Kapitel 9

Alles steht Kopf

Jesse


Die nächsten vier Wochen vergehen so angenehm und friedlich, ja so geruhsam, dass Jesse Xander beinahe vergisst. Zumindest redet er sich selbst ein, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis er das tut.  Doch dem ist nicht so. Spätestens  am 26. Dezember, wird ihm das klar. Bis zu diesem Zeitpunkt war Jesse vielleicht einfach nur zu beschäftigt gewesen, um sich wirklich Gedanken zu machen. Aber das würde er nie zugeben. Aber nun ist der ganze Trubel vorbei und Jesse kann sie nicht aufhalten, die Gedanken rasen. Draußen ist es bitterkalt geworden. Er hat den Schnee nicht erwartet, aber am 23. Dezember, also zwei Tage vor Weihnachten, fing es einfach an. Erst waren es nur ganz seichte Flocken. Klein und wohl kaum dazu gemacht, die nächsten Stunden zu überstehen. Aber das war nur ein Trugschluss gewesen. Eine Farce der Natur, denn schon ein paar Stunden später versank  New York regelrecht im Schnee. Auch heute schneit es. Dicke Flocken, die verhindern, dass der gefrorene Boden überhaupt sichtbar wird. Das letzte Schneegestöber ist vielleicht eine Dreiviertelstunde her. Es ist sieben Uhr in der Früh an einem Samstagmorgen. Jesse sitzt alleine am kalten Küchentisch, starrt die glatte Maserung der Holzplatte an, während Cassie noch friedlich schlummert.

Er denkt an Thanksgiving bei seinen Eltern und wie sehr Lilly sich über ihre Anwesenheit gefreut hat. Er denkt an den letzten Samstag, den sie bei Cassies  Eltern verbracht haben. Sie waren dieses Jahr, obwohl sie damit erst am Ende des Jahres angefangen haben, vermutlich genauso oft  bei ihren Eltern zu Besuch wie in den vergangenen fünf Jahren zusammengenommen. Er schwelgt in der Erinnerung an den süßlichen Lebkuchenduft, der durchs ganze Haus gezogen ist. Denkt an die warme Stube in der sie alle gemeinsam ein furchtbar ödes Brettspiel gespielt haben und dennoch Unmengen an Spaß hatten. Und daran wie enttäuscht alle waren, als sie gestern, also ausgerechnet am Weihnachtsmorgen angerufen und gesagt haben, dass sie wegen der  ständigen Schneestürme nicht kommen würden. Dann ist es soweit. Er denkt an Xander.

Ein blasses Gesicht schiebt sich in sein imaginäres Sichtfeld. Er schüttelt den Kopf, versucht diese riesigen, traurigen, braunen Augen loszuwerden. Das Gesicht sieht blass und eingefallen aus und die Lippen sind bläulich verfärbt. Jesse jagt es einen Schauer durch den gesamten Körper: Unwillkürlich fragt er sich, wo Xander wohl die letzten Nächte verbracht hat. Bei dem Wetter kann er ja unmöglich draußen geschlafen haben, oder? Wie ferngesteuert fährt der  junge Mann sich durch das rotblonde Haar. Nimmt für einen Moment die Brille ab und massiert sich den Nasenrücken. Er steht auf und streckt sich. Aus irgendeinem unbestimmten Grund kann er plötzlich nicht mehr still sitzen. Muss sich bewegen. Für einen Augenblick spielt er mit den Gedanken raus zu gehen. Spazieren zu gehen. Vielleicht? Man läuft in dieser Stadt schließlich zufällig allerhand Menschen über den Weg. Doch Jesse verwirft diesen Gedanken eben so schnell wieder, wie er ihn gefasst hat.  Das ist völliger Unfug. Es war schon völlig unwahrscheinlich ihm ein zweites Mal zu Begegnen. Ein drittes Mal passiert sicher nicht. Und warum sollte er auch suchen gehen? Der Junge hätte ja die Möglichkeit gehabt sich zu melden. Na ja, zumindest hofft Jesse das. Aber selbst wenn nicht, wo sollte er mit seiner Suche anfangen? Er weiß im Grunde genommen nichts, wirklich gar nicht, über den anderen. Seinen Namen - und den nicht einmal ganz. Und das er ganz offensichtlich ein Drogenproblem hat. Das war’s. Wow. Damit kriegt der Kandidat sicher hundert Punkte. Frustriert lässt sich Jesse wieder auf den Küchenstuhl aus hellem Holz fallen, nur um in der nächsten Sekunde wieder aufzuspringen. Gott. Er atmet einmal tief durch. Dann nimmt er sich die rote Tasse aus dem Schrank, die er bei seinem letzten Praktikum in der Uniklinik geschenkt bekommen hat und kocht sich einen Tee. Pfefferminz. Das wird sicher helfen.

Mit der dampfenden Tasse kehrt er abermals an den Küchentisch zurück. Ein schneller Blick auf die Uhr zeigt ihm, dass er seit nun mehr einer Stunde auf den Beinen ist, eine Stunde in der er nichtsweiter getan hat, als rumzusitzen. Trotzdem fühlt er sich nicht wirklich wach. Eher erschlagen. Cassie scheint noch immer tief zu schlafen. Jesse könnte sich still und heimlich zurück zu ihr ins Bett legen. Sie in den Arm nehmen und einfach noch eine Runde schlafen. Die kurze Semesterpause genießen. Aber so einfach ist es nicht. War es nie. Er kann es eben nicht. Deshalb bleibt er am Tisch sitzen. Macht sich weiter so seine Gedanken. Starrt aus dem Fenster. Sieht dicke, weiße Flocken gen Boden fallen. Viel mehr ist auch nicht zu sehen. Keine besonders berauschende Aussicht aus dem Fenster. Nur die raue Fassade des gegenüberliegenden Hochhauses. Jesses Laune sinkt weiter. Sein Blick wandert von der grauen Fassade, zu den hell blauen Wandkacheln. Über Geschmack lässt  sich ja bekanntlich streiten, aber die sind wirklich einfach nur hässlich. Keine Diskussion. Wenigstens kann er sagen, dass die nicht sein Verschulden sind. Die waren schließlich schon hier, als er und Cassie eingezogen sind. Macht es aber auch nicht besser.

„Fuck!“
Er springt brüllend auf, als er sich, dämlich wie er ist, den kochend heißen Tee über  die Hand gießt. Wüste Flüche hallen durch den Raum. Bis Jesse sich auf die Lippe beißt. Das eiskalte Wasser, das aus dem Hahn über seine Hand läuft, verschafft ihm ein wenig Linderung, auch wenn es den Schmerz bei weiten nicht besiegt. Verdammt, manchmal ist er echt zu dämlich.

„Jess….?“, eine verschlafen drein blickende Cassie betritt den Raum.
Sie reibt sich müde über die Kornblumenblauen Augen, dann sieht sie Jesses, in roter Signalfarbe leuchtende, Hand.
„Gott, was hast du gemacht?“
„Nichts …“, antwortet er zerknirscht.
„Das sieht mir aber nach mehr als nach nichts aus.“
Sie schaut ihn einen Augenblick an, dann wandert ihr Blick zum Küchentisch auf dem die Lache des verschütteten Tees noch gut zu sehen ist.
„Hast du dir etwa Tee über die Hand gegossen?“
„Nein, ich dachte der Tisch könnte eine Tee Behandlung gebrauchen…“, es sollte witzig klingen, hört sich aber mehr wie ein Vorwurf an. Er  wollte gar nicht so garstig klingen, aber es ist einfach so über seine Lippen gekommen. Cassie sieht ihn bestürzt an, er weicht ihrem Blick aus. Sie sagt nichts mehr, greift nach einem Lappen und reinigt den Kückentisch aus hellem Holz.

Jesse dreht den Hahn wieder zu.
„Cassie…“, setzt er an.
„Schon gut, ich weiß du hast’s nicht so gemeint. Brauchst du Kühlgel?“
Er schüttelt den Kopf: „Nein, Danke.“
„Okay. Kaffee?“
Er trinkt nie, wirklich nie, Kaffee und nun hat er vorerst erstrecht einmal genug von etwaigigen Heißgetränken.
„Danke, ich verzichte.“

Cassie steht an der Küchenzeile und kocht Wasser auf. Aus dem linken Hängeschrank nimmt sie sich Trichter und Filterpapier, bereitet die Tasse vor.  Die Hände liegen zu Fäusten geballt auf der Arbeitsplatte. Sie stützt sich dagegen, atmet einmal tief aus. Jesse lässt sie nicht aus den Augen, dann setzt sie sich zu ihm an den Tisch.

„Jess, können wir reden?“
„Tun wir das nicht gerade?“
„Du weißt was ich meine…“
„Okay, was bedrückt dich?“
„Das wollte ich dich eigentlich fragen.“
„Bitte?“
„Du wirkst so abgelenkt in letzter Zeit. Nein, nicht abgelenkt. Lass es mich anders formulieren. Du wirkst als würde dich etwas unheimlich beschäftigen. Etwas worüber du mit  mir nicht sprechen kannst. Bereust du unsere Verlobung?“
„Was? Nein, nein um Gotteswillen. Wie kommst du darauf? Natürlich bereue ich unsere Verlobung nicht. Erinnerst du dich? Ich hab dir schließlich den Antrag gemacht. Es ist… - Ich weiß nicht was es ist, okay? Aber es hat ganz sicher nichts mit dir zu tun!“

Er weiß nicht warum er sie belügt und ersteres ist definitiv gelogen. Er weiß genau was ihn beschäftigt. Xander. Aber letzteres stimmt und eines Tages wird er’s ihr schon sagen. Nur heute nicht. Heute ist nicht der richtige Zeitpunkt.

„Okay“, sie sagt das langsam. Dehnt das Wort bis aufs Letzte aus. Dann nickt sie. Die dunklen Locken - die noch etwas wirr nach dem aufstehen sind - fallen ihr dabei ins Gesicht. Sie scheint erleichtert aber dennoch nicht wirklich überzeugt, lässt das Thema aber unter den Tisch fallen.

Stattdessen Frühstücken sie erst einmal ausgiebig. Danach besprechen sie ihre Pläne für den Tag. Also die nicht vorhandenen, weil sie damit gerechnet haben die Feiertage und die Tage darauf bei ihren Familien zu verbringen. Deshalb entscheiden sie sich für einen ausgedehnten Spaziergang an der frischen Luft. Es ist zwar bitter kalt draußen, aber in Winterjacke und Schal gehüllt, ist es schon auszuhalten. Gesagt, getan. An der frischen Luft fühlt sich Jesse gleich wohler.  
Hand in Hand laufen die beiden durch die Stadt. Es dauert vielleicht eine Viertelstunde bis Jesse sich selbst ertappt. Dabei ertappt, wie er beim Vorübergehen in jede kleinere Seitengasse späht und nach einem schwarzen Haarschopf Ausschau hält. Wenn Cassie seine Hand nicht warm in ihrer umschlossen halten würde, hätte er sich sicher bereits selbst geohrfeigt.  Für den Rest ihres Weges jedenfalls, zwingt er sich seine Gedanken beisammen zu halte. Schaut er nicht gerade in das hübsche Gesicht seiner Verlobten, so blickt er stur gen Boden. Falls Cassandra das aufgefallen sein sollte, so ignoriert sie es geflissentlich.

Auf dem Rückweg ihres Spaziergangs, der sie um fast zwei Blocks geführt hat, machen sie Halt in dem Restaurant, in dem Jesse arbeitet. Mit den Stunden hier und seinen Arbeitszeiten in der Bibliothek der Universität und seinem gewöhnlichen Alltag als Student, ist er auch wirklich ordentlich beschäftigt. Einmal ging das soweit, dass er Dienstzeiten vertauscht hat. Eben diese will er jetzt abholen um sie gleich in seinen Kalender einzutragen, damit das bloß nie wieder passiert. Es gibt für Jesse kaum etwas unerträglicheres als Unzuverlässigkeit und er wäre damals fast im Erdboden versunken. Wenn das denn rein praktisch möglich wäre.

Das Restaurant ‚Ma Maison’, ist eigentlich mehr als das. Es ist ein Restaurant, aber auch ein Café und abends ebenso eine Bar. Es ist ein Lokal das absolut den Zeitgeist trifft und gerade die jüngeren New Yorker anspricht. Es vergeht eigentlich keine Schicht, in der Jesse nicht auf den einen oder anderen Kommilitonen trifft, was auch an den absolut angemessenen und fairen Preisen liegt. Es kann einen wirklich schlimmer treffen, als hier zu arbeiten. So ist es auch wenig verwunderlich, dass er, als er mit seiner Freundin am Arm das Lokal betritt, auf bekannte Gesichter trifft. Einige von Cassies Freundinnen - unter anderem Alisson und Alicia - sitzen an einem Tisch nahe den Fenstern. Direkt neben den dezenten Oleanderpflanzen. Alss Cassie sie sieht, gesellt sie sich gleich zu ihnen. Jesse begibt sich ins Hinterzimmer. Dort machen auch die Mitarbeiter oft ihre Pausen. Zu Jesses Überraschung findet er dort Jorell vor, der über seine Politikbücher zu brüten scheint.

Als der Medizinstudent die Tür hinter sich schließt sieht sein bester Freund - der nahezu Zeitgleich mit ihm die Arbeit hier begonnen hat - auf.
„Jesse? Was machst du denn hier? Wollten Cass und du nicht zu euren Familien? Du musst doch nicht etwa für jemanden einspringen, oder?“
„Hey. Nein, quatsch. Allerdings hat die ungünstige Wetterlage uns den Ausflug über die Feiertage gründlich versaut. Und du? Hast du die Nachmittagsschicht oder warum sitzt du hier?“
„Ja, ich hatte die Vormittagsschicht planmäßig und jetzt ist Jordan ausgefallen, da habe ich seine Schicht auch gleich übernommen…“
„Okay.“, Jesse nickt obwohl er innerlich nur den Kopf schütteln kann. Jo hat es eigentlich weiß Gott nicht nötig nebenher zu arbeite, dass Auslandsstudium finanzieren ihn seine Eltern ohne jegliche Probleme. Extra Stunden braucht er also schon dreimal nicht, dennoch übernimmt er sie fast immer. Was ihn bei Kollegen und Kolleginnen natürlich unsagbar beliebt macht. Jesse kann es allerdings nicht ganz nachvollziehen. Aber vielleicht fühlt der gebürtige Franzose sich hier auch einfach wohl. Nicht nur, dass das Restaurant einen französischen Namen trägt, der übersetzt auch noch soviel wie ,Mein Zuhause’ bedeutet, irgendwie versprüht es auch einen französischen Flair, was sicherlich beabsichtig ist und Jorell vielleicht ein wenig an Zuhause erinnert.

Während Jesse sich den Dienstplänen zuwendet, beginnt sein Kumpel ein Gespräch.
„Sag mal, kennst du Marie Rodriguez?“
Jesse dreht sich nicht um,  antwortet aber:
„Ich glaube schon. Ist das nicht die hübsche Latina, die Vorsitzende der Studentenvertretung eurer Uni  ist?“
„Ja und ich teile mir mit ihr zwei Politikvorlesungen. Sie studiert Politikwissenschaften in Kombination mit Journalistik.“
„Okay. Und worauf willst du hinaus?“
Jesse geht zum Kopierer um seinen Dienstplan auszudrucken, wirft Jo aber einen Blick zu um zu signalisieren, dass er ihm immer noch zuhört. Der seufzt hinter ihm so laut, dass Jesse doch nicht umhin kommt sich wieder umzudrehen.

„Sie hat mich ablitzen lassen. Aber sowas von.“
„Sie hat, warte… Du wolltest was von ihr?“
„Nein. Ich will was von ihr.“
Jorell macht eine kurze Pause dann erklärt er:
„Aber das spielt keine Rolle. Sie hat mir ziemlich klar gemacht, dass sie nichts von mir will.“
„Oha, der Casanova wurde zurückgewiesen.“
Tatsächlich überrascht das den Älteren wirklich. Jorell hatte es noch nie schwer eine Dame von sich zu überzeugen. Mit den Kupferfarbenden Locken, den Bernsteinfarbenen Augen und einem Lächeln, wie aus  der Zahnpasta Werbung, hat er sie normalerweise schnell auf seiner Seite. Was er in der Regel auch gekonnt einzusetzen weiß. Scheinbar war das diese Mal nicht besonders effektiv.

Jorell schaut nicht gerade glücklich drein.
„Pff, Casanova. Man kann’s ja auch übertreiben.“
„Okay, ist gut. War ja nicht so gemeint. Aber du musst zugeben, du lässt nichts anbrennen.“
„Mag sein, aber dieses mal ist es mir Ernst. Es ist anders …-“, doch noch bevor sein bester Freund näher ausführen kann, wieso es ausgerechnet dieses Mal anders ist, klopft Cassie an die Tür des Personalzimmers.

„Jess, bist du fertig?“
Jesse schaut seinen Freund fragend an, aber der winkt nur ab. „Kein Problem, wir Reden ein andern Mal. Hey Cass…“, er winkt unbestimmt in Richtung von Jesses Freundin, dann brütet er wieder über seinen Büchern. Jesse schnappt sich noch schnell den Zettel, den der Kopierer ihn  ausgespuckt hat und schon sind sie zur Tür hinaus. Auf dem Heimweg hört er sich das Gespräch von Cassie und ihren Freundinnen über Louis Vuittons kommende Frühjahrskollektion im Schnelldurchlauf an. Er erfährt nur ,leider’ nicht warum Allisson nun Unrecht hat, was ihre Meinung zu dem geblümten Trenchcoat angeht, weil sie einen Halt beim Supermarkt machen. Denn mit ihren Vorräten sieht es gelinde gesagt eher bescheiden aus.

Beim Wallmart um die Ecke, nur eine Querstraße von ihrem Wohnhaus entfernt, läuft der Einkauf wie üblich ab. Sie sind sich nicht wirklich einig, wenn es um die verschiedenen Lebensmittel geht, die in ihrem Einkaufswagen landen sollen.  Cassie will wegen ihrer neuen Diät - die sie überhaupt nicht nötig hat und die ohnehin nicht gesund ist - mehr Gemüse, aber Obst soll kaum welches in den Wagen. Denn sie muss besonders auf Fruchtzucker achten. Für ihre ,Schlemmertage’ soll aber auf jeden Fall genug Süßes da sein. Davon hält Jesse wiederum nicht viel. Die ganzen Süßigkeiten sind nicht sonderlich Gesundheitsfördernd, da reicht eine Tafel Schokolade jawohl, und außerdem fragt er sich wie das ganze Zeug denn bitte für einen ausgewogenen Kalorienhaushalt sorgen soll. Aber er sieht davon ab mit seiner Freundin über solche Dinge zu streiten. Am Ende setzt er sich mit seinem Obst durch, sie sich aber auch mit ihren Süßigkeiten. Auch egal, er rührt davon ja doch nichts an.

Zuhause will das ganze eingekaufte Zeug natürlich auch eingeräumt werden. Das übernimmt Cassie großzügiger Weise, allerdings auch nur weil es an Jesse ist, das Mittagessen zu kochen. Er macht eine schnelle Reispfanne, weil das zugegeben eines der wenigen Gerichte ist das er wirklich gut kocht, während seine Freundin dann auch noch den Tisch deckt. Bei einem zwei Personen Haushalt jetzt nicht unbedingt eine schwer zu bewältigende Aufgabe. Dann wird gegessen, wobei Cassie anmerkt das der Reis noch ganzschön hart ist und in der Pfanne ja mehr Gemüse hätte sein können. Jesse findet zwar das die Pfanne wie immer schmeckt, hat aber nicht das Bedürfnis Cassie darauf hinzuweisen, dass sie das vorher noch nie gestört hat. Manchmal hat sie solche Tage eben und er weiß, dass er die auch hat, also bleibt er still und zuckt nur mit der Schulter. Was soll er da jetzt auch groß sagen?

Sie beschließen den Rest des Tages gemütlich anzugehen. So kommt es, dass es sie direkt nach dem Mittagessen auf die Couch verschlägt, wo sie’s sich mit ein paar Decken gemütlich machen. Denn auch wenn sie in ihren Wintersachen gut eingepackt waren, ist man nach mehreren Stunden draußen gut durchgefroren und auch das Mittagessen hat sie nur bedingt aufgewärmt.

„Okay, welchen Film schauen wir?“
„Hmm, wie wär’s mit ,10 Things I Hate About You’?“
Dieser Vorschlag überrascht Jesse nicht im Geringsten. Das ist Casssies absoluter Lieblings Film. Wegen Heath Ledger. Natürlich nur wegen seiner herausragenden Schauspielerischen Leistung. Cassies Worte, nicht seine. Nur komisches das dieses Argument nicht bei Batman zieht.  Also schauen sie wieder einmal diesen Film, auch wenn Jesse - Cassie natürlich sowieso - mittlerweile jede Szene mitsprechen kann.

Etwa nach der Hälfte steht er auf und macht ihnen beiden eine heiße Schokolade.
„Danke mein Schatz“
„Bitte“, Jesse platziert einen Kuss direkt unter ihrem rechten Ohr. Sie lächelt und lehnt sich zurück in seine Arme. Er saugt den Duft ihres Shampoos ein, schließt einen Moment die Augen und genießt einfach den Moment. Dass Patrick gerade mit Kat erneut auf ein Date geht, interessiert ihn da herzlich wenig. Vierzig Minuten später läuft der Abspann über das Bild. Jesses Augen werden schwer und er gähnt, während er die Schultern seiner Freundin massiert. Cassie lacht leise und fragt ihn ob er in der Nacht zu wenig geschlafen hat. An wem das wohl gelegen ha?.
„Nein, ich bin hellwach“, er lacht heiser und massiert weiter.

Aber irgendwann muss er doch eingeschlafen sein. Ein rütteln an seiner Schulter weckt ihn, als es draußen schon dunkel ist. „Hey, na gut geschlafen?“
„Was?... “, er gähnt erst einmal herzhaft. Dann wird er langsam wieder wach.
„Oh Gott, bin ich eingeschlafen?“
Sie lacht. „Eventuell. Ich hätte dich ja schlafen lassen, aber ich wollte dir eben Bescheid geben.“
„Bescheid geben?“
„Es ist Freitagabend und  da wir ja nicht bei unseren Familien sind...“.
Logisch. Freitagabend ist Mädelsabend. Meistens gehen sie erst was Essen und dann auf die Piste. Das hat er total vergessen.
„Oh ja, sicher. Sorry, das hab’ ich total verpennt. Klar.“.
Er schaut sie an. Sie ist umgezogen und geschminkt. Sie will los.
„Ich kann auch da bleiben, wenn du das willst“.
Sie schaut ihn aus großen blauen Augen an.
„Nein, quatsch. Geh nur. Ich wollte sowieso noch lernen.“
Einen Moment scheint sie enttäuscht. Aber was auch immer er in ihren Augen gesehen hat, ist gleich wieder verschwunden. Sie nickt. „Okay. Bis morgen früh mein Schatz.“ Sie beugt sich vor und küsst ihn. Noch bevor er erwidern kann, ist sie fort. Der Geschmack ihrer Lippen auf seinen und der Duft ihres Parfüms ist das Einzige, das für den Moment bleibt.

Er brütet über seine Bücher und reibt sich die Augen als das klingeln eines Handys die Stille zerreist.

Zunächst sitzt Jesse nur still da, reagiert gar nicht.  Schlichtweg weil er nicht realisiert, dass es sein Handy ist, das da klingelt. Dann geht er ran. Die Nummer wird auf dem Display als ,Unbekannt‘ angezeigt.

„Hallo?“
Stille am anderen Ende der Leitung. Jesse wiederholt sich.
„Hallo?“
Noch immer keine Reaktion. Nur raschelndes Atmen ist zu hören,  aber er kann sich schon denken, wer da am Telefon ist. Deshalb fragt er:
„Xander?“
Der Atem wird durch den Hörer ruhiger. So ruhig, das Jesse für eine Sekunde fürchtet Xander habe aufgelegt.
„Jesse?“
Die Stimme ist ganz leise. Klingt rau und heiser.
Jesse versucht sich Xanders Stimme in jener Nacht im November ins Gedächtnis zu rufen.  Es ist die gleiche. Natürlich ist sie das. Nur so viel schwacher. Erschöpfter.
„Wo bist du?“
„Ich-…“
Er hört ganz deutlich wie schwer ihm das Atmen fällt. Fragt sich, ob der Jüngere überhaupt sagen kann, wo er sich befindet. Dann hört er ein Piepen in der Leitung. Das Signal, dass sie bald blockiert wird. Xander ruft also aus einer Telefonzelle an.Aber davon gibt es mehr als hunderte in New York. Er muss wissen, wo genau er sich befindet, sonst kann er ihm unmöglich helfen. Und das ist es doch, was er will. Hilfe. Sonst würde er Jesse ja nicht anrufen. Aber dem Studenten läuft die Zeit davon.

„Xander, wo steckst du?“
„Ich-…, in-…“
Die Stimme wird von einem merkwürdigen Zittern beherrscht. Jesse bekommt es mit der Angst zutun.Was ist wenn er eine Überdosis genommen, oder gestrecktes Zeug erwischt hat? Scheiße.
„Komm schon Xander!“, er hört das Piepen in der Leitung erneut. Verdammt, jetzt sind es vermutlich nur noch Sekunden.
„Ich muss wissen, wo du bist. Streng dich an!“
„9th Avenue… , höhe-… höhe 33igste“
Dann ertönt ein Klicken in der Leitung und das Gespräch ist weg.

Jesse denkt nicht wirklich darüber nach, er schnappt sich seine Jacke und die Autoschlüssel und schon ist er zur Tür hinaus. Er ist auf halben Weg die Treppe runter, als ihm sieden heiß einfällt, dass er Cassie eine Nachricht hinterlassen muss, falls sie vor ihm Zuhause sein sollte. „Fuck!“ Er flucht relativ selten, aber das hier ist ein begründeter Ausnahmefall. Also sprintet er die Treppe in höchst Tempo wieder hinauf. Dabei legt er sich auf den glatten Steinfliesen fast hin, aber eben nur fast. Auf einen Zettel kritzelt er, dass er bei Jorell ist und Cassie ihn auf dem Handy erreichen kann, wenn etwas sein sollte. Den legt er auf den dunklen Beistelltisch im Flur, direkt neben das Telefon und schon ist er wieder zur Tür hinaus. Er hastet die Treppe erneut hinunter, überspringt die letzten vier Stufen im glatten Lauf. Er weiß nicht, ob er es jemals zuvor so eilig gehabt hat, irgendwo hinzukommen. Schon an der nächsten Ampel trommelt er ungeduldig mit den Fingern auf dem Lenkrad und im Parkhaus hätte er fast einen der Pfeiler mitgenommen. Dieser dämliche Stadtverkehr macht ihn noch wahnsinnig.

Es vergeht mehr als eine halbe Stunde, bis er am genannten Ort ankommt und sicher noch einmal zehn Minuten bis er endlich einen Parkplatz gefunden hat, bei dem er nicht im Halteverbot steht. Der Schnee knirscht unter seinen Füßen und er kann die dünne Eisschicht darunter spüren, die den Bürgersteig überzieht.  Es ist am Abend noch kälter als am Morgen. Seinen Schal hat er glatt in der warmen Wohnung liegen lassen, aber er ist viel zu beschäftigt damit seine Umgebung abzusuchen, als das er sich darüber ärgern könnte.

Jesses warmer Atem hinterlässt kleine Wölkchen in der kalten Luft. Die Straßen sind noch nicht einmal so brechend voll, wie man es vielleicht von Manhattan zu dieser Tageszeit erwarten würde. Ja, die Szene könnte gar etwas idyllisches haben, wäre Jesse nicht so offensichtlich besorgt und in Eile. Der Gedanke an Xander macht Jesse schier verrückt und er kann diese verdammte Telefonzelle einfach nirgends erblicken. Was ist, wenn Xander gar nicht dort wartet? Wenn er irgendetwas schrecklich dummes tut? Verflucht, was macht Jesse dann?

In dem Moment erblickt er die Telefonzelle. Die ist allerdings leer. Gott, verdammt. Was nun? Wo kann Xander hingegangen sein? Wo soll Jesse suchen?

Dann sieht er ihn. Auf der anderen Straßenseite sitzt er zusammengekaut an einer Hauswand. Er hat ihn einen Moment lang einfach übersehen. Was niemanden verwundern würde, der Xander sehen könnte. Er hat sich unheimlich klein gemacht. Augenblicklich wird Jesse ruhiger. Gott sei Dank. Er kommt gar nicht dazu in Frage zu stellen, dass er Xander ohne zu zögern in dieser Millionenmetropole suchen gegangen wäre. Denn in ihm zieht sich alles geradezu schmerthaft zusammen, als er den  Schwarzhaarigen genauer betrachtet. Er trägt wieder nur sein altes, schwarzes T-Shirt. Ein T-Shirt! Bei minus 3°Grad Celsius Außentemperatur. Er sitzt vorne übegebeugt, die dünnen Arme um die Knie geschlungen, auf denen er seinen Kopf abgelegt hat. Er hat Jesse noch nicht bemerkt. Und ihn scheint auch niemand zu bemerken, wie Jesse bewusst wird.

Xander sieht auch nicht auf, als Jesse die Straße überquert, was bei dem Verkehr ein geradezu lebensmüdes Unterfangen ist. Desto nähe Jesse Xander kommt, desto elender wird ihm zu Mute. Sein Körper zittert und bebt unaufhörlich. Der linke Arm ist grün und blau verfärbt. Jesse schluckt hart, dann kommt er direkt vor ihm zum Stehen. Sofort spannt sich der zusammengekrümmte Körper an, es macht das Elend nicht weniger offensichtlich. Xander hat ihn bemerkt.

„Xander?“, seine Stimme ist leise und bedächtig. Er geht in die Knie. Xander reagiert sofort. Er hebt den Kopf. Sieht Jesse aus ausdruckslos, glasigen Augen an.

„Kannst du aufstehen?“
Xander nickt und schüttelt gleich darauf den Kopf. Jesse kann sich nur zu Gut daran erinnern, wie er das letzte Mal auf seine Berührungen reagiert hat und sieht davon ab, ihm aufhelfen zu wollen. Auch, wenn er das beängstigend starke Bedürfnis dazu hat. Es ist wie ein Ruck, der durch Xanders Körper geht und dann steht er schwankend auf seinen Beinen.

Für einige Sekunden schauen sie einander einfach nur still in die Augen. Wieder ist es Jesse, der das Reden übernimmt, Xander scheint es nicht zu stören.
„Wir sollten erstmal ins warme, okay?“
„Okay…“, murmelt Xander nur. Aber Jesse wertet es einfach als ein gutes Zeichen.
Es überrascht ihn ohnehin, dass Xander ihn ohne Proteste folgt. Und das tut er. Er stellt nicht einmal in Frage wohin sie gehen. Nach gut fünf Minuten wird Jesse bewusst wie sehr Xander eigentlich frieren muss. Er bleibt abrupt stehen und Xander läuft glatt in ihn hinein.
„Sorry.“
„Nicht deine Schuld“, Jesse kommt sich selbst richtig dämlich vor. Wieso bleibt er auch einfach ohne Ankündigung stehen? Als er den Reißverschluss seiner Jacke öffnet, schenkt ihm Xander nur einen sehr skeptischen Blick. Das Jesse ihm die Jacke dann auch noch entgegen hält, bringt ihn wohl völlig aus dem Konzept.
„W- Was wird das?“
„Ich dachte, ich schau mal wie lange ich meinen Arm so halten kann, ohne das es schwer wird. Wonach sieht’s denn aus?“
„Bist du wahnsinnig, es ist eiskalt.“
„Eben und meine Lippen sind nicht vor Kälte ganz blau. Und jetzt nimm diese dämliche Jacke“, mit diesen Worten drückt Jesse Xander die Jacke in die Hand und duldet keinen weiteren Widerstand. Überraschenderweise gibt Xander den Protest auch direkt auf. Vielleicht ist sein Blick sogar ein klein wenig erleichtert, als er die viel zu große Jacke überzieht. Aber falls das der Fall sein sollte, ist Jesse sich ziemlich sicher, dass er es nicht zugeben wird.  

Stattdessen folgt er Jesse einfach weiter, der sich wieder in Bewegung gesetzt hat. Das nächste Mal halten sie erst, als sie sich in der hintersten Ecke eines kleinen Cafés niederlasse. Jesse war noch nie zuvor hier, aber es sieht eigentlich ganz gemütlich aus, vielleicht etwas alt. Aber das stört ihn nicht weiter und das kleine Café erfüllt seinen Zweck, denn es ist angenehm warm. Zunächst bleibt es noch still an ihrem Tisch, doch Jesse hat bereits festgestellt, dass er jetzt wo er Xander gefunden hat, merklich ruhiger ist. Er hat nichts dagegen sich ein Wenig Zeit zu lassen.  Xander hingegen wirkt eher unruhig. Immer wieder blickt er nach links und rechts. Desto länger die beiden jedoch sitzen, desto ruhiger wird er. Jesse kann geradezu beobachten wie Xanders Muskulatur sich entspannt und er langsam ein gewisses Vertrauen zu diesem Ort fasst. Mit diesen Vertrauen ist es allerdings nicht soweit her, wie Jesse nur einen Augenblick später feststellen muss.

Denn als eine Bedienung mittleren Alters an den Tisch kommt, spannt sich Xanders Körper augenblicklich wieder an. Er hat die Hände zu Fäusten geballt und Jesse kann es nicht beschwören, aber er meint, dass Xander sogar den Atem anhält. Dann ist der Moment vorüber. Denn Jesse hat einfach kurzerhand für sie beide einen Tee bestellt – den wenig unauffällig musterneden Blick der guten Frau hat er gekonnt ignoriert - und die Bedienung ist bereits dabei, am nächsten Tisch die Bestellung aufzunehmen.
„Tee ist okay, oder?“, Jesse kennt eigentlich niemanden der keinen Tee trinkt, aber man weiß ja nie.
Xander zuckt nur mit den Schultern.
An ihrem Tisch bleibt es still, bis die Bedienung wiederkommt und die Teetassen abstellt. Jesse bezahlt auch gleich. Das Gespräch sucht er erst, als die Bedienung wieder verschwunden ist und Xander sich zumindest ein wenig aufgewärmt hat.

„Du hast angerufen“, er beginnt ihr Gespräch mit einer Feststellung.
Xander beißt sich auf die Lippe und Jesse fragt sich unweigerlich, ob er das immer macht, wenn er nervös wird. Er nimmt einen schluck Tee und wartet Xanders Antwort ab.
„Ich hab‘ nicht damit gerechnet, dass du wirklich kommst.“
Es ist nicht mehr als ein verhaltenes Murmeln. Bei Gott, wie verzweifelt muss sein Mensch sein, wenn er Chancen ergreift an die er selbst nicht zu glauben vermag. Jesse unterdrückt es, den Klos in seinem Hals herunterzuschlucken. Stattdessen fragt er: „Warum warst du überzeugt das ich nicht kommen würde?“
„Wir kennen und doch überhaupt nicht…“,
„Naja. Man kennt die meisten Menschen erstmal nicht. Dann lernt man sie eben kennen.“
„Du verstehst das nicht. Keine Ahnung in was für einer Welt du lebst ... , aber in meiner läuft das nicht so.“.
„Das ist schade. Ich glaube nicht das irgendjemand in ,deiner Welt‘ genug Freunde hat um so zu denken.“
Xander schnaubt und schüttelt nur den Kopf. Jesse merkt, dass er so nicht weiter kommt.

Er betrachtet Xander noch einmal ausgiebig. Versucht sich das Bild ihrer ketzten Begegnung in Erinnerung zu rufen. Xander hat sich bereits in diesen vier Wochen verändert. Die Schatten unter seinen Augen sind noch dunkler. Seine hellbraunen Augen wirken ausdruckslos und abgestumpft.  Die Haut ist blass und fahl, wirkt einfach krank. Er weiß nicht ob Xander bereits bei ihrer letzten Begegnung so ausgezerrt war – aber jetzt bei ganz anderen Lichtverhältnissen – wird es ihm deutlich bewusst. Da ist noch etwas anderes, dass ihm ganz bewusst ins Auge sticht. Das schmale, rote Plastikarmband an Xanders linkem Handgelenk. Er ist also mit einer Intoxikation im Krankenhaus gelandet.

„Darf ich dich etwas fragen, Xander?“
„Kommt ganz darauf an was, schätze ich...“
„Warum warst du im Krankenhaus?“
Er fragt sich, ob Xander ihm wohl ehrlich antworten wird.
Der Jüngere richtet seinen Blick auf die Tischplatte, er sieht gequält aus und schließt einen Moment die Augen.

„Weil ich es nicht einmal fertig bringe der Scheiße endgültig ein Ende zu setzen.“, Xander flüstert fast und dann schüttelt er erneut den Kopf. „Vergiss es einfach, ist eine ziemlich lange Geschichte...“.

Es tut Jesse wirklich weh ihn so reden zu hören. Bisher hat er nie gewusst, wie sehr einen Worte treffen können, die gar nicht gegen einen gerichtet sind. Xander so reden zu hören tut jedenfalls weh.

„Weißt du, ich hab‘ Zeit- “, er will Xander zeigen das er sich ihm anvertrauen kann, als er abrupt in seiner Rede stoppt, denn Xander hebt ruckartig den Kopf und sieht ihm an. Plötzlich wirkt er regelrecht aggressiv.
„Was soll das eigentlich?“
„Bitte, was?“
„Du studierst Medizin. Du kennst dich wahrscheinlich bestens mit den Farben von Patientenarmbändern aus. Deshalb hast du mich doch überhaupt erst darauf angesprochen, oder nicht?. Du weißt also genau warum ich im Krankenhaus war. Was soll die dämliche Fragerei überhaupt noch...“.

Er kann das misstrauern in Xanders Augen deutlich sehen und noch ehe er reagieren kann, schiebt Xander den Stuhl zurück und verlässt das Café im Laufschritt. Verdammt, das war dämlich. Jesse kommt sich wie ein Idiot vor, aber natürlich läuft er hinterher. Er muss feststellen das Xander verdammt schnell ist. Er holt ihn erst an der nächste Ecke wieder ein und bekommt ihm am Arm zu fassen. Xander reißt sich sofort wieder los.

„Verdammt nochmal. Du hast mich angerufen, nicht andersherum. Also hau gefälligst nicht schon wieder ab.“
„Vielen Dank, dass du mich daran erinnerst das es eine völlig behinderte Idee war. Ich weiß auch nicht warum ich so blöd war, okay? Also lass mich einfach in Ruhe!“
„Das kann ich aber nicht!“
„Es ist nicht dein Problem“
„Du hast es zu meinem Problem gemacht, als du in den scheiß Supermarkt eingestiegen bist!“

Xander ist völlig außer Atem und absolut aufgewühlt. Er zittert unkontrolliert und weicht vor Jesse zurück. Dabei hat der sicher nicht vor, ihm irgendetwas zu tun. Der Ältere kann förmlich sehen, wie sich ein Klos in Xanders Hals bildet. Er schluckt hart und setzt an: „ Mach-…“, doch seine Stimme bricht direkt weg. Er taumelt rückwärts und lässt sich einfach gegen die Hauswand sinken. Das erinnert Jesse an die Haltung, die er hatte, als er ihn gefunden hat. Er fragt sich, wie oft Xander so an dreckigen, kalten Wänden gelehnt dasitzt. Dann lässt er sich einfach neben ihn fallen. Xander rückt ein Stück von ihm ab, aber Jesse sagt nichts dazu. Stattdessen fragt er:„Mach was?“.

Xander hat die Knie angezogen, die Elbogen darauf gestützt und drückt das Gesicht in die Hände. Er blickt nicht auf, als er sagt:„Mach einfach gar nichts.“

„Wenn du nicht wollen würdest, dass ich irgendetwas tue, dann hättest du nicht angerufen*“
„Ich habe doch schon gesagt, dass ich nicht weiß weshalb ich angerufen habe.“
„Aber ich weiß es.“
„Ach ja? Weißt du immer alles besser?´“, es klingt trotzig.
„Nein, obwohl ich mir wohl oft einbilde es besser zu wissen.“
Xander lacht trocken auf.
„Steh wieder auf. Du verschwendest nur deine Zeit und fängst dir im besten Fall ‘ne Grippe ein.“
„Weiß du, wenn du dir noch keine Grippe eingefangen hast, obwohl du hier im T-Shirt rumrennst, dann werde ich mir vom auf dem Boden sitzen sicher nicht den Tod holen. Außerdem bin ich hier der Arzt, aber Danke für deine Fürsorge.“
„Du bist noch im Studium, also bist du kein Arzt. Du bist nicht mal Assistenzarzt.Du bist im besten Fall unbezahlter Praktikant“, eine Sekunde lang hat Xanders Stimme etwas provokantes, aber es verliert sich inmitten des Satzes. Als sei er es leid andere zu provozieren. Oder aber als habe er keine Kraft mehr. Jesse muss unweigerlich lachen.
„Trotzdem habe ich recht. Du weißt es…“
„Vielleicht“
Xander scheint nicht wirklich überzeugt. Es klingt fast verächtlich.
„Du hast es selber schon gesagt. Du hast es nicht geschafft dir ‘nen goldenen Schuss zu setzten. Wenn du ehrlich bist, wolltet du’s auch gar nicht. Eigentlich willst du nur das dir jemand hilft dir selbst zu helfen.“
Xander schnaubt, doch dann sagt er:
„Sie ist tot.“
Einen Moment weiß Jesse nicht von wem Xander spricht. Dann denkt er jedoch an ihre erste Begegnung zurück. Xander war damals nicht alleine. Ein Mädchen war bei ihm. Seine Freundin?
„Deine Freundin…“
„Hmmm“, kommt es nur unbestimmt zurück.
„Angel.“
„Angel?“
„So hieß sie.“
„Oh.War sie…- also war sie deine feste Freundin?“
Xander lacht trocken und es klingt, als kämpfe er mit den Tränen.
„Nein, sie war meine einzige Freundin.“
Jesse kann Xanders Trauer in der Luft greifen. Es ist hart jemanden so trostlos reden zu hören.
„Woran ist sie gestorben? Eine Überdosis. Sie war auch abhängig, oder?“
Xander antwortet nicht, aber er vergräbt das Gesicht wieder in den Händen.
„Du willst nicht sterben.“
Es ist eine simple Feststellung.

„Ach, fantastisch kombiniert Sherlock. Aber soll ich dir was verraten? Das alles ändert nichts daran. Wir sterben. Alle. So oder so. Früher oder später und in meinem Fall eben früher!“
„Mag sein.“
Jesse lässt sich davon weder provozieren noch aus der Ruhe bringen. Er hört Xanders Verzweiflung deutlich aus diesen Worten heraus und vielleicht sollte ihm mal jemand gehörig die Meinung sagen. Soviel Selbstmitleid tut sicher niemanden gut. Doch Jesse weiß auch, dass es sich hier um einen stummen Hilfeschrei handelt und er wird ihn nicht ignorieren. Er weiß nicht wie viele Leute vorher diesen Hilfe Schrei ignoriert haben, aber er wird es mit Sicherheit nicht tun.
„Aber die einen geben auch früher auf, als die anderen. Wir haben unser Leben selbst in der Hand, weißt du. Nur manchmal muss man dafür eben kämpfen.“

„Vielleicht habe ich genug davon zu Kämpfen. Vielleicht habe ich auch vergessen wie das geht, okay? Vielleicht hat es aber auch einfach keinen Sinn mehr.“
„Wenn du glauben würdest, dass es keinen Sinn mehr hat, dann hättest du dich nicht bei mir gemeldet.“

Die nächsten zwei Stunden sind nass, kalt und anstrengend. Ständig kommen sie an einem Punkt an, bei dem Jesse fürchten muss, dass Xander jeden Moment das Gespräch abbricht und einfach wieder verschwindet. Sie gehen Option um Option durch. Was zugegeben nicht besonders viele sind. Natürlich ist Xander nicht kranken versichert und außerdem steht er – besonders nach seinem letzten, absolut selbstverschuldeten, Besuch  - mit Krankenhäusern wohl auf Kriegsfuß. Das Problem ist, dass niemand die Kosten für einen Stationären Entzug übernehmen würde. Das sind keine Notfallbehandlungsmaßnahmen. Obgleich das für Jesse sehr wohl ein Notfall ist. Aber er muss andauernd feststellen das Amerikas Gesundheitswesen nicht so ausgebaut ist, wie es das sein könnte. Vielleicht ändert sich das mit Barrack Obamas Amtsübernahme im Januar ja, Jesse kann es nur hoffen. Jedenfalls kommen sie zu dem Ergebnis, dass eigentlich nur ein kalter Entzug bleibt. Auf der Straße ist das aber natürlich nicht möglich. Jesse verspricht Xander das sie das irgendwie hinbekommen, wenn es Xander wirklich damit ernst ist. Dann muss Xander los, weil er, wie er sagt, noch etwas zu erledigen hat. Jesse kann sich schon denken was. Bei dem Gedanken dreht sich ihm der Magen um. Nur kann er nichts daran ändern und deshalb bleibt ihm nichts anderes übrig, als Xander gehen zu lassen. Allerdings machen sie ab sich in zwei Tagen, also am 28. Dezember wieder zu treffen. Gleicher Ort. Gleiche Zeit. Jesse verspricht Xander bis Montag eine Lösung gefunden zu haben, wenn es Xander Ernst ist und er auftaucht. Die Wahrheit ist, er hat keine Ahnung ob er in den nächsten 48 Stunden eine geeignete Lösung finden wird. Er will sich dafür aber auch auf keinen Fall mehr Zeit einräumen. Er hat nicht mehr Zeit. Xander hat vermutlich nicht viel mehr Zeit. Mit diesem Versprechen trennen sich ihre Wege also wiedereinmal.


Jesse steht vor der Haustür und kramt nach seinem Schlüssel als die Tür von innen geöffnet wird. Ein wenig verblüfft betritt er die Wohnung.
„Hey mein Schatz, du bist ja schon wieder da.“
Cassie lächelt und erklärt das sie ihm etwas erzählen will. Sie sagt auch, dass sie versucht hat ihn auf seinem Handy zu erreichen, aber er ist nicht  rangegangen. Zu Jesses Überraschung scheint sie deswegen aber keineswegs sauer oder aufgeregt und vielleicht hat er deshalb so ein schlechtes gewissen als er sie diesbezüglich dennoch anlügt.  Er sagt ihr, Jorell und er wären einfach so ins Gespräch vertieft gewesen und deshalb hätte er das wohl einfach nicht bemerkt. Tatsächlich fragt Cassie welches Thema denn so spannend gewesen ist und Jesse schiebt einfach Marie vor. Die junge Frau die es Jorell offensichtlich angetan hat. Cassie muss lachen als sie das hört. Sie kennt  Marie vom Campus und erklärt das die junge Mexikanerin nicht nur traditionsbewusst und temperamentvoll ist sondern vor allem eine deutliche Abneigung gegen Machos und überhaupt Männern mit vielen Frauengeschichten hat. Letzteres muss sich Jorell ja wohl oder übel ankreiden und Jesse wird gerade klar, dass sein bester Freund wohl eine harte Nuss zu knacken hat, wenn sie ihm denn wirklich so wichtig ist, wie er in ihrem letzten Gespräch angedeutet hat. Wenn er Jo das nächste mal sieht muss er ihn unbedingt darauf ansprechen.

Dann ist Jesse an der Reihe mit Fragen stellen:
„Und was hast du mir zu erzählen? Ich meine, wenn du an eurem Mädelsabend um kurz vor Elf schon wieder Zuhause bist muss es unheimlich wichtig sein.“
„Das ist es. Und ich warte übrigens schon seit mehr als einer halben Stunde das du nach Hause kommst. Es geht um das Geschenk das mir die Mädchen zu Weihnachten gemacht haben…“.

Eine Wellness Urlaub. Genau eine Woche. Über Silvester. Vom 28. Dezember bis zum 3. Januar. Einen Moment ist Jesse völlig vor den Kopf gestoßen. Cassie meint das sie und die vier Mädchen schon öfter darüber gesprochen hätten und das der Urlaub jetzt mehr eine spontane Idee und eine Last-Minute Buchung war. Alisson hätte ein wenig im Internet gesurft und das Angebot entdeckt und Brittany, Alicia und Vivyan seien ebenso begeistert gewesen wie Cassie. So ein Kurztrip wäre doch ein cooler Urlaub und ein klasse Weihnachtsgeschenk für die gesamte Clique. Jesse fühlt sich mehr als nur ein wenig vor den Kopf gestoßen. Er hatte damit gerechnet Silvester mit seiner Verlobten zu verbringen und die erzählt ihm gerade das sie mit ihren Freundinnen in den Urlaub fahren will. Fahren wird. Denn letztendlich haben sie ja schon gebucht und sie stellt ihn vor vollendetet Tatsachen.

Cassie muss wohl merken wie das Jesse aus der Bahn wirft, denn sie merkt gleich an: „Also ich muss nicht fahren. Ehrlich nicht. Ich wollte dich nicht vor vollendete Tatsachen stellen.Die Mädchen werden schon noch jemanden finden, der mitfährt.“ Dabei hat ihre Stimme einen ganz anderen Ton angeschlagen. Er kann ihn nicht deuten. Natürlich wird Jesse ihr nicht sagen, dass sie Daheim bleiben soll. Er weiß das Alisson auch einen Freund hat – der wohl offensichtlich nichts dagegen hat, dass seine Freundin einfach mal kurzfristig ohne ihn verreist – und er wird den Teufel tun jetzt den eifersüchtigen Verlobten raushängen zu lassen. Obwohl es ihn trifft.  Das sagt er ihr auch. Natürlich nicht in dem Wortlaut. Nur, dass sie sicher fahren wird, wenn sie das möchte und sie ja die nächsten Jahre noch eine menge Gelegenheiten haben werden, Silvester gemeinsam zu verbringen. Für einen Moment scheint es, als sei das nicht die Antwort die Cassie hat hören wollen, doch dann schenkt sie ihm ein strahlendes Lächeln. Aus dem strahlenden Lächeln wird eine stürmische Umarmung und aus der stürmischen Umarmung ein noch stürmischer Kuss. Sie verlegen das ganze vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer.


Es ist drei Uhr Morgens als Jesse sich von einer Seite zur anderen dreht. Er kann nicht schlafen. Zu viele Dinge halten ihn wach. Die Entscheidung was mit dem alten Laden seines Onkels passieren soll, die längst überfällig ist. Die Beziehung zu Cassie in der seit ein paar Monaten irgendwie alles anders ist. Obwohl er nicht den Finger darauf legen kann, was sich verändert hat. Der bescheuerte Wellness Urlaub hält ihn wach, weil er irgendwie nicht damit klar kommt, dass seine Freundin einfach sieben Tage ohne ihn wegfährt. Ohne mit der Wimper zu zucken. Ohne zu überlegen. Zu guter letzt ist da noch Xander und vielleicht ist er es, der Jesse am meisten den Schlaf raubt. Er versucht verbissen eine Lösung zu finden und er weiß immer noch nicht was das zwischen ihnen ist. Sie sind keine Freunde aber Bekannte ist nicht das richtige Wort. Sie sind keine Vertrauten, denn zwischen ihnen herrsch nicht wirklich vertrauen. Er ist sich nicht einmal sicher ob Xander überhaupt jemanden richtig vertrauen kann.

Dann, mitten in seinem Versuch einzuordnen was Xander und er jetzt eigentlich sind, kommt ihm die Idee. Die Lösung. Zumindest ein erster Ansatz.. Wenn Cassie einfach ein paar Tage wegfährt, dann kann er das auch. Seine Eltern haben eine Ferienhütte in Wisconsin County. Dort fahren sie oft im Sommer hin, oder wenn sie spontan einen Urlaub brauchen. Über Silvester werden sie ganz sicher nicht dort sein. Zum Einen muss Lilly am 02. Januar wieder zur Schule. Zum Anderen hat sie zu Weihnachten einen Hund bekommen. Der Welpe kann noch keine lange Autofahrt mitmachen und alleine können sie ihn ja auch nicht Zuhause lassen. Das Haus steht in dieser Woche also leer.

Es ist somit der perfekte Ort für einen kalten Entzug. Etwas abgelegen, was Xander vielleicht davon abhalten würde einfach so abzuhauen und es ist weitaus ungestörter als eine kleine Wohnung in der Großstadt. Denn auch wenn man immer glaubt, dass man sich hier nicht untereinander kennt, so können Nachbarn doch ziemlich lästig sein. Die Schlüssel zum Haus hat Jesse in der Kommode im Wohnzimmer. Seine Mutter hat  sie ihm Thanksgiving zugesteckt und gesagt das Jesse ja mal ein Wochenende mit Cassie dort verbringen könnte, wenn sie beide ein weinig Auszeit vom Unialltag bräuchten. Das ist jetzt vielleicht nicht der Zweck den sich seine Mum vorgestellt hat, es ist aber auf jeden Fall ziemlich praktisch.

Jesse ist mit einem mal ziemlich erleichtert. Das ist endlich ein Schritt in die richtige Richtung. Natürlich ist der kalte Entzug noch lange nicht alles. Deshalb wird es Xander nicht von heute auf morgen besser gehen. Aber es ist sowas wie eine Grundvoraussetzung, dass Xander körperlich clean ist. Wenn das geschafft ist, werden sie die nächsten Punkte in Angriff nehmen. Xander muss auf jeden Fall von der Straße runter. Am besten in eines der betreuten Wohnprojekte. Und er braucht eine Suchttherapie und vor allem eine Krankenversicherung. Aber darum werden sie sich kümmern, wenn der serte Schritt getan ist.

Jesse dreht sich auf die Seite. Atmet einmal befreit durch und zieht seine Verlobte in seine Arme. Cassie murrt leise, schläft aber weiter. Jesse vergräbt sein Gesicht in ihren dunklen Locken und driftet langsam in den Schlaf. Einen Augenblick, kurz bevor der Schlaf die Überhand gewinnt, kommt ihm der Gedanke, dass alles nur dann funktioniert, falls sie den ersten Schritt machen. Falls Xander Montag wirklich auftaucht. Doch dann ist er schon eingeschlafen.

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