Kapitel 4 - Eine lange Zeit

Die Jahre vergingen. Anja kam nicht mehr zur Schule. Wie Swetlana später erfuhr, war sie querschnittsgelähmt. Sie empfand nichts deswegen. Weder Wut, Trauer, noch Freude. Zu lange hatte man sie für etwas leiden lassen, das nicht ihre Schuld war. Niemand hatte sich in der Grundschule dazu durchringen können, ihr eine Freundschaft anzubieten. Doch die Grundschulzeit war nun vorbei. Die Hauptschule wartete auf sie.
»Willkommen Frischlinge des Jahrgangs 1986 auf unserer Schule.«
Swetlana schluckte. Eine andere Schule, in einem anderen Ort. Und trotzdem kein Neuanfang. Zu viele Kinder aus ihrer Grundschulklasse hatten mit ihr gewechselt. Es würde wieder Gerüchte geben, die sie dazu zwangen, sich zurückzuziehen.
Auch daheim hatte sich viel verändert. Nachdem ihr Vater durch Trunkenheit beinahe eine alte Frau überfahren hatte, wurde er vor die Wahl gestellt, sechs Monate Entzug oder ein Jahr Gefängnis. Er wählte den Entzug. Seit drei Monaten war er nun weg. Das Leben war friedlicher geworden und endlich gab es genug zu essen. Wegen ihr konnte ihr Vater bleiben, wo der Pfeffer wuchs und nie mehr zurück kommen. Sweta schalt sich im Innern, ganz so empfand sie ja nicht. Sie vermisste den Vater, der er sein konnte. Der, der nicht betrunken war. Der, der ihnen abends aus Donald Duck Büchern vorlas und die lustigen Geräusche dabei machte. Der, der mit ihnen Hausaufgaben machte und mit ihnen spielte. Aber dieser Vater war ein seltener Vater.
Seit einigen Wochen brauchten Oleg und Swetlana ihre Eltern nicht mehr mit dem formellen ›Sie‹ anzusprechen. Das war merkwürdig. Zehn Jahre Gewohnheit abzulegen und ein Tabu zu brechen, das war viel verlangt. Sweta schämt sich, ihre Mutter mit ›Du‹ anzusprechen, bei ihrem Vater vermied sie eine Anrede sogar völlig. Ihre Tante und Großmutter sprach sie weiterhin mit der respektvollen Anrede an. Eher hätte sie sich die Zunge abgebissen, als das ›Du‹ zu verwenden.
Das ›Du‹ machte es allerdings leichter für sie in der Schule. Zumindest in dieser Richtung war sie nicht mehr anders als die anderen. Ein Stück Normalität, ein seltenes Geschenk.
Verunsichert sah Swetlana sich um. Sie gehörte zu den Jüngsten und Kleinsten. Die Jugendlichen der höheren Klassen wirkten so einschüchternd auf sie, so erwachsen und völlig außer ihrer Reichweite. Aber ein Gutes hatte es, man ignorierte sie auch hier. Sie war niemand und keine einzige Person interessierte sich für sie. Nur noch wenige wussten von ihrer Vergangenheit. Und selbst die, die es wussten, schienen das Ereignis langsam zu vergessen.

»Hey«, flüsterte das Mädchen mit den kinnlangen Haaren und der Dauerwelle neben ihr. »Ich bin Martina. Wie heißt du?«
Swetas Mund wurde trocken. Jemand sprach sie an, einfach so, ohne Argwohn? »Ich, äh, mein Name ist Swetlana.«
»Was für ein Ding?!« Martina kicherte. »So einen Namen habe ich ja noch nie gehört. Woher kommst du?«
Konsterniert schaute Sweta wieder vor sich hin. »Aus dem Nachbarort.«
Martina stupste Sweta freundlich in die Seite. »Sei nicht so. Ich habe nur Spaß gemacht. Deine Aussprache klingt komisch. Bist du in Deutschland geboren worden?«
Sweta nickte. »Ja, bin ich. Aber meine Eltern kommen aus Russland.«
»Ah. Das erklärt natürlich alles. Willst du meine Freundin sein?«
Swetlana stand der Mund offen. Das hatte sie noch nie jemand gefragt. »Ähm, ich … ich weiß nicht. Denke schon.«
»Klasse, ab heute bist du meine beste Freundin und ich bin deine, ja?«
Sweta lächelte, ja, das wollte sie sehr gerne, eine Freundin wäre wunderbar.

In den folgenden Jahren war Martina stets an ihrer Seite. Sie unternahmen viel zusammen und vertrauten sich alle Geheimnisse an. Auch auf dieser Schule wurde sie immer wieder mal wegen ihrer Andersartigkeit gehänselt, aber es war zum Aushalten, denn Martina beschützte sie.
Langsam glaubte sie daran, dass Mica nur ein imaginärer Freund war und nach und nach verschwand er aus ihrer Erinnerung.

»Hey du hässliche Kuh. Du benutzt meine Seite des Gehweges.« Der Junge aus der neunten Klasse versperrte ihr den Weg und hinderte Sweta am Weitergehen. Den Blick strack nach unten gerichtet, wollte sie sich einfach den dem Jungen vorbei drängen und zur Bushaltestelle gehen. Schmerzlich vermisste sie Martina, die seit ein paar Tagen krank war.
Nur nicht provozieren
, dachte Sweta, reagiere einfach nicht und gehe weiter.
Sie hatte die Rechnung ohne den Raufbold gemacht. Der großgeratene Bursche vergriff sich in ihren Zöpfen und riss sie mit aller Gewalt zurück. Schmerzerfüllt schrie sie auf und fasste sich automatisch ans Haar. Er schlug ihr mit der anderen Hand so hart auf die Finger, dass Sweta erschrocken zurückzuckte.
»Warum tust du das? Lass mich doch einfach in Ruhe!«, schrie Sweta und schaute sich hilfesuchend um. Betreten sahen die anderen Kinder weg und gingen schnell weiter oder scharrten sich schadenfroh um sie herum, um zu beobachten, was weiter passierte. Selbst die spärlichen Erwachsenen sahen beschämt weg. Es war wie immer, niemand stand für sie ein und fühlte sich verantwortlich einzugreifen. Tränen der Wut und Angst traten ihr in die Augen.
Bloß jetzt nicht heulen, betete sie wie ein Mantra. Wenn sie Schwäche zeigte, war es vorbei. Der ältere Junge, er mochte zwei oder drei Jahre zu alt für die neunte Klasse sein, hatte nicht vor sie vom Haken zu lassen, das sah sie in seinem Blick. Swetlana schluckte. Drei Jahre war sie den Hetzern entkommen, heute würde sie für die ruhige Zeit büßen müssen. Der Kerl stank aus dem Mund und grinste sie mit milchkaffeebraunen Zähnen an, die vermutlich nie einen Zahnarzt gesehen hatten.
»Ich hätte dich ja in Ruhe gelassen, wenn du mir durch deine Hässlichkeit nicht die Straße versperren würdest. Dafür musst du nun zahlen, gib mir alles Geld, das du hast, dann lasse ich mich vielleicht beruhigen.«
Sweta schluckte, sie besaß keinen Pfennig, woher auch.
Sie wusste nicht, was sie plötzlich überkam, wütend trat sie dem Taugenichts gegen das Schienbein, der mehr überrascht als vor Wut einen Schrei ausstieß.
»Du kleine miese Schlampe!« Sein Blick wurde härter und er beugte sich vor, dass nur sie ihn hören konnte. »Lauf …!"«
Es war ihm ernst, daran ließ er keinen Zweifel.
Erschrocken ließ Swetlana den Ranzen zu Boden fallen und rannte los. Erboste Passanten machten ihr ärgerlich Platz und riefen wüste Beschimpfungen hinterher. Sweta blieb keine Zeit, um zu reagieren, denn der Junge setzte ihr bereits nach. Sie schaute nicht mehr nach hinten, raffte den Rock, der sie zu behindern drohte und lief so schnell sie konnte. Sie hörte ihn hinter sich, hörte, wie er lachte und ihr stetig näher kam. Der Schleichweg zum Sportplatz kam in ihr Blickfeld, vielleicht schaffte sie es, sich dort in den Büschen zu verstecken.
Die vermeintliche Rettung vor Augen, bückte sie sich und wollte gerade zwischen dem Geäst hindurchschlüpfen, als sie ein harter Tritt in ihr Gesäß das Gleichgewicht verlieren ließ. Prustend landete sie mit dem Gesicht im Dreck. Grobe Hände packen sie an den Knöcheln und zogen sie über die feuchte Erde zurück auf den schmalen Pfad, den außerhalb der Schulzeit nie einer betrat.
»Hab ich dich, du Kröte.«
Sweta hatte nie einen gemeineren Gesichtsausdruck bei einem Menschen gesehen. Was er auch vorhatte, es würde übel werden. Sie wusste nicht, wann sie zu weinen angefangen hatte, aber es war ihr jetzt auch egal, er hatte sie und er war um ein Vielfaches stärker.
»Lass mich bitte gehen, ich habe dir doch gar nichts getan.«
Sein Blick sich veränderte sich, er betrachtete sie nunmehr auf eine Art, die ihr Übelkeit bereitete. Gierig, hungrig wie ein wildes Tier.
»Sieh an, das hässliche Ding wird ja langsam zu einer Frau. Heult wie eine Kleine, hat aber Möpse wie eine Große.«
Entsetzt starrte sie an sich herunter. Beim Herausziehen waren Rock und Shirt verrutscht und entblößten mehr, als Swetlana lieb war. Sie trug keinen BH, es war nie Geld dafür übrig und ihre Mutter war der Meinung, dass es mit dreizehn ohnehin zu früh für so ein Erwachsenenkleidungsstück war. Unbeholfen zerrte sie an ihrem T-Shirt und versuchte verzweifelt es über ihre Blöße zu ziehen. Doch da war der grobe Klotz bereits über ihr und griff mit seiner linken großen Pranke ihre Handgelenke.
»Na, na, na. Nicht so schnell, ich war noch nicht fertig mit glotzen.«
Er griff ihr brutal an die linke Brust und drückte sie so fest zusammen, das Sweta schrie. Schnell legte er ihr seine Hand auf den Mund, das Gewicht seines massiven Körpers verhinderte, dass sie sich unter ihm wandte. Seine Finger rochen so sauer nach Nikotin, dass sie einen Würgereflex in ihr hervorriefen.
»Schrei noch einmal und ich drehe dir die Gurgel um. Hier ist niemand, und keiner wird dir helfen, du dumme Planschkuh.« Er nahm die Hand kurz von ihrem Mund, öffnete seine Hose und zog sie ein Stück hinab.
Sweta wimmerte, flehte ihn an sie laufen zu lassen. »Bitte tu das nicht, bitte, bitte lass mich gehen. Ich werde es auch niemandem erzählen. Ich schwöre es.«
Klack. Mit einem schnappenden Geräusch öffnete er ein Klappmesser und hielt es ihr an die Kehle. »Schrei und du bist tot. Verhältst du dich ruhig, wird alles gleich vorbei sein.« Er strich mit der Klinge an ihrem Bein entlang, bis er an ihrem Höschen angekommen war. Mit einer kurzen Bewegung schnitt er den Stoff an der einen Seite durch und riss den kleinen Stofffetzen dann ganz vom Körper herunter.
»Ich wette, dein Döschen ist ganz saftig und noch unbenutzt.«
Sweta schlug die Hände vors Gesicht und weinte bittere Tränen. »Warum hilft mir denn niemand. Mica, bitte hilf mir.«
Der Raufbold lachte keckernd. »Oh Mica, oh süßer Mica. Wer ist das? Dein Freund? Ein hässliches Weib wie du hat einen Freund?! Das glaubst du ja wohl selber nicht. Sei doch froh, ich tue dir einen Gefallen, es wird dich eh nie ein anderer anfassen wollen.«
Das Geräusch eines dumpfen Schlages ließ Sweta zusammenzucken. Der Junge über ihr stöhnte benommen und fiel wie ein Sack neben ihr zu Boden. Zögernd nahm Swetlana die Hände herunter, um zu schauen, was passiert war.
»Es ist alles gut, Lana. Habe keine Angst, dieser miese Sack wird dir nichts mehr tun.«
Schluchzend schaute das Mädchen nach oben, aber durch die grelle Sonne konnte sie zunächst nicht viel erkennen. Sie schaute zur Seite, da lag der Junge, dessen Namen sie nicht einmal kannte, und hielt sich wimmernd den blutenden Hinterkopf.
Der fremde Junge kniete sich neben Sweta und reichte ihr die Hand. »Komm, ich helfe dir beim Aufstehen.«
Beschämt nestelte Sweta an ihrer Kleidung, um wenigstens ein geringes Maß an Würde zurück zu erlangen, erst dann ergriff sie die Hand des fremden Jungen.
»Ich will hier weg«, schluchzte sie und ließ sich von ihm hochziehen.
»Kannst du gehen?«
Sweta nickte knapp und ihre Scham ließ sie noch immer auf den Boden starren. »Meine Schultasche, ich habe sie unten an der Straße zurückgelassen. Meine Eltern bringen mich um, wenn ich ohne zurückkomme.«
»Sieh mich mal an, Lana. Geht es dir wirklich gut?«
Sweta schaute zum ersten Mal in das Gesicht ihres Retters. Noch immer standen ihr die Tränen in den Augen, aber sie konnte ihn dennoch gut erkennen. Er war um einiges größer als sie, und sein dunkelbraunes, leicht gelocktes Haar war in seinem Nacken zu einem Zopf gebunden. Die einfachgeschnittene Hose schien aus schwarzem Leinen zu sein, genau so wie das ebenso simpel gehaltene Hemd in dunklem Beige. Seine Augen waren braun, nein doch nicht, sie waren grün mit braunen Sprenkeln. Sein Gesicht drückte so viel Freundlichkeit aus, dass Swetlana wieder zu weinen anfangen wollte, aber sie schluckte es herunter.
»Kenne ich dich?« Das Gesicht kam ihr nicht bekannt vor, aber die Stimme …
Ein warmes Lächeln huschte über das Gesicht des Jungen. »Ich hatte gehofft, du würdest mich erkennen.«
Sweta zog die Augenbrauen nach oben. »Mica?«
Der Junge ließ sie los, ging einen Schritt zurück und verbeugte sich. »Stets zu diensten, meine Dame.«
Für einen kurzen Augenblick vergaß Sweta das schreckliche Ereignis, dem sie eben zum Opfer gefallen war, und starrte den Fremden ungläubig an. »Mica?!«
Mica lachte und strich Swetlana eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich während des Kampfes mit dem gemeinen Jungen gelöst hatte. Ihr Herz pochte bis zum Hals, aber anders als eben. Jetzt schlug es nicht mehr aus Angst, jetzt schlug es vor Aufregung ganz laut.
»Wie kann das sein?« Sie schüttelte verwirrt den Kopf. »Lass uns bitte erst so weit wie möglich weg von hier. Sonst werde ich mich doch noch übergeben müssen.«
Schweigend ging sie neben dem Jungen, der einmal Teil ihrer Kindheit war und von dem sie dachte, er wäre bloß Einbildung gewesen. An der Bushaltestelle lag ihre Schultasche noch an derselben Stelle. Erleichtert atmete sie aus, niemand hatte sich an ihren Büchern vergriffen.
»Der letzte Bus ist gerade weg, ich werde heimlaufen müssen. Die Telefonzelle ist kaputt, ich kann nicht mal bescheid sagen«, sie seufzte. »Das gibt wieder Ärger.«
Micas Gesichtsausdruck verhärtete sich. »Dein Vater … trinkt er noch?«
Sweta schüttelte den Kopf. »Nein, aber er hat noch immer ein aufbrausendes Temperament. Auch wenn er uns nicht mehr schlägt, er brüllt dafür um so lauter.«
Mica nickte verstehend. »Keine Angst, ich werde dich begleiten.«
Swetlana schaute ihn nachdenklich an. »Du hast mich schon wieder gerettet.«
Mica zuckte verlegen mit den Schultern und grinste schief. »Ich konnte doch nicht zulassen, dass er dir etwas so Unsägliches antut.«
»Unsäglich? Du hast eine komische Ausdrucksweise.« Sweta starrte ihn noch immer heimlich von der Seite an und fragte. »Wo warst du?« Sie erschrak selber über die Traurigkeit in ihrer Stimme. Ihr war nicht bewusst, wie sehr sie ihn vermisst hatte. Mica starrte auf das offene Feld, an dem sie vorbeiliefen. »Das ist nicht so einfach zu erklären. Ich habe auch einen Vater, der sehr bestimmend sein kann. Als ich dich damals vor den Mädchen rettete, bekam er mit, das ich in den Schleiern war. Er verbot mir, dich jemals wieder zu sehen und drohte mir damit Embrona zu töten.«
»Embrona?«
»Embrona war mein Pferd und meine engste Vertraute.«
Sweta dachte, dass ›Vertraute‹ noch so ein merkwürdiger Begriff war, fragte aber nicht näher nach.
»War dein Pferd?«
Mica nickte und schaute um Beherrschung ringend auf den Boden.
»Das tut mir leid.« Swetlana griff automatisch nach seiner Hand, um ihm Trost zu spenden. Dankbar umfasste er die ihre und drückte sanft zu.
»Ich habe so viele Fragen, Mica. Sag mir, wo kommst du her? Und wie konntest du verschwinden? Wo warst du in all den Jahren und warum habe ich dich früher nie sehen können? Was meinst du mit Schleier und warum wurdest du deswegen bestraft?«
Mica grinste wieder auf seine charmante, freche Art. »Ich lebe in einer anderen Dimension als du. Unsere Welten sind durch magische Schleier verbunden, die dazu dienen, nie ganz den Kontakt zu euch zu verlieren. Denn früher, vor vielen tausend Jahren, waren wir eins. Es ist verboten in den Schleiern zu wandeln, zu leicht kann man sich darin verlieren. Mein Vater reagierte nur aus Angst so hart. Ich bin sein einziger Sohn.«
»Wow. Eine andere Dimension? Ist das dein Ernst? Und wie heißt eure Welt?«
»Atlantis.«
Swetlana blieb geschockt stehen und starrte Mica mit offenem Mund an. »Alles klar, du machst dich über mich lustig. Ha ha, sehr komisch.«
Mica verneinte. »Es ist mein voller Ernst. Und ja, ich kenne eure Legenden von meiner Heimat.«
Sweta runzelte die Stirn. »Wie soll ich dir glauben? Du siehst nicht anders aus als wir. Und schon gar nicht wie ein Wasserwesen.«
Mica lachte auf. »Ich bin auch kein Wasserwesen, Atlantis ist nie im Meer versunken, meinst du nicht auch, dank all eurer Technik wäre es mittlerweile aufgefallen?«
Mica hatte recht, es war das Jahr 1989. Die Technik war nie weiter entwickelt und es schienen jeden Tag neue bahnbrechende Erfindungen gemacht zu werden.
»Um es dir besser zu erklären. Atlantis war nie ein Kontinent eurer Erde. Atlantis was vor langer, langer Zeit ein eigenständiger Planet. Die Auslöschung drohte uns, als ein Meteor die Flugbahn unserer Welt kreuzte. Im letzten Moment schafften unserer Wissenschaftler und Magier Hand in Hand zu arbeiten und teleportierten einen einzigen Kontinent unseres Planeten auf die Erde. Ihr habt so viel freie Wasserfläche, wir nahmen niemandem Platz weg mit unserem Erdteil, außerdem brachten wir auch unsere eigenen Ressourcen mit.«
»Unglaublich, dann bist ein Alien?«
»Unschön formuliert, aber ja, so kann man das sehen.«
»Aber wenn ihr nur einen Kontinent retten konntet …«
Mica nickte betrübt. »Wir waren mehr als fünf Milliarden Atlanter. Geschafft haben es am Ende nur fünf Millionen.«
»Mein Gott, das tut mir leid.«
»Ja, mir auch. Aber das ist bereits viele tausend Jahre her. Ich kenne es auch nur noch aus Geschichtsbüchern. Wir waren hoch entwickelt. Viel weiter als die Menschheit es damals war. Sie beteten uns als Götter an und einigen von uns stieg das wohl zu Kopf. Die Maja wollten sich nicht länger von uns beherrschen lassen und begehrten auf. Die Wut unseres damaligen Herrschers löschte die gesamte Zivilisation aus. Das war der Moment, als unser König von seinem eigenen Volk gestürzt wurde. Wir waren in Frieden gekommen, nicht, um euch zu unterjochen. Doch es liegt in unserem Blut, die Schwachen zu beherrschen. Um euch zu schützen beschlossen die Wissenschaftler und Magier erneut zusammenzuarbeiten. Atlantis wurde verschleiert und in einer anderen Dimension versteckt.«
»In deiner Welt gibt es Magie?« Swetas Augen wurden groß und rund.
»Du bist echt etwas besonderes«, Mica lachte. »Ich erzähle dir von Außerirdischen, von anderen Welten und wie gefährlich mein Volk ist und du denkst an Magie. Deswegen habe ich mich in dich verliebt. Schon als kleiner Junge wusste ich, du bist etwas Besonderes.«
Sweta blieb abrupt stehen und starrte Mica mit offenem Mund an. »Was hast du gesagt?«
»Was meinst du? Das mit den Außerirdischen oder das mit der Magie?«
»Nein, das andere …«
Mica schmunzelte. »Dass ich mich in die verliebt habe? Was ist daran so außergewöhnlich? Du bist ein tolles Mädchen, voller Stärke und Stolz. Dein Leben war so hart aber du hast dich nie beugen lassen. Immer hast du dein süßes kleines Köpfchen aufrecht getragen und bist stets dieselbe geblieben. Das bewundere ich außerordentlich an dir. Du könntest Atlanterin sein, in deinem Herzen bist du es bereits.«
Swetlana biss sich verlegen vor Freude auf die Unterlippe und schaute verlegen auf ihre Schuhspitzen. »Danke.«
»Danke? Wofür, meine Liebste?«
»Dafür, dass du in mein Leben getreten bist, dass du für mich da warst, als ich dich am meisten brauchte. Und … das du keine Einbildung bist.«
Mica zog Sweta zu sich heran und nahm sie in den Arm. Eine Umarmung, die alles aussagte, Liebe, Freundschaft, Trost, Mitgefühl. Sweta schloss die Augen und genoss diesen Moment. Nach der schrecklichen Tat, die der fremde Junge beinahe an ihr begangen hätte, war dies Balsam für ihre geschundene Seele. Micas Geruch war eigentümlich und berauschte ihre Sinne. Er war mit nichts zu vergleichen, was sie kannte, flößte ihr aber Vertrauen ein und das Bedürfnis, ihn nie wieder loszulassen. Jetzt wusste sie, er roch nach Heimat.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media