Kapitel Drei

Kapitel Drei

 

Das Wochenende darauf war das Schlimmste seit langem. Ich tat nichts anderes als auf der Couch zu liegen und in Selbstmitleid zu baden, während ich mich dumpf von den geistlosen Nachmittagssendungen quälen ließ.

Hatte Sarah Recht, was Alex und mich betraf? Waren wir ebenfalls so jämmerliche Gestalten wie die, die sich gerade auf meiner Mattscheibe anbrüllten? Der eine konnte sich nicht von einer Beziehung lösen, die von Anfang an zum Scheiten verurteilt gewesen ist, während die andere ewig einem Ideal hinter rannte, das wohl nur in ihrer Fantasie existierte.

Was sollte ich tun? Sollte ich mich laut dem Motto „Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“ mit dem begnügen, was mir gegeben war? War ich schlicht und ergreifend undankbar? Das wollte ich nicht glauben. Da draußen musste es mehr geben. Jemanden, der auf mich wartete. Doch was, wenn nicht? Wenn ich jetzt nicht zu warten aufhörte, würde ich es vielleicht niemals tun und einsam zugrunde gehen. Warum erschein es mir fast schlimmer, mich mit einem Plan B abzufinden? Wieso sonderte ich mich mit meinen Wünschen nur so von allen Menschen ab, die ich kannte?

Ich fluchte, als das schrille Türklingeln mein Selbstmitleid durchbrach.

„Niemand zu hause.“, murmelte ich, drehte mich entschieden auf den Rücken und starrte zu der trostlosen Raufasertapete empor. Der ungebetene Besuch würde schon wieder verschwinden, wenn der Türsummer nicht betätigt wurde.

Gerade als ich wieder in mein Gedankenkarussell einsteigen wollte, klopfte es an meiner Wohnungstür. Ich stieß einen wüsten Fluch aus und stand auf.

Als ich mit wildem Blick die Tür öffnete, unfrisiert und ungeschminkt, brach Alex in lautes Gelächter aus.

„Welcher meiner bescheuerten Nachbarn lässt einfach Leute ins Haus?“, fuhr ich ihn an.

„Das war die nette alte Frau Stein. Und ich musste ihr lang und breit erklären, wer ich bin, in was für einer Beziehung ich zu dir stehe und warum ich jetzt hier bin. Von einfach kann also gar keine Rede sein.“, erwiderte er vergnügt.

„Findest du das auch noch lustig?“, fauchte ich. „Wenn jemand einen die Tür nicht öffnet, bedeutet das in der Regel, dass er allein sein will.“

Alex hob eine Braue. „Es bedeutet in der Regel auch, dass er in Selbstmitleid ertrinkt.“ I

ch wollte ihm die Tür vor der Nase zuschlagen, doch er erahnte die Reaktion und hatte seinen Fuß sofort dazwischen. „Autsch.“

Ich stampfte mit dem Fuß auf den Boden wie ein wütendes Kleinkind. „Alex, ich will alleine sein!“

„Tu einfach so als wäre ich nicht da.“ Damit schob er mich einfach beiseite und trat in die Wohnung.

Ich warf die Tür so fest ins Schloss, dass von unten jemand verärgert mit dem Besenstiel gegen die Decke klopfte. Ich ignorierte es geflissentlich und knurrte Alex an: „Erwarte aber nicht, dass ich dir Kaffee und Kuchen serviere.“

„Keine Sorge. Wenn ich Lust auf Kuchen hätte, wäre ich wohl nicht zu dir gekommen.“, erwiderte er dreist und verschwand in meiner Küche. „Hattest du nicht mal dieses Instant-Kaffee-Zeugs?“

„Sieh doch selbst nach!“, schnappte ich und begab mich auf kürzestem Weg zurück auf die Couch. Bald schon hörte ich das Klappen von Tassen und das Blubbern meines Wasserkochers.

Als ich den Geruch von frischem Kaffee einatmete, fiel es mir schwer, noch länger wütend auf ihn zu sein.

„Hast du über Nacht einen schweren psychischen Schock erlitten oder gehen dir Sarahs dumme Worte tatsächlich derart an die Nieren, dass du kaum wieder zu erkennen bist?“, fragte Alex als er den Raum betrat und reichte mir eine Tasse Kaffee, ehe er sich neben mir niederließ.

„Es waren keine dummen Worte. Sie hat höchstwahrscheinlich auch noch Recht.“, stöhnte ich. Das Bedürfnis, mit einem anderen Menschen über meine Ängste zu reden war inzwischen überdimensional. „Alex, vielleicht ist alles, was ich will bloß Schall und Rauch. Vielleicht suche ich nur immer wieder eine Ausrede, um vor Beziehungen davonlaufen zu können. Das denkst du doch auch, sei ehrlich!“

Er sah in seinen Kaffee, seufzte schwer und wandte schließlich den Blick zu mir. „Ich bin immer ehrlich, Georgie. Das weißt du doch. Und nein, ich denke nicht, dass du derart einfach gestrickt bist. Wieso zweifelst du plötzlich an dir? Weil deine frustrierte, divenhafte Freundin dir deinen großen Traum missgönnt? Vielleicht hat sie einfach Angst davor, dass er wahr wird.“

Das irritierte mich derart, dass ich meinen Kummer vergaß. „Wieso sollte meine beste Freundin mir mein Glück missgönnen?“

„Überleg doch mal, Georgie. Was wird mit Sarah, wenn du die Liebe deines Lebens triffst?“, fragte Alex.

Ich runzelte verwirrt die Stirn. „Was hat das denn mit ihr zu tun?“

„Wirst du noch die Zeit haben, dich jeden Freitagabend mit ihr zu treffen, wo sie doch schon Terror macht, wenn es nur einmal nicht klappt? Wirst du dir jeden zweiten Abend am Telefon ihre Sorgen anhören? Oder wirst du glücklich darüber sein, endlich deinen Traummann an deiner Seite zu wissen.“ Obwohl es um Sarah und mich ging und all seine Worte rein hypothetisch waren, schaffte er es doch nicht ganz, die Bitterkeit aus seiner Stimme zu nehmen.

Ich schwieg und versuchte mich, in die Situation einzufühlen, was schier unmöglich war, solange der Mann meiner Träume nicht mehr als in undefinierbarer Schatten in meinem Kopf war.

„Außerdem ist sie die letzte, die sich anmaßen kann, über irgendwelche Beziehungen urteilen zu können.“, fügte Alex noch hinzu und nippte an seinem Kaffee.

Wieder konnte ich ihn nur verwirrt ansehen. „Wie meinst du das?“

„Ist das dein Ernst?“, fragte er ungläubig. „Hast du mal mitbekommen wie sie mit Steve umgeht? Er ist für sie doch nicht mehr als ein Fußabtreter.“

Ich runzelte die Stirn. „Das glaube ich nicht. Im Grunde behandelt sie ihn nicht anders als jeden anderen auch.“

„Eben.“, erwiderte Alex. „Du kannst sagen, was du willst. Sarah liebt diesen Kerl nicht. Und genau das ist der Punkt.“

„Dass sie allen anderen Menschen ihr Glück nicht gönnt? Jetzt hör aber auf.“, sagte ich unbehaglich, obwohl seine Worte einen schrecklichen Sinn ergaben, mit dem ich mich einfach nicht befassen wollte. Sollte ich es wirklich nicht bemerkt haben, dass meine beste Freundin seit Jahren todunglücklich war? Gehörte ich jetzt schon zu diesen Leuten, die sich nur um sie selbst sorgten? „Sie ist so herrisch seit ich sie kenne. Nicht erst seit sie mit Steve zusammen ist.“

„Vielleicht hatte sie genau wie du schon immer unerfüllte Sehnsüchte. Mit dem großen Unterschied, dass sie sich nicht traut, sich diese einzugestehen. Es muss sie unglaublich wütend machen, dass du den Mut dazu hast und sie nicht.“

Darüber hatte ich nie zuvor nachgedacht. Wie auch – ich war viel zu beschäftigt, mich um mein eigenes Elend zu kümmern. „Jetzt fühlte ich mich furchtbar.“

Alex sah mich ernst an. „Eigentlich wollte ich, dass du dich besser fühlst.“

Ich schüttelte den Kopf. „Mir ist gerade klar geworden, dass ich die letzten Jahre immer nur mich selbst gesehen habe. Kein Wunder, dass sie so wütend ist.“

„Das ist doch nicht wahr, Georgie. Was ich dir eigentlich damit sagen wollte ist, dass Sarahs Verhalten nichts mit dir aber alles mit ihr selbst zu tun hat. Ich bewundere dich. Du hattest immer dein Ziel vor Augen und du hast es immer verfolgt. Ich halte dich nicht für verrückt, Georgie. Ganz im Gegenteil. Du bist etwas Besonderes. Du hast Recht damit, auf den Richtigen zu warten.“, schloss er ernst.

Ich sah ihn an und in diesem Moment ängstigte ich mich schier zu Tode, dass ich den Richtigen bereits vor mir hatte und ihn nicht erkannte.

 

Am Abend stellte ich beinahe verwundert fest, wie gut Alex Besuch mir tat. Und was für ein Glück ich hatte, dass er mich nicht einfach zur Hölle schickte, nachdem ich ihm das Herz gebrochen hatte. Wir hatten eine Flasche Wein geöffnet – Alkohol war etwas, was ich immer im Haus hatte – und es uns mit dicken Decken und Wärmflaschen auf dem Balkon gemütlich geacht. Der Wein und ein scharfer Märzwind röteten uns die Wangen, doch die Decken und der Alkohol hielten uns warm.

„Sag mal, hast du eigentlich genaue Vorstellungen vom Mann deiner Träume? Ich hoffe, es ist dir nicht unangenehm, wenn ich dich so etwas frage.“, wollte Alex mit einem prüfenden Seitenblick wissen.

„Es ist okay für mich, wenn es okay für dich ist. Schließlich war ich es, die sich von dir getrennt hat.“, erwiderte ich etwas unbehaglich.

„Es ist okay. Schließlich ist das jetzt schon zwei Jahre her.“ Er prostete mir lächelnd zu. „Also, ich höre?“

Ich seufzte. „Ich habe keine genauen Vorstellungen. Bisher ist er mir ja noch nicht einmal in meinen Träumen begegnet. Im Grunde ist er nicht mehr als ein vages Gefühl. Jetzt hältst du mich sicher doch für verrückt.“ Letzteres mrumelte ich mehr zu mir selbst.

„Überhaupt nicht. Ich stehe immer noch zu dem, was ich heute Nachmittag gesagt habe. Wenn nicht sogar etwas mehr.“

Ich sah in die rubinrote Flüssigkeit meines Weinglases und fügte schließlich hinzu: „Es ist, als ob ich ihn kenne, obwohl ich rein gar nicht über ihn weiß. Wie ein vager Geruch, den man ab und an in der Nase hat. Oder ein Dejavú. Ich weiß wer er ist und weiß es gleichzeitig nicht. Doch wenn er vor mir stünde, würde ich ihn unter achtzig Millionen erkennen.

„Ich hoffe wirklich, dass du ihn bald findest.“, sagte Alex leise, dieses mal ohne das geringste Fünkchen Bitterkeit.

Ich lächelte ihn dankbar an. „Und du? Hast du endlich deine Missis Right gefunden?“

„Nein. Aber ehrlich gesagt kann sie sich auch noch etwas Zeit lassen. Ich ziehe nämlich aus, um die Welt zu erkunden.“

Ich riss die Augen auf, nicht sicher, ob er mich nur auf den Arm nehmen wollte. „Ich wusste nicht, dass du davon träumst, in die Welt hinaus zu ziehen.“

„Das habe ich auch nicht.“, erwiderte er lächelnd und sah zu den Sternen über uns hinauf. „Aber du hast immer davon gesprochen, weißt du nicht mehr? Als wir noch zusammen gewesen sind, hast du dir in den buntesten Farben ausgemalt, inwelche Länder du reisen und was du dir alles ansehen würdest. Kannst du dich an unseren Bollywood-Abend erinnern?“

Ich fragte mich, ob er den kleinen Stich bei der Erinnerung daran genauso fühlte wie ich. „Wir haben über Indien gesprochen. Über die laute Musik und die bunten Gewänder. Für dieses Land brauchte ich zur Ausschmückung nicht viele Farben hinzuzufügen.“

„Du hast es dennoch so bildhaft veranschaulicht, dass ich fast schon glaubte, dort zu sein.“, sagte er lächelnd.

„Das haben wohl eher die Filme geschafft.“, winkte ich lachend ab.

„Okay, vermutlich war es beides.“, räumte er ein. „Jedenfalls hat mich der Gedanke daran seit dem einfach nicht mehr losgelassen und ich habe angefangen, einen Teil meines Geldes für eine dreiwöchige Expedition dorthin zurückzulegen.“

Das machte mich wirklich sprachlos. Ich hatte immer geglaubt, Alex in und auswendig zu kennen. Wie bei Sarah auch. Jetzt musste ich mich fragen, ob ich die letzten Jahre mit Scheuklappen durch die Gegend gelaufen war.

„Das hast du mir nie erzählt.“, war alles, was ich dann herausbrachte.

Er seufzte wie ein Mensch, der sich schon lange auf das vorbereitet hatte, was er dann sagte. „Sieh mal, Georgie. Du warst die, die seit ich dich kenne immer von ihren großen Plänen über Reisen in ferne Länder philosophiert hat. Als ich heimlich begann, nach unserer Trennung für Indien zu sparen, kam ich mir vor, als würde ich dir deinen großen Traum stehlen.“

Ich war wie vom Donner gerührt. Als ob es nicht schlimm genug gewesen wäre, dass ich die Jahre einfach an mir vorbeziehen ließ, ohne das Geringste dafür zu tun, auch nur einen anderen Besenschrank als meinen eigenen zu sehen. Nein, nun wirkte ich auch noch so jämmerlich, dass sich in meiner näheren Umgebung auch niemand mehr wagte, sich seine Träume zu erfüllen.

„Versteh mich bitte nicht falsch.“, fügte Alex beim Anblick meiner bitteren Miene hinzu. „Ich wollte auf keinen Fall damit sagen, dass es deine Schuld wäre. Ich wollte nur…“

„…erklären, warum du es mir bisher nicht erzählt hast, schon klar.“, erwiderte ich und fügte nach einigem Überlegen hinzu: „Tu mir bitte einen Gefallen und behandle mich künftig wie einen ganz normalen Menschen. Hör bitte auf mit diesem Rücksichtsnahme-Scheiß.“

„Geht klar.“, erwiderte er bitte.

Ich wusste, ich hatte ihm die ganze Freude auf seine Reisepläne versaut und in diesem Moment konnte ich mich nicht einmal dazu durchringen, dass es mir Leid tat, so sauer war ich auf ihn.

Eine Weile saßen wir noch schweigend beieinander. Dann leerte er sein Glas in einem Zug, stand auf und verließ die Wohnung mit den Worten: „Ich gehe lieber. Danke für den Wein.“

Als ich das Geräusch der ins Schloss fallenden Tür vernahm, wurde mir klar, dass sich in meinem Leben dringend etwas ändern musste.

Comments

beta
Fairy Dust

Navigation

Languages

Social Media