Kapitel 7 - Das Bettmonster

Der Wind peitschte den Regen noch immer mit voller Wucht gegen die Fensterscheiben und heulte wie ein unsichtbarer Wolf um das kleine Haus in der Laibacher Straße 11.
Auch durch die Bettdecke hindurch konnte man das schlechte Wetter hören... Genauso wie das altbekannte Motorengeräusch eines Skodas, der gerade in die Garage hinein fuhr.
Kurz darauf das Knallen einer Autotür und nur wenige Sekunden später das Klicken des Schlüssels, mit dem die Haustür geöffnet wurde.

Kein Zweifel, sie war wieder da...

"Ich bin wieder dahaa!", ertönte es wenig später aus dem Erdgeschoss.

Wer hätte das gedacht... Emma seufzte und wickelte sich noch enger in ihre Decke ein. Wenn möglich wollte sie heute mit niemandem mehr reden, der über 20 war. Schon gar nicht mit ihrer Mutter, die verstand eh nur Bahnhof...
Die einzige Ausnahme wäre Tante Ann, aber die steckte jetzt garantiert mit ihrer Mutter unter einer Decke.
Wen Emma jetzt brauchte, war ihre beste Freundin. Aber Lena war gerade damit beschäftigt in einem rosa Tütü über die Bühne zu schweben und zur Melodie von Schwanensee zu tanzen.
Im Grunde hatte Emma wirklich nichts gegen Ballett, wenn sie sich selbst nicht in ein Rüschröckchen zwängen musste... Aber jetzt war ihrer Meinung nach der denkbar schlechteste Zeitpunkt für eine Aufführung. 
Vor sich hin brummelnd pulte Emma ihr Smartphone aus der Hosentasche und schaute auf die Uhrzeit. Halb fünf. Noch 2 Stunden dann verstummte der Schwan... Das waren 2 Stunden zu viel!
Niedergeschlagen ließ sie ihr Handy wieder in der Tasche ihrer Jogginghose verschwinden und rollte sich ein.

Exakt drei Sekunden später klopfte es zaghaft an ihrer Tür. "Emma-Maus, ist alles in Ordnung?"

"Nach wie vor ist nichts in Ordnung.", murrte Emma halblaut.

"Darf ich reinkommen, Schatz? Wenn du mir erklärst, was los ist, kann ich dir bestimmt helfen.", meinte Linda hoffnungsvoll von der anderen Seite der Zimmertür aus. 

Emma's Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Als ob ihr jetzt irgendjemand helfen könnte...
Solange Zeitreisen noch nicht erfunden wären, würde rein gar nichts ihre derzeitige Lage verbessern... Außer ein Schulwechsel vielleicht, aber dann würde sie IHN nicht mehr sehen können. Aber das eigentliche Problem war ja auch ER... Es war zum verrückt werden.                            
Emma würde so gern mit ihrer Mutter über das Geschehene reden... aber nein, es war ihr einfach viel zu peinlich. Ausgeschlossen! Ihre Mutter würde es nicht verstehen und schlimmstenfalls auch  noch anfangen zu lachen...

"Bitte, lass mich einfach in Ruhe und verschwende deine Zeit nicht an mir!", knurrte sie deshalb in einem etwas schärferen Tonfall, als beabsichtigt. 

"Emma, ich mache mir wirklich Sorgen um dich! Deshalb möchte ich keine Zeit damit verschwenden, dich zu fragen, ob du mich nun endlich reinlässt oder nicht! Seit Tagen tust du nichts anderes, als dich in deinem Zimmer zu verkriechen und mich anzuschweigen.
Ich habe gedacht, dass sich schon alles klären würde und dich deshalb auch in deiner Schule krank geschrieben. Aber es hat sich schon seit einer Woche rein gar nichts verändert!
Ich weiß, dass es dir nicht gut geht, aber sprich doch endlich mal mit mir darüber, verdammt!"
Lindas Stimme war immer lauter geworden und die letzten Worte schien sie fast zu schreien, so aufgebracht war sie. 

Emma fühlte sich elend, weil sie ihrer Mutter so viele Sorgen bereitete. Trotzdem konnte sie ihr einfach nicht sagen, dass sie sich vor dem süßesten Typen der gesamten Schule bis auf die Knochen blamiert hatte... 
Ihre Mutter würde alles einfach mit einer kurzen Handbewegung abtun und sie wieder zurück in die Schule schicken. Da könnte sie Emma gleich in die lodernden Flammen der Hölle stoßen... und sogar das war Emma's Ansicht nach noch das geringere Übel. 

"Bitte, Mom, lass mich einfach in Ruhe. Du verstehst mich nicht!", rief Emma in Richtung Tür. 

"Du gibst mir ja nicht einmal die Chance dich verstehen zu können. Ich bin deine Mutter, du kannst doch mit mir über alles reden, Emmchen..." Selbst durch das Holz der Tür merkte Emma, wie niedergeschlagen die Stimme ihrer Mutter klang. Ihr zog sich das Herz zusammen und sie konnte nur mit Mühe die Tränen zurückhalten. 

"Bitte, bitte, lass mich allein...", antwortete sie mit beschlagener Stimme. 

"Ich will dir doch nur helfen, Schatz, vertehst du das nicht?", startete Linda einen neuen Versuch. 

Das war Emma bewusst, aber sie brachte es einfach nicht über sich ihre Mutter einzuweihen. "Ich weiß es doch, aber ich kann und will es dir einfach nicht sagen!"

"Was ich auch sage... es nützt gar nichts, oder?", meinte Linda. Emma war der schneidende Unterton in der Stimme ihrer Mutter nicht entgangen. Sie sagte nichts.

Ihr Schweigen schien ihrer Mutter Antwort genug zu sein. "Schön. Wenn du nicht mit mir reden willst, freue ich mich, dir mitteilen zu dürfen, dass du ab Montag wieder in die Schule gehen kannst. Solltest du deine Meinung ändern, kannst du gerne nach unten kommen und mit mir Klartext sprechen. Noch eine Woche ziehe ich das nicht durch!", schrie Linda wütend.

Emma kannte ihre Mutter... Und wenn sie in dieser Stimmung war, duldete sie keinen Widerspruch. 

"Das ist nicht dein ernst!", sagte Emma tonlos. "Du kannst doch nicht..."

"Und ob ich das kann!", fiel ihr Linda ins Wort. "Es liegt an dir meine Meinung zu ändern." 

Emma's Mutter machte auf dem Absatz kehrt und polterte die Treppe hinunter. Das Gespräch war hiermit für sie beendet. 

Noch immer ganz fassungslos ließ sich Emma nach hinten auf die Matratze fallen. Erst als die kreisförmige Deckenlampe vor ihren Augen zu einem unförmigen, dunklen Fleck verschwamm, merkte sie, dass sie weinte. 

Comments

  • Author Portrait

    Wie immer toll! Aber Linda tut mir schon etwas Leid, sie hat keinen einfachen Stand. Schade, dass die Tochter sich ihr nicht anvertrauen will. Ich bin dankbar, dass mein Sohn mir immer noch alles erzählt und hoffe es bleibt so. 5/5 Auf jeden Fall!

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