Kapitel 5: Ariks Geschichte Teil 1

 Ariks Geschichte Teil 1 Ariks Sicht


Ich wurde im Winter geboren. Es war tiefstes Mittelalter. Mein Vater war im Krieg gestorben und meine Mutter und meine Schwester hatten den Hof übernommen. Schon vor meiner Geburt konnten sie beide kaum überleben. Doch dann kam ich und machte alles noch viel schwieriger. Meine Mutter starb bei meiner Geburt und auch ich hatte nur knapp überlebt. Meine Schwester Claudia war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 17 Jahre alt. Für die heutige Zeit ist es unvorstellbar in diesem Alter einen Hof zu führen und ein Kind großzuziehen. Damals dachte man nicht darüber nach. Man tat es einfach. Es blieb ja auch keine andere Wahl. Sie hätte mich im Brunnen ertränken können, doch dazu war sie zu gut. Sie hatte mich geliebt. Sie hatte mich von Anfang an geliebt. Also zog sie mich groß, mit all der Liebe und Kraft, die sie aufbringen konnte. Wir lebten ständig an der Grenze zum Hungertod und auch Krankheiten holten uns regelmäßig ein. Claudia war immer schon anfällig für Krankheiten gewesen. Ich hingegen schien mich immer gut zu schlagen. Wir lebten am Rande eines kleinen Dorfes und bekamen daher die meisten Krankheiten ab. Als ich 19 Jahre alt war, kam eine Krankheit, die fast das gesamte Dorf befall. Sie raffte die meisten Männer und Jungen danieder und auch einige Frauen traf es. Unter ihnen, meine Schwester. Nur Gott weiß, warum es mich verschont hatte. Nach dem Tot meiner Schwester hielt mich nichts mehr auf dem alten Hof. Ich verkaufte ihn und alles was dazugehörte. Von dem wenigen Geld, das ich für den Verkauf erhielt kaufte ich mir einen alten Ackergaul und einige Vorräte. Dann machte ich mich auf in die Welt. Ich dachte nicht groß darüber nach, was ich tat. Ich wollte einfach nur weg von diesem Ort. Weg von den bösen Erinnerungen, die der Tod meiner geliebten Schwester zur Folge hatte. Ich machte mich auf in Richtung der Wälder und verbrachte die nächsten Stunden damit auf dem Rücken meines Pferdes den Weg nach Süden zu folgen. Erst am Abend, als die Sonne bereits dabei war unterzugehen, war ich bereit eine Pause einzulegen.


An die folgenden Geschehnisse erinnere ich mich nur noch dunkel. Ich weiß noch, wie ich mich auf meinem Lager zur Ruhe bettete und vor Erschöpfung auch sogleich ins Land der Träume abdriftete, doch was danach geschah war, obwohl es mir so vorkam, keineswegs nur ein Traum. Ich erwachte mitten in der Nacht. Ein bestialisches Knurren hatte mich aufgeschreckt und als ich mich aufsetzte roch ich fauligen Atem. An diesen üblen Geruch werde ich mich ewig zurückerinnern. Ebenso wie an die glühenden Augen, die mich ansahen und an die spitzen und scharfen Reißzähne und die Klauen, des Wesens, welches mich anblickte und knurrte. Es sah aus wie ein riesiger Wolf, jedoch war ich mir sicher, dass es so große Wölfe nicht gab. Das Tier umkreiste mich, als hätte es mich als seine Beute auserkoren und vermutlich war dem auch so. Es fletschte die Zähne und sein Speichel tropfte zähflüssig auf den Boden vor mir. Mein Feuer, an dem ich mich noch einige Stunden zuvor gewärmt hatte, war bereits erloschen und nur noch die Glut glimmte vor sich hin. Dunkle Wolken hatten sich vor den Himmel geschoben und nur das Mondlicht warf jetzt noch sein schwaches Licht auf das Ungeheuer, welches mich offenbar zu fressen gedachte. Immer näher kam es mir und ich dachte bereits mein letztes Stündlein hätte geschlagen. Mein Leben rauschte nur so an mir vorbei und ich blickte dem Tod quasi schon ins Auge, da hörte ich einen lauten Knall und das Ding, welches mich eben noch zerfleischen wollte, ging vor mir zu Boden. Erleichtert atmete ich auf und fiel zurück auf die Felle, die mir als Nachtlager dienten.


Als ich wieder erwachte war ich nicht allein. Ein großer Mann saß vor mir am Feuer, welches er augenscheinlich wieder entfacht hatte. Der blonde Mann hatte schulterlanges Haar, welches er, mit einem Lederband, zurückgebunden hatte und trug eine Lederrüstung mit Verzierungen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Er war kräftig gebaut und sah aus, als hätte er schon Monate lang im Wald gelebt. Er war unrasiert und schmutzig. Blut klebte an seiner Hose und auch sonst schien er eher unordentlich. Was aber am auffälligsten an ihm war, waren seine Ohren. Seine Kapuze war ihm vom Haupt gerutscht und gab einen Blick auf sie frei. Sie waren schmal und spitz nach oben laufend. Du musst wissen, ich war zuvor noch nie einem Elfen begegnet, weshalb ich ihn auch unverhohlen musterte. Natürlich hatte ich von diesen Wesen gehört, die den Menschen sehr ähnlich waren und dennoch nichts menschliches an sich hatten. Bei dem großen Mann vor mir war ich mir allerdings nicht gänzlich sicher, ob dieser tatsächlich ein echter Elf war. Allein die Form seiner Ohren und seine Lederkluft sprach dafür. Sein breites Kreuz und die Pranken, die seine Hände waren, sahen mir nicht gerade sehr elfisch aus. Sein Rucksack und sein Schwert lagen neben meinen eigenen Sachen. Er hatte es sich scheinbar bequem gemacht. Ich musste ihn ziemlich angestarrt haben, denn als ich mich aufrichtete und meinen Schmerzenden Kopf befühlte schaute er mich grimmig an.


„Weshalb glotzt du so? Zeig lieber etwas Dankbarkeit. Immerhin habe ich dir das Leben gerettet“, raunzte er mich unwirsch an. „Ich...“, stotterte ich. „Danke, aber was war das für ein knall? Wie hast du mich gerettet und was war das eigentlich für ein Ding?“ Mit großen Augen schaute ich ihn an. Er gab mir ein Stück Fleisch, welches er zuvor über dem Feuer gebraten hatte. „Iss“, sagte er. „Du wirst es brauchen.“ Auf meine Fragen ging er gar nicht erst ein. Erst als ich das Fleisch nahm und zögerlich abbiss begann er mir alles zu erklären. „Ich habe dich mit meiner Magie gerettet. Deshalb der Knall. Das Ding war ein Werwolf und du solltest eigentlich gar nicht hier sein. Du bringst mich in Schwierigkeiten.“ Er biss von seinem eigenen Stück Wild ab und schaute mich grimmig an. Werwolf? Dachte ich nur. War das sein Ernst? War der Kerl verrückt? „Werwölfe gibt es nur in Geschichten“, murmelte ich vor mich hin. Mein Retter sah auf. „Nur in Geschichten?“, sagte er empört. „Ist das da etwa nur eine Geschichte?“ Er zeigte auf die Leiche eines riesigen Wolfes, die ein paar Meter entfernt vom Lager lag. Das erklärte den unangenehmen Geruch. Entsetzt über das tote Tier sagte ich: „Räum es weg! Sofort!“ Ein raues Lachen entkam der fremden Kehle. „Ich soll es wegräumen? Weißt du eigentlich wie schwer das Ding ist? Ich mag ja kräftig sein, aber einen Werwolf allein begraben, das schaffe ich nicht. Aber das Loch habe ich schon geschaufelt. Wenn du mit anpackst, dann ist er noch vor dem Mittag unter der Erde. Es sei denn du bist dir zu fein dafür, Bauernjunge.“ Ich stutzte. „Woher weißt du wo ich herkomme?“, fragte ich unnützer Weise. Der scheinbare Elf sah mich an. „Hier in der Gegend ist nicht viel los. Da bekommt man so einiges mit. Als ich vor einigen Tagen in einem Gasthaus eingekehrt war, habe ich den Tratsch mitbekommen. Du scheinst ja fast berühmt zu sein. Der Junge, der alles verloren hatte und dann so dumm war einfach loszuziehen. Was hast du geglaubt, wie es läuft? Dass du einfach durch die Wälder ziehst und von Ort zu Ort? Von was willst du leben?“ Er hatte Recht. Ich hatte mir keine großen Gedanken gemacht. Ich hatte einfach nur weg gewollt. Das war alles. Und was dann kam, darüber hatte ich nicht einen Gedanken verschwendet. Betrübt sah ich zu Boden. „Wann bringen wir den Wolf unter die Erde?“, fragte ich dann.


Einige Tage später waren wir beide auf dem Weg in die nächste Ortschaft. Ich hatte mich dazu entschlossen, mich dem hünenhaften Elfen, der sich mir als Yaldur vorgestellt hatte, anzuschließen. Naja, so richtig vorgestellt hatte er sich eigentlich nie. Ich hatte ihn drei mal nach seinem Namen fragen müssen, bevor er ihn mir verriet. Yaldur. Ich hatte ewig gebraucht um den Namen richtig auszusprechen. Er zog mich immer wieder damit auf. Auch Wochen später noch, als ich die Aussprache halbwegs beherrschte. Mein Name hingegen ging ihm leicht über die Lippen. Er betonte das R so schön. Arik. Aus seinem Mund klang es wie das Schnurren einer Katze. Schnurren, welches ein seltsames, warmes Gefühl in mir auslöste, welches ich gekonnt ignorierte. Außerdem mochte ich doch gar keine Katzen. Yaldur hatte mir in den letzten Tagen alles erzählt, was ich von der Welt noch nicht wusste. Naja, alles was wirklich wichtig war, wenn ich draußen allein überleben wollte. Ich erfuhr, dass Menschen, Elfen und Zwerge nicht die einzigen intelligenten Spezies waren. Da draußen gab es Dinge, von denen ich bisher nur aus Geschichten wusste. Dinge, die ich nicht für real gehalten hatte. Werwölfe, so wie der, vor dem mich der Elf gerettet hatte, Gastaltwandler, Vampire und noch ganz andere Geschöpfe. Wesen, die unter uns lebten, versteckt vor uns und sogar bei uns, unbemerkt und tödlich. Sie alle existierten. Niemand war vor ihnen sicher und nun wusste ich endlich von deren Existenz. Das konnte nur von Vorteil sein. So dachte ich jedenfalls. Jahre später wünschte ich mir, ich hätte von all dem nichts erfahren, doch das ist ein anderer Teil der Geschichte. In den ersten Monaten, in denen ich mit dem Elf unterwegs war lernte ich alles zum Überleben. Wie man jagt, wie man ein Feuer macht, wie man Tiere häutet und ausweidet. Alles, was ich wissen musste lehrte mich der grummelige Elf, den ich von Tag zu Tag besser kennenlernte.


Als ich schließlich alles grundlegende wusste, brachte er mir alles bei, was ich für die Jagd nach Monstern brauchte. Nicht selten saßen wir Abend am Feuer und er fragte mich ab. „Sag mir alles, was du über Vampire weißt“, sagte er und ich antwortete: „Sie sind nicht viel anders als Menschen. Sie sehen auch genauso aus. Sie ernähren sich vom Blut Lebender und trinken ihre Opfer leer. Deshalb ist eine Begegnung mit ihnen so oft tödlich. Sie sind Verführungskünstler und können dich von fast allem überzeugen. Sie haben übermenschliche Sinne und sind auch stärker als Menschen oder Elfen. Sogar stärker als Zwerge. Sie altern nicht und können auch nicht an Krankheiten sterben. Um sie zu töten muss man ihnen den Kopf vom Körper trennen. Die Sonne schadet ihrer Haut. Ihr Blut besitzt heilende Kräfte, weshalb sie auch schneller heilen, wenn sie verletzt werden. Stirbt ein Mensch mit Vampirblut im Körper wird er selbst zum Vampir.“ Natürlich kannte ich nach kurzer Zeit alle Stärken und Schwächen der Wesen, die mein Begleiter jagte. Auch ich würde bald auf die Jagd gehen, denn ich wollte dort draußen alleine überleben können.


Natürlich wünschte ich mir, dass mein elfischer Begleiter bei mir bleiben würde, doch das konnte ich nicht von ihm verlangen. Und so kam es, wie es kommen musste. Yaldur verließ mich eines Nachts und als ich am nächsten Morgen erwachte und feststellte, dass er gegangen war, ohne mir vorher etwas zu sagen, wusste ich nicht wohin mit meinen Gefühlen. In den nächsten Tagen litt ich sehr unter dem Verlust meines Mentors, meines Lehrers, meines Freundes, doch die Zeit verschaffte mir Linderung und genügend Ablenkung. Denn dort draußen gab es mehr zum Jagen, als ich je gedacht hätte. Als ich Jahre später an meine Zeit mit Yaldur zurück dachte, beschlich mich jedoch immer noch das Gefühl von Sehnsucht.Ein Stich in meinem Herzen, dessen Schmerz mir nur all zu deutlich bewusst war. Auch heute noch denke ich manchmal an Yaldur. Den Elf, der so anders war, als erwartet. Der Elf, der mir alles beibrachte, was ich zum überleben wissen musste und mir eine Richtung für mein Leben wies. Der Elf, der mein Herz zum rasen brachte und Gefühle in mir wach rief, die ich erst viel zu spät begreifen konnte. Ich traf nie wieder einen Elf wie ihn. Er war einfach einzigartig.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media