Kapitel Eins

Als ich die Augen das erste Mal sah, war es dunkel. Sehr dunkel. ich war in einem kleinen Raum. Sie sahen aus wie tot und doch haben sie eine gefährliche Ruhe ausgestrahlt. Ihre Augen waren ausdruckslos und zugleich habe ich noch nie so viele Gefühle in zwei Augen gesehen. Ihre Hand kam auf mich zu und ich zuckte nicht zurück. Nicht, als sie über meinen Arm strich, als sie mein Haar hinter mein Ohr steckte und mit Haarklammern fixierte, nicht als sie ihre Hand an meine Wange lehnte. Nein, ich genoss das Gefühl. Dann sah ich ihre Augen. Sie durchzuckten meinen Körper und ich duckte mich unter ihrer Hand hinweg. Niemals werde ich ihre Hände vergessen, wie sie sich um meine Arme schraubten und sie auf den Rücken drehten. Dann kam noch jemand aus einer dunklen Ecke. Er starrte mich an, starrte auf die Frau hinter mir und kam langsam näher. Er kam mir bekannt vor, meine Gefühle fuhren Achterbahn für diesen Mann. Seine Augen blickten mich an, sie waren normal. So wie Augen sein sollten, mit einem kleinen Glanz in ihnen. Er stand einen Meter von mir entfernt und ich krächzte:

„Hilf mir.“ Doch er half mir nicht. Er blieb dort stehen und schloss die Augen. Ich sah, wie ein Schauer durch ihn fuhr und ihn durchschüttelte. Er sank auf die Knie und gab ein Stöhnen von sich. Es klang nicht angsterfüllt oder schmerzvoll, sondern voller Erwartung und … und Freude. Das konnte nicht sein. Nicht er auch noch! Ich zuckte zusammen, als dem Stöhnen ein Lachen folgte. Ein normales Lachen, welches inmitten zu einem tonlosen Lachen überging. Langsam stand der Mann auf, hielt seinen Kopf gesenkt und schüttelte seine Haare aus dem Gesicht. Als er seinen Kopf hob, schloss ich schnell meine Augen, doch es war zu spät. Ich habe seinen Blick gesehen, den Blick den auch die Frau hinter mir hatte. Ich hielt meine Augen geschlossen und presste meine Lippen aufeinander. Automatisch fing ich an, mich in der Umklammerung der Frau zu winden, mich von ihr zu lösen und wegzurennen. Doch ihre Arme waren wie Schraubstöcke. Sie bewegten sich keinen Millimeter. Ich gab nicht auf und konzentrierte mich. Ein Schmerzensschrei entfloh meinem Mund als die Frau ihre Griffe verstärkte und mir in die Kniekehlen trat. Ich sank zu Boden und wimmerte. Die Frau ließ nicht los und so hingen meine Arme über mir in der Luft. Eine andere Hand strich unter mein Kinn und ich wand meinen Kopf hin und her, um der Hand keinen Halt zu geben. Doch sie wanderte weiter hinunter und ruhte schließlich auf meiner Hüfte. Ich versuchte nicht zu erschauern, als eine zweite Hand hinzukam und langsame Kreise auf meinen Hüftknochen verzeichnete. Ich konnte nicht verhindern, dass mein Körper sich aufbäumte, so sehr ich es auch verhindern wollte. Der Griff um meine Hüfte verstärkte sich und ich wurde hochgehoben. Zu meinen Füßen. Die Hände hielten mich standhaft, da meine Beine bereits unter mir wegzubrechen drohten. Ich stieß ein Wimmern aus, als eine Hand mein Kinn anhob und es festhielt. Ich hielt meine Augen fest geschlossen, aus Angst in diese Augen zu sehen. Diese Augen ohne Emotionen. Diese Augen, die tot waren. Und auch irgendwie nicht. Denn diese Augen kannte ich besser als meine eigenen. Sie leblos zu sehen war wie ein Schlag ins Gesicht. Es zeigte mir sehr deutlich, wie sich eine Niederlage anfühlte.

„Wehr dich nicht dagegen. Wir wollen nur Frieden schließen.“ Seine Stimme klang so sanft, so vorsichtig und beschützend. Ich wollte ihm trauen, wollte ihm glauben, dass er mir nicht wehtun wollte. „Komm. Ich tue dir nichts. Aber wenn du dich wehrst, dann wird es schmerzhafter. Dabei sollte es gar nicht wehtun. Es sollte in Einheit geschehen, so wie bei mir.“ Ich wusste nicht warum, aber ich glaubte ihm nicht ganz, obwohl er mich noch nie belogen hatte. Ein Teil von mir war skeptisch – so wie er es mir beigebracht hatte – und dieser Teil hinderte meine Augen daran sich zu öffnen. Aus Angst, was mich erwarten würde. Aus Angst, dass meine Augen ebenfalls so sein würden. So leblos. Tot.

„Weißt du, es ist eine Frage der Zeit, bis du mich irgendwann anschauen wirst. Dafür vermisst du ihn viel zu sehr, nicht wahr? Du wirst sehen, dass ich nicht hier bin, um dir etwas zu tun. Das hätte ich längst tun können. Glaubst du nicht, dass ich hier noch stehen und mit dir plaudern würde, wenn ich dich als Bedrohung ansehen würde?“ Ich stieß ein kleines Zischen aus, doch es klang bei Weitem nicht so angsteinflößend, wie beabsichtigt. Eher zittrig. Nicht stark, sondern schwach. Seine Stimme ist nunmehr an meinem Ohr: „Ich habe dich gern. Ich will dich nicht verlieren. Nicht so.“ Ich spürte, wie mein Gesicht heiß wurde und meine Augen flogen mit Leichtigkeit auf. Ich hörte ein überraschtes Keuchen, definierte es als mein Eigenes. Dann drang die Dunkelheit auch schon in mich ein.

 

Ich schrak auf. Nur ein Traum. Schweißgebadet saß ich kerzengerade in meinem Bett, die Kissen im ganzen Zimmer verteilt. Meine langen blonden Haare klebten an meinem Rücken, meinen Schultern und in meinem Gesicht. Mit zitternden Beinen stand ich auf und wankte ins Badezimmer, um mir Wasser ins Gesicht zu spritzen. Ich warf einen Blick auf die Uhr. 4:55 Uhr. Viel zu früh. Ich seufzte und ging zurück in mein Zimmer, vorbei am Zimmer meiner Eltern. Ich hörte, wie mein Vater schnarchte und meine Mutter leise im Schlaf lachte. Ich musste grinsen. Obwohl sie schon so lange zusammen waren, wirkte es immer, als hätten sie sich gerade erst kennengelernt. Vielen wäre das peinlich, aber ich fand es süß. Auch wenn sie sagten, ich hätte ihnen erst das Glück gezeigt, war ich mir sicher, dass sie auch ohne mich glücklich sein würden. Ich schnappte mir mein Buch und machte meine kleine Lampe an, die praktischerweise über meinem Bett angebracht war. Ich schlug den Krimi auf, doch schon nach ein paar Minuten hörte ich auf zu lesen. Ich konnte mich einfach nicht konzentrieren. Diese Träume. Schon seit drei Nächten träumte ich immer das Gleiche. Normalerweise hätte ich mit meinen Eltern darüber geredet, aber mein Bauchgefühl riet mir davon ab. Ein kleiner Seufzer schlich sich aus meinem Mund. Ich hatte keine Ahnung, was diese Träume mir sagen sollten.

„Warum träume ich von sowas? Warum wirken die Träume so real?“, fragte ich mich leise. Ich holte mein Tagebuch unter meinem Kissen hervor und begann zu schreiben. Die letzten Einträge sahen sich ziemlich ähnlich aus. Vorher hatte ich nur ganz selten in das Tagebuch geschrieben, aber momentan musste ich diese Träume rauslassen, sonst habe ich das Gefühl noch verrückt zu werden.

Ich weiß nicht so genau, was das soll. Schon wieder dieser Traum. Mittlerweile ist das wirklich merkwürdig. Irgendwie habe ich das Gefühl verrückt zu werden. Es ist nicht normal von besessenen Leuten zu träumen, oder? Oder von toten Personen, die trotzdem noch irgendwie lebendig sind? Es kommt mir alles so real vor. Bevor ich aufwache, bin ich mir nicht bewusst, dass es alles nur ein Traum ist. Es sind bestimmt die Nachwirkungen der Pubertät…

Ich stöhnte. Die Pubertät war immer meine Ausrede gewesen. Aber mit 18 Jahren zählte sie nicht mehr. Zumal ich froh war, nicht mehr diese Sätze zu hören „Ja, das geht schon vorbei. So ist es in der Pubertät mit den Mädchen. Sie sind sehr schwierig.“ und ähnliche. Ich stopfte mir meine Kopfhörer in die Ohren und drehte die Musik auf meinem iPod auf volle Lautstärke. Musik lenkte ab. Immer. Die unverwechselbare Stimme von Emeli Sandé dröhnte in meine Ohren. Ich lehnte meinen Kopf an die Wand, schloss die Augen und ließ mich von der Musik davontragen. In eine andere Welt. In eine bessere.

 

Ich konnte nicht einschlafen. Die Musik lullte mich nicht wie sonst ein. Ganz im Gegenteil wurde ich immer wacher, je länger ich versuchte mich zu entspannen. Ergeben seufzte ich und machte das Licht über meinem Bett erneut an. Das vertraute Surren der Lampe erfüllte meinen Raum, als ich meine Kopfhörer absetzte und hinüber zu meinem Kleiderschrank tapste. Meine bloßen Füße hinterließen Abdrücke auf dem frisch gewischten Boden aus Laminat, aber es war mir egal. Ich schnappte mir meine erstbeste Jogginghose und meinen erstbesten Pulli und zog mich um. Dann schlich ich leise die Holztreppe hinunter und übersprang die knarrenden Stufen. Mit der Zeit bekam ich raus, auf welche Stellen bei den Stufen ich mein Gewicht verlagern konnte, um so leise wie nur irgend möglich zu sein. Ich schnürte mir meine grünen Sportschuhe zu und steckte mir sowohl Schlüssel, Handy, als auch meinen iPod in die große Hosentasche der Jogginghose. Darauf bedacht nicht zu viel Krach zu machen, ging ich auf Zehenspitzen zur Tür hinaus und zog sie hinter mir zu. Ich zog mir meine Kapuze über meine zum Pferdeschwanz gebundenen Haare und machte mir schnellere Musik, als Emeli Sandé an. Meine Hände zitterten und ich fröstelte leicht aufgrund der kalten Temperaturen, die Anfang April herrschten. Langsam joggte ich los und lief durch meine Wohngegend. Vorbei an allen schlafenden Nachbarn, vorbei an dem Wald, durch den ich normalerweise lief, aber bei der Dunkelheit sah er nicht so einladend aus, wie bei Tageslicht. Ich liebte den Wald. Es war einer der wenigen, in denen noch kein Baum gefällt wurde. Dort fühlte ich mich der Natur näher. Nach einer gewissen Zeit hatte ich immer das Gefühl ich würde eins mit dem Wald werden. Mit den Bäumen, die mir den Weg wiesen. Mit der leichten Brise, die die Blätter stets rascheln ließ und durch mein Haar wehte. Die Tautropfen, die am frühen Morgen noch zu sehen waren und die immer eine gewisse Kühle ausstrahlten. Und am Ende die aufgehende Sonne, welche mein Gesicht wärmte und sich vorsichtig einen Weg durch das Dickicht der Bäume bahnte. Ich liebte den Wald mehr als alles andere. Trotzdem fürchtete ich mich davor, ihn zu betreten, wenn es noch dunkel ist.

Je länger ich lief, desto gleichmäßiger wurde mein Herzschlag und ich spürte, wie mich die Aktivität forderte. Mein Atem wurde tiefer und meine Schritte sicherer. Entfernt am Himmel sah ich, wie sich die Sonne ihren Weg über die Baumwipfel bahnte und zaghaft ihre ersten Sonnenstrahlen ausstreckte. Ich genoss dieses Gefühl der aufgehenden Sonne, die ersten Strahlen auf meinem Gesicht, wie sie mich wärmten und mir einen neuen Tag ankündigten. Ich lief in die Stadt hinein, über die leeren Straßen und deaktivierten Ampeln. Nur hier und da hörte ich die Auspuffgeräusche eines herannahenden Autos. Die Laternen machten nacheinander ihre Lichter aus, ein Zeichen für mich den Rückweg anzutreten, sodass ich es noch pünktlich zur Schule schaffte und noch kurz unter die Dusche zu springen. Nur noch eine Runde durch den Park. Eine kleine, damit ich nicht zu spät nach Hause kam.

Meine Füße hinterließen Spuren im nassen Rasen und Sand der Fußwege. Die Blätter raschelten im kalten Wind und ich setzte mich auf eine der vielen Bänke, um kurz zu Atem zu kommen. Mein Atem stieß in regelmäßigen kleinen weißen Wolken in den Himmel hinauf und ich lächelte. Ein kalter Schauer überlief mich, als ich einen dunkel gekleideten Mann auf der anderen Seite des kleinen Teiches sah. Ich spürte, wie er mich ansah, doch ich konnte ihn nicht erkennen, seine Kapuze verdeckte das Gesicht. Seine Hände waren in Handschuhe gehüllt und sein Mantel war pechschwarz und reichte fast bis zu seinen Knöcheln. Diesem Mann traute ich nicht über den Weg. Ich schauderte und stand auf. Ich musste an ihm vorbei, wenn ich auf dem schnellsten Weg nach Hause kommen wollte. Den Blick starr auf den Teich gerichtet, lief ich los. Der Wind spielte mit dem Wasser, sodass es leichte Wellen schlug und über das Ufer schwappte. Ab und zu hob ich meinen Blick, um meine Entfernung zum Mann abzuschätzen. Noch zwanzig Meter. Fünfzehn. Zehn. Fünf. Zwei…

Ich bin vorbei. Doch das Gefühl seiner ausgetreckten Hand, die meinen Arm gestreift hatte, blieb. Es blieb, als ich über die Straßen lief. Schneller als sonst. Die wenigen Autos, die unterwegs waren hupten, wenn ich plötzlich über die Straßen rannte. Es kümmerte mich nicht. Nervös warf ich immer wieder einen Blick über meine Schultern, konnte aber niemanden erkennen. Erleichtert atmete ich aus, entspannt war ich trotzdem nicht. Diese Hand. Selbst durch den dicken Männerhandschuh konnte ich den Druck seiner Finger spüren. Eine kleine Berührung, die trotzdem so intensiv war, dass ich die schaurigen Nachwirkungen selbst jetzt noch spürte. Ein Schauer durchlief mich und ich blieb erschöpft stehen. Meine Hände stützen mich auf meinen Oberschenkeln und mein Atem kam stoßweise. Selten verausgabte ich mich so sehr beim Laufen. Allerdings war ich viel zu schnell gelaufen, mein Knie schmerzte und pochte leicht. Vor ein paar Monaten wurde ich dort operiert, weil meine Kniescheibe immer rausgesprungen ist. Die Bänder hatten sich ausgeleiert und irgendwann konnte ich keine Treppen mehr hoch- oder runterlaufen, aus Angst, dass ich wieder am Boden liegen würde. Es hatte mich damals viel Mühe gekostet. Wie ein Kleinkind musste ich das Laufen lernen. Aber dieses Kapitel meiner Geschichte war jetzt egal. Ich musste nach Hause. Der Gedanke an eine schöne warme Dusche spornte mich an, ließ mich erneut schneller laufen, als ich es gewohnt war. Meine Augen beobachteten nunmehr mein Umfeld, anstatt den Weg vor mir. Ich sah den Stein erst, als ich mit meiner Schuhspitze dagegen stieß und stolperte. Ich versuchte mein Gleichgewicht wiederzuerlangen und streckte meine Arme nach den Büschen aus, um mich am Fallen zu hindern. Die Dornen der Rosen bohrten sich in meine Haut und zerließen Kratzer, die zu bluten anfingen. Ich sah den Boden auf mich zukommen und hielt meine Arme schützend vor mein Gesicht. Ich spürte den Aufprall, als meine Knie über den Asphalt scheuerten. Erschöpft und mit einem Wimmern auf den Lippen blieb ich liegen. Nur ein paar Augenblicke ausruhen, dann einfach weiterlaufen.

„Soll ich dir helfen?“ Ich zuckte zusammen und blickte auf. Der Mann von eben stand vor mir und hielt mir seine Hand entgegen. Den Handschuh hielt er in der anderen Hand, mit der er sich auf sein Knie stützte. Meine Augen weiteten sich und ich schüttelte bloß den Kopf. Die Erinnerung der letzten Berührung war noch nicht vergangen. Um nichts in der Welt möchte ich die Hand dieses Mannes anfassen.

„Geht schon, danke“, murmelte ich und kroch ein Stück zurück. Er kam auf mich zu und schloss die Lücke zwischen uns.

„Das sieht schlimm aus. Komm, ich bring dich nach Hause. Mein Auto steht gleich um die Ecke.“ Diese Stimme. Sie klang freundlich und doch jagte sie mir tausende kleine Schauer über meinen Rücken. Als wäre sie hinterlistig und wartete nur auf einen Moment der Schwäche, um mich mit sich zu nehmen.

„Das ist wirklich sehr nett, aber ich bevorzuge es nach Hause zu laufen“, sagte ich nun etwas kräftiger und rappelte mich auf. Ein stechender Schmerz durchfuhr mein Knie und ich keuchte.

„Ich bezweifle, dass du damit weit laufen kannst. Stell dich nicht so an.“ Wenn die Stimme gerade noch freundlich geklungen hatte, so klang sie jetzt rasiermesserscharf. Ich hatte Angst und verlagerte mein Gewicht auf ein Bein. Langsam wich ich zurück, meine Hände abwehrend erhoben.

„Bitte. Ich muss einfach nur nach Hause. Es geht schon.“ Ich sah hinter mich und wich weiter vor ihm zurück. Seine Hand fühlte sich wie ein Schraubstock an, als sie sich um mein Handgelenk schloss. Ich wand mich und ein kleiner spitzer Schrei entfuhr meinen Lippen.

„Hör auf zu schreien!“ Seine Hand boxte in meine Magengegend und ich krümmte mich zusammen. Aber ich schrie weiter. Es war meine einzige Möglichkeit. Meine gellenden Schreie erfüllten die sonst so ruhige stille Morgenluft und zerrissen sie. Ich sah, wie in einem Haus ein Licht anging und ein Mann aus dem Fenster sah. Ich schrie noch lauter und brach abrupt ab, als ein erneuter Schlag in meinen Magen mich auf die Knie sinken ließ. Mein Arm noch von ihm fest nach oben gehalten, legte ich meinen Kopf auf den Boden und wimmerte. Tränen liefen über meine kalten Wangen und tropften auf den Asphalt. Er riss mich an meinem Handgelenk hoch und warf mich über die Schulter. Ich spürte, wie er losging. Weg von den Häusern. Weg von den Menschen, die ich gerade aufgeweckt hatte. Weg von meiner Hilfe. Ich strampelte und ignorierte sämtlichen Schmerz. Meine Fäuste schlugen auf seinen Rücken und meine Füße traten in seinen Brustkorb. Ich hörte ein Keuchen und trat fester zu. Seine Hand rutschte von meinem Rücken, mit der ich festhielt und ich fiel runter. Schmerz durchzuckte meinen Rücken und die Luft wurde aus meinen Lungen gedrückt, aber ich blendete es aus. Adrenalin durchströmte meine Adern und ließ mich alles vergessen, außer diesem Mann, der sich ruckartig umdrehte und mich mit verhasstem Gesicht ansah.

„Jetzt bist du dran!“, hörte ich ihn bedrohlich flüstern. Ich schüttelte den Kopf und sprang auf die Füße. Ich rannte. Schneller, als ich jemals gerannt war, ohne Ahnung, dass ich dazu überhaupt noch in der Lage war. Die Tränen kullerten unablässig über mein erhitztes Gesicht und wurden von dem Wind in meine Haare geweht. Mein Herz pochte laut gegen meine Brust und war kurz vor dem Zerspringen. Aber ich hörte nicht auf zu laufen. Ich drehte mich nicht um, aus Angst zu sehen, wie er mich einholte und packte. Wie er mich zu seinem Auto schleppte und ich schrie. Doch keiner würde mir helfen. Krampfhaft schüttelte ich meinen Kopf und lief noch schneller. Meine Füße bollerten über die Straße und stießen mich mit jedem Schritt noch stärker vom Boden ab. Vor meinem Haus angekommen fummelte ich mit zitternden Händen meinen Schlüssel aus der Hosentasche und steckte ihn ins Schloss. Ich trat ein und alles war dunkel. Ohne mir Sorgen über Geräusch zu machen ging ich nach oben, legte mich auf mein Bett und weinte. Ich weinte und schrie gleichermaßen hemmungslos in mein Kissen. Ich hörte ein leises Klopfen und die Stimme meiner Mutter, doch ich reagierte nicht. Sie öffnete die Tür und setzte sich an mein Bett. Ich hörte sie nach meinem Vater rufen, der sofort ins Zimmer gestürzt kam und sich neben mich kniete.

„Was ist passiert?“, fragte er leise und strich mir zärtlich über den Kopf. Ich zuckte zusammen und seine Hand verschwand. Als ich ihn ansah, sah ich Schmerz und Verwirrung in seinen Augen. Aber ich konnte es ihm nicht erklären. Nicht jetzt. Also schloss ich meine Augen und ließ das beruhigende Murmeln meiner Mutter auf mich wirken. Sie hielt meine Hand und drückte sie hin und wieder. Mein Vater stand auf und ich hörte, wie er wenig später sein Auto startete. Ich schluchzte, weil ich ihn verletzt hatte. Schluchzte, weil mir niemand geholfen hatte. Schluchzte, weil ich Angst hatte. Schluchzte, weil ich mir nicht ausmalen wollte, was passiert wäre, wenn ich nicht entkommen wäre. Schluchzte, weil der Schmerz sich von meinem Knie in meinen ganzen Körper ausgebreitet hatte. Selbst als keine Tränen mehr kamen und mein Vater nach einer halben Stunde wiederkam, einen Kollegen im Schlepptau, schluchzte ich immer noch.

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