Kapitel 8: Die ersten Freunde

Luzifer verbrachte die gesamte restliche Zeit seiner Verbannung in dem kleinen Dorf am Rande der Wüste. Bei Jeremias, dem Dorfvorsteher, fand er freundliche Aufnahme. 
Jeremias stellte nicht viele Fragen, worüber Luzifer sehr froh war, denn wie hätte er diesem herzensguten Menschen sagen können, dass er ein verbannter Engel war? Nein, darüber musste er schweigen. Belügen wollte er die Menschen aber auch nicht, und so hatte er nur erzählt, dass er nach einem Streit von zuhause hatte fortgehen müssen. Jeremias stellte diese Antwort zufrieden, ja, er versprach Luzifer sogar, täglich dafür zu beten, dass sein Vater ihm vergeben und wieder in seinem Hause willkommen heißen möge. Luzifer war zutiefst gerührt. Aus Dankbarkeit für Jeremias Freundlichkeit half Luzifer ihm bei der Feldarbeit und stellte dabei fest, dass Dominicus Recht gehabt hatte. Das Leben der Sterblichen war hart und entbehrungsreich. Wie anstrengend es war, dem Boden die kargen Erträge abzuringen! Bereits nach kurzer Zeit bluteten ihm die Hände und sein Rücken brachte ihn schier um. Jeremias betrachtete ihn kopfschüttelnd. Harte Arbeit war dieser hübsche junge Mann offensichtlich nicht gewöhnt. Aber er wollte ihn auch nicht unnötig quälen, der arme Kerl machte wohl schon genug durch, und darum schickte er ihn schließlich zurück zum Dorf. Als Luzifer Jeremias Haus betrat, schlug Selima, die Ehefrau des Jeremias, die Hände über dem Kopf zusammen. Sie versorgte seine wunden Hände mit wohltuenden Salben und verband sie sorgfältig. Dann bat sie ihn, auf die kleine Ketzia, ihre fünfjährige Tochter aufzupassen. Das war eine Arbeit nach Luziferes Geschmack. Das niedliche kleine Mädchen mit den zimtfarbenen Augen war aufgeweckt und fröhlich. Luzifer machte einen kleinen Spaziergang mit ihr. Ketzia hüpfte mehr, als dass sie ging und ihr Plappermäulchen stand keine Minute lang still. Luzifer fand ich kindliches Geplauder entzückend. Aber dann musste er an all die kleinen Kinderseelen im Himmel denken, die nicht so fröhlich und unbeschwert umher sprangen, sondern immer nur mit leeren Blicken umher schwebten, und ein Schatten legte sich über sein Gesicht. Der Himmel sollte doch ein Ort der Freude sein, warum also waren die Kinderseelen nicht auch so froh und ausgelassen, wie sie es noch zu Lebzeiten gewesen waren? Ein weiteres Rätsel - und Luzifer war wild entschlossen, es zu lösen.

Je länger er bei Jeremias und seiner Familie wohnte, umso mehr schloss Luzifer sie ins Herz. Mit Ketzia verband ihn schon bald eine tiefe Freundschaft. Den ganzen langen Tag lang hielt sie sich in Luzifers Nähe auf und abends bestand sie darauf, dass er solange an ihrem Bett sitzen blieb, bis sie eingeschlafen war. Der Engel war von ihrer Anhänglichkeit und ihrem Vertrauen tief gerührt. Mit Schaudern dachte er daran, dass sie eines Tages, nach ihrem Tod, nur noch ein geist- und sinnloser Hauch sein würde. Nein, das durfte einfach nicht sein!

Und so kam schließlich der letzte Tag seiner Verbannung heran. Schon seit Tagen machte Luzifer sich Gedanken darüber, wie er seinen neuen Freunden bloß erklären sollte, dass er fort musste. Er wurde immer stiller. Jeremias beobachtete Luzifer in diesen Tagen aufmerksam. Er glaubte zu wissen, was in dem jungen Mann vor sich ging. Am letzten Abend nun sprach er Luzifer endlich darauf an.
Es war nach dem Abendessen. Alle hatten es sich vor dem Feuer gemütlich gemacht. Jeremias reparierte eine seiner Schaufeln, Selima beschäftigte sich mit ihrer Handarbeit und Ketzia hatte es sich auf Luzifers Schoß gemütlich gemacht und sah mit verträumten Augen in die Flammen.
Plötzlich räusperte sich Jeremias, sah Luzifer an und sagte:
"Du bist jetzt schon eine ganze Weile hier bei uns. Verstehe mich nicht falsch, wir haben dich gerne hier. Du bist mir lieb geworden, als wärst du mein eigener Sohn und es schmerzt mich, mir vorzustellen, dass wir dich eines Tages nicht mehr bei uns haben. Und dennoch denke ich als Vater natürlich auch an deinen Vater. Glaubst du nicht auch, dass ihm euer Streit mittlerweile leid tut und er dich unsäglich vermisst? Vielleicht solltest du zurück nach Hause gehen und versuchen, mit ihm zu reden. Und wenn er dir immer noch zürnt, dann kommst du hierher zurück. Unser Haus steht dir immer offen."

"Geh nicht weg, Luzifer, ich hab dich doch so lieb. Du sollst immer bei mir sein, ja?! Versprichst du mir das?", sagte Ketzia schlaftrunken. Luzifer küsste sie leicht aufs Haar und sagte:
"Ich werde immer bei dir sein, Kleines. Auch wenn du mich nicht siehst oder hörst, bin ich trotzdem immer da. In deinem Herzen und in deinen Träumen. Und du wirst in meinem Herzen und in meinen Träumen sein. Aber dein Vater hat Recht. Für eine Weile muss ich fort. Sieh mal, ich habe ja auch einen Vater und auch wenn man mal streitet, hat man sich doch trotzdem immer noch lieb. Also muss ich jetzt zu meinem Vater und versuchen, mich mit ihm zu vertragen. Verstehst du das?"
"Hm-mmm, aber du kommst mich doch bald besuchen, oder?"
"So bald ich kann, Ketzia, das verspreche ich dir."
"Aber nicht vergessen, hörst du?!"
"Keine Sorge, ich werde dich bestimmt nicht vergessen!"
Selima stand auf, trat leise zu den beiden und strich ihnen leicht durchs Haar.
"So ist es Recht, Luzifer. Man soll Vater und Mutter ehren, auch wenn diese es mal nicht verdient haben. Du tust das Richtige. 
So, aber jetzt ist Schlafenszeit. Ab ins Bett mit dir, mein Kleines."
Ketzia protestierte nur kurz, dann ließ sie sich von ihrer Mutter zu Bett bringen. Luzifer setzte sich wie gewohnt noch eine Weile zu ihr. Nachdem sie ihm noch einmal das Versprechen abgenommen hatte, sie so bald wie möglich zu besuchen, schlief sie schließlich ein. Auch Selima und Jeremias legten sich bald zur Ruhe, müde von ihrem Tagwerk. Luzifer blieb noch eine Weile am erlöschenden Feuer sitzen. Als er sicher war, dass alle drei tief und fest schliefen, verließ er das Haus. Es war besser, wenn er ohne Abschied von ihnen ging. Er wusste, sie würden ihn verstehen.
Er durchquerte das Dorf und ging in die Wüste. Dort setzte er sich nieder und wartete auf die Wächter.

Comments

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    Er hat eine neue Familie gefunden, wie toll!

  • Author Portrait

    Netter kleiner Abschied. Aber ich fürchte luzi wird den Himmel nicht mehr so sehen können wie Vorher

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Fairy Dust

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