Kapitel 8

Leben und Tod

Xander


Sein Herz pocht. Schlägt so schnell als gäbe es kein Morgen. Xander atmet schwer, er weiß nicht, wann er sich das letzte Mal so gefühlt hat. So absolut wertlos. Jesses Worte hallen immer und immer in seinem Kopf wieder. „Vor deinen Problemen davon laufen“ und „ziemlich erbärmlich“. Es echot und schallt, klingt in Xanders Ohren wieder. So eine verdammte scheiße. So ein Arschloch, der hat doch absolut keine Ahnung. Xander versucht sich einzureden, das es ihm völlig egal ist, was dieser Mistkerl gesagt hat aber die Wahrheit ist, seine Hände zittern wie verrückt – was auch daran liegt das er ’nen Schuss braucht – und ihm ist echt zum Heulen zu Mute. Jesse hat voll ins Schwarze getroffen. Mehr noch, er hat auf den Punkt gebracht, weshalb es kein einziger Mensch je mit ihm ausgehalten hat. Nicht einmal seine eigene Mutter, die ihn und seinen Vater einfach in einer Nacht und Nebelaktion verlassen hat, als Xander drei war.

Er ist wirklich erbärmlich. Ein Nichts, wie es sein Vater ihm gefühlte hundertmal ins Gesicht gebrüllt hat, jedes Mal wenn er vom Alkohol wieder so besinnungslos wurde, dass er einen seiner Tobsucht Anfälle bekam. Xander hat sich in der dunkelsten Ecke einer stinkenden Sackgasse, nahe der 12th Street, an der Wand herab sinken lassen und ist versucht sich erneut zu übergeben und einfach Rotz und Wasser zu heulen. Er zittert wie Espenlaub, plötzlich ist ihm schrecklich kalt. Das ist alles einfach eine riesige Scheiße. Xander zieht die Knie so nahe an seinen Körper wie er nur kann, legt seinen pochenden Kopf darauf ab und schlingt die Arme um seine Beine, um sich – wenn auch nur für einen ganz kleinen Augenblick – geborgen zu fühlen. Er kann seinen eigenen Atem in der eiskalten Morgenluft kondensieren sehen und ihm ist so kalt, dass er seinen Körper kaum mehr richtig spürt. Er müsste eigentlich aufstehen, aber er hat nicht die Kraft dazu. Nicht jetzt.

Er schließt völlig erschöpft die müden Augen als er wage in der Ferne erst Hundegebell und gleich darauf ein Fauchen vernimmt. Dann ein Scheppern und im nächsten Moment komm ein monströses Fellknäuel um die Ecke geschossen und rennt im Lauf mit voller Wucht gegen die Backsteinmauer, an der Xander lehnt. Ein klägliches Mauzen ist zu hören und das Etwas taumelt benommen zurück, bevor es zusammensackt. Eigentlich ist ihm gar nicht danach sich zu bewegen, aber irgendetwas lässt ihn doch nicht still sitzen bleiben. Er kriecht auf das Tier – eine wirklich riesige Katze mit rot getigertem Fell – zu. Das erkennt er trotz der miesen Lichtverhältnisse. Sie liegt auf der Seite, öffnet die grünen, natürlich grün was auch sonst, Augen, streckt die Pfote hervor und faucht Xander aggressiv an. Er schnaubt. So ein Mistvieh. Dann halt nicht. Er stemmt sich in die Höhe, als das klägliche Maunzen wieder ertönt. Der Siebzehnjährige starrt auf das Tier hinab, dass sich ebenso mühsam erhebt, wie er noch, vor einigen Sekunden. Warum auch immer, geht Xander in die Hocke, hält dem Tier seine ramponierte Hand hin. Die ebenso ramponiert aussehende Katze – das Fell ist ganz verfilzt – geht, hingegen seine Annahme, nicht auf Abstand und faucht ihn dieses Mal auch nicht an. Sie schauen sich einen Moment in die Augen, bis der Braunäugige blinzelt, und eine Sandpapierzunge an seinem Finger leckt. Durch Xanders Körper geht ein Schaudern, doch er zieht die Hand nicht weg. Satt dessen hebt er sie und krault dem Tier vorsichtig den Kopf, ein ungemein beruhigendes Schnurren ertönt. Xander muss unwillkürlich lächeln, zieht gleich darauf jedoch seine Hand zurück, da er von einem Magenkrampf geschüttelt wird. Die Katze miaut unzufrieden. Er steht wieder auf, er braucht jetzt wirklich einen Dealer. Das Tier schmiegt sich an seine Beine, doch das ignoriert der Junge gekonnt. Er läuft einfach weiter. Er weiß genau, wo er hin muss. Diesen Weg ist er schon viel zu oft gegangen. Fantastisch, wirklich. Dieser Trottel von einem Medizinstudenten hat ihn viel zu viel Zeit gekostet. Zeit, die er besser hätte mit arbeiten verbringen können. Er ist schon an der nächsten Straßenecke, als ihm im Augenwinkel ein rotes Fellknäuel auffällt. Das darf doch nicht wahr sein! Das nicht auch noch. Er stöhnt, legt genervt den Kopf in den Nacken.

Er dreht sich zu der Katze um, die drei Meter entfernt stehen geblieben ist.
„Ach, komm schon. Verschwinde. Bitte.“

Das macht nicht den geringsten Eindruck.

„Ehrlich, ich bin eine unausstehliche Gesellschaft. Mindestens so unausstehlich wie jeder Hund, dem du hier auf der Straße begegnen könntest, also zieh Leine.“

Das Tier legt den Kopf schief, als wollte es sagen, ‚Ehrlich, mehr fällt dir nicht ein, um mich Loszuwerden?’. Xander seufzt frustriert auf, dreht sich aber wieder um und läuft weiter. Kann ihm auch egal sein. Vielleicht wird das Vieh auch überfahren, wenn er das nächste Mal die Straßenseite wechselt. Ist dann ja auch nicht seine Schuld. Er will die Katze ja schließlich nicht dabei haben. Vielleicht verschwindet sie auch ganz von alleine wieder.

Sein Stammdealer ist am U-Bahn-Schacht der Grand Street in Bowery nicht anzutreffen. Fuck. Dann eben auf gut Glück. Das wird nicht der Stoff sein an den er gewohnt ist, aber auf jeden Fall wird es besser sein als nichts. Gut, die Aussage sei einmal dahin gestellt. Kommt wohl darauf an, wem man das erzählt. Also besorgt er sich beim nächst besten Dealer der halbwegs – Achtung: Ironie – vertrauenswürdig wirkt, die 5 mg die er für seinen Schuss braucht und beschließt dann, dass er’s heute, und der Tag hat vor gerade einmal drei, vier oder vielleicht auch fünf Stunden begonnen, nicht mehr zu Angel schaffen wird. Allerdings steht er noch vor einem ganz anderen Problem denn er braucht erst einmal eine Spritze, denn sein Besteck liegt bei Angel in der Wohnung. Ach scheiße, auch egal. Er wird schon ’nen Bekannten finden, der ihm eine leiht. Das ist, realistisch gesehen, echt nicht das Problem. Die Frage ist nur, ob er überhaupt soweit kommt, denn der Bahnhof ist fast zwei Blocks weiter, an der Grenze zur Lower East Side. Zwei Querstraßen weiter krampft der Körper des Siebzehnjährigen unerwartet zusammen und er beugt sich im letzten Moment über dem Rinnstein, um lediglich einen Schwall Magensäure zu erbrechen. Kein Wunder. Seinen sowieso meist kaum vorhandenen Mageninhalt hat er ja bereits zuvor vor Jesses Füßen ergossen. Alles tut so der maßen weh. Alle Muskeln in seinem Körper scheinen bis auf’s letzte angespannt und das Atmen fällt ihn enorm schwer. Er taumelt einige Schritte zurück und lehnt sich, viel härter als gewollt, – er fällt fast zurück – gegen die nächst liegende Hauswand. Dort bleibt er erst einmal einen Augenblick mit weit von sich gestreckten Beinen sitzen. Den Kopf in den Nacken gelegt. Na Gott sei Dank ist hier auf der Straße nichts los, oder na ja, die Leute die unterwegs sind, sind nicht anders als er selbst. Die meisten zumindest nicht. Da spürt er plötzlich eine Bewegung an seinem Bein. Xander ist selbst zu seinen besten Schulsportzeiten nicht so schnell aufgesprungen. Sein Puls rast und er spürt ausnahmsweise Mal das Blut in seinen Adern rauschen.

„Oh Gott“, keucht er, als er realisiert das es wieder diese Katze ist, die ihm da einen gehörigen Schrecken eingejagt hat. Das Tier maunzt vorwurfsvoll. Xander hat wohl nicht die gewünschte Reaktion auf seinen Annäherungsversuch gezeigt.
„Oh Mann, was zur Hölle erwartest du denn von mir?“, er kommt sich so dämlich dabei vor, eine Katze anzuschnauzen aber andererseits ist auch niemand hier, der ihn davon abhalten könnte. Kurz ist er geneigt dem Vieh einen Tritt zu verpassen, aber soweit ist er eindeutig noch nicht gesunken. Der mini Tiger vor ihm, reagiert zudem ziemlich gelassen auf Xanders Wutausbruch und schmiegt seinen pelzigen Kopf erneut an seinem Bein. Der Junge atmet einmal tief durch bevor er seufzt und fragt resigniert:
„Hast du Hunger Wollknäuel?“

Xander schätzt das diese Frage letztendlich überflüssig ist. Also schleppt er sich zum nächsten Drugstore, wie praktisch das diese Läden 24 Stunden geöffnet sind und besorgt eine Packung Katzenfutter, was echt um einiges günstiger ist, als sich selbst Essen zu kaufen. Er geht einfach mal davon aus das dieser Fellhaufen keine besonderen Vorlieben haben wird – und falls doch, sind sie ihm egal. Die Katze, die ihm im gemächlichen Gang den gesamten Weg gefolgt war, sitzt auch jetzt, als er wieder heraus kommt, direkt vor der Ladentür. Einen Moment lang hat Xander erwartet Ginger – so hat er das Tier jetzt kurzerhand getauft und nein, er ist nicht unkreativ nur etwas denkfaul – nicht mehr vorzufinden. Aber das wäre auch echt zu einfach gewesen.

„Komm Ginger, wenn ich meine Spritze habe, kriegst du dein Fressen, kling nach ’nem Deal, oder?“, und so gehen sie den weiteren Weg gemeinsam nebeneinanderher. Sie geben sicher ein interessantes Bild ab, allerdings gibt es kaum etwas, dass die Bewohner New Yorks nicht kennen. Xander versucht auch gar nicht mehr das Tier abzuschütteln, vielleicht findet er es sogar ganz angenehm, dass da jemand ist. Wenn dieser jemand auch nur ein Fellballen auf Vierpfoten ist. Eine Weile später kommt er am Bahnhof an und entdeckt auch gleich ein bekanntes Gesicht. Der Typ leiht ihm auch, ohne zu zögern Spritze und restliches Besteck. Keine Minute später geht es Xander schon wieder viel besser. Erst nachdem er sich endlich seinen Schuss gesetzt hat, irgendwie bleibt der Flash aus, aber er fühlt sich zumindest nicht mehr so dreckig, denkt er wieder an Ginger. Er schüttelt den Kopf um das benebelnde Gefühl loszuwerden und sieht sich dann um. Wann hat er sich eigentlich an die Mauer gesetzt? Auch egal. Das Katzenfutter liegt direkt neben ihm, aber Ginger ist misstrauisch einige Meter vor ihm zum Stehen gekommen. Als das Tier merkt, dass es nun wieder Xanders Aufmerksamkeit hat, macht es einen Buckel. Xander schluckt. Fantastisch, selbst die Katze hat schon wieder genug von ihm. Der Siebzehnjährige beißt sich auf die Lippe als er vorsichtig die Hand nach dem getigerten Fellknäuel ausstreckt.

Die grünen Katzenaugen flackern auf, doch dann kommt das Tier angetapst, schmiegt sich – das macht es scheinbar gerne – an die entgegen gestreckte Hand. Xander fummelt einem Moment umständlich an der Verpackung des Futters und stellt das Schälchen dann direkt vor Ginger ab. „Hier Kumpel, auf einen weiteren beschissenen Tag“.
Er spürt wieder diese Kälte in seine Glieder kriechen und dieses Mal schließt er einfach die Augen, lässt seinen Kopf erschöpft an die Mauer sinken und vergräbt seine gesunde Hand in Gingers zerzaustem Fell.

Die Kälte lässt ihn trotz der dünnen Decke frösteln und er kann einfach nicht schlafen. Xander hustet leise. Er hat sich so klein zusammengerollt wie nur irgend möglich und bewegt sich so gut wie gar nicht, um Romeo ja nicht zu wecken. Aber ihm selbst bringt das nicht viel. Sobald er seine Augen schließt und doch einmal von der Müdigkeit übermannt wird, wecken ihn Alpträume aus seinem so dringend benötigten Schlaf. Es ist kein besonders kalter Winter in New Jersey. Eigentlich ist dieser Januar sogar recht erträglich, nicht zu vergleichen mit den Minus Graden im Winter 1977 – den er zwar nicht selbst erlebt hat, aber durch die Erzählungen seines Vaters durchaus lebhaft vor Augen hat – und doch klettert das Thermometer in den Nächten in den Minus Bereich und das bekommt Xander deutlich zu spüren. Hinzu kommt der Husten den er sich vor ein paar Tagen eingefangen hat und der ihn wachhält, wenn es die Kälte und die schlechten Träume nicht tun. Er spürt Romeos warmen Atem in seinem Nacken und versucht sich darauf zu konzentrieren. Aber wirklich helfen tut das nicht. Trotzdem schließt er seine Augen. Wieder schüttelt ihn ein Hustenkrampf. Er lauscht in die Stille, doch der Ältere scheint noch immer tief und fest zu schlafen. Einen Moment darauf spürt Xander wie seine Lieder schwer werden.

Ein Schrei weckt ihn aus seinem Schlaf. Sein Herz rast wie verrückt, sein gesamter Körper bebt und trotz der Kälte steht ihm der Schweiß auf der Stirn. Sein Atem geht nur stoßweise und ihm wird klar, dass es sein eigener Schrei war, der ihn geweckt hat. Neben ihm ist auch Romeo aus seinem Schlaf erwacht. Zunächst dreht er sich nur auf die Seite doch im nächsten Augenblick sitzt er, sich die Augen reibend, neben ihm, schlingt sich seine dünne Decke um den schlacksigen Körper. Er ist mehr als einen Kopf größer als Xander.

„Hey Buddy, was ist los?“
„Ich … Sorry, nichts. Nur ein schlechter Traum“
„Mal wieder, hmm?“
„Ich …“
„Ist okay. Du musst nichts sagen“

Damit zieht Romeo ihn zu sich. Murmelt beruhigende Dinge in sein Ohr. Sagt ihm, das alles irgendwann gut wird. Dabei schlingt er zunächst Xanders und dann seine eigene Decke, fest um sie. Reibt ihn berughigend über den Rücken und verspricht ihm, dass er sicher ist. Spendet ihm Trost und gibt ihm Halt. Das kann keiner so gut wie er, vielleicht liegt es daran das er sieben jüngere Geschwister hat. Wer weiß? Bei jedem anderen würde Xander abdrehen, diese Nähe würde ihm Angst machen, nicht so bei Romeo. Denn Romeo würde ihn nicht im Stich lassen.

Als Xander erwacht ist seine Kleidung vom Morgentau völlig durchnässt. Am Bahnhof ist kaum noch etwas los und es wird langsam hell. Es ist wohl gegen Sieben Uhr in der Früh. Xander ist noch etwas Schlaftrunken und als er sich aufrichtet, schmeißt er erstmal Ginger von seinem Bauch, das Tier hatte es sich wohl gemütlich gemacht. Jetzt faucht es ihn an und fährt seine Krallen aus. Gleich darauf tigert Ginger allerdings um Xanders Beine, scheint ihm bereits wieder verziehen zu haben. „Stimmungsschwankungen“, murmelt der Siebzehnjährige und kratzt sich am Kopf.
Die nächsten Stunden ziehen an ihm vorbei, wie sie es so oft tun und er macht einfach das, was er im Grunde genommen schon seit Beginn seiner Zeit in New York macht. Überleben. Es ist eigentlich alles wie immer. Nur das er nicht bei Angel vorbeischaut. Erstens: weil er sich meistens ein paar Tage fernhält, wenn der Kerl von der Fürsorge mal wieder einen Anstandsbesuch bei Angel hatte. Zweitens: weil er gerade nicht genug Kohle hat um Stoff für sie Beide aufzutreiben und er sich verdammt mies vorkommt, wenn er ohne was bei ihr auftaucht. Alles andere ist aber ziemlich das gleiche. Fast. Er hat Ginger jetzt ständig dabei. Manchmal verschwindet die Katze für eine Weile von seiner Seite, taucht meistens aber nach einigen Minuten, selten nach ein paar Stunden, wieder auf. Xander weiß nicht, wie Ginger ihn immer findet, aber vielleicht haben Katzen für sowas einen siebten Sinn.

Außerdem versucht er nicht soviel an Jesse zu denken, der merkwürdigerweise dennoch einen Großteil, oder den Teil der nicht für das Heroin bestimmt ist, seiner Gedanken einnimmt. Den kleinen Zettel mit der krakelig darauf geschriebenen Telefonnummer hat er noch immer in seiner Hosentasche. Er braucht gar nicht nachzusehen, er weiß, dass das Papier dort ist. Und obwohl er sich sicher ist es niemals zu gebrauchen, warum zur Hölle sollte er diesen Kerl auch anrufen? Der hat ja ein Rad ab – wirft er es nicht einfach weg. Der Idiot hat allerdings auch dafür gesorgt, dass Xander in ‚klaren‘ Momenten nachdenkt. Wobei, was heißt das schon? Klar ist er nie wirklich. Ein Junkie ist einfach nicht klar, es sei denn er kommt auf Turkey und selbst dann beherrscht eigentlich nur ein Gedanke ihn: Wie komme ich an meinen nächsten Schuss? - und genau deshalb braucht er auch nicht wirklich nachzudenken. Eigentlich ist ihm klar wie beschissen sein Dasein ist und das es nicht so weiter gehen wird. Ihm ist klar das es nur eine Konsequenz gibt: den Tod. Und ihm ist auch klar, dass es nur zwei Optionen gibt, diese scheiße zu beenden, dass er sonst nie da raus kommt. Entweder er versucht von dem Zeug loszukommen, oder er setzt sich den goldenen Schuss. Etwas dazwischen gibt es nicht, wird es nie geben. Diese Gedanken macht er sich also, während er so sein beschissenes Leben lebt. Und es macht ihm Angst. Solche Angst. Er hat vor allem Angst. Vor jedem scheiß Tag, der mit den ersten Sonnenstrahlen beginnt. Vor jeder Gott verdammten Nacht, wenn der Mond ersteinmal am Himmel steht. Davor am Bahnhof mitzukriegen, dass wieder einer gegangen ist. Vor jedem Mal, wenn Angel nicht bereits auf der Treppe zur Haustür sitzt und er klingeln muss. Vor jedem Streifenwagen, der an ihm vorbeifährt. Vor seinem Vater und Raynolds.

Das Heroin macht es erträglich, nimmt ihm die Angst. Wenn auch nur für einen Augenblick. Aber dann ist ihm alles egal. Ganz gleichgültig. Dann können die Freier noch so wiederwärtig sein, noch einer von den Bekannten kann, mit der Spritze noch im Arm, auf der dreckigen Toilette liegen und seine ganze Existenz kann für eine Weile sein, wie sie ist. Denn dann scheint alles für ein paar Stunden erträglich. H ist wie der Schlüssel zum Paradies und wer würde den nicht benutzen, wenn er ihn hätte? Und dann?- Dann kommt die ganze hässliche Wirklichkeit, diese grausame Realität zurück und er weiß in diesen Momenten genau, was für ein Scherbenhaufen sein abgefucktes Leben eigentlich ist und das er da nie rauskommen wird. In diesem Kreis hängt er fest bis zum Ende und so vergehen auch die nächsten vier Tage. Aufstehen, Schuss, umherwandern, was zu Essen besorgen, seit neuestem Ginger füttern -, Schuss, an den üblichen Orten (der Scene) unterwegs sein, auf den Abend warten, anschaffen gehen, Dope besorgen, Schuss.

Es ist die Nacht vom 4. auf den 5. Dezember, sagt zumindest die Zeitung am Kiosk, als Xander endlich einmal wieder bei Angel vorbeischauen will. Das letzte Mal ist gut eine Woche her. Vorher muss er aber erstmal Stoff besorgen. Denn er weiß, dass er sonst bald auf Turkey kommt. Es geht ihm noch nicht richtig dreckig. Aber die ersten Anzeichen sind da. Ihm ist irgendwie ganz flau und er spürt das sein Körper nicht vor Kälte zittert. Obwohl es Sau kalt ist

Also macht er sich auf den Weg, dieses Mal mit dem Vorsatz seinen Dealer anzutreffen. Gut eine Viertelstunde und einen Halt – weil er sich doch glatt, fast übergeben hätte – später, ist er dort wo er hin wollte. Ein schäbiger Wohnblock in der Lower East Side. Gut möglich, dass es der aller schäbigste in der Gegend ist. Ein Drecksloch wie es im Buche steht und doch erhellen die Straßenlaternen auch hier die dunkle Nacht. Außerdem lebt hier – oder dealt zumindest – sein Stammdealer Clemens und deshalb ist hier praktisch auch sein zweites Zuhause. Oder erstes? Oder genauso wenig eines, wie alle anderen Orte in dieser Gott verdammten Stadt. Er weiß es nicht. Will es auch gar nicht so genau wissen. Clemens steht an einer Wand gelehnt, lässig, mit einem bulligen Typen ins Gespräch vertieft. Xander wartet bis sie fertig sind. Das dauert eine Weile, dann verabschiedet sich der Unbekannte mit einem Handschlag von seinem Dealer und verschwindet. Clemens Hochgewachsene Gestalt, in dem langen schwarzen Mantel, will sich gerade in Bewegung setzen als er Xander erblickt.

„Oh, hey kleiner. Wo hast du deine Freundin gelassen?“
Meistens tauchen er und Angel hier gemeinsam auf. Aber es ist nicht das erste Mal das er alleine her kommt und außerdem verspürt er gerade keine besondere Lust darauf mit irgendjemanden Smalltalk zu halten. Deshalb zuckt er bloß mit den Schultern.

Clemens mustert ihn kurz, registriert vermutlich das Xanders Hände unnatürlich zittern und vielleicht auch, dass er Mühe hat sich auf den Beinen zu halten, ganz zu schweigen davon das er sowieso zur Zeit ziemlich mies aussieht und sagt dann:
„Okay verstehe. Nicht deine Nacht. Na, was brauchst du? Was kann der gute, alte Clemens für dich tun?“
Xander verdreht intuitiv die Augen. Als ob der Kerl das nicht genau wüsste. Es ist ja weiß Gott nicht das erste Mal, dass er hier ist und er kann gerade wirklich kein dämliches Gequatsche gebrauchen. Sollte es einen Stammdealer nicht auch irgendwie auszeichnen, dass er weiß was man braucht? Okay, klar hat das auch was mit der Qualität des Stoffes zu tun, aber das Drogengeschäft ist ja wie jedes andere auch. Man sollte die Wünsche seiner Stammkunden echt kennen. Er hat auch noch ’nen richtig miesen Stammdealer. Was auch sonst. Reiht sich in die ewig lange Liste der richtig miesen Dinge in seinem Leben ein.

„Das Übliche, Clemens“, murmelt der Schwarzhaarige kurz angebunden.
„Okay, okay. Da hat jemand wirklich ’ne beschissene Laune“
Clemens grinst selbstgefällig.
„Sind aber nicht die üblichen Preise. Der Markt hat sich verändert. Verstehst du doch oder kleiner?“
Wichser.
„Das heißt im Klartext?“

Clemens Stimme wird hart als er erwidert:
„50 Dollar pro Gramm oder du suchst dir ’nen anderen Dealer, Honey“
Das letzte Wort flötet der Ältere regelrecht. Dann wirft er Xander einen abschätzigen Blick zu. Plötzlich grinst er ihn breit an.
„Aber vielleicht wäre ich heute auch ausnahmsweise dazu geneigt, die Bezahlung auch ergänzend etwas anders ausfallen zu lassen, wie …“
Der Siebzehnjährige überschlägt sich fast, als er ihn unterbricht:
„Ich hab’ das Geld. Danke, Nein“
Clemens legt die Stirn in Falten. Er klingt fast schon zornig als er überheblich sagt:
„Wie du meinst, kleiner. 4, 5 Gramm macht 225 Dollar “
Wichser. Wie er gesagt hat. Ein absoluter Wichser.
Er greift in seiner Hosentasche nach den abgewetzten Geldscheinen. Eine 5 Dollar Note steckt er zurück, den Rest händigt er Clemens ohne zu zögern aus. Es führt ja doch kein weg drum herum. Das ist das Geld von zehn Freiern – einer langen aber ‚guten Nacht’ und das Ergebnis von sechs Stunden Arbeit, aber letztendlich bleibt ihm keine Wahl. Und in etwas mehr als 24 Stunden wird er wieder vor der gleichen Situation stehen.

Sein Dealer zählt die Scheine, gibt ihm die Tütchen mit dem weißen Pulver, drei Halbe für ihn, die doppelte Menge, also sechs Halbe für Angel und behauptet immer wieder gerne Geschäfte mit ihm zu machen, während Xander das ganze wortlos vonstattengehen lässt. Dann wendet er sich zum Gehen. Clemens ruft ihn nochmal zurück und hat wieder dieses widerwärtige Grinsen im Gesicht.
„Ach ja, Grüß Angel von mir. Wenn sie alleine herkommt, gefällt mir das deutlich besser“.

Xander schnaubt. Schüttelt den Kopf und verlässt fast im Laufschritt die Gasse. Nichts wie weg hier. Darüber muss er echt noch mit Angel reden. Er hasst diesen Kerl wie die Pest, auch wenn sein Stoff noch so ‚rein’ ist. Aber Angel schwört darauf, dass Clemens der beste Dealer ist. Wie man’s nimmt, denkt er. Aber Angel hat eigentlich total den Durchblick. Außerdem ist sie seine einzige Freundin. Wenn es sowas unter Junkies denn gibt. Und vielleicht bewundert er sie irgendwie. Weil sie einfach ihr Ding macht und vor nichts Angst zu haben scheint. Außerdem hat Angel auch schon Mal ‘nen Entzug durchgezogen – auch wenn sie ziemlich bald darauf wieder drauf war – und sich überhaupt dieser Hölle auszusetzen erfordert schon ziemlich viel Mut und Wille. Vielleicht steckt er noch nicht tief genug in der Scheiße, um so viel Wille und Mut aufzubringen, aber er kann sich eigentlich nicht vorstellen da noch tiefer drin stecken zu können. Wenn andere davon sprechen, dass ihnen das Wasser bis zum Hals steht, dann ist Xander sich ziemlich sicher, das er längst ertrunken ist. Also, wie soll man das noch steigern?

„Auf Ginger, wir gehen zu Angel“, teilt er dem rot getigertem, wie ihm mittlerweile bekannt ist, Kater mit. Der war nämlich am Eingang der Seitenstraße sitzen geblieben, nachdem er ihn bis dorthin dicht auf den Fersen gewesen war. Wahrscheinlich war Ginger das Ganze nicht geheuer, denn jetzt ist er wieder an seiner Seite. Xander kann es ihm nicht verübeln, ihm ist das alles am Anfang auch nicht geheuer gewesen. Jetzt ist es normal.

Er merkt es sofort. Irgendetwas stimmt nicht. Und es ist nicht die Tatsache, dass sein Körper nach dem Schuss lechzt. Nein es ist ein ungutes Gefühl. Sowie, wenn du gestrecktes Zeug erwischt und es dir die Sicherungen rausknallt. Nur noch viel bewusster. Dann ist er in Angels Wohnblock angekommen. Er sieht das rot-orange Licht der Ambulanz noch bevor er ihre Wohnungstür sieht. Xander ist noch nicht Mal um die Hausecke gebogen und doch weiß er genau, dass der Wagen davor steht. An sein Ohr dringen nur Wortfetzen, aber er erkennt sofort die Stimmen dieser zwei alten, chronisch untervögelten, Schrullen, die auf dem gleichen Stockwerk wie Angel, in der Wohnung am Ende des Flurs, wohnen. Außerdem ist die kehlige Stimme des übermotivierten Sozialarbeiters zu hören, während nur die Worte: Junky – zu spät – Überdosis – Goldener Schuss – ihn wirklich erreichen. Postwendend macht er kehrt und läuft. So lange bis seine Lungen brennen wie Feuer. So lange bis das Blut in seinen Ohren rauscht. Solange bis seine Beine ohne Vorwarnung unter ihm nachgeben. Er schmeißt sich regelrecht auf die Knie. Schreit und schreit bis seine Stimme bricht. Aber er weint nicht, nicht eine einzige Träne. Kann nicht. Plötzlich empfindet er nichts mehr. Nur Leere. Schlagartig wird er ganz ruhig. Verlässt den, um diese Uhrzeit, gespenstisch stillen Stadtpark und läuft zur öffentlichen Toilette am Delancey Plaza, viel dreckiger als hier geht es nicht mehr. Aber das stört ihn nicht im Geringsten. Er nimmt die letzte Kabine – weil die sich abschließen lässt – und setzt sich in aller Ruhe auf den Boden. Lehnt sich gegen die kühle Wand und nimmt sein – irgendwo abgegriffenes – Besteck aus der Plastiktüte des Drugstores. Sowie das Tütchen Zitronensäure zum Backen. Mit aller Gelassenheit kocht er seine ganzen drei Halben auf. Er überlegt kurz Angels Zeug mit dazu zu nehmen, sie braucht’s ja nicht mehr, aber das wird reichen. Das drückt er sonst an einem Tag. Er bindet den Gürtel so fest wie er kann, ein letztes Mal. Die Vene trifft er sofort, zieht direkt ein wenig Blut hoch. Er kommt nicht einmal dazu die Spritze noch einmal aufzuziehen, um den Rest der irgendwie immer hängen bleibt, herauszuholen, da explodiert es in seinen Kopf. Zerreißt ihn förmlich.

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beta
Fairy Dust

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