Kapitel 9

"Setz dich mal auf den Koffer", sagt Cole. Ich tue, was er sagt und er schließt meinen voll gestopften Koffer endlich. Er ist so voll gestopft, dass ich ihn alleine nicht zu bekommen habe. Ich stehe endlich vom Koffer auf und stelle ihn hin. "Fertig?", fragt meine Mutter, die gerade im Türrahmen erschienen ist. "Ja klar", sage ich teils zerknirscht und teils freudig. Ich freue mich einerseits darauf, das Experiment zu machen und andererseits habe ich auch Angst. Ich habe Angst meine Familie und alle die an mich geglaubt haben zu enttäuschen, falls ich versage. Wenn ich aber nicht versage und unter die besten Zehn komme, werde ich meine Familie nie wieder sehen. Ich bin mir nicht sicher, was schlimmer ist, aber wenigstens wird Karina die ganze Zeit an meiner Seite sein.

"Gut, dann kommt mit runter. Dad holt gleich den Koffer", sagt Mom. Sie scheint genau so wie ich ziemlich gemischte Gefühle zu haben. Cole zieht mich ohne, dass ich protestieren kann, mit sich. Nach dem wir vor zwei Tagen im Konferenzraum waren, musste keiner der Teilnehmer zur Schule. So habe ich meine Letzte Chance verpasst Jace wieder zu sehen. Dafür hat aber Karina bei mir geschlafen und wir haben zusammen einen Filmabend gemacht. Schließlich weiß man nie, wann wir wieder Zeit dazu haben. Es war schön und ich bin endlich dieses unangenehme Gefühl los geworden, was ich schon haben, seit dem wir den Brief bekommen haben. Ob es Karina auch so geht?

Ich überspringe die letzten beiden Treppenstufen und renne zur Garderobe. Dort angekommen ziehe ich mir eine dünne Jeansjacke an. Das Wetter hat schon wieder umgeschlagen und nun ist es fast fünf und zwanzig Grad heiß. Bevor ich nach draußen zu unserem Auto gehe, betrachte ich mich ein letztes Mal im Spiegel, der im Flur hängt. Ich habe meine gewellten dunkelbraunen zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden und trage ein helles Top. So kann ich mich sehen lassen. Ich streiche mir eine Haarsträhne aus den Augen. "Kommst du?", fragt Cole. Ich nicke langsam und wende dann den Blick von meinem Spiegelbild ab.

Ich öffne die Autotür und steige ein. Heute ist es soweit. Heute beginnt das Experiment. Es ist noch sehr früh und doch noch etwas kälter als gedacht. Der Wind wirbelt meine Haare herum und ich ziehe meinen Jacke etwas fester um mich. Tja, das Wetter ändert sich eben immer schnell und morgens ist es generell immer kälter. Hinter mir höre ich das Schnaufen meines Vaters. Ich drehe mich zu ihm um und sehe wie er meinen Koffer die Treppe hinab hievt. Ich muss zugeben, dass ich mehr eingepackt habe als nötig, aber ich wollte einfach alles mitnehmen, was mir persönlich sehr am Herzen liegt und das war eben ziemlich viel.

Ich eile zu meinem Vater und helfe ihm. Als wir den Koffer endlich verstaut haben, steigen wir alle ins Auto. Die Sonne spiegelt sich auf der silbernen Außenhülle. Ich schnalle mich an und werfe einen letzten Blick auf unser Haus. Ich schaue auf unsere Veranda aus dunklem Eichenholz und das Dach, gedeckt mit dunklen Ziegeln. Hier bin ich groß geworden und ich hätte nie gedacht, dass ich meine Heimat bereits im Alter von 16 Jahren verlasse.

Dad startet den Motor und ich stecke meine Kopfhörer in die Ohren. Dann wähle ich mein Lieblingslied aus. "I came home in the morning and everything was gone. Oh, what have I done. I dropped dead in the hallway. Cursing the dawn. Oh, come on son. Why must I burn? I'm just trying to learn", singt der Liedsänger. Ich liebe dieses Lied einfach. Es ist ein Teil meiner Lieblingsserie und dieser Song hat mir immer ein Stück Heimat geboten. Als mein Vater die Einfahrt verlässt, nehme ich die Hand meines Bruders. Er lächelt mich freundlich an und ich erwidere diese Geste.

Nach zwanzig weiteren Minuten parkt Dad das Auto auf einem viel zu eng scheinenden Parkplatz. Als ich die Tür öffne, muss ich echt aufpassen, dass ich mit der Autotür keine Kratzer in eines der anderen Autos mache. Als wir alle ausgestiegen sind und den Koffer aus dem Kofferraum geholt haben, nehme ich ihn und gehe mit den anderen zum Bahngleis. Auf der Konferenz wurde uns von Mr Graham erklärt, dass wir uns an Gleis 47 einfinden sollen. Dort steht dann ein Zug für alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen bereit.

Auf Gleis 47 angekommen entdecke ich sofort den Zug. Er ist rot-weiß bemalt und hat große Fenster und Türen. Auf dem Bahnhof höre ich die üblichen Durchsagen:"Sehr geehrte Fahrgäste! Bitte halten sie Abstand von der Bahnsteigkante und betreten sie den gekennzeichneten Bereich erst nach Halt des Zuges!" Mir steigt ein starker Zigarettengeruch in die Nase. Ein Mann hinter mir scheint die Quelle zu sein. Er trägt eine schwarze Lederjacke und hat schwarze gegellte Haare. Als er meinen Blick bemerkt, zwinkert er mir grinsend zu. Ich drehe mich schnell wieder weg.

Plötzlich steht jemand hinter mir und hält mir die Augen zu. Ich erschrecke mich erst und beginne dann zu grinsen. Grinsend lege ich meine Hände an die der Person hinter mir und sage:"Karina? Bist du es?" Sie nimmt die Hände von meinen Augen und legt ihren Kopf auf meine Schulter. "Klar, wer denn sonst?", fragt sie glücklich. Ich bin froh sie zu sehen, da ich auch nicht besonders große Lust hatte, durch den Zug zu rennen und sie zu suchen.

Auf einmal öffnen sich die Zugtüren und ein Mann in roter Kluft kommt heraus. Wir wenden uns dem Mann zu. Er ergreift das Wort:"Alle Jugendlichen, die am Experiment Alpha teilnehmen, bitte zu mir. Wir fahren gleich los!" Ich werfe Karina einen Blick zu. Sie erwidert ihn wortlos und zuckt mit den Schultern. Sie scheint genau wie ich noch nicht ganz bereit für diesen Schritt zu sein. Ich drehe mich zu meiner Familie um. Tränen treten mir in die Augen. Ich schaue zu Cole. Er lächelt mich aufmunternd an und im nächsten Moment schließt er seine Arme fest um mich. In diesem Moment spüre ich, dass er mich, egal wie oft wir streiten, liebt und nicht besonders froh ist, dass ich jetzt gehe. Es zerbricht mir das Herz mich nun endgültig verabschieden zu müssen. Als er sich nach einer gefühlten Ewigkeit von mir löst, stürzen sich meine Eltern auf mich und erdrücken mich regelrecht. Mir rollen Tränen die Wangen hinunter. Ist das das letzte Mal, dass wir uns sehen? Ist das das letzte Mal, dass wir uns im Arm halten können? Ich sehe aus dem Augenwinkel, dass auch Karina sich den Abschiedsumarmungen der Eltern stellen muss. Befreien kann ich mich nicht so schnell, aber irgendwann schaffe ich es dann doch. Der Schaffner pfeift, was wohl eine Aufforderung zum Einsteigen sein soll. Karina und ich nehmen unsere Koffer in die Hand und winken unseren Familien zum letzten Mal zu. Dann steigen wir Hand in Hand in den Zug ein.

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