Kapitel 6

Gehetzt blickte Alexandra auf die Uhr. Sie wollte den Artikel unbedingt heute noch fertig bekommen, doch wenn vorher Katharina einen Blick darauf werfen sollte, musste sie ihn vermutlich deutlich vor Feierabend beenden. Zum dritten Mal las sie sich durch, was sie bisher geschrieben hatte, um einen schönen Abschluss zu finden, der die Geschichte angemessen abrundete.

„Wie weit bist du?“, unterbrach da ihre Freundin ihre Konzentration.

Innerlich fluchend schaute Alexandra auf: „Fast fertig. Ich zeig dir gleich, was ich geschrieben habe.“

Katharinas Augenbrauen wanderten hoch und verschwanden fast unter ihrem schwarzen Pony: „Fast fertig? Du hast die ganze Reportage heute geschrieben?“

„Äh, ja?“

„Mmmmh“, machte Katharina nur. Sie widmete sich wieder ihrem eigenen Bildschirm, während Alexandra mit dem Gefühl zurück blieb, schon wieder etwas nicht richtig gemacht zu haben. War es jetzt schlecht, dass sie schnell arbeitete?

Sie zuckte mit den Achseln. Wenn die Qualität stimmte, war alles in Ordnung. Nur, weil man drei Tage an einem Artikel gearbeitet hatte, wurde er dadurch nicht besser. Sie hatte schon zu Schulzeiten die Lehrer gehasst, die sich die Abgabezeiten aller Schüler während einer Klausur aufschrieben, und jenen, die eine Stunde oder mehr vor Ende der angesetzten Zeit abgaben, generell schon Punktabzug androhten, weil sie ja unmöglich die auf fünf Stunden ausgelegten Aufgaben in vier hätten bearbeiten können. In ihrem Fall hatte das lediglich dazu geführt, dass sie noch eine halbe Stunde untätig herumsaß, ehe sie ihre Klausuren abgab. Wenn Inhalt und Qualität stimmte, was interessierte dann das Tempo?

Zehn Minuten später setzte Alexandra schließlich den letzten Punkt. Sie hatte im Archiv bereits nach passenden Bildern gesucht, war jedoch nicht fündig geworden. Nach kurzer Nachfrage bei Katharina öffnete sie eine der Datenbanken für Bilder, bei denen die Redaktion regelmäßig Lizenzen erstand, und fand tatsächlich einige zu diesem Thema. Sie markierte die entsprechenden Bilder, um später bei Herrn Baumann die Berechtigung zum Kauf einzuholen.

„Hast du Lust, den Artikel jetzt zu lesen?“, fragte sie vorsichtig bei Katharina nach.

„Aber natürlich“, nickte diese, „zeig her. Da du so schnell warst, müssen wir ihn vermutlich intensiv überarbeiten, aber das ist kein Problem. Wir können gerne morgen Vormittag noch weiter daran arbeiten, ich kann mir da ein kleines Zeitfenster verschaffen zwischen meinen eigentlichen Aufgaben.“

Als Antwort lächelte Alexandra nur. Sie schickte Katharina den Link zum Dokument über den internen Messenger, dann erhob sie sich, um mit ihrem Chef schon mal über die Bilder zu sprechen.

Die Tür zum gläsernen Büro der beiden Ressortleiter stand wie immer offen, sodass sie ihr Eintreten lediglich mit einem kurzen Klopfen ankündigte.

„Frau Berger“, begrüßte Herr Baumann sie direkt: „Was kann ich für Sie tun?“

Sie registrierte, dass Stefan ihr ebenfalls einen kurzen Blick zuwarf, dann jedoch sofort wieder hinter seinem Bildschirm verschwand. Wollte er sie absichtlich ignorieren, weil sie ihm beim Mittagessen Kontra gegeben hatte? Entschlossen, dieses lächerliche Verhalten einfach zu ignorieren, trat sie an den Schreibtisch ihres Chefs heran: „Ich müsste einige Bildrechte für den Artikel kaufen. In unseren eigenen Archiven findet sich leider gar nichts zu dem Thema, da wir bisher Korea eher selten behandelt haben.“

„Oh, ja, natürlich“, bestätigte Herr Baumann hektisch und bedeutete ihr, neben ihn zu treten: „Sagen Sie mir, wo Sie die Bilder gefunden haben und welche, dann kaufe ich sie.“

Schnell manövrierte Alexandra ihn durch die Datenbank und da alle vier Bilder angemessene Preise hatten, erwarb ihr Chef die Nutzungsrechte ohne Beanstandung. Er zeigte ihr, wo er sie im internen Archiv ablegte, dann erkundigte er sich: „Sind Sie denn schon fertig? Die Frage der Bilder sollte eigentlich immer am Schluss stehen.“

Sie nickte: „Ja, Katharina liest den Artikel gerade. Wir werden ihn gemeinsam überarbeiten, aber während sie damit beschäftigt ist, dachte ich, kann ich mir schon die Bilder holen.“

„Schon fertig?“, mischte sich da überraschend Stefan ein.

Tief seufzte Alexandra: „Ja. Ist das ein Problem?“

„Sind Sie sicher, dass Sie gründlich recherchiert haben? Und dass die Reportage angemessen geschrieben ist?“

Genervt stemmte sie eine Hand in die Hüfte: „Wie ich Ihnen beim Mittagessen mitgeteilt habe, war ich da schon mit der Recherche fertig. Ich habe also seit dem Mittagessen geschrieben. Ich finde, das ist ein angemessener Zeitrahmen für einen Text dieser Länge.“

„Na, Kathi wird Ihnen ja mitteilen, wenn der Text noch Mängel hat“, war alles, was Stefan dazu sagte.

Wütend sah sie zu, wie er sich wieder hinter seinem Bildschirm versteckte. Wenn er nicht ihr Chef gewesen wäre, hätte sie ihm am liebsten den Hals umgedreht. Was war sein Problem?

„Ich vertraue darauf, dass Sie Ihre Fähigkeiten einschätzen können, Frau Berger“, versuchte Herr Baumann sie zu besänftigen: „Unser Stefan hier ist nur immer sehr skeptisch. Für ihn kann ein Text nie gut genug sein, es sei denn, er stammt aus seiner eigenen Feder.“

Dankbar lächelte sie ihren Ressortleiter an. Wenigstens einer ihrer Chefs verstand, was es bedeutete, ein Team zu leiten. Während sie zu ihrem Platz zurückkehrte, ging sie im Kopf noch einmal den Vorfall beim Mittagessen durch. Hatte sie irgendetwas gesagt oder getan, was man ihr aus Sicht eines Chefs vorwerfen könnte? Es waren schließlich Stefan und Matthias gewesen, die die Grenze überschritten hatten, und alles, was sie selbst getan hatte, war, klare Worte zu finden, dass sie das nicht in Ordnung fand.

Ein Blick zu Katharina zeigte ihr, dass ihre Freundin mit dem Artikel noch nicht fertig war. Da sie in der Zwischenzeit nichts anderes tun konnte, schlenderte sie zu Matthias hinüber.

„Viel zu tun?“, begrüßte sie ihn.

Mit großen Augen schaute er zu ihr auf: „Heeeey, du hier. Ich dachte schon, du hasst mich jetzt.“

Grinsend setzte sie sich auf seinen Schreibtisch: „Ne, wie könnte ich dich hassen?“

„Du hast schon ziemlich wütend gewirkt heute Mittag“, gab er zurück und schaute dabei tatsächlich etwas schuldig drein: „Tut mir echt leid. Manchmal … übertreibe ich’s wohl.“

Beruhigend schüttelte sie den Kopf: „Herr Winkler hat sich genauso daneben benommen. Ehrlich, ich bin dir weniger böse als ihm. Er ist unser Chef. Er sollte sich nicht so benehmen.“

„Vielleicht“, erwiderte Matthias achselzuckend. „Ich finde, unsere Positionen spielen da keine so große Rolle. Er ist halt auch nur ein Kollege. Chef ist er nur dann, wenn er eine Entscheidung trifft oder seine Peitsche rausholt.“

Alexandra legte den Kopf schräg: „Das sehe ich anders. Für mich ist er zu jeder Zeit unser Chef.“

Matthias lehnte sich im Stuhl zurück und verschränkte seine muskulösen Arme vor der Brust: „Du bist so steif.“

Als Antwort darauf rollte sie nur mit den Augen. Alle hier hielten sie für steif, obwohl sie einfach nur das Leben gut sortiert halten wollte, damit es einfacher war. Entschlossen wechselte sie das Thema: „Bist du mir böse?“

„Weswegen?“

„Keine Ahnung“, gestand sie. Kurz rang sie mit sich selbst, dann beugte sie sich ein Stück zu Matthias hinunter und flüsterte ihm zu: „Ich war gerade bei unseren Ressortleitern im Büro wegen der Reportage. Herr Winkler war irgendwie … bissig. Als wäre er unzufrieden mit mir. Da hab ich mich halt gefragt, ob ich heute Mittag vielleicht irgendwas falsch gemacht hab.“

„Ach Alex“, prustete Matthias, „du bist so süß. Du interpretierst da viel zu viel rein. Stefan ist es nicht gewohnt, dass Frauen ihre eigene Meinung vertreten, gerade, wenn es eine andere ist als seine. Die Mädels hier liegen ihm doch alle zu Füßen, weil er der coole Chef ist, der so anders und locker und klug ist. Du hast einfach seinen männlichen Stolz gekränkt.“

„Sicher?“

Er nickte bestimmt: „Ganz sicher. Morgen ist das wieder vergessen. Und selbst wenn nicht. Das ist sein Problem, nicht deins.“

Als hätte Matthias ihr im Gesicht abgelesen, dass sie nicht überzeugt war, fügte er hinzu: „Wenn dir so viel an seiner Meinung liegt, mach einfach gute Arbeit. Er mag nicht so wirken, aber Stefan schätzt gute Arbeit wirklich. Selbst, wenn er eine schlechte Meinung von jemandem hat, wenn der was gut gemacht hat, gibt Stefan das zu. Da ist er sehr respektvoll.“

Unwillkürlich wanderte Alexandras Blick quer durch das Büro dahin, wo Katharina saß. Vielleicht war der Artikel gut genug, um Stefan zu besänftigen. Kaum hatte sie den Gedanken gedacht, schüttelte sie energisch den Kopf: „Warum bin ich jetzt plötzlich diejenige, die versucht, seine Gunst zurück zu erlangen? Er hat doch was falsch gemacht.“

Matthias hob nur bedeutungsvoll eine Augenbraue, die Arme immer noch vor der Brust: „Keine Ahnung, sag du’s mir.“

Sie verstand augenblicklich, worauf er anspielte. Grimmig verzogen sich ihre Mundwinkel. Er hatte recht. Wenn sie nun anfing, Stefan hinterherzulaufen, weil er ihr Chef war und ihr seine gute Meinung wichtig war, würde das nur völlig falsche Signale senden. Er hatte sich falsch verhalten, was auch Herr Baumann gesehen hatte. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Sie würde einfach aushalten müssen, dass es die nächsten Tage ein wenig angespannt zwischen ihnen sein könnte. Irgendwann würde auch Stefan einsehen, dass er sich kindisch verhielt.

Sie sprang vom Schreibtisch, klopfte Matthias dankbar auf die Schulter und ging zu ihrem Arbeitsplatz zurück. Katharina schien gerade fertig geworden zu sein.

„Wollen wir den Text durchsprechen?“, fragte sie sofort und Alexandra nickte. Sie war tatsächlich gespannt, welche Anmerkungen Katharina machen wollte.

„Okay, also“, fing ihre Freundin an: „Hier in der zweiten Zeile. Du hast das Wort groß geschrieben. Ich weiß, dass man das machen kann, aber bei uns in der Redaktion wird es klein geschrieben, okay? Ich habe das für dich geändert.“

Alexandra nickte erneut, doch je weiter Katharina durch den Text scrollte, umso mehr sank ihre Laune. Sie hatte nichts Inhaltliches beizutragen, nichts. Ihre einzigen Anmerkungen bestanden in Korrekturen von Rechtschreibfehlern. Sie begann sich zu fragen, ob Katharina absichtlich nichts zum Inhalt sagte, um ihren Text schlecht zu belassen, damit sie bei ihren Chefs durchfiel. Verärgert, dass sie nach einer halben Stunde lediglich eine bessere Rechtschreibprüfung bekommen hatte, presste Alexandra fest ihre Kiefer aufeinander. Sie würde das einfach nicht kommentieren. Das war es nicht wert.

Als sie schließlich am Ende angekommen waren, meinte Katharina fröhlich: „Siehst du, das tat gar nicht weh, oder? Wir haben alles direkt im Text korrigiert, er ist jetzt also vorzeigbar. Willst du heute noch zu Philipp und Stefan damit? Eine halbe Stunde haben wir ja noch vor Feierabend.“

Alexandra fragte sich zwar, wo das Wir plötzlich herkam, doch sie war einverstanden. Wenn sie heute noch grünes Licht für den Text bekam, könnte er passend zur Veröffentlichung der Feierabend-Artikel auf der Website erscheinen. Sie beobachtete, wie Katharina das Dokument an beide Ressortleiter schickte, dann gingen sie gemeinsam zum Büro hinüber.

„Wir sind fertig mit dem Artikel“, verkündete Katharina, kaum dass sie eingetreten waren.

„Gerade gesehen“, bestätigte Herr Baumann: „Gebt uns einen kurzen Moment, dass wir ihn durchlesen können.“

Angespannt wartete Alexandra. Sie spürte eine wohlbekannte Unruhe in sich aufsteigen. Es gab hier kein Wir. Alles, was Katharina getan hatte, war, ein paar Wörter zu korrigieren. Der Artikel war ihre eigene Arbeit. Ganz offensichtlich war ihre Freundin immer noch so dreist wie zu Uni-Zeiten. Aus den Augenwinkeln betrachtete sie Katharina. Dasselbe lange, schwarzgefärbte Haar, derselbe Kleidungsstil, der an Gothic-Lolita erinnerte, ohne jedoch völlig aus dem Rahmen der Alltagskleidung zu fallen. Mit ihrem Äußeren bediente sie noch immer offensichtlich die süße, unschuldige Schublade, doch wie Alexandra am eigenen Leib erfahren hatte, war wenig an Katharina tatsächlich unschuldig. Leider war es beinahe unmöglich, andere Menschen davon zu überzeugen. Wenn Katharina ihre „Ich bin so süß und niedlich und hilfsbereit“-Karte ausspielen wollte, wäre da kaum etwas, was Alexandra dagegen tun konnte. Insbesondere jetzt, wo sie eh schon auf Stefans Abschussliste stand.

„Ich bin beeindruckt“, meldete sich Herr Baumann als erster zu Wort: „Das ist eine runde Geschichte, informativ, ohne zu anspruchsvoll zu sein. Genauso, wie wir es für unseren Web-Auftritt mögen. Was für ein gelungener Einstieg, Frau Berger.“

„In der Tat“, stimmte Stefan ein: „Selbst für mich waren da einige neue Aspekte drin, obwohl ich das Thema kannte. Das habt ihr gut gemacht, meine Damen.“

Ehe Alexandra etwas sagen konnte, reagierte Katharina: „Das hören wir gerne. Besonders freut mich, dass meine Hilfe so schnell Früchte trägt.“

Mit zusammen gebissenen Zähnen und hinter ihrem Rücken geballten Fäusten starrte Alexandra stur geradeaus. Natürlich würde Katharina die Lorbeeren für sich beanspruchen. Und was sollte sie jetzt sagen? Dass sie den Artikel alleine geschrieben hatte? Das würde einfach nur kleinlich und missgünstig klingen. Sie wollte nicht noch steifer und distanzierter wirken, als sie es offenbar eh schon tat.

„Wunderbar“, sagte Herr Baumann und rieb sich die Hände: „Dann plane ich ihn für die Veröffentlichungen heute Abend ein. Katharina, dein Autoren-Profil haben wir ja schon online, von Ihnen, Frau Berger, brauchen wir das noch schnell. Nur so zwei Sätze, was Sie studiert haben und dass Sie derzeit Volontärin sind. Ein Foto von Ihnen müsste ja durch die Bewerbungsunterlagen in der Datenbank gelandet sein?“

Bleich im Gesicht nickte Alexandra. Natürlich. Der Artikel würde unter beiden Namen laufen. Natürlich. Am liebsten hätte sie auf der Stelle alles hingeschmissen und gekündigt. Warum musste das Schicksal sie damit strafen, ausgerechnet Katharina ausgerechnet hier wiederzusehen? Sie zwang sich, tief durchzuatmen. Was war schon dabei? Dann stand ihr Name eben bei dem Artikel mit dabei. Wen interessierte das? Sie hatte gute Arbeit abgeliefert, sie wusste, dass es ihre eigene gute Arbeit war. Das war alles, was zählte. Warum sollte sie sich von Katharina runterziehen lassen? Warum sollte sie vor ihr davonlaufen?

„Ich mache mich sofort daran“, sagte sie an Herrn Baumann gerichtet.

Mit schnellen Schritten verließ sie das Büro, doch bevor sie zu ihrem Schreibtisch zurückkehrte, überlegte sie es sich anders. Der Feierabend stand vor der Tür, sicher würde Katharina gleich heimgehen. Sie hatte keine Lust, ihren triumphierenden Blick zu sehen, also schlug Alexandra den Weg zur Cafeteria ein, um sich einen Becher Wasser zu holen. Vielleicht war Katharina schon weg, ehe sie zurückkam.

Gerade stellte sie den Plastikbecher in den Wasserspender, da trat Stefan vor sie, eine Hand an der Wand abgestützt, die andere lässig in der Hosentasche vergraben, und schaute auf sie hinab.

Alexandras Geduldsfaden riss: „Was?“

„Kein Wort in dem Artikel stammt aus Kathis Feder, oder?“

Die Selbstverständlichkeit, mit der er das sagte, trieb ihr die Zornesröte in die Wangen: „Wenn du das so genau weißt, warum hast du dann uns beiden zum Artikel gratuliert?“

„Ich dachte, am Arbeitsplatz wollen wir es beim Sie belassen?“, erwiderte er spöttisch.

Alexandra schloss die Augen und holte tief Luft. Sie würde sich nicht provozieren lassen. Sie würde nicht ihrem Chef ernsthafte Beleidigungen an den Kopf werfen. Sie würde professionell bleiben. Langsam öffnete sie die Augen wieder und starrte stur zu ihm hinauf: „Sie haben recht, verzeihen Sie meinen Ausrutscher. Um auf Ihre ursprüngliche Bemerkung einzugehen: Katharina hat mir mit ihrem Korrekturlesen sehr geholfen, natürlich bin ich ihr dafür dankbar. Ich habe keinen Anlass, diese Reportage als etwas anderes als eine Gruppenarbeit zu sehen.“

„Schwachsinn.“

Alexandra griff nach ihrem Wasser und nahm einen großzügigen Schluck, ehe sie sich zu einer Antwort in der Lage sah: „Sie begeben sich aus mir unerfindlichen Gründen in Untiefen der vulgären Sprache. Ich werde dem nicht folgen. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen, ich muss noch mein Profil anlegen, damit der Artikel als Gemeinschaftsprojekt online gehen kann.“

Sie wollte gerade an ihm vorbeitreten, da packte Stefan sie am Oberarm und hielt sie fest: „Du kannst Kathi nicht ausstehen, das sieht ein Blinder mit Krückstock. Also, was soll dieses Theater?“

Alexandras Blick hing an seiner Hand fest, die sich hart um ihren Oberarm klammerte. Ein eigenartiges Prickeln ging von der Stelle aus. War es normal, dass eine Hand sich so heiß anfühlte? Oder war ihre Haut nur kalt, weil sie sich trotz der Temperaturen für eine Bluse entschieden hatte? Aber eigentlich war ihr gar nicht kalt, im Gegenteil, ihr Herz raste und sie spürte eindeutig die Hitze in ihren Wangen.

„Alex?“

Stefans Stimme riss sie aus der faszinierten Betrachtung seiner Hand. Sie errötete noch stärker und konnte ihm nicht in die Augen schauen, als sie leise erwiderte: „Ihre Bemerkung hat doch dafür gesorgt, dass Katharinas Rolle größer wurde, als sie eigentlich war. Was hätte ich sagen sollen?“

„Dass du den Artikel alleine geschrieben hast“, stellte Stefan trocken fest. „Die Wahrheit eben.“

„Warum haben Sie dann überhaupt erst uns beide für die Arbeit gelobt?“, hakte Alexandra nach, unwillig, so wie er zum Du überzugehen.

Zu ihrer Erleichterung ließ er sie endlich los, um sich mit beiden Händen durch die Haare zu fahren. Schließlich ließ er seine Schultern sinken und gab zu: „Du hast mich heute Mittag in eine peinliche Lage gebracht. Ich wollte nur den Spieß umdrehen und dich dazu zwingen, auf deiner alleinigen Autorschaft zu beharren. Ich konnte ja nicht ahnen, dass du einfach kleinbeigeben würdest.“

„Ernsthaft?“, meinte Alexandra, die Hände in die Hüften gestemmt: „Du dachtest wirklich, ich würde mich der Peinlichkeit ausliefern, so kleinkariert daherzukommen?“

Jetzt hatte sie doch Du gesagt. Innerlich schüttelte sie den Kopf über sich. Die ganze Situation war einfach nur absurd. Stefan wollte achtundzwanzig sein, doch sein Kollege Herr Baumann, der nur zwei Jahre älter war, wirkte so unendlich viel erwachsener. Und sie gab sich dem kindischen Spielchen auch noch hin.

„Offensichtlich kenne ich dich noch nicht gut genug“, grinste Stefan, der offenbar in der Situation einen Weg gefunden hatte, sie zu seinen Gunsten zu drehen, „wenn du willst, dass sowas nicht wieder passiert, solltest du zulassen, dass ich dich besser kennen lerne.“

Sie schnaubte nur und ging bewusst wieder zum Sie über: „In Ihren Träumen. Sie sind immer noch mein Chef.“

Ohne seine Antwort abzuwarten, marschierte Alexandra davon. Das war einfach nur lächerlich, alles an dieser Situation. Sowas passierte in der Realität nicht. Solche kleinen Machtspielchen, wie Katharina sie spielte, oder Racheakte, wie Stefan sie geplant hatte, passierten im normalen Leben nicht. Die einzige Erklärung war, dass sie in ein merkwürdiges Paralleluniversum gestolpert war, das keinen Sinn ergab. Vielleicht, wenn sie heute Abend früh zu Bett ging, würde sie morgen aufwachen und die Welt wieder normal vorfinden.

 __________


Wie erhofft war Katharina tatsächlich nicht mehr an ihrem Platz, als Alexandra sich an ihren Rechner setzte. Rasch manövrierte sie sich durch das Intranet, um den Bereich zu finden, wo jeder Redakteur ein Online-Profil von sich anlegen konnte, und tippte ein paar Worte über sich ein. In der Datenbank fand sie dazu ihr überaus furchtbares Bewerbungsfoto und fügte es hinzu.

Ein Räuspern neben ihrem Schreibtisch ließ sie aufblicken.

„Das tut mir so leid, Frau Berger“, fing Herr Baumann händeringend an und schaute tatsächlich unglücklich drein: „Ich habe irgendwie wohl missverstanden, dass Katharina Ihnen bei dem Artikel geholfen hat. Ich wusste nicht …“

Stöhnen vergrub Alexandra ihr Gesicht in den Händen. Das durfte nicht wahr sein. Mit einem tiefen Seufzen schaute sie zu ihrem Ressortleiter auf: „Herr Winkler redet zu viel. Machen Sie sich keine Vorwürfe, Herr Baumann.“

„Sehen Sie“, fuhr er fort, offenbar kein Stück beruhigt, „ich fürchte, es wird schwierig, jetzt noch Katharinas Namen zu entfernen. Sie wäre bestimmt wütend drüber und das zurecht …“

Innerlich fragte Alexandra sich erneut, wie so ein zurückhaltender Mann in eine leitende Position gekommen war. Dann fiel ihr ein, wie unprofessionell sich Stefan stets verhielt, und plötzlich wunderte es sie gar nicht mehr. Vermutlich war er noch mit Abstand die beste Wahl gewesen. Mit einem beruhigenden Lächeln erklärte sie: „Alles gut. Wirklich. Ich habe kein Problem damit, wenn der Artikel als Ko-Autorschaft erscheint. Ist ja vermutlich auch besser so, oder? Wenn Leser einen bekannten Namen sehen und nicht nur die Volontärin, von der noch nie jemand was gehört hat.“

Erleichterung zeichnete sich auf dem Gesicht ihres Chefs ab: „Ich danke Ihnen. Sie sind wirklich ein Vorbild an Professionalität. Ich hoffe, wir können solche Missverständnisse in Zukunft vermeiden, damit niemand in eine unangenehme Situation gebracht wird.“

Sie lächelte unverbindlich. Solche Missverständnisse würden vermutlich noch häufiger entstehen, wenn Katharina ihren Willen bekam. Sie verabschiedete sich von Herrn Baumann, packte Tasche und Jacke und eilte zu den Fahrstühlen. Der Auftakt der Woche hatte großartig begonnen und war dann rapide schlechter geworden. Ihre Laune war im Keller, aber immerhin konnte es von jetzt an kaum noch schlechter werden.

„Na, welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?“

Matthias war gerade noch zwischen den schließenden Fahrstuhltüren durchgeschlüpfte und grinste sie nun breit an. Seine gute Laune schien unverwüstlich.

„Katharina“, zischte Alexandra nur, unwillig, das Thema weiter zu besprechen.

„Alles klar, ich frag nicht weiter nach. Biest.“

„Danke“, flüsterte sie und meinte es. Wenigstens einer in dieser Redaktion schien zu sehen, wie viel Teufel sich hinter dem Engel verbarg.

Im Erdgeschoss angekommen, legte Matthias ihr erneut in einer etwas zu vertraulichen Geste einen Arm um die Schulter: „Darf ich dich zur Aufmunterung zu einem Tee einladen? Hier um die Ecke ist ein wundervolles Tee-Café!“

Unwillkürlich kicherte sie: „Tee-Café? Ist das nicht irgendwie ein Oxymoron?“

„Ein was?“

„Na, ein Wort halt, das aus zwei Wörtern besteht, die eigentlich nicht zueinander passen. Gegenteile und so. Tee und Kaffee sind ja nun quasi Gegenteile.“

„Achso“, meinte er langsam: „Naja, es ist eben ein Café, in dem es unter anderem auch sehr guten Tee gibt. Deswegen ist es als Tee-Café bekannt.“

„Schon gut, schon gut“, beschwichtigte Alexandra lachend: „Ich will dich doch nur aufziehen.“

„Oho“, machte er: „Damit hätte ich nicht gerechnet. Unsere steife Alex weiß, wie man lustig ist.“

Gespielt empört schaute sie zu ihm auf: „Was ihr nur alle immer mit steif habt.“

Mit einem schelmischen Gesichtsausdruck beugte er sich tiefer zu ihr runter und flüsterte: „Das Steifsein solltest du uns Männern überlassen. Das ist doch das einzige, worin wir wirklich gut sind!“

Völlig unvorbereitet auf diese Äußerung brach Alexandra in schallendes Gelächter aus. Sie war so froh, Matthias im Fahrstuhl getroffen zu haben, dass sie ihm sogar den Arm, der noch immer auf ihr ruhte, verzeihen konnte. Lachend und um Atem ringend willigte sie ein, sich von ihm noch zu einem Tee ausführen zu lassen.

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beta
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