Kapitel 5

“Vielleicht sollten wir mal zu den neuen Nachbarn rüber gehen“, schlägt Dad vor. Ich schüttele hysterisch den Kopf:“Nein, ich denke das sollten wir nicht tun.“ “Nicht? Wieso denn nicht?“, fragt mein Vater mich. Ich schaue woanders hin und versuche mir eine Antwort zu überlegen.

Was soll ich ihm denn sagen? Dass ich ihn schon getroffen habe und dass ich echt keine Lust auf einen Begegnung mit ihm habe? Das kann ich doch nicht machen.

Mit dem Fingernagel kratze ich nervös über das Leder unseres gelben Sofas. Nach dieser kurzen Pause ist mir aber immer noch Nichts eingefallen, weshalb ich kleinlaut sage:“Ich möchte da aber nicht hin, Daddy.“ Ich werfe ihm meinen Welpenblick zu.

Er legt den Kopf schief und rollt mit den Augen:“Du hast also keinen guten Grund? Dann stehen unsere Pläne für den Rest des Tages ja fest.“ Ich schmolle, doch Dad ignoriert es einfach und zieht mich vom Sofa hoch.

Ich seufze laut, doch auch das ignoriert er. “Dad! Kann ich nicht hier bleiben?“ “Nein“, er reicht mir meine Winterjacke, die daraufhin beleidigt anziehe. Auch in meine Winterschuhe, die mein Dad vor meine Füße gestellt hat, schlüpfe ich flink. Wie schafft er es mich immer dazu zu bringen Dinge zu tun, die ich eigentlich nicht machen will.

Auch mein Vater hat sich mittlerweile angezogen und hält mir jetzt die Tür auf. Ich gehe, nach wie vor beleidigt, vor die Tür und mein Vater tut es mir gleich. Dann schließt er die Haustür ab.

Als wir vor dem Haus der neuen Nachbarn angekommen sind, steigt mein Vater die kleine Treppe hinauf und drückt auf den Klingelknopf. Unterdessen betrachte ich das Haus. Es ist größer als das Haus, indem sich unsere Wohnung befindet, doch auch älter. Eines der Fenster im zweiten Stock ist eingeschlagen. Wie ist das wohl passiert? Hat eines der Nachbarskinder wieder mal einen Stein durchs Fenster geworfen? Das Haus ist zwar groß, doch nicht gerade schön. An der Steinmauer ranken mehrere Efeupflanzen empor und kleben daran wie ein Kaugummi am Fußboden. Durch die Fensterscheiben kann ich erkennen, dass Licht im Haus brennt. Das heißt sie sind zu Hause. Mist, aus der Situation komme ich nicht mehr so schnell raus.

Ich blicke weiter zu Tür, an der Dad gerade klingelt. Er drückt den Klingelknopf dreimal herunter. Dann stellt er sich wieder neben mich. Es ist ziemlich still. Nur mein Atem, der sich in weißen Wolken in die Luft erhebt, ist zu hören. Es ist so kalt, dass es tatsächlich schon kleine Wölkchen sind, doch das stört mich nicht. Ich liebe den Winter und die Kälte. Umso kälter es draußen ist, desto gemütlicher wird es drinnen. Außerdem bringt der Winter das Weihnachtsfest und somit viel Zeit mit der Familie mit sich.

Meine Schwester hat es immer geliebt mit mir vor dem Kamin zu sitzen und später mit der ganzen Familie Ente zu essen. Auch finde meinen Gefallen daran, doch sie war ein richtiger Fan. Am ersten Dezember begann der Wahnsinn dann auch immer. Sie stand auf und startete dann sofort mit ihrem Dekotrip. Wir haben im Keller kistenweise Weihnachtsdekoration, den sie über die Jahre angeschleppt hat.

Als die Haustür aufgerissen wird, konzentriere ich mich wieder auf das Hier und Jetzt. In der Tür steht Dean. Nein, das ist nicht Dean. Er sieht aus wie Dean, ist es aber nicht. Seine Augen sind im Gegensatz zu denen von Dean strahlend blau und er hat einen finsteren Blick aufgesetzt.

Sein Blick streift uns und schneller als ich “Hi“ sagen kann, hat er uns die Tür laut schallend wieder vor der Nase zu geschlagen. “Gut dann wäre das ja erledigt“, sage ich nun super gelaunt:“Lass uns wieder nach Hause gehen! Ich habe Hunger.“ “Halt Stopp! Stehen geblieben, Madame. So leicht mache ich es dir nicht. Ich werde nochmal klingeln“, bittet er und zieht mich an meiner Kapuze wieder sanft zu sich zurück. Ich seufze genervt. Ist das sein Ernst. Wieso will er unbedingt, dass wir uns mit unseren Nachbarn gut verstehen? Das hat ihn doch sonst auch noch nie interessiert. Beleidigt schmolle ich vor mich hin. War ja klar, dass er sich nicht so einfach davon überzeugen lässt, wieder nach Hause zu verschwinden.

Mein Vater geht wieder los und klingelt erneut. Wird er das jetzt so lange machen, bis ein Erwachsener aufmacht? Das ist einfach nur peinlich und die Nachbarn halten uns dann auch für total verrückt. Wenn ja, will ich bitte auf der Stelle im Boden versinken.

Als nächstes öffnet die Frau, auf die ich zuvor schon einen Blick erhaschen konnte und die wohl Dean Mom sein muss, die Tür und mustert uns von oben bis unten. Dann flötet sie in einem fröhlichen Ton:“Oh guten Tag. Ich muss mich für meinen Jungen entschuldigen. Er kann manchmal sehr…aufbrausend…sein.“ Es wirkt als wüsste sie nicht wie sie das Verhalten ihres Sohnes beschreiben sollte. “Ich bin Mrs. Wanderwelth“, schnell kommt sie auf uns zu gelaufen und schüttelt jedem von uns die Hand:“Und sie müssen wohl unsere Nachbarn sein.“ “Ja, so ist es“, sagt mein Vater schnell. Mir fällt sofort sein strahlendes Grinsen auf und mir ist klar, was das zu bedeuten hat. Bei Gelegenheit werde ich ihn daran erinnern, dass diese Frau verheiratet ist.

“Wollen sie vielleicht rein kommen?“, fragt Mrs. Wanderwelth. Ich finde es höchst merkwürdig, dass sie uns sofort in ihr Haus einlädt. Ich hätte an ihrer Stelle erst nachgefragt in welchem Haus die Nachbarn jetzt überhaupt wohnen und wie sie heißen, aber diese Frau scheint sich keine Sorgen darüber zu machen, dass wir gar nicht wirklich ihre Nachbarn sein könnten.

Mit einem Blick zu meinem Vater, der der Frau ins Haus folgt, betrete ich auch das Haus. Ja das wird sicher ein Spaß. Im Haus von Dean mit seiner “Hier ist alles super“-Mom und seinem “verpisst euch wieder“-Bruder. Ich weiß sowieso nicht wieso mein Dad überhaupt hierhin wollte. Ich hätte meine Zeit auch besser verschwenden können.

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