in der Wanne und erhob sich ohne Vorwarnung.
Erschrocken zog Zyprin die Luft ein und hob rasch ihre Hände vor die Augen. Sie hätte die Augenlider auch schließen können, aber dann hätte sie nicht zwischen ihren Fingern hindurch linsen können, um einen Blick auf seinen Körper zu erhaschen.
»Es ist wahrscheinlich zu anmaßend, aber ich kann bereits den ganzen Abend nur daran denken, dass ich gerne die Nacht mit dir verbringen möchte«, sagte Riley und entgegnete ihrem Blick ruhig, er versuchte gar nicht erst, seine Lust zu verbergen.
Zyprin schluckte, ihr war durchaus klar, wie er das meinte, seine Körperreaktion ließ daran keinen Zweifel. Aber sie war bis jetzt nie so weit gegangen. Ihr Ex hatte fummeln und sie auch berühren dürfen. So wie sie seinem Wunsch nachgekommen war, ihn mit den Lippen zu befriedigen, aber zu Sex hatte sie es nie kommen lassen. Sie wusste selbst nicht, warum sie sich so gesträubt hatte, es hatte zumindest nie einen triftigen Grund gegeben. Sie war einfach nicht bereit gewesen.
»Aber wir werden die Nacht doch zusammen verbringen«, sagte sie verunsichert. Sie rissen den Blick von seinem Körper, an dem Wasser und Seifenreste hinab rannen. Seine Erscheinung ließ etwas tief in ihrem Schoß pulsieren. Ja, dieser Mann war unverschämt gut gebaut, selbst seine Narben machten ihn nur noch anziehender. Aber genügte das, um ihre Jungfräulichkeit einfach wegzuwerfen? Sie würde sich selbst belügen, wenn sie sagte, dass sie nicht selber davon geträumt hatte, wie er sie nahm und ihr auf verschiedensten Wegen das Hirn rausvögelte. Sich das vorzustellen war das eine, es wirklich zu tun, etwas völlig anderes.
Riley grinste schief und stieg aus dem Waschzuber, nachdem das meiste Wasser von seinem Körper getropft war.
»Du weißt ganz genau, wie ich das meine. Stell dich nicht naiv, das passt nicht zu dir, dafür bist du zu intelligent.«
Zyprin schluckte eine schnippische Antwort hinunter, das war nicht der richtige Augenblick dafür. Sie war schon immer für ihre ehrliche Art bekannt und würde den Teufel tun, das jetzt zu ändern. »Hör zu Riley. Glaube mir, mein Körper ist ein kleiner Verräter, der nichts lieber tun würde, als sich mit dir in den Laken zu rollen. Doch mein Verstand lässt das nicht zu. Ich will nicht, dass mein erstes Mal auf diese Art geschieht. Ich will, dass es etwas Besonderes wird, etwas, an das ich noch denken werde, wenn ich alt und grau bin.«
Riley hob erstaunt die Augenbrauen. »Du bist im Ernst noch Jungfrau? Wie alt bist du? 18 - 19?«
»Ich bin 19«, antwortete Zyprin schroff und fühlte sich angegriffen. »Ist es etwas ein Verbrechen, wenn man sich für den Richtigen aufheben will?«
Riley wickelte das noch von Zyprin feuchte Tuch um seinen Körper. »Nein, natürlich ist es das nicht. Ich hätte nur einfach nicht damit gerechnet, das ist alles. Ich dachte, dass es gerade auf der Erde schon fast einem Wettbewerb gleichkommt, wie schnell man seine Jungfräulichkeit verliert.«
»Wow, das ist ganz schön klischeehaft, meinst du nicht auch? Und nur zu deiner Information, ja, es gibt sicherlich junge Menschen, die besser früher als später ihr erstes Mal erleben möchten, aber immer mehr heben sich auf, weil sie nicht für jeden XYZ die Beine breitmachen wollen.«
Riley hob beschwichtigend seine Hände. »Bitte, nimm mir meine Äußerung nicht übel, ich wollte dich nicht verletzen. Im Gegenteil, ich bin beeindruckt von dir und deinen Überzeugungen. Ich verspreche dir, dass ich keinerlei Annäherungsversuche mehr starten werde, es sei denn, du möchtest es.«
Zyprin hörte ihre innere Libido frustriert schnaufen und beleidigt die Arme vor der Brust verschränken. Sollte sie doch, sie würde sich auch wieder beruhigen.
»Danke für dein Verständnis, Riley. Ich werde mich jetzt schlafen legen, es war ein langer Tag.«
Riley nickte freundlich und legte sich ebenfalls in sein Bett. »Es war wirklich ein langer Tag. Träum was Schönes, ich hoffe, du wirst besser schlafen, als die letzten beiden Nächte.«
Zyprin legte sich mit dem Gesicht zu ihm gerichtet, lächelte und schloss die Augen. Sie war eingeschlafen, bevor sie den nächsten Atemzug tun konnte.
Schwere Träume von verlorenen Hunden und ekelhaften Räubern, die über sie herfielen, verfolgten sie die ganze Nacht.
Sie träumte von der Silhouette eines Mannes in Schwarz, der breitbeinig in der Ferne ihren Namen rief. Sie wusste, dass das ihr Vater war, auch wenn sie ihn nicht wirklich erkennen konnte. Er rief sie zu sich, lockte sie mit honigsüßen Worten, die nicht in ihrem Verstand haften blieben. Zyprin spürte, dass es sich nicht nur um einen Traum handelte, das war mehr.
Sie spürte Vertautheit und Fremdheit in einem, sie fühlte den innigen Wunsch, diesen Mann zu treffen und gleichzeitig eine furchtbare Angst davor.
Der Traum riss ab, bevor sie ergründen konnte, was diese Vision ihr sagen wollte. Riley stand über ihr, sein Gesicht drückte Besorgnis aus.
»Zyprin? Alles in Ordnung bei dir? Du hast dich gewälzt und im Schlaf gestöhnt, als hättest du Schmerzen. Hast du schlecht geträumt?«
Es fing bereits an hell zu werden, auch wenn die Sonne noch nicht ins Zimmer geklettert war.
»Alles gut«, verwirrt strich sich Zyprin über Gesicht und Haare. »Ich ... ich glaube, ich habe von meinem Vater geträumt. Nur, dass es sich nicht wie ein Traum anfühlte.«
Riley wurde aschfahl. »Du hattest eine Vision deines Vaters?!« Er sah aus, als würden seine Knie weich werden, denn er sank auf den Rand ihres Bettes. »Er weiß, dass du hier bist, er weiß, dass wir dich gefunden haben.« Entsetzt beugte er sich vor und fuhr sich raufend durchs Haar. Sein Blick war starr auf einen Punkt im Nichts gerichtet. »Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren, er wird seine Schergen losschicken, um dich zu suchen. Wir müssen umgehend los. Wir nehmen Nahrungsmittel und Wasser mit, damit wir auf den Pferderücken essen können. Gehalten wird nur noch, um unsere Notdurft zu verrichten. Mit etwas Glück sind wir dann schon in der kommenden Nacht bei deiner Mutter.« Er nur laut gedacht, doch dann riss er sich wieder zusammen, griff nach Zyprins Schultern und sah ihr beschwörend in die Augen. »Hör zu! Wenn du wieder von diesem Mann träumen solltest, musst du von ihm weglaufen. Laufe im Traum davon, sieh ihn nicht an, sonst wird er schneller als mir lieb ist, erfahren, wo du dich aufhältst. Wenn er doch näher kommen sollte, darfst du ihm nie ins Gesicht schauen und schon gar nicht in seine Augen. Sein Blick kann deine Seele gefangen nehmen. Er kann aus deinem Körper einen sabbernden Vollidioten machen, wenn er deine Seele nicht mehr frei gibt, verstehst du?!«
Seine Stimme war so eindringlich, dass Zyprin sich vor Angst der Magen zusammenkrampfte. Irgendwie war diese Warnung realer, als alles, was sie bisher hier erlebt hatte.
»Was will er nur von mir?« Zyprin erschrak über die Furcht, die in ihrer Stimme mitschwang. Noch nie hatte ihr jemand etwas Böses gewollt.
»Denk einfach nicht daran, denk nicht an diesen Mann. Je häufiger du an ihn denkst, desto leichter wird sein Zugang zu dir. Denk an deine Mutter oder von mir aus Blümchen und Häschen.«
»Blümchen und Häschen?!«, fragte Zyprin konsterniert.
»Ist doch völlig egal, denk einfach an etwas anderes als ihn!«, brüllte er und stand so heftig vom Bettrand auf, dass das Gestell sich verschob. Zyprin griff erschrocken in die Laken, um den Halt nicht zu verlieren und sah Riley böse an.
»Zieh dich an, wir müssen los.« Riley sah sie nicht wieder an, er packte seine restlichen Sachen zusammen, denn angezogen war er bereits. Er musste wohl schon seit einer Weile wach sein.
Während Zyprin sich in ihre Reisekleidung quälte, sagte Riley, dass er unten im Wirtsraum auf sie warten würde, weil er sich noch um den Reiseproviant kümmern wollte.
Zyprin bemerkte das Zittern ihrer Finger, als sie sich die Schuhe aus weichem Leder überstreifte. Sie versuchte verbissen nicht an den Traum zu denken, versuchte, ihren Vater aus ihren Gedanken herauszuhalten. Doch je mehr sie das versuchte, desto intensiver manifestierte sich das Bild aus ihren Träumen in ihrem Kopf.

»Da ist sie ja«, sagte die Wirtin und strahlte Zyprin freundlich an. »Ihr Begleiter ist bereits draußen und kümmert sich um die Pferde.«
Beinahe hätte Zyprin aus Reflex geantwortet, aber noch rechtzeitig kam ihr in den Sinn, dass Wärmende nicht mit dem normalen Fußvolk sprachen. Stattdessen lächelte Zyprin dankbar zurück und nickte der älteren Dame zum Abschied zu.
»Ihr kleiner Begleiter hat die ganze Nacht auf die Pferde aufgepasst, so ein treues Tier. Ich wünsche euch eine gute Reise und hoffe, dass ihr uns wieder besuchen werdet, es euch in unsere Gegend verschlägt.«
Zyprin winkte der Frau verwirrt zu und ging Richtung Ausgang. Begleiter? Dann begriff sie. Chispa war wieder da! Freudig riss sie die Tür auf und rannte zu den Pferden.
Da saß die Hündin mit wachsamem Blick auf die Stuten gerichtet, nichts entging ihrer Wachsamkeit. Erst, als Zyprin sich ihr näherte, begann Chispas Schwanz wie wild zu wedeln.
»Oh du guter Hund.« Zyprin kniete sich in den Straßenstaub, es war ihr egal, dass sie ihre Kleider beschmutzte. »Was bin ich froh, dass du uns wieder gefunden hast, ich habe dich vermisst, mein Herz.« Chispa genoss Zyprins Zuwendungen in vollen Zügen, beinahe meinte Zyprin, Chispa lächeln zu sehen, als sie diese am Kopf und am Hals kraulte.
Riley schüttelte gutmütig lächelnd den Kopf und surrte mit einer letzten Bewegung seinen Rucksack fest.
»Ich hätte nicht gedacht, dass sie nochmal wieder kommt.«
»Aber ich wusste es, nicht wahr, meine Süße? Ja, meine Gute, ich wusste, du würdest mich nicht allein lassen.« Chispa gab einen kleinen jaulenden Ruf von sich, als würde sie Zyprins Worte bestätigen wollen.
Chispa entpuppte sich als äußerst treue Seele, die Zyprin ohne Aufforderung begleitete und nicht wieder von ihrer Seite wich.

Sie ritten schneller, als in den letzten Tagen, das spürte Zyprin mit zusammengebissenen Zähnen erneut an der Innenseite ihrer Knie. Riley hatte ihr vorsichtshalber den Rest der Heilsalbe gegeben und zwei Rollen von dem festen Stoffverband, damit sie sich im Notfall selbst versorgen konnte. Aber noch wollte sie nicht nachgeben, obwohl sie spürte, dass die Stellen wieder wund waren. Es ihr typischer Trotz, lieber zu leiden, als eine Schwäche zu zeigen. Das war schon immer eine ihrer weniger schönen Eigenschaften.
»Geht es noch?«, fragte Riley, dem ihr leidender Blick wohl nicht entgangen war.
Zyprin lächelte verkniffen und nickte.
»Blödsinn! Hör auf die Märtyrerin zu spielen. Du hast Schmerzen, das sehe ich doch. Wir halten kurz an und ich sehe mir das an.«
Riley zog an den Zügeln und brachte sein Pferd direkt neben Zyprins zum Stehen.
»Lass mich mal sehen.«
Zyprin tat, was Riley wollte und schob ihren Hosenrock auf beiden Seiten hoch. Sie erwartete Schlimmes, doch so arg wie nach ihrem ersten Ritt war es nicht.
»Hmpf«, murmelte Riley in seinen nicht vorhandenen Bart. »Es bringt gar nichts, wenn du mir vor lauter Qualen vom Gaul fällst, hörst du? Falscher Stolz kann dich hier töten. Gestehe dir ein, wenn du Hilfe brauchst, sonst überlebst du nicht. Es hat nichts mit Schwäche zutun, wenn man nicht alles alleine schafft, verstanden?«
Zyprin nickte zerknirscht. Er hatte ja recht, aber sie tat sich trotzdem schwer. Mit einer auffordernden Geste verlangte er die Salbe und die Stoffbanderolen, um Zyprin mit geschickten Fingern zu verarzten.
»Geht doch. Es wird am Anfang noch etwas weh tun, aber die Salbe sollte genau so schnell helfen, wie letztes Mal.«
Er zog ihr den Hosenrock wieder zurecht, ohne sie mehr als nötig zu berühren. Er nahm sein Versprechen, sich ihr ungefragt nicht mehr zu nähern etwas zu genau.

Der Abend begann zu dämmern und außer um ihre Notdurft zu verrichten und kurz etwas zu essen, hielten sie das schnellere Tempo bei. Zyprins Rücken schmerzte unerträglich, dafür war der Wundschmerz an den Knien völlig abgeklungen. Nur wusste sie gerade nicht sicher, ob sie nicht doch lieber die Knieschmerzen hätte. Ein Stöhnen kam ihr über die Lippen, das sie nicht unterdrücken konnte. Riley, der neben ihr herritt, schaute allarmiert auf.
»Dein Rücken?«
Zyprin stöhnte erneut und bejahte. »Frag nicht, ich habe das Gefühl, mein Rückgrat bricht gleich entzwei.«
Riley sah Zyprin verständnisvoll an. »Wenn man nicht ans Reiten gewöhnt ist, keinem schnell der komplette Körper weh tun. Muskelkater, Rückenschmerzen, Wundsitzen, all das und noch mehr habe ich als Kind auch durchgemacht. Es wird besser, auch wenn dir das jetzt nicht viel hilft. Aber es dauert nicht mehr lange, wenn die Sonne ganz untergegangen ist, haben wir es geschafft, dann sind wir in Maraman, der Stadt, in der deine Mutter uns erwartet.«
Das würde sie schaffen, stolz schob Zyprin das Kinn vor und betrachtete die Umgebung, um sich von den Schmerzen abzulenken.
Es war in vielerlei Hinsicht ähnlich wie auf der Erde. Waldreiche Hügel, die sich bis zum Horizont erstreckten. Weite Wiesen und Felder, die sich in ihrer farbenfrohen Art stetig abwechselten, seltener tauchte eine kleine Siedlung auf, oder das Haus eines Bauernhofes. Etwas viel Zyprin erst heute auf, vermutlich, weil sie vorher nicht darauf geachtet hatte. Es war still. Nicht still im Sinne von geräuschlos, eher im Sinne von natürlich. Der Gesang von vielen verschiedenen Vögeln drang durch die Luft wie ein lustiges Lied. Hier und da hörte man das Heulen von Hunden oder vielleicht auch Wölfen. Es raschelte in den Büschen neben der Straße und manchmal stob ein erschrockenes Federvieh auf und beschwerte sich lautstark, wenn Chispa sie jagte. Die Luft war noch nie mit Abgasen verpestet worden, noch nie waren Flugzeuge über den Himmel gezogen und noch nie hatten giftige Fabriken ihren Abfall in die hiesigen Flüsse leiten können. Als Zyprin das klar wurde, füllten sich ihre Augen mit Tränen, als sie an daheim dachte und was die Menschen mit ihrer eigenen Welt angerichtet hatten. Es gab vermutlich keinen Flecken auf der Erde, der nicht auf irgendeine Art und Weise durch die Hand des Menschen belastet war.
Noch nie hatte sie so klare und gute Luft wie hier geatmet. Nie hatte sie klarere Bäche und mehr wilde Tiere als hier gesehen. Diese Welt war schön, schön in ihrer Ursprungsform. Und bald würden die Monde aufgehen. Darauf freute Zyprin sich besonders. Sie hatte sich in diese Welt verliebt, stellte sie wenig überrascht fest.
Der Moment, als die Sonne im Horizont versank, war atemberaubend. Durch das dunkle Rot wirkte es beinahe, als stände der Himmel in Flammen. Wie ein Meer aus züngelnden Flammen ergoss sich das Abendrot über den Himmel und ließ Zyprins Atem stocken.
»Danke«, sagte sie leise. Es war klar, dass sie Riley damit meinte, der überrascht aus seinen eigenen Gedankengängen aufwachte und Zyprin fragend ansah.
»Ich meine, dass du mich gesucht und gefunden hast. Ich habe nie etwas Schöneres als diesen Planeten gesehen.«
»Danke mir nicht zu früh, Liebes. Du hast nicht mal einen Bruchteil gesehen und es gibt wahrlich nicht nur schöne Seiten an dieser Welt.«
»Ich habe nie etwas Unschuldigeres, etwas Reineres in meiner Welt gesehen. Alleine dafür hat es sich gelohnt, diese Reise anzutreten.«
Dieser Anblick hatte sie für einen Moment ihre Schmerzen vergessen lassen und ebenso für kurze Zeit die Gedanken an ihren Vater verjagt.
Doch da war er wieder. Der fremde Mann aus ihrer nächtlichen Vision. Was war er für ein Mensch, warum hatten alle so viel Angst vor ihm? War er wirklich böse? Zyprin mochte jung sein, aber auch ihr war klar, dass niemand böse war, um der Bosheit willen. Jeder hatte seine Beweggründe, ein Ziel, Hoffnungen und Wünsche. Selbst ein Massenmörder. Zyprin, schluckte, warum war ihr ausgerechnet der Begriff des Massenmörders in den Kopf gekommen? Sie schüttelte den Kopf, um den unliebsamen Gedanken wieder los zu werden.
»Ich weiß, was du meinst. Deine Welt ist überbevölkert. Übersättigt und gierig nach immer mehr und mehr. Egal was sie haben, es ist nie genug.«
»Tadaa, du hast die menschlichen Abgründe perfekt beschrieben. Es ist nie genug. Sind die Bewohner dieser Welt auch so?«
Riley überlegte eine Weile, bevor er antwortete. »Ich schätze, in dem Punkt sind die Bewohner aller Welten gleich. Egal, wo ich bisher gewesen bin, in manchen war dieser Drang stärker ausgeprägt, in anderen nicht so sehr. Es gibt Ausnahmen, aber bei den meisten ist es wie überall, die Früchte in Nachbars Garten sind süßer.«
Vielleicht würde es Zyprin doch nicht so schwer fallen, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Auch wenn sich die Lebewesen vom Äußeren unterscheiden mochten, von ihrer Art gab es kaum Unterschiede.
Schließlich hatte die Sonne den Kampf verloren und hatten den beiden Monden Platz gemacht. Fasziniert überließ sie ihrer Stute das Lenken und starrte mit offenem Mund in die sternenübersäte Nacht. Imponiert betrachtete sie das Meteorgestein des hellblauen Mondes. Sie schienen sich nicht zu bewegen, doch wenn man genauer hinsah, erkannte man, dass sie es doch taten, langsam und majestätisch. Der hellere, kleine Mond spendete genug Licht, um sicher auf der Straße zu bleiben.
»Habt ihr eigentlich keine Angst davor, dass sich die Trümmersteine mal lösen und auf diesen Planeten treffen könnten?«, fragte Zyprin, die Nase noch immer gen Himmel gerichtet.
»Bete, dass sie es nicht tun, denn die meisten Gesteinsbrocken haben einen Durchmesser von mehreren Kilometern. Wenn so einer auf diese Welt rasen würde, glaube ich nicht, dass sie es überstehen würde. Zumindest könnte es zum gleichen Fiasko wie auf der Erde führen, als eure Dinosaurier ausstarben.«
»Du weißt viel über die Erde, nicht wahr?«
Riley zuckte leichthin mit den Schultern. »Das wirst du auch. Also nicht über die Erde, aber über alle anderen Welten, die du besuchen kannst. Es ist wichtig über die Orte bescheid zu wissen, die man bereist. Je mehr Wissen du anhäufst, desto geringer die Gefahr, dass dir etwas passiert, das man hätte vermeiden können.«
Zyprin riss den Blick vom Firmament los und schaute Riley verdrießlich von der Seite an. Es war zu dunkel, als dass er ihre Gesichtszüge ohne weiteres hätte sehen können, aber das war auch nicht wirklich schlimm. Würden die Schwestern etwa von ihr verlangen, die Schulbank zu drücken? Nicht, dass sie sich für dumm hielt, aber praktischer Unterricht hatte ihr immer schon mehr gelegen, als theoretischer. Zahlen, Orte und Ereignisse verschwammen in ihrem Kopf immer zu einem Einheitsbrei und hatten es ihr unmöglich gemacht, zu den wirklich guten zu gehören.
»Ich kann bereits die Lichter der Stadt sehen«, sagte Riley und versuchte sich seinerseits bequemer auf den Pferderücken zu setzen. Auch ihm schienen die letzten Stunden einiges abverlangt zu haben. Zyprin stöhnte und drückte ihre Rücken durch. Bald war ihr nicht schnell genug.
»Lass uns das Tempo etwas anziehen, ich schwöre dir, noch eine Stunde länger und du hast zwei Hälften von mir, die du zu meiner Mutter schleifen musst.«
Riley nickte erschöpft, schnalzte kurz mit der Zunge und beide Pferde verfielen in einen leichten Trab.
Zyprin war leicht außer Atem, als sie die ersten Ausläufer Maramans erreichten. Die Stadt war hell erleuchtet von Laternen, die sich links und rechts der Hauptsraße befanden, aber eine Lichtquelle konnte sie nicht ausmachen. Die Mitte schien einfach nur eine hellleuchtende Kugel zu sein.
»Du sagtest, es gibt keinen Strom hier, sind das hier dann Gaslaternen?«
Riley schüttelte amüsiert den Kopf. »Nein, Liebes. Das hier ist pure Magie. Es lebt ein Magier in dieser Stadt, der dafür sorge trägt, dass die Nacht ihren Schrecken verliert, indem er überall für Licht sorgt. Nicht jede Stadt hat so ein Privileg.«
Erstaunt öffnete Zyprin den Mund und fühlte sich nicht zum ersten Mal wie in einer Märchenwelt.
»Wow«, war das Einzige, dass sie über die Lippen brachte.
»Tu mir nur einen Gefallen, Liebes, und zieh dein Cape wieder über das Gesicht. Es gibt genug Spione, die nicht unbedingt wissen müssen, wie du aussiehst.«
Oh, daran hatte sie gar nicht mehr gedacht, eilig zog sie sich den dunklen Stoff über den Kopf und bemühte sich ihr Haupt gesenkt zu lassen. Das fiel ihr schwer, denn diese Stadt wirkte wie eine Filmkulisse, nur viel authentischer. An jeder Ecke gab es etwas Neues zu entdecken. Die einzigartige Architektur der Häuser ähnelte der auf der Erde und doch war sie anders, filigraner und schnörkeliger. Erst, als sie dichter an einem der Häuser entlangritten, bemerkte sie, dass es sich bei den Schnörkeln nicht um Stuck handelte, sondern um eine in die Steine gravierte Schrift.
»Was steht da an den Wänden? Ich kann es von hier aus nicht lesen«, fragte Zyprin und reckte sich so gut sie konnte, doch es war einfach zu dunkel.
»Das sind Schutzgebete, sie sollen dunkle Dämonen abhalten.«
»Hier gibt es Dämonen?!«, fragte Zyprin entsetzt, beinahe hätte sie ihr Cape in den Nacken rutschen lassen.
Riley drehte sich amüsiert zu ihr um. »Ehrlich gesagt weiß ich das nicht. Unsere Heilbeter und Prediger sind sich einig, aber ich habe noch einen leibhaftig gesehen. Es gibt angeblich Zeugenberichte von Menschen, die eine solche Begegnung nicht oder nur knapp überlebt hätten.« Er zuckte mit den Schultern. »Wer weiß, was es alles zwischen Himmel und Hölle gibt.«
Zyprin starrte Riley sprachlos an. Sagte er das nur, um sie zu ärgern? Da war doch nicht wirklich etwas dran. Aber gut, bis vor wenigen Tagen hätte sie es auch nie für möglich gehalten, dass es andere Dimensionen gibt und sie ein Mensch mit besonderen Fähigkeiten war. Unruhig rutschte sie im Sattel hin und her, es gab jedoch Dinge, die sie auf keinen Fall herausfinden wollte. Und die Tatsache, ob es Dämonen wirklich gab, gehörten definitiv dazu.
Die Straßen waren nahezu leer, vermutlich gingen die Menschen hier mit den Hühnern ins Bett und standen auch mit ihnen auf. Nur vereinzelt sah man einen mit einem Speer oder ähnlicher Waffe in der Hand an einigen Ecken stehen.
Wovor fürchteten sich diese Menschen, dass sie nachts Wachen aufstellten?
An einer Kreuzung lenkte Riley sein Pferd in eine dunkle Seitengasse, in der keine magischen Lichter leuchteten. Zyprin war nicht wohl. Es fühlte sich nicht gut an, nicht richtig, dass sie sich hier befanden. Mit mulmigem Gefühl in der Magengegend hastete ihr Blick von rechts nach links, aus Angst, in den Schatten könnte jemand lauern.
»Sind wir bald da?« Fast hätte Zyprin laut aufgelacht, als sie diese Frage stellte, sie musste an eine Zeichentrickserie denken, die sie als Kind gern geschaut hatte.
»Ja, das Haus dort hinten, das ist es.«
Zyprins Därme zogen sich schmerzhaft zusammen und sie betete, dass sich ihr Unterleib nicht gerade jetzt dazu entschied, sich entleeren zu wollen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und auch ihr Atem ging ungleich schneller. Sie merkte, wie ihre Hände feucht wurden und das Leder der Zügel unangenehm zu reiben anfing. Hoffentlich bekam sie keine Blasen.
»Ich habe Angst, Riley. Was ist, wenn sie mich nicht mag? Was ist, wenn ich nicht ihren Vorstellungen entspreche?«
Riley schaute Zyprin entgeistert an. »Dein Ernst? Die Frau hat dich weggegeben und in eine gänzlich andere Welt geschickt, aber du hast Angst, dass sie dich nicht mag?!«
Zyprin zuckte verlegen mit den Schultern. »Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, was ich denken soll. Die ganze Reise diente ja nur dazu, damit ich sie kennenlerne, aber jetzt, da es wirklich so weit ist, geht mir der Arsch auf Grundeis. Mir klopft das Herz so laut, dass ich mein eigenes Blut in den Ohren rauschen hören kann. Was ist, wenn es umgekehrt ist? Was ist, wenn ich nichts empfinde? Ich weiß nicht was ich sagen oder denken soll, in meinem Kopf spielen gerade tausend Armeisen Rumba und lassen nicht einen vernünftigen Gedanken zu.«
Riley nickte und sein Blick drückte tiefes Mitgefühl aus. »Pass auf, ich mache dir einen Vorschlag. Ich werde die ganze Zeit bei dir sein und nicht von deiner Seite weichen, in Ordnung? Wir gehen zusammen da rein und werden zusammen am Bett deiner Mutter stehen. Ich werde das Zimmer nur verlassen, wenn du mir sagst, dass ich es tun soll. Einverstanden?«
Zyprin nickte zaghaft. Auch wenn seine Worte nett gemeint waren, änderten sie nichts an ihren derzeitigen Gefühlen und dem Chaos, das sie in ihr anrichteten.
Dann standen sie vor dem Haus. Ein altes Gebäude, leicht windschief und wenig vertrauenerweckend. In der Dunkelheit war nicht viel mehr zu erkennen, außer, dass es beinahe abbruchreif wirkte und vor vielen Jahren vermutlich einmal weiß getüncht worden war. Hinter den Fenstern brannte Licht, das kegelförmig auf den Fußweg fiel. Leises Stimmengemurmel drang durch die rote Tür, an der die Farbe bereits grobflächig abblätterte.
Warum nur ließ sich ihr dummes Herz nicht beruhigen? Sie konnte nicht klar denken, wenn es so schnell schlug. Riley war bereits abgestiegen und band sein Pferd an einen Balken. Dann baute er sich vor Zyprin auf und streckte ihr beide Hände zur Hilfestellung entgegen. Zyprin starrte einen Moment auf die großen Hände des Mannes, der vor ihr stand. Sie war dankbar, dass sie sich gut mit ihm verstand. Ohne ihn wäre sie nicht fähig diese Nacht zu überstehen. Wäre er nicht hier bei ihr, hätte sie ihre Stute umgelenkt und wäre davongeritten, als sei der Teufel hinter ihr her. Schließlich griff sie nach seinen Händen, die er ganz ruhig gehalten hatte, um ihr die Zeit zu geben, die sie benötigte, und rutschte aus dem Sattel direkt in seine Arme. Einen Augenblick gestattete sie sich seine tröstende Umarmung zu genießen, roch seinen unverwechselbaren, männlichen Duft, der so beruhigend auf sie wirkte, und atmete tief durch.
»Ich schaffe das schon«, sagte sie mehr zu sich selbst, als zu Riley, um sich Mut zuzusprechen und löste sich aus seiner warmen Umarmung. Er fasste sie bei der Hand und gab ihr so etwas von seiner Stärke ab.
Mit festem Schlag pochte er drei Mal gegen die Tür, noch mehr Farbe rieselte herunter und vermischte sich mit dem Dreck auf dem Boden.
Die Stimmen verstummten und ein Kratzen, das entsteht, wenn man Stühle über einen Holzboden schiebt, erklang. Dumpfe Schritte kamen näher und verstummten direkt hinter der Tür.
»Wer ist da?«, fragte eine dunkle Stimme. Eindeutig ein Mann, vom Klang der Stimme schon etwas älter.
»Riley, ich habe ein Päckchen dabei.«
Zyprin grunzte Riley missmutig von der Seite an. Sie war doch kein Objekt.
Rascheln, dann Klirren von dünnen Ketten, da hatte wirklich jemand Angst vor ungebetenen Gästen.
Ächzend und quietschend öffnete sich die Tür einen Spalt breit und eine misstrauische Nase lugte hervor.
»Riley!«, die Stimme klang sehr erleichtert. »Wir hatten schon die Befürchtung, du würdest es nicht rechtzeitig schaffen.«
»Ich gab ihr mein Wort.« Mehr Erklärung bedurfte es nicht und die Tür wurde ganz aufgestoßen.
Zyprin hatte Recht behalten. Es war ein älterer Mann, ende fünfzig oder Anfang sechzig. Sein Gesicht wies markante Züge auf und war zerfurcht von Wetter und Sorgen.
»Tretet ein, seid willkommen und bringt Hoffnung mit.« Erst jetzt nahm der alte Mann Zyprin richtig wahr. Er streckte ihr die Hand entgegen und sagte: »Man nennt mich Quinton, einfach Quinton. Deine Mutter hat lange auf dich gewartet.«
Zyprin lächelte gepresst und gab ihm ihrerseits die Hand. Das Zimmer war voller Rauch vom Kamin, vermutlich war er schon längere Zeit nicht mehr gereinigt worden. Es roch nach brennenden Holzscheiten und nach einer undefinierbaren Mahlzeit, die in einem Kessel über den Flammen vor sich hin köchelte. Eine ebenfalls ältere Frau stand über dem Kessel und rührte den Inhalt gemütlich um.
»Hallo meine Liebe«, sagte sie mit warmer Stimme, die Zyprin auf Anhieb sympathisch fand. »Wie schön, dass du hier bist, wir haben dich sehnsüchtig erwartet. Mein Name ist Byrill«
Ihr Lächeln war ehrlich und so gutmütig, dass Zyprin an ihre Großmutter auf der Erde denken musste, die ein ganz ähnliches Lächeln hatte. Die grauen Haare der Frau waren unter einem Tuch zu einem ordentlichen Dutt hochgebunden und ihr Kleid in Naturfarben war für den Haushalt gemacht. Große braune Augen sahen Zyprin ruhig an und zum ersten Mal fühlte Zyprin, wie ein Teil ihrer Anspannung von ihr abfiel.
»Schön euch beide kennenzulernen«, sagte Zyprin. Ein Ring aus Eisen, der zuvor ihre Brust eingeengt hatte, schien sich gelockert zu haben. Sie war noch immer nervös, da sie keine Ahnung hatte, was sie erwartete, aber Furcht vor dem Unbekannten würde ihr auch nicht helfen. Sie straffte ihre Schultern und hob das Kinn etwas an.
»Ich bin bereit«, sagte sie zu Riley gewandt. »Ich würde sie jetzt gerne sehen, bringt mich zu meiner Mutter.«

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