Kapitel 7

Unruhig ging ich in dem leeren Raum auf und ab. Seit nun fast einer halben Stunde warteten wir darauf aufgerufen zu werden. Mir kam es wie eine halbe Ewigkeit vor. Hatte es bei den anderen auch so lange gedauert? Gab es Probleme?

Ich sah auf meine Armbanduhr: Es war inzwischen zwölf Uhr mittags. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Ich hatte kein Frühstück gehabt und somit lag meine letzte Mahlzeit einige Stunden zurück.

„Raven, iss endlich etwas,“ meldete sich diesmal Andrew besorgt zu Wort.

„Ich habe keinen Hunger,“ motzte ich laut zurück und hoffte so meinen knurrenden Magen zu übertönen.

„Klar. Und das was da so laut knurrt ist ein Bär oder was? Iss gefälligst was,“ erwiderte nun Taylor trocken und erhob sich langsam.

„Was interessiert es euch das ich Hunger habe?“ schnauzte ich die beiden an.

Unbeirrt ging Taylor zu dem Tisch nahm sich einen der Teller und schaufelte allerhand von den Häppchen darauf.

„Ich betrete diesen Raum auf keinen Fall mit einer hungrigen und geschwächten Frau. Also hier: Iss!“ befahl Taylor ohne Umschweife und zwang mich mit Hilfe von Andrew, mich auf einen der leeren Stühle hinzusetzten.

„Was fällt dir ein mir...,“ weiter kam ich nicht den Taylor stopfte mir ein Brötchen in den Mund.

„Kauen und schlucken, falls du nicht mehr weißt wie es funktioniert,“ scherzte Taylor.

Wütend funkelte ich ihn an, doch ich aß brav den Teller leer und trank das Glas Orangensaft das er mir hinhielt aus. Es tat wahnsinnig gut, bemerkte ich verlegen.

„Brav. Jetzt wirst du uns hoffentlich nicht umkippen,“ ertönte Andrews Stimme lachend. „Taylor der Held aller Frauen,“ stichelte er.

„Hoffen wir‘s! Sonst darfst du sie tragen,“ stichelte Taylor zurück. Einen Moment funkelten sich die beiden an. Genervt stellte ich den nun leeren Teller vor mir auf den Boden.

„Hör auf, Tay. Und du auch Andrew. Das macht keinen Sinn. Wir sind ein Team, schon vergessen? Also reißt euch zusammen,“ tadelte ich die beiden. Leise Murrend setzten sich beide hin und würdigten sich keines Blickes. Das wird ein langer Tag werden! stellte ich seufzend fest als auch schon die Tür aufging und Jaxson vor uns stand.

„Seid ihr bereit?“ fragte er mit einem leichten Grinsen im Gesicht.

Links und rechts von mir kam die prompte Antwort wie aus einem Mund: „Ja.“

Nein! Rief ich ihm in Gedanken laut zu. Ich bin nicht bereit. Vielleicht werde ich es nie sein, wer weiß das schon.

Starr nickte ich und folgte den Jungs in einen langen, von Halogenlampen beleuchteten, rechteckigen Raum mit fünf Flügeltüren auf der rechten Seite als mich Jaxson am Oberarm festhielt.

„Alles in Ordnung, Raven?“ fragte er mich besorgt. Mutlos hob ich meinen Kopf und sah in seine Augen in denen ich große Sorge um mich erkannte.

„Mir geht es gut,“ antwortete ich mit zitternder Stimme.

Sanft ließ er mich los und lächelte aufmunternd. „Keine Sorge, Raven. Du schaffst das. Verlass dich einfach auf deinen untrüglichen Instinkt.“

„Nicht immer ist mein Instinkt untrüglich, Jaxson. Ich mache auch Fehler. Du hältst mehr von mir als ich verdient habe,“ erwiderte ich leise.

„Und du machst dich kleiner und unbedeutender als du in Wahrheit bist, Raven. Lege mehr vertrauen in dich und deine Fähigkeiten, dann wirst du vor den drei Jungs auch brillieren.“

„Du meinst vor den zwei Jungs,“ verbesserte ich ihn. Doch da hörte ich schon eine unverwechselbare Stimme. Magnus. Was machte der hier? Langsam drehte ich mich zu dem Mentor. „Sag mir, dass das nicht wahr ist.“

Jaxson schüttelte nervös den Kopf.

„Nein, Jaxson. Das darf nicht wahr sein. Sag mir, dass das nur ein schlechter Traum ist,“ flehte ich.

„Das kann ich nicht, Raven.“

„Was macht er hier? Was ist mit seinem Team?“

„Es gab ein kleines Problem bei seiner Gruppe. Es ließ sich nicht anders lösen,“ gab er kleinlaut zu.

„Das ist nicht wahr: Es gibt auf jedes Problem eine Lösung. Sag mir also, dass du eine andere Lösung weißt. Bitte.“

Jaxson seufzte. „Das kann ich leider nicht. Es gibt keine andere Lösung“

„Seid ihr jetzt vollkommen verrückt geworden? Nicht nur das ihr mich mit zwei Streithähnen in die Prüfung schickt, nein, jetzt muss ich mich auch noch mit diesem Platzhirsch rumärgern,“ platzte es aus mir heraus. Wütend wandte ich mich wieder zu Jaxson. „Was war das Problem? Warum konnte er nicht zur Prüfung mit seinem Team antreten?“

Jaxson verdrehte genervt die Augen. „Das Mädchen in seiner Gruppe, Natalia, bekam einen Wutanfall. Sie schrie herum das sie nie im Leben auch nur noch ein Zimmer mit ihm betreten will. Er hätte ihr Leben zerstört. Es war ein riesen Drama. Greg, der dritte im Bunde, tröstete sie und versprach ihr, das Magnus nicht mitkommt oder er würde zusammen mit ihr die Prüfung schmeißen. Also blieb uns nichts Anderes übrig als zu versprechen das Magnus in ein anderes Team kommt.“

„Und warum genau in unser Team?“ wollte ich schließlich wissen.

Ich wusste wer Natalia war, und ich wusste genau das der Anfall nur vorgespielt war: Sie war die schwarzhaarige Tussi die mich noch vor über einer halben Stunde umbringen wollte und Greg hatte seine Chance bei ihr ergriffen. Jetzt hatte ich Magnus an der Backe. Was für eine Ironie des Schicksals.

„Wir dachten so wäre es am Fairsten. Ihr seid alle gleichstark und talentiert. Die Besten unter sich,“ gab er kleinlaut zu.

Natürlich. Was auch sonst.

Genervt wandte ich mich um und entdeckte Magnus, der bei den anderen Mentoren am anderen Ende des Raumes stand und mich und Jaxson interessiert beobachtete. Seine Augen trafen auf meine und für einige Minuten standen wir einfach nur da und starrten uns an. Ich erinnerte mich an meine eigenen Worte, vor einer halben Ewigkeit in Wut gesagt: Das heißt du urteilst über einen Menschen obwohl du ihn gar nicht kennst. Du siehst etwas was dir nicht gefällt und steckst ihn daraufhin sofort in eine Schublade. Dort drin kann er dann versauern, den ändern könnte sich nach dir nie ein Mensch. War ich nicht genauso wie Haven? Urteilte ich nicht genauso schnell über Magnus wie sie über Taylor?

„Okay,“ antwortete ich schließlich und riss mich von Magnus starren Blick weg. „Ich gebe ihm eine Chance.“

Jaxson atmete erleichtert aus. „Danke.“

„Aber nur unter einer Bedienung: Er benimmt sich oder ich Verprügle ihn. Davon hält mich dann keiner ab. Sonst platzt unser Deal,“ erwiderte ich kalt und ging, ohne eine Antwort von Jaxson abzuwarten, zu den anderen.

„Was macht dieser Idiot hier?“ knurrte mir Taylor zu als ich zu den beiden in die Mitte des Raumes trat.

„Natalia hat ihn aus seiner Gruppe gekickt. Sie hat einen Anfall bekommen und herumgeschrien,“ erklärte ich ihm seufzend.

„Und jetzt müssen wir uns mit dem eingebildeten Gockel rumschlagen? Na, vielen Dank auch,“ erwiderte Andrew angesäuert.

„Wenn ich wegen ihm die Prüfung versaue, dann schwöre ich, ich bringe ihn um. Daran kann mich dann niemand hindern und wenn sie mir die Flügel nehmen und mich in die Unterwelt verbannen,“ knurrte Taylor.

„Er wird sich benehmen, glaubt mir. Das ist seine einzige Chance die Prüfung jetzt zu machen. Ich glaube nicht, dass sein Ego es verkraften würde mit den anderen Nieten die Prüfung im Juni nachzuholen,“ beruhigte ich sie.

„Das würde ich ihm auch raten. Sonst mache ich kurzen Prozess mit ihm,“ motzte Taylor und Andrew nickte zustimmend.

Ein harter Tag für Magnus! dachte ich mir und ließ meinen Blick zu den Mentoren gleiten.

Magnus stand nicht weit von ihnen entfernt und starrte ins leere. Ohne darüber nachzudenken, bewegten sich meine Beine in seine Richtung. Ich nahm die irritierten Blicke von Taylor und Andrew am Rande wahr. Ich konnte es mir selbst nicht erklären was mich dazu brachte, doch ich hatte das Gefühl das Richtige zu tun.

„Magnus?“

Magnus hob verwirrt den Kopf als er meine Stimme hörte und ein breites Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Raven. Was führt dich zu mir, Kleine?“

Ich holte tief Luft.

„Ich… Hör zu, Magnus. Ich muss mit euch drei in diese Prüfung und… benimm dich, okay? Ich denke wir wollen alle diese Prüfung bestehen, und… benimm dich einfach oder ich trete dir in den Arsch,“ schloss ich meine Ansprache stotternd.

War keine gute Idee unvorbereitet zu ihm zu gehen, hm? Schelte ich mich selbst in Gedanken während ich mit hochrotem Kopf vor ihm stand und bettete das ich mich nicht vollkommen zum Narren machte.

Magnus betrachtete mich mit hochgezogener Augenbraue.

„Du bist echt süß, wenn du nicht weißt was du sagen sollst,“ schnurrte er.

„Magnus, hör auf mit dem Scheiß. Ich meine es ernst,“ knurrte ich während ich spürte wie ich noch röter im Gesicht wurde.

„Ich meine es auch ernst, Raven,“ erwiderte er ohne Umschweife.

„Genau wegen dem sitzen wir jetzt hier in der Scheiße, Magnus. Alle zusammen.“

„Wegen was? Meiner Ehrlichkeit?“

Ich seufzte. „Nein, wegen deiner Unehrlichkeit.“

„Du bist naiv, Raven,“ stellte er Kopfschüttelnd fest und trat einen Schritt näher.

„Und du ein Lügner.“

Ich spürte Andrews und Taylors Blicke in meinem Rücken. Um mich zu beruhigen atmete ich tief durch. Nicht jetzt, Raven. Nach der Prüfung ist auch noch Zeit im eine Reinzuhauen! beruhigte ich mich im Gedanken.

„Dieser Idiot hat dich nicht verdient,“ murrte Magnus inzwischen während er mit blitzenden Augen über meine Schulter sah.

„Von wem redest du?“

„Glaub mir eines, Raven: Er wird dich nicht Glücklich machen.“

„Was? Von wem redest du?“ wollte ich irritiert von ihm wissen. Doch unsere Mentoren riefen uns in diesem Moment zu sich und wir machten uns auf den Weg zu der großen Flügeltür die am anderen Ende des rechteckigen Raumes war und die ich bis jetzt gar nicht wahrgenommen hatte. Sie war riesig, im Gegensatz zu den anderen Türen, aus schwarzen Ebenholz und von oben bis unten mit silbernen geschnitzten Runen verziert.

„Hinter dieser Tür erwartet euch eure Aufgabe. Ihr bekommt von uns eine Karte. Auf dieser findet ihr Orte eingezeichnet an denen ihr einen Dolch suchen sollt und diesen dann an den mit Gold gekennzeichneten Ort auf der Karte zu bringen. Ihr habt drei Stunden Zeit. Habt ihr noch Fragen?“ erklärte uns Jaxson.

„Wie sieht dieser Dolch aus? Ich meine, wie erkennen wir das es sich um den gesuchten Dolch handelt?“ ertönte die warme Stimme von Magnus nahe neben mir.

„Auf dem Handgriff des Dolches findet ihr das Zeichen der Engel eingraviert,“ antwortete Jaxson kurz angebunden. Magnus nickte.

„Keine Fragen mehr?“ wandte sich Jaxson wieder an uns. Alle schüttelten den Kopf.

„Dann wählt eure Waffen.“ Jaxson zeigte mit der Hand auf einen großen eisernen Tisch auf dem Bogen, Pfeile, Schwerter und Dolche lagen.

Langsam trat ich hinter meinen Teamkollegen an den Tisch und griff nach einem schwarzen Bogen und dem dazugehörigen Köcher mit fünfzehn Pfeilen. Magnus neben mir griff nach dem Langbogen daneben und dem dazugehörigen Köcher mit den Pfeilen. Taylor griff sich ein Schwert und zwei langschneidige Dolche. Andrew machte es ihm ähnlich. Nach längerem Überlegen nahm ich wie Magnus auch noch zwei Dolche.

„Habt ihr gewählt? Schön. Dann erkläre ich hiermit eure Prüfung für eröffnet.“ Jaxson drehte einen großen Schlüssel im Schloss der Flügeltür und öffnete zusammen mit Rover die schwere Tür.

Helles Licht blendete mich und es dauerte eine Zeit bis ich verstand was sich hier vor mir erstreckte: Eine Riesige Stadt.

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