Kapitel 6


Tränen steigen in mir hoch. Warum küsst er mich und sagt so etwas? Ich schlucke schwer und versuche wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Einige Zeit später klopfe ich an seiner Haustür. Alice öffnet mir und sieht mich liebevoll an.

„Hallo Morgan“, begrüßt sie mich.

„Hallo Mrs. White. Ist … keine Ahnung.“ Ich lache kurz. Eigentlich weiß ich immer wo die Jungs sind. Ist ja auch einfach, denn bisher waren sie immer zusammen.

„Caleb ist mit seiner Freundin in seinem Zimmer.“ Sie sieht mein erstauntes Gesicht. „Die Tür ist auf und mein Mann ist oben. Er kann also nichts anstellen.“

„Jetzt dachte ich schon“, jemand macht die Tür noch ein Stückchen weiter auf. Sam.

„Ich dachte, du wärst nach Hause gegangen.“

„Ähm, war ich auch. Ist auch alles in Ordnung“, er macht sich gleich Gedanken wegen meiner Mutter. „Brauche ich den seit neuestem einen Grund herzukommen?“

„Ich lass euch mal allein. Ich habe einen Kuchen im Ofen.“ Alice läuft in Richtung Küche. Sam sieht ihr stirnrunzelnd nach.

„Es gibt keinen Kuchen oder?“, frage ich ihn.

„Riechst du etwa was, was ich nicht rieche?“, schnauzt er. „Was willst du?“

„Reden.“ Ich versuche meinen Tonfall neutral zu halten. Eigentlich würde ich gerne zurück schnauzen. Er sieht mich nur an. Ich dachte mir schon, dass er nicht einfach nachgeben würde.

„Keine Lust. Du solltest gehen. Es könnte dir nicht schaden, wenn du mal ein Buch liest.“ Oh, jetzt wird er auch noch beleidigend. Ich öffne meine Tasche und hole etwas heraus. Er starrt es an. Ja, jetzt versuch mal zu wiederstehen.

„Willst du die?“ Er entspannt sich etwas.

„Denkst du, du kannst mich mit Gummibärchen erpressen?“ Sam versucht cool zu wirken, aber ich weiß, was in seinem inneren vorgeht. Wenn es nach ihm ginge, würde er sich nur von Gummibärchen ernähren. Seine Mutter erzählt immer wieder die Geschichte von seinem siebten Geburtstag. Er hat sich mehr über die Gummibärchen als über seine neuen Spielsachen gefreut. Angeblich hat er alles liegen lassen, hat es sich auf der Couch gemütlich gemacht und genüsslich sein Geburtstagsgeschenk verschlungen.

„Ich weiß es“, er will nach der Packung greifen, aber ich verstecke sie hinter meinem Rücken. „Lass mich rein!“, fordere ich. Er ringt mit sich ob er mich reinlassen soll, macht dann aber doch einen Schritt zur Seite und ich betrete das Haus.

„Das ist Erpressung.“ Ich sehe nach oben und kann seine geöffnete Zimmertür sehen. „Wir können nicht nach oben. Du musst dich mit dem Wohnzimmer begnügen.“ Er läuft mir voraus. Das Wohnzimmer hat keine Tür, es ist durch einen großen Türbogen mit dem Gang verbunden. Ich lasse mich neben ihm auf die Couch fallen und sehe, dass er auf die Gummibärchen starrt.

„Du bekommst nicht die ganze Tüte“, sage ich ihm. „Wir werden uns unterhalten. Ich werde dir Fragen stellen. Wenn ich mit deiner Antwort zufrieden bin, bekommst du ein paar. Nicht alle.“ Er reißt entsetzt die Augen auf.

„Willst du mich quälen? Ich dachte, wir wären Freunde!“, ruft er, bereut aber sofort seine Worte. Freunde küssen sich nicht. Er sieht nach vorne.

„Wir reden nicht darüber … was auf dem Heimweg passiert ist.“ Seine Schultern entspannen sich etwas. Ich sehe an ihm vorbei, ob jemand kommt. „Sondern über Jeremy und Caleb.“

„Was gibt es da zu reden?“ Ich öffne die Tüte, hole ein paar Bärchen heraus und gebe sie ihm. Er sieht mich verwirrt an.

„Du schnauzt mich nicht an. Das schreit nach einer Belohnung.“ Sam sieht auf die Gummibärchen, dann wieder zu mir.

„Ich bin kein Hund“, stellt er klar.

„Das ist mir klar.“ Er nickt und isst seine Belohnung. „Also?“, frage ich.

„Ich weiß nicht, was du hören willst?“ Seine Stimme bekommt einen traurigen Unterton.

„Hast du mit Jeremy über Caleb gesprochen?“ Er schüttelt den Kopf. „Das solltest du vielleicht tun.“

„Das ist keine gute Idee.“

„Meinst du, ihm ist die eisige Stimmung zwischen euch beiden noch nicht aufgefallen. Ich meine, ich kann nach Hause gehen, er nicht. Er steht zwischen euch.“ Sam hält mir die Hand hin und fordert die nächste Ladung.

„Ich weiß auch etwas über Caleb. Denkst du, wenn ich es entsprechenden Person sage, hilft es ihm.“

„Was weißt du denn?“ Er grinst und schüttelt den Kopf. „Gummibärchen?“, ich hebe ihm Tüte hin, damit er selber reingreifen kann.

„Danke. Aber nein. Ich sage es dir nicht.“

„Wieso? Ist es so schlimm?“ Sam schließt die Augen und lässt sich seine Bestechung schmecken.

„Darum geht es jetzt doch nicht. Oder doch?“ Er legt den Arm um mich und mustert mein Gesicht. „Sieh mich nicht so böse an!“ Er will wieder in die Tüte greifen, aber ich verstecke sie hinter meinem Rücken. Seine freie Hand sucht blind nach seinen Suchtmitteln. Er hält inne, als er merkt, wie nah er meinem Gesicht gekommen ist. Ich sehe ihm in die Augen, und da ist es wieder. Das Knistern. Ich hatte es vorhin schon gespürt, habe aber versucht, so gut ich konnte, es zu verdrängen. Und dann schließt er die Augen. Ich schließe die Augen. Und er küsst mich. Diesmal fester. Ich spüre, seine Zunge meine Lippen berührt und ein Teil von mir möchte den Kontakt unterbrechen. Er schreit mich förmlich an, aber dann gebe ich mich geschlagen und erwidere seinen Kuss. Er schmeckt nach Gummibärchen. Ich bekomme nichts mehr mit. Es gibt nur noch uns beide.

„Samuel!“ Wir schrecken beide hoch, als sein Vater plötzlich im Wohnzimmer erscheint. John sieht uns amüsiert an. „Deinem Bruder verbiete ich, genau aus diesem Grund die Zimmertür zu schließen“, er zeigt mit den Fingern abwechseln auf uns beide. „Und du machst keinen Hehl daraus und knutscht hier unten mit Morgan herum.“

„Dad.“

„Seid wann seid ihr denn zusammen? Deine Mutter hat mir gar nichts gesagt.“ Ein Poltern ist auf der Treppe zu hören. Caleb kommt runter.

„Was hat Mum dir nicht erzählt? Wer ist mit wem zusammen?“ Seine Gesichtszüge entgleiten ihm, als er uns zusammen sieht. In dem Moment kommt Jeremy zur Haustür herein.

„Hey Leute! Er hat nicht gebohrt.“ Er strahlt übers ganze Gesicht. Ich will nur noch hier raus.

„Jeremy“, sagt John in gespielt strengem Tonfall. Ich will nicht, dass er weiterspricht. Aber ich kann es nicht verhindern. „Hast du gewusst, dass Sam und Morgan zusammen sind?“ Jeremy sieht etwas verdutzt zu uns rüber.

„Warum sollten sie? Wie kommst du darauf?“, fragt er. Im Augenwinkel kann ich sehen, dass Sam vor sich hinstarrt. Oh, was haben wir nur getan?

„Ich habe sie gerade beim rumknutschen erwischt“, er schlägt Jeremy kumpelhaft auf die Schulter. „Versteckst du auch irgendwo ein Mädchen?“ Ohne auf eine Antwort zu warten läuft er wieder zurück in die Küche. Keiner von uns sagt ein Wort. Ich würde am liebsten im Erdboden versinken. Caleb und Jeremy haben kein Erbarmen und durchbohren uns weiter mit ihren Blicken.

„Cal“, ruft Sally von oben und zerreißt damit die angespannte Stille. Ich traue mich und sehe ihn an.

„Ja“, antwortet er, ohne mich aus den Augen zu lassen. Sein Gesicht spricht Bände. Ich setze an um etwas zu sagen. Er zieht fragend seine Brauen nach oben und mein Mut verlässt mich wieder. Aber ich traue mich zu Jeremy zu sehen. Er steht mit hängenden Schultern da, starrt Sam, der sich immer noch nicht bewegt hat, mit einem enttäuschten Blick an. Sally kommt die Treppe heruntergeschlendert.

„Cal? Kommst du nicht mehr nach oben?“, erkundigt sie sich. Jeremy erwacht aus seiner Erstarrung und reist den Kopf herum.

„Wer zum Geier hat dir eigentlich gesagt, er heißt Cal?!“, schreit er. „Er heißt CALEB!“ Sie zieht die Schultern ein und geht in Deckung.

„Jeremy!“, sagt Caleb ist dem kältesten, aber ruhigen, Ton, den ich je gehört habe. „Sie kann nichts dafür. Lass sie in Ruhe.“

„Ähm, soll ich gehen?“, fragt Sommersprosse.

„Nein“, sagt Caleb. „Ich kann ein paar ehrliche Menschen um mich herum gebrauchen.“ Er dreht sich zu Jeremy. „Du bestimmt auch!“

„Ja“, Jeremy läuft die Treppe hoch. „Wir sollten die Turteltauben allein lassen.“

 

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