Kapitel 4 - Wertlos

Graue Wolken verschleierten die Sicht auf die Sonne dahinter. Regen prasselte laut auf das hölzerne Vordach, unter dem der Dunkelelf Zuflucht gefunden hatte. Er lehnte mit dem Rücken zur Wand des Hauses und blickte hinaus in eine graue Welt. So grau wie seine eigenen Gedanken.
Neben ihm lehnte ein schwerer Ranzen mit seiner letzten Beute: ein halber Laib Brot, ein randvoller Weinschlauch, Käse und ein gebratenes, nun jedoch kaltes, Huhn.
Er schlug sich nun schon die längste Zeit als Söldner und Dieb durch und es gefiel ihm. Er war frei. Frei und fernab aller Dinge, die zu seiner Vergangenheit gehörten.
Ein Lächeln umspielte seine Züge. Er schüttelte den Kopf und sein nasses Haar peitschte ihm ins Gesicht.
Es waren auf den Tag genau drei Jahre, dass er die Grenze seiner früheren Heimat hinter sich gelassen hatte.
Drei Jahre, in denen er seine Fähigkeiten verbesserte und für sich zu Nutze gemacht hatte. Es war kein schlechtes Leben, fand er, von Ort zu Ort und von Gasthaus zu Gasthaus zu wandern. Immer auf der Suche nach einer Unterkunft, gutem Essen, etwas für das sich Stehlen lohnt und einer Frau, die nachts das Bett wärmen konnte.
An letzterem mangelte es nicht, doch er war wählerisch geworden.
Seine Finger spielten mit einem kleinen, scharfkantigen Anhänger, dem er einst einen Kratzer auf seiner Wange zu verdanken hatte.
Es war auch drei Jahre her, dass er sie zuletzt gesehen hatte.
Sein Blick fiel auf den Anhänger. Warum hatte er ihn überhaupt mitgenommen?
Manchmal fragte er sich, was sie machte, ob sie anderen genauso auf die Nerven ging wie ihm, ob sie zurück in den Krieg gegangen und gefallen war.
Er wusste keine Antwort darauf. Manchmal erwischte er sich nachts, wie er von ihr träumte oder nannte eine Gespielin bei ihrem Namen, woraufhin er sich die eine oder andere Ohrfeige eingefangen hatte.
Ein Schnauben. Er schloss die Faust um den Anhänger und wandte den Blick wieder hinaus auf die Landschaft.
Er war am Rande einer kleinen Stadt bei einem Gasthaus untergekommen. Vielleicht war untergekommen auch das falsche Wort. Er hatte sich an den Vorräten bedient und saß nun an der Außenseite des Stalls.
Der Regen trommelte auf Dach und Erde und erinnerte ihn an ein Erlebnis, das er vor langer Zeit gehabt hatte.
Damals war er noch im Auftrag seines Volkes unterwegs und hatte eine Mission zu erfüllen gehabt. Eine Mission, einen Mann zu töten, der die Seelen seiner Gefangenen raubte und zu Marionetten machte.
Damals hatte er eine junge Frau getroffen, die zur Hälfte vom gleichen Blut war, wie er selbst.

Sie stand dort vor ihm. Auf einer kleinen Lichtung im Wald. Ihre Haut war nicht annähernd so dunkel wie seine, doch ihr Haar erstrahlte im gleichen Weiß. Violette Augen hatten ihn zornig fixiert. Ihre Hände waren gefesselt und er hielt das andere Ende des Seils in seinem Griff. Sie war ein Bastard und ein Diener des Mannes, den er zu töten gedachte. Besonders, weil dieser einen seiner Gefährten und Freunde auf dem Gewissen hatte.
„Setz dich und iss was!“, befahl er und zog ruppig an ihrer Fessel. Sie stolperte vorwärts. Ihre Knie gaben nach und sie fiel in den weichen Schlamm.
Er war ihr mit der freien Hand einen Kanten Brot zu, der vor ihr auf dem Boden landete.
„Iss!“, befahl er erneut und baute sich drohend über ihr auf. Er fand sie scheußlich. Eine Missgeburt der Natur. Ein Fehler. Ein Bastard eben.
Als sie sich noch immer nicht rührte, holte er aus und schlug mit der flachen Hand in ihr Gesicht.
Sie verzog nicht einmal die Miene. Er hatte nur den Zorn in ihrem Blick erhöht.
Er schlug erneut zu. Diesmal so fest, dass ihr Kopf sich zur Seite bewegte und sie Blut im Mund schmecken konnte.
Sie sah ihn nicht an, spuckte ein wenig Blut und Spucke neben sich ins Gras.
„Iss oder willst du verhungern? Es reicht, wenn dein Meister fällt. Du musst noch laufen können.“, er grinste höhnisch, „Wer weiß, was meine Leute dann mit dir anstellen, wenn du erstmal dort bist.“
„Warum erledigt Ihr es nicht gleich?“, kam es von ihr und sie hob den Blick, „Warum lasst Ihr mein Blut nicht gleich hier in der Erde versiegen? Oder seid Ihr zu feige?“
Erneut klatschte seine Hand gegen ihre Wange und sie bemühte sich, keine Miene zu verziehen. Es war nichts gegen die Peitschenhiebe ihres Meisters.
„Was ist es, das Euch Reinblütige so arrogant, stolz und unausstehlich macht?“, sie warf den Kopf in den Nacken und blickte ihn abwartend an. Eine Frage, die sie sich stellte, seit ihre Mutter sie verkauft hatte.
Er erstarrte in der Bewegung und ließ die Hand sinken. Sein Blick ruhte einen Moment auf ihr. Sie, gekleidet in schwarzem Leder, ihre Waffen in seinem Besitz. Ihre Hände geübt zu Töten, doch gekettet. Ihre violetten Augen trugen das gleiche Funkeln wie seine. Stolz und unnahrbar schien sie, doch geknechtet durch ein Mal an ihrer Schulter.
Er lächelte herablassend, „Das Gleiche, das jemanden wie dich wertlos macht.“

Wertlos. Das hatte er zu ihr gesagt. Er hatte sie gezwungen ihn zu ihrem Meister zu führen und fast hätte er dessen Macht unterschätzt. Er hatte ihn besiegen können, jedenfalls dachte er dies, doch sie war entkommen. Sie hatte sich befreien können und war untergetaucht. Etwas, das er nicht für möglich erachtet hatte.
Furias schloss die Augen. Wertlos... Er seufzte leise. Sie war ein Bastard gewesen und woran dachte er? An ein Wesen, das seinem Volk als Abschaum galt, als Fehler der Natur.
Er öffnete die Faust und blickte auf den Anhänger. In ihm war Blut von seiner Art. Das Blut ihres einstigen Geliebten, der verrückt gewesen sein musste, sich mit ihr einzulassen. Konnte er je an ihn heranreichen? Konnte er je Fehler seiner Vergangenheit wieder gut machen? Würde er sein Leben lang geprägt sein von seinem Volk? Sie als wertlos und dreckig ansehen?
„Nein“, dachte er, „Nein. Ich muss zugeben, sie ist es vollkommen wert.“

                                              ~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~

Der Regen hatte aufgehört. Wassertropfen glänzten auf den fleischigen Blättern der Pflanzen vor dem Fenster eines Gasthauses.
Das Kinn auf die Hände gestützt, lehnte sie an der Fensterbank und sah zu, wie sich der Himmel klarte und preisgab, dass die Sonne bereits den Zenit weit überschritten hatte.
„Wir sollten aufbrechen.“, eine warme, feste Hand legte sich auf ihre Schulter, „Außer, du hast es dir anders überlegt. Dann würde ich sogar den Göttern ein Dankesopfer bringen.“
Lad, aus ihren Gedanken gerissen, schmunzelte amüsiert und erwiderte: „Das würde dir so passen. Als ob ich es mir entgehen lasse, dass eine hohe Würdenträgerin ihre Juwelen in die Stadt mitgenommen hat.“
Er gab ihr einen leichten Klaps auf die Schulter, hauchte einen Kuss auf ihr Haar. „Du freche kleine Diebin.“, flüsterte er.
„Ich stehe wenigstens dazu.“, sie lächelte und sah zu, wie er den Raum durchmaß und sich auf einem der beiden Betten im Zimmer niederließ.
Dann wandte sie den Blick wieder hinaus in die Ferne. Sie waren vor ein paar Tagen in diesem Gasthaus abgestiegen. Ein Gasthaus mit einem großen Stall für die Tiere der Reisenden, ein wenig entfernt von der kleinen Stadt mit ihren verwinkelten Gassen.
Sie fragte sich, ob es für ihn genauso verlockend wäre, wäre er hier. Verlockend zu wissen, dass eine Würdenträgerin hier ihr Quartier aufgeschlagen hatte und Teile ihres Reichtums verwahren ließ.
Sogleich verwarf sie den Gedanken. Wäre, könnte, wüsste... All diese Worte waren nur leere Wünsche. Er würde ja doch nie wieder in ihr Leben treten und ihres war schließlich auch ohne ihn weitergegangen.

Comments

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    Nach dem Satz mit dem kalten Huhn fällt es mir besonders auf, dass das Wort "Er" ein recht häufiger Satzanfang ist, würde da denn ein oder anderen Satz umstellen oder "Er" mal mit "Der Dieb" ersetzen. Muss aber nicht. - Vorschläge für das nächste Kapitel: Ich will deiner Kreativität ganz sicher nicht ins Handwerk pfuschen, weil das hier eine Reise ist, durch die nur du uns zu geleiten weist. ;) - Wünsche: Mach so weiter wie bisher, schreib auf deine unnachamliche Art und Weise. :)

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    Wie immer toll!

  • Author Portrait

    wiedermal toll geschrieben!

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