Kapitel 6

Yjades liebte es, wenn sie Lebewesen leiden sah. Die blaue Hexe sass, obwohl es Nacht war, auf einer Bank bei einem Baum und beobachtete von dort aus das Treiben in ihrem Tiergefängnis neben ihrem Hexenhaus. Hinter den Gitterstäben scharrten zwei Goldrehe in der Erde nach der Freiheit. Diese beiden Tiere hatte sie zufällig bei einem Streifzug eingefangen, damit sie die Tiere in der Gefangenschaft leiden sehen konnte. Neben den Goldrehen war ein blinder Phönix an eine Kette gefesselt und lief ständig gegen einen Pfosten in der Dunkelheit. Yjades hörte ein Schnauben aus einem anderen Gehege und belustigte sich über den Fluchtversuch von einem Igel und einem Wildschwein. Sie schlüpften durch ein Loch unter dem Gitter und wollten türmen. Sie wären der Hexe entkommen, gäbe es da allerdings nicht die Pflanzenwächtern. Einen Meter von dem Gitter entfernt schlichen sich Schlingpflanzen an die Ausbrecher heran. Die grünen Riesenpflanzen bauten sich vor den Flüchtlingen auf und versuchten sie mit ihren Stängelenden zu erschlagen. Sie verfehlten aber die Tiere und trafen stattdessen den Boden. Die Tiere wurden wegen der Erschütterung von den Füssen gewirbelt. Schnell, bevor die Pflanze nochmals nach ihnen schlagen konnte, schlüpften sie wieder in ihr Käfig zurück. „Schlingpflanzen sind die besten Ausbruchssicherungen“, Yjades klatschte in die Hände und wanderte auf den hintersten Käfig zu. Dort im Mondlicht lag ein Einhorn im Schlamm und atmete schwer. Es hob den Kopf, als der Schatten der Hexe über sein Gesicht schweifte. Sein Goldhorn leuchtete, doch Yjades konnte sehen, wie der Schein von Tag zu Tag schwächer wurde. „Das sind die Wirkungen eines schwarzen Fluches“, erklärte sie dem Einhorn. Das Einhorn schnaubte und richtete sich wieder auf seine Hufe. Es tappte zur Hexe hinüber, sank aber wieder unter seinem eigenen Körpergewicht zusammen. „Pah, Einhörner sollen stark sein, dabei sind sie so schwache Geschöpfe!“

Die Hexe machte sich auf den Weg ins Haus. Gerade wollte sie ihre Hand auf die Türklinke legen, kräuselte ein Flügelschlag ihr Haar. Ein Rabe, so gross wie eine Katze, landete auf einem Ast bei einem abgestorbenen Baum. „Kizuru, bringst du Neuigkeiten, mein Späher?“ Sie schritt auf den Baum zu. Der Rabe hob ab und landete auf ihrer Schulter. „Làs Rubinà es a Distikàmist. Lài skai megesitka auw li Magiresta est alumaga dea dicka gestikalamist. Leeà arschrika nu li Megastula soé bemerck nista dula ila trastika!“, wisperte er in ihr Ohr. Die Hexe erschrak. „Diese zwei Elfen sind aufgebrochen um meine Rubinamulette zu stehlen und wissen von dem Drachen. Aber woher wissen sie das?“ Kizuru putze sein Gefieder und krächzte auf schwarze Sprache: „Nu skai Treggà auw li Lestikapack.“ Die Hexe erdrückte einen Käfer in ihrer Handfläche, der sich dort niedergelassen hatte, knetete den Körper und reichte der verstümmelte Käfer ihrem Raben zum Frass. Sie hatte Tokklins noch nie gemocht. Obwohl sie diese kleinen Arbeiter gerne folterte, wussten sie leider zu viel über sie. Und nun hatten zwei dieser Tokklins diesen Elfen verraten, wie sie sie töten können. Ich hoffe, der Tod des Einhornes ist schneller, als die Beine der Elfen! „Àrastika?“, fragte der Rabe. „Ich soll besorgt sein, niemals!“, flunkerte sie ihrem Späher vor. Yjades war sehr wohl ein wenig besorgt um ihr Leben, das nun an einem seidenen Faden hing, doch zugegeben hätte sie es nicht. Sie fegte den Raben mit ihrer Hand von der Schulter. „Geh und beobachtete diese Elfen weiterhin!“, befahl sie dem Späher. Kizuru macht eine Verbeugung in der Luft und flatterte durch die Kronen der Bäume. Und enttäusche mich nicht! , schickte sie Kizuru telepathisch nach. Keine Sorge grosse Meistern! , antwortete Kizuru in seiner Sprache. Yjades wollte wieder zu ihrem Haus zurückhumpeln, da erklang ein Heulen in der Ferne. Auf einem Felsen der Höhle, wo der Smerogon unter seiner eigenen Asche schlief, erschien der Umriss eines Tieres. Sein weisser Pelz leuchtete in der Dunkelheit und die gelben Augen funkelten. „Arazog!“, rief die Hexe. Arazog war ein riesiger Wolf, so gross wie ein Pferd und hatte schon in einige Kämpfe in Pangea an der Seite des Bösen mitgekämpft. Hinter seinem breiten Rückengrat erschienen seine weiteren Artgenossen, bis sein komplettes Rudel sich auf dem Höhlendach versammelt hatte. Arazog stiess ein Heulen aus und sprang von der Klippe. Er baute sich vor der Hexe auf und hechelte ihr ins Gesicht: „Du hast mich hergerufen, womit kann ich dir dienen?“ „Möchtest du für mich auf die Jagd gehen?“, Yjades umkreiste seinen Körper. Der Wolf entblösste seine Reisszähne und nickte. „Welche Art von Wesen muss ich Jagen?“ „Elfen“, erwiderte Yjades.  Arazog leckte sich mit seiner Zunge über die Lippen: „Elfenblut hatte er schon lange nicht mehr auf der Zunge geschmeckt.“ „Dieses Mal stehen Elfen auf unserer Liste“, jaulte Arazog seinem Rudel zu. „Ihr werdet diese Elfe in der Nähe vom Dorf Kerparabell finden“, fügte die Hexe noch hinzu. „Und enttäuscht mich nicht!“ Die Wölfe stiessen ein Heulen aus und begannen zu Knurren: „Wir werden dich bestimmt nicht enttäuschen!“  Arazog heulte den Vollmond an und jagte kläffend mit seinem Rudel über den Waldboden ihrem Auftrag entgegen.

Yjades sah den Wölfen nach, wie sie durch den Wald preschten und dabei immer heulten: „Wer den ersten Elfen tötet, wird der nächste Alpha werden!“                                                                                                                              „Genügen diese Wölfe überhaupt?“, fragte sich die Hexe, als die Wölfe aus der Sichtweite verschwunden waren. „Elfen sind intelligent und Wölfe sind zwar tödlich aber dumm. Ich denke, ich werde noch andere Wesen auf die Elfen hetzten“, sagte sie zu sich selber. Nach diesem Selbstgespräch machte sie kehrt  und verschwand hinter den Tannen, wo die Zweige bereits den Boden streiften. Sie folgte einem Pfad, bis sie eine Lichtung erreichte, auf der ein einzelner Olivenbaum in der Mitte stand. Yjades konnte eine Kraft um diesen knorrigen Baumes spüren, die sie anzog. Obwohl der Baum längst Tod war und fingen ihre Hände wegen der Kraft an zu zittern. Yjades überkreuze ihre Finger und murmelte: „Ihr Geister und Dämonen dieses Baumes kommt hervor, ich brauche eure Hilfe!“ Der Olivenbaum wölbte sich und aus seinen Ästen schossen mit einem Schrei Schatten heraus. Die Schatten bauten sich in der vor Yjades auf, bis schlussendlich drei Kapuzengestalten sich vor ihr standen. Die Hexe konnte ihre Gesichter nicht sehen, aber es war auch besser so. Denn Dämonen saugten aus jedem die Seele aus, die ihnen in die Augen sahen. „Ich habe euch heraufbeschwört, um euch zwei Seelen zu versprechen. Es sind nämlich zwei Elfen mit den Namen Meleficent und Aragon.“ Die Seelensaugerdämonen nickten und der Anführer der drei Dämonen streckte seine knochige Hand der Hexe entgegen. Yjades reichte dem Dämon die Hand. Ihr einige Hand kam ihr in seiner Hand ziemlich jung vor. Auch wenn ihre Haut schon rau war, füllten sie sich in seiner Knochenhand an wie Federn auf einer runzligen Rinde. Der Dämon las ihre Gedanken und wusste nun wie seine beiden Opfer aussahen. Er sah eine Waldelfe vor seinen Augen im Wald mit dem Pfeilbogen jagen. Ihre roten Haare flatterten im Wind und ein blonder Schattenelf schloss sich bei der Jagt an. Der Dämon speicherte sich das Aussehen der beiden in seinem Gedächtnis voller schwarzer Nervenzellen. „Nun geht jetzt und schafft mir diese Elfen vom Hals!“, befahl Yjades den Dämonen. Die Dämonen verbeugten sich, schwebten weg und verschwanden nach einem Wimpernschlag in der Dunkelheit. Wenn ihr nicht von den Wölfen zerfetzt werdet, dann wird eure Seele eben von den Dämonen ausgesogen! , dachte die Elfe.

 

 

 

 

 

 

 

 

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