Kapitel Eins


Kapitel Eins

 

Die meisten Menschen sprechen von der Liebe, als hätten sie bereits all ihre Facetten kennen gelernt. Vielleicht klingt dieser Anfang für euch auch danach. Doch glaubt mir: ich weiß rein gar nichts von der Liebe.

Man sollte meinen, im Alter von sechsundzwanzig Jahren hätte man zumindest so viel davon erlebt, um behaupten zu können: „Ich denke, ich kenne die Liebe.“

Da muss ich euch enttäuschen. Ich weiß rein gar nichts. Null. Niente. Nada. Damit meine ich nicht, dass ich noch keine feste Beziehung gehabt hätte oder noch nie verliebt gewesen wäre. Nur hat es jedes mal in einem Desaster geendet, weshalb ich aus gutem Grund die letzten zwei Jahre allein geblieben bin.

Als Teenie hatte ich oft Schwärmerei mit Verliebtheit verwechselt und später dann Verliebtheit mit echter Liebe. Und mal ehrlich, geht es nicht den meisten von uns so? Das Gefühl, wie auf Watte zu gehen, die ständige Hitze im Kopf und natürlich das berühmt berüchtigte Kribbeln im Bauch – so starke Emotionen konnten doch nur die Liebe sein.

Doch das waren sie nicht. Nicht, dass ich selbst auf diese glorreiche Erkenntnis gestoßen wäre. Das sagte man mir. Wie Menschen, die einem nahe stehen das nun einmal zu tun pflegen, um uns nach einem katastrophalen Beziehungsende aufzumuntern.

„Es war nicht der Richtige.“ Diesen Satz durfte ich mir jedes Mal aufs Neue anhören, wenn ich mal wieder eine Beziehung an die Wand gefahren hatte. Doch jedes mal hatte ich selbst geglaubt hatte, es wäre den Richtigen gefunden zu haben. Oder sagen wir mal so, ich hatte es mir zumindest einzureden versucht. Nie war einer meiner Freunde aufmerksam genug gewesen, mir schon während der Beziehung mitzuteilen, dass ich meine Zeit mal wieder mit dem Falschen verschwendete.

Doch unterschwellig spürte ich es selbst durch die erste Verliebtsheitsphase hindurch selbst. Egal, wie ich mich oder ihn verbog – immer fühlten sich meine Beziehungen an wie ein Kostüm, das mir einfach nicht passen wollte.

Zuerst war ich dermaßen verzweifelt, dass ich mich nach jeder gescheiterten Beziehung gleich in die nächste stürzte, um mir selbst und allen anderen zu beweisen, dass ich genauso gut wie sie dazu im Stande war, eine glückliche Beziehung zu führen, Hochzeitspläne zu schmieden und Kinder zu planen. Das Ergebnis dieser Bemühungen war, dass ich mich immer wieder selbst wiederlegte.

Diese ganze Misere begann in der fünften Klasse mit einem Jungen namens Bobby irgendwas. „Irgendwas“ war nicht sein Nachname. An den kann ich mich nicht mehr erinnern, was witzig ist, da ich mich nur begann für Bobby zu interessieren, weil er so einen coolen Vornamen hatte.

Dazu muss gesagt sein, dass ich seit Anbeginn der Zeit ein großer USA-Fan bin. Nicht wegen irgendeiner dummen Sportmannschaft. Genau kann ich es nicht sagen. Wenn Leute mich früher danach fragten – heute sind sie klüger und vermeiden das Thema lieber – warf ich ihnen immer denselben Satz an den Kopf. „Es hat etwas mit dem Spirit zu tun.“

Nach einer solchen Antwort fragte man nicht mehr nach der genauen Definition. Für euch will ich es versuchen. Wenn ich an die USA denke, habe ich je nach Laune zu allererst sofort die Stadt Los Angeles oder New York im Kopf.

Letztere ist mein Favorit, wenn ich die Leute mal wieder nicht ertragen kann, mit denen ich mich ständig umgebe. Die Stadt steht für mich für Anonymität und grenzenlose Freiheit. Vergessen, wer man ist. Vergessen, was man will. Vergessen, was einem fehlt. Es gab Tage, an denen würde ich am liebsten einfach alles vergessen. Den langweiligen Bürojob, die komischen Freunde, meine Vergangenheit und meine erschreckend klare Zukunft; doch allen voran mein unausgeglichenes und wankelmütiges Wesen.

Los Angeles im Gegensatz war meine Lieblingsstadt, wenn ich morgens aufwachte, die Sonne auf mein Bett schien und ich bereits einen Song im Ohr hatte. Sie steht für mich für Geselligkeit und das pure Leben. Sie war für mich von allen die Königin der Städte, die sich majestätisch über den Strand erhob und aufs offene Meer hinaus sah.

An dieser Stelle stoppe ich lieber, um nicht noch weiter abzuschweifen. Zurück zu Bobby. In nahezu jedem richtigen Ami-Streifen hat jemand einen Freund, der Bobby oder Billie heißt (hätte es einen Billie an meiner Schule gegeben, hätte mein Bobby wohl schlechte Karten bei mir gehabt). Tja und das war die ganze Faszination hinter meiner ersten Liebe.

Natürlich kann man im Alter von zwölf Jahren nicht einmal ansatzweise etwas Vergleichbares empfinden. Doch ich dachte, dass ich es tat und das reicht manchmal schon aus.

Die Beziehung hielt für eine „Kindergartenliebe“ relativ lang an – ganze drei Monate. Das Intimste, was in dieser Zeit geschah war ein einzelner Kuss auf seine Wange. Ich weiß noch heute, wie aufgeregt das damals für uns beide gewesen ist. Aufregender als so manche Liebesnacht, an die ich mich in der letzten Zeit erinnern kann.

Es war an einem heißen Tag Mitte Juni gewesen, den wir in meinem Zimmer verbrachten. Eigentlich hatte ich Bobby nur für den Kuss ins Haus locken wollen, doch es hatte unglaubliche vier Stunden gebraucht, bis ich mir endlich so viel Mut zugesprochen hatte, dass ich es endlich tat. So viel Aufregung für nicht einmal eine Sekunde.

Rückwirkend betrachtet hätte ich zu gern sein Gesicht gesehen, als meine Lippen so hart gegen seine Wange krachten, dass ich mir auf die Zunge biss und Blut schmeckte.

Aber in dem Moment war es mir egal gewesen. In dem Moment hatte ich nur die eintausend Schmetterlinge in meinem Bauch gespürt. Ich hatte mich furchtbar erwachsen gefühlt und das Geheimnis mit keiner Menschenseele geteilt. Ich hatte den Moment gehütet wie einen Schatz.

Bis zu dem Tag, an dem ich mitbekam, dass Bobby sich mit unserer Klassenkameradin Julia traf, die zu viel mehr bereit war, als einem hektischen Kuss auf die Wange. Ich hatte geglaubt, mein Herz sei gebrochen und hatte mich im Zuspruch meiner besten Freundin gesonnt.

In dieser Zeit hatte ich die erste Lektion über die Liebe gelernt – sie war nicht immer fair. Nach Bobby hatte es lange Zeit kein Junge mehr in mein Herz geschafft. Bis ich Eric das erste Mal gesehen habe.

Eric war vier Klassenstufen über mir und damit unerreichbar für mich gewesen. Das war mir bewusst und es hatte mich damals nicht im geringsten gestört.

Psychologisch betrachtet war mir jetzt klar, warum ich mir eingeredet hatte, gerade in diesen Jungen verliebt zu sein – er wäre nie in der Lage gewesen, mich zu verletzten. Wie hätte er auch, wo er mich doch noch nicht einmal wahrgenommen hat?

So genoss ich einige Monate lang einfach das Gefühl, für ihn zu schwärmen. Sarah war mit Feuereifer bei der Sache. Wir schlichen ihm in den Pausen nach, um ihn beobachten zu können und versuchten dabei, ihm so nahe wie möglich zu kommen, ohne dass er Verdacht schöpfte. Irgendwann rempelte Sarah mich „versehentlich“ so hart an, dass ich gegen ihn stolperte. Bald war der Spaß am Spiel größer als mein Interesse an Eric.

Als er zwei Jahre später die Schule verließ, war ich zu alt für derartige Späße und tüftelte an einer neuen Strategie, um mir die Jungs vom Leib zu halten – denn mittlerweile war da der ein oder andere, der ein Auge auf mich geworfen hatte. Ich fand relativ schnell eine neue Strategie: ich spielte die Unnahbare.

Das sicherte mir zwei weitere ruhige Jahre. Doch während dieser Zeit keimte erstmals ein Funken des zerfressenden Gefühls in mir auf, von dem ich heute weiß, dass man es Sehnsucht nennt.

Es geschah zur Weihnachtszeit, während ich mit Sarah auf dem Nachhauseweg vom Kino über den Leipziger Weihnachtsmarkt bummelte. Plötzlich sahen wir uns von unzähligen Pärchen umzingelt, die gemeinsam Glühwein tranken und sich bei den Händen hielten. Ich kann mich noch genau an das paranoide Gefühl erinnern, das in dieser Situation in mir aufgestiegen ist. Nämlich, dass ich wie ein Exot in einen Käfig mit Tieren eingesperrt war, die alle nicht meiner Gattung angehörten. Ein Gefühl, dass mich noch heute – Single oder nicht – nahezu tagtäglich verfolgt.

Wie ich also angewidert die sich küssenden Paare in unserer unmittelbaren Umgebung beobachtete, wurde mir klar, wie fern ich mich mit meinen sechzehn Jahren diesen Dingen noch immer fühlte, während Sarah sie freilich alle schon eifrig ausprobierte. Ich erinnere mich noch genau, wie quälend langsam die darauffolgende Nacht vorbei gegangen war. Wie ich wach gelegen hatte und mich zum ersten – und bei weitem nicht zum letzten mal – gefragt hatte, was mit mir nicht stimmte.

Die Sache mit Bobby hatte ich längst verwunden. Auch hatte ich keine Angst mehr vor der Liebe. Diese beiden Ausreden konnte ich nicht einmal mir selbst verkaufen. Es war schlichte Abneigung, die ich empfand, wenn ein Junge Interesse an mir zeigte. Dabei war ich gar nicht immer abgeneigt und die meisten von ihnen gefielen mir. Doch heimlich verglich ich sie mit einem Bild in meinem Kopf, in welches sie ganz und gar nicht passen wollten. Ein Bild geformt von Liebesfilmen und Romanen, die ich nach der Schule wie eine Besessene verschlang.

Als ich dem beliebtesten Jungen der ganzen Schule einen Korb gegeben hatte, hatte Sarah mich beiseite genommen. „Georgie, du hast sie doch nicht alle! Was willst du eigentlich?“

Oh, Georgie, das bin übrigens ich. Und ja, ich gebe es zu, es ist nicht mein richtiger Name. In Wirklichkeit heiße ich Emma Sanger. Ein langweiliger gewöhnlicher Name. Als ich mich Sarah bei unserem ersten Treffen vorgestellt hatte, war sie in Gelächter ausgebrochen, gefolgt von dem Kommentar: „Emma?? Ich dachte, das ist ein Name für einen Hund.“

Sarah war es auch gewesen, die mir einen neuen Namen gesucht hatte. Relativ schnell hatte sie sich für Georgie entschieden. Georgie war die Hauptfigur aus ihrer gleichnamigen Lieblingsanimeserie. Genau wie ich hatte sie dicke goldene Locken und unverkennbare, strahlend blaue Augen. Ich war zufrieden mit Sarahs Wahl und stimmte ihrem Vorschlag blindlings zu, dass man mich ab diesem Tage nur noch mit Georgie ansprechen durfte.

Mit elf Jahren macht man sich noch keine Gedanken über den gegenwärtigen Moment hinaus. Und nie hätte ich damit gerechnet, dass der Name solchen Anklang bei meinem Umfeld finden und zu meiner zweiten Natur werden würde. Vermutlich hätte ich es andernfalls dennoch nicht anders gemacht.

Unsere Schulkameraden hatten mich eine zeitlang damit aufgezogen, doch irgendwann gehörte der Name Georgie so sehr zur Tagesordnung, dass selbst die Lehrer Emma vergaßen. Wie ich selbst auch. Und mit dem Namen verschwand auch die Person dahinter. Es geschah nicht sofort. Es war ein schleichender Prozess, den ich selbst nicht bemerkte.

Meine Mutter trieb es in den Wahnsinn, als ich einestages aus der Schule kam und mich ihr als Georgie vorstellte. Das hatte sie Sarah nie verziehen. Wenn sie uns besuchen kam, nannte meine Mutter absichtlich jedes Mal meinen richtigen Namen, wenn sie mich ansprach. Manchmal suchte sie das wahnwitzigste Gesprächsthema, nur um das tun zu können, sodass die groteskesten Dialoge entstanden. Hier ein kleines Beispiel.

„Emma, hast du diesen Vogel gehört?“

„Nein“

„So einen habe ich ja noch nie gehört. Und du, Emma?“

Das letzte Emma dieser Dialoge war stets wohl betont und besonders laut. Sarah brach nach solchen Szenen regelmäßig in Lachtränen aus. Die einzige, die meine Mutter mit diesen Aktionen ärgerte war ich. Das musste ihr irgendwann aufgegangen sein, denn einestages sprach sie mich ebenfalls mit Georgie an. Ein weiterer schlagkräftiger Grund kann natürlich die Tatsache gewesen sein, dass ich auf den Namen Emma nicht mehr reagierte.

Über die Jahre änderte sich der Ton, in dem sie den Namen sagte von einem Brummen in einen fröhlichen Singsang. Wahrscheinlich war ihr irgendwann aufgegangen, dass der Name tatsächlich besser zu der Person passte, die ich inzwischen geworden war.

Mein Vater hatte das Spielchen sofort mitgespielt und dies damit begründet, dass meine Eltern mit dieser Verhaltensauffälligkeit ihrer Tochter bei weitem besser dran waren als Sarahs Eltern, deren Tochter sich ausprobierte, indem sie jeden Jungen mit auf ihr Zimmer nahm, ehe ihr Vater „Halt“ schreien konnte.

Ich bewunderte Sarahs Furchtlosigkeit. Womit wir wieder beim Thema wären. Nach dem Ausbruch meiner besten Freundin wusste ich, dass ich schleunigst etwas ändern musste, wenn ich nicht wollte, dass seltsame Gerüchte über mich die Runde machten. Sarah war die Königin im Gerüchte verbreiten.

So fing die Sache mit Sandro an. Er war wohl das, was man unter meine erste ernsthafte Beziehung zählen könnte. Äußerlich. Denn obwohl wir zwei ganze Jahre zusammen waren, veränderte sich die brennende Sehnsucht in mir niemals. Ich kam weder vor noch zurück. Es war als würde ich in Treibsand feststecken und niemand war dazu in der Lage, mich daraus zu befreien.

So tat sich in diesen zwei Jahren nichts, als dass ich ein weiteres Herz brach. Ich hatte gemerkt, dass es mich mehr Kraft kostete, die Zufriedene zu spielen, als es das ganze letztendlich wert war und so hatte ich die Notbremse gezogen, als Sandro angefangen hatte, von einer gemeinsamen Zukunft zu sprechen.

Meine Ex-Freunde waren für mich ein Meer aus bedeutungslosen Gesichtern, während ich an jedem einzelnen von ihnen eine schmerzhaft puckernde Narbe zu sein schien, die immer wieder aufriss und sie auf ewig prägte. Das war nichts, worauf ich stolz war. Vielleicht war die Tatsache, dass ich in keinem von Ihnen den Richtigen fand Gottes Strafe dafür oder ein karmisches Gesetz.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich weiß rein gar nichts über die Liebe. Das sagte ich ja schon. Doch ihr werdet bemerken, dass ihr diese Dinge über mich wissen müsst, um meine Geschichte zu verstehen.

 

Comments

  • Author Portrait

    Ich liebe diesen lockeren, sprudelnden Erzählstil, in dem Georgie uns teilhaben lässt an ihrer Entwicklung vom pubertären Teeny zur Frau. Sie führt einen zurück in jene Zeit, als man selbst in den Gängen der Schule die Blicke geneigter Mädels spürte und erwiderte... Ganz toller Stil. Unbedingt weiterschreiben!

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